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Inhaltsverzeichnis

  1. 1 Raum und Zeit
  2. 2 B&W 706 S: Klangtest und Vergleiche

Auf manche Tests freut man sich als Redakteur besonders: Sei es, weil man den Hersteller und seine Produkte besonders gut kennt und schätzt, sei es aus schierer Neugier – oder sei es, weil ein Test spannende Quervergleiche verspricht. Im Falle des Kompaktlautsprechers 706 S3 von Bowers & Wilkins war vor allem (aber bei Weitem nicht nur!) Letzteres ausschlaggebend, denn vor ziemlich genau zwei Jahren hatte ich die „kleine Kusine“, die 606 S2 Anniversary Edition, im Test. Beide Probanden ähneln sich in Größe und Konzeption ganz erheblich, umso gespannter war ich also, ob die B&W 706 S3 (2.000 Euro | https://www.bowerswilkins.com/de-de/), unser heutiger Testkanditat, den immerhin fast dreifachen Preis wert ist. Schaumerma und hörmerma!

Die B&W 706 S3, angesiedelt in der traditionsreichen 700er-Serie, stellt ebenda den zweitkleinsten Kompaktlautsprecher dar, diese „Familienposition“ teilt sie sich mit der B&W 606 S2 Anniversary Edition in der 600er-Serie. Und das ist nicht die einzige Gemeinsamkeit. Beide Modelle haben bis auf wenige Millimeter Unterschied die gleichen Gehäuseabmessungen, bei beiden handelt es sich um Zweiwege-Bassreflex-Kompaktlautsprecher – ja selbst die Durchmesser der Treiber stimmen überein. Auch optisch könnte man die beiden auf den ersten Blick für „eineiige Zwillinge“ halten. Aber: Das sind sie eben nicht, wie ich nicht zuletzt in einem Telefonat mit Ulf Soldan herausfinde. Soldan kennt das B&W-Portfolio seit stolzen 25 Jahren als Senior Product Manager und weiß ebenso ausführlich wie begeistert aus dem Nähkästchen zu plaudern.

Neben dem „Satin-Weiß“ unserer Testlautsprecher gibt es die Bowers & Wilkins 706 S3 noch in den Ausführungen „Glanzschwarz“ und „Mocha“

Neben dem „Satin-Weiß“ unserer Testlautsprecher gibt es die Bowers & Wilkins 706 S3 noch in den Ausführungen „Glanzschwarz“ und „Mocha“

B&W 606 S2 und 706 S3 – ungleiche Geschwister

Auf die Unterschiede zwischen der 606 S2 (zum ausführlichen Test der B&W 606 S2 AE) und der 706 S3 angesprochen, sagt Soldan lachend am Telefon: „Schauen Sie mal aufs Gewicht“. In der Tat ist die 706 S3 mit ihren 8,62 Kilogramm satte 22 Prozent schwerer als die Schwester aus der 600-er-Serie. Das resultiert aus zwei zentralen Unterschieden: Zum einen ist das Gehäuse bei der B&W 706 S3 aufwändiger gefertigt und dicker, zum anderen kommt in der 706 S3 ein ambitionierterer Tieftontreiber mit verbessertem Antrieb zum Einsatz, der mithin auch die untere Grenzfrequenz gegenüber der 606 S2 um zwei Hertz südwärts zu schieben vermag: Hier gibt Bowers & Wilkins 50 Hertz an, was sich erst einmal nicht allzu beeindruckend liest – aber anders als so manch ein anderer Hersteller wählt B&W als Referenzabweichung +/- 3 dB, was die Sache schon wieder anders aussehen lässt.

Während das Gehäuse der 606 S2 Anniversary Edition komplett rechteckig ist (der klassische Schuhkarton lässt grüßen), wurde der B&W 706 S3 nicht nur eine leicht und elegant gewölbte Schallwand spendiert, sondern auch aufwändige Treibereinfassungen, die sich deutlich von der Schallwand absetzen. Das jedoch in einem Maße, wie es mir optisch dezent erscheint und nicht ganz so heftig wie bei der Fyne Audio F1-5, bei der die „herausragenden“ Treibereinfassung schon als stilprägend durchgeht.

Treibereinfassung und gewölbte Schallwand der B&W 706 S3

Die Treibereinfassung des Konustreibers und die gewölbte Schallwand der B&W 706 S3 sollen nicht zuletzt die mechanische Stabilität erhöhen

Gefragt nach dem Grund für diese Designprinzipien, erklärt Soldan: „Eine Schallwand ist grundsätzlich großen Belastungen ausgesetzt, denn sie muss ja nicht nur das schiere Gewicht der Treiber tragen, sondern auch deren fortwährendes Schwingen wegstecken.“ Durch eine Wölbung der Schallwand könne man deren Stabilität erhöhen und durch hervorstehende Treibereinfassung die Schwallwand mechanisch noch weniger belasten. Hinzu käme, wie Soldan nicht ganz ohne Stolz bemerkt, dass der Tiefmitteltöner mit hochwertigen Maschinenschrauben und entsprechenden Metallgewindeaufnahmen befestigt sei und nicht mit einfachen Spax-Schrauben. Sein Fazit: „eine megasolide Situation“. Beim Membranmaterial setzt Bowers & Wilkins bekanntlich nach den „Kevlar-Jahren“ auf das selbst entwickelte „Continuum-Material“. Um diesen Bericht nicht allzu ausufernd werden zu lassen, verweise ich auf die Rezensionen meiner Kollegen zur B&W 705 Signature oder auch der B&W 606, wo es den einen oder anderen Hintergrund zu diesem Material gibt.

Mit Aluminium und Kohlenstoff: der Hochtöner

Auch der Hochtöner der Bowers & Wilkins 706 S3 ist ein anderer als bei der 606 S2. Während bei jener eine Aluminiumkalotte zum Einsatz kommt, ist die 706 S3 mit einem Carbon-Dome-Hochtöner ausgestattet. Was bedeutet das? Nun: Die „Hauptkalotte“ besteht weiterhin aus Aluminium, allerdings erhielt sie zusätzlich auf der Vorderseite eine sehr feine Kohlenstoffbeschichtung und auf der Rückseite einen stabilisierenden Kohlefaserring. Das ist noch nicht alles: Damit sich dieser übrigens lediglich 0,1 Millimeter dünne Ring bestmöglich an die Kalotte anschmiegen kann, wurde er schräg geschnitten. Und: Auf der Rückseite des Treibers finden wir eine „Nautilus-Röhre“, ein Kunststoffrohr, das ungewollte rückseitige Schallreflexionen absorbieren soll. Damit das gesamte System eine möglich ruhige Arbeitsumgebung hat, ist die Hochtoneinheit zu guter Letzt noch gelgelagert. Es zeigt sich einmal mehr der B&W-typische „Familiengedanke“, denn es kommen Technologien aus teureren und noch ambitionierteren Produktlinien zum Einsatz.

Der Carbon-Dome-Hochtöner der B&W 706 S3

Der Hochtöner der B&W 706 S3 ist mit einer „Carbon-Dome“-Membran ausgestattet

Simpel aus Prinzip – die Frequenzweiche

So ambitioniert es bei den Treibern und den Gehäusen zugeht, so simpel zeigt sich dann das Bild bei der Frequenzweiche: Hier findet zwischen drei und vier Kilohertz eine – recht hoch angelegte – Trennung bei flachen 6 Dezibel pro Oktave statt. Auch das sei eine Firmenphilosophie, sagt Soldan: „Wir entwickeln und fertigen unsere Treiber selbst. Daher versuchen wir immer, die Treiber mechanisch und qualitativ optimal zu designen. Nur dann nämlich kann die Frequenzweiche ihren eigentlichen Job machen: die Frequenzen zuweisen. Unsere Frequenzweichen müssen nichts korrigieren oder keine Fehler oder Dellen ausbügeln, deswegen können wir sie simpel halten.“

Optik und die Verarbeitung der Bowers & Wilkins 706 S3

Design und Verarbeitung der Bowers & Wilkins 706 S3

Das Design und die Verarbeitung der Bowers & Wilkins 706 S3 wissen zweifelsohne zu gefallen

Bevor wir an den Klangteil gehen, muss ich noch ein Wort über die Optik und die Verarbeitung verlieren. Denn da gibt’s reichlich Anlass zur Freude: Material- und Verarbeitungsqualität sind sensationell gut. Das betrifft sowohl die Standards wie Spaltmaße als auch das hochwertige und edle Design, bei dem keine sichtbare Schraube den Gesamteindruck stört. Herausragend gut ist gerade die Verarbeitung im Detail, beispielsweise beim Blick auf die akkurate Wölbung der Schallwand oder die sehr sauber gefertigten Treibereinfassungen. Keine Frage: Wer die B&W 706 S3 aus dem Karton hebt, der bekommt schon eine Vorahnung von hoher Qualität. Auch keine Frage: Die Erwartungshaltung steigt. Kann die kleine Kompakte diese erfüllen?

B&W 706 S: Klangtest und Vergleiche

Das Test-Setup

Ich habe die B&W 706 S3 vornehmlich mit digitalen Quellen (dem HiFiAkademie Stream6mini-Streamer und dem CD-Spieler C.E.C. CD5) gefüttert, als Vorstufe diente der Röhrenvorverstärker Tsakiridis Alexander und endverstärkerseitig durften abwechselnd der Abacus Ampollo Dolifet und die Valvet-Monoblöcke A4 MK2 hinlangen.

Markenschriftzug an der Bowers & Wilkins 706 S3

Klar und deutlich wie ein Studiomonitor

Sting The Dream Of The Blue TurtlesLos geht’s: Aus sentimentalen Gründen (ich testete den Lautsprecher in der Weihnachtszeit und danach, da ist man ja immer etwas retrospektiv unterwegs) hörte ich mal wieder in das gut abgehangene Sting-Album The Dream Of The Blue Turtles (auf Amazon anhören) rein, und zwar in den Song „Fortress Around Your Heart“. Zunächst fremdelte ich ein wenig mit dem Gesamtsound, denn dieser wirkte merkwürdig unausgewogen. Im Bass fehlte es mir an Power, die Mitten wirkten etwas verschmiert – und als später im Refrain noch das Sopransaxofon hinzukam, soff dieses gegenüber den anderen Instrumenten ziemlich ab – und war noch dazu von einem übel-nassen Digitalhall umgeben, der nicht so richtig in die restliche stereofone Darbietung des Songs passte.

Trotzdem machte der Song Spaß: Denn auch wenn der Bass für meinen Geschmack etwas mehr im Vordergrund hätte spielen dürfen, war er gut im Gefüge auszumachen: Sting spielt hier eine extrem konzertante Basslinie, die fast nur aus Achteln besteht und permanent in Bewegung ist – und zugleich den sanften Offbeat des Schlagzeugs rhythmisch konterkariert.

Die B&W 706 S3 übereinander gestapelt

Da die B&W 706 S3 sehr präzise und timingfest die Spielweise von Sting nachzeichnet, merkt man schnell: „Ah, vielleicht SOLL der Bass sich hier gar nicht über die Lautstärke in den Vordergrund spielen, sondern er hat eher eine Funktion als Rhythmussektion und nicht als Fundament“. Interessant! Was ich dann weiter oben über den Mittenbereich schrieb (nasser Hall, leicht verschmiert) entpuppte sich beim Quervergleich mit diversen anderen Komponenten und Lautsprechern klar als mittelmäßige Produktion – was ich einfach nicht mehr in Erinnerung hatte und wofür die B&W 706 S3 nun aber mal gar nichts kann! So mixte und masterte man halt damals anno 1985, als sich so langsam die Digitaltechnik im Studio breitmachte.

Mit anderen Worten: Die B&W hatte mir einfach klar und deutlich wie ein Studiomonitor aufgezeigt, dass beim Mix dieser inzwischen 37 Jahre alten Scheibe halt so einiges nicht zum Besten stand. Was dann wieder richtig Freude machte, war die sensationell gute Hochtonauflösung, die sich vor allem in der in vielen Farben schillernden „Bell“ des Ridebeckens manifestierte, das im Refrain stumpf auf die Viertel einen leicht nach vorne drängenden Beat vorgibt.

Tja. Es war ein bisschen so, als würde man nach 30 Jahren einen guten Freund aus der Abi-Zeit wiedertreffen: Man hatte sich ganz schön verändert, aber am Ende war es dann doch ein schöner Abend.

The Police Regatta de BlancIch legte dann gleich noch etwas The Police nach – und gewann peu à peu einen Eindruck davon, was die B&W 706 S3 auszeichnet. Nehmen wir den Track „The Bed’s Too Big Without You“ (Album: Regatta de Blanc; auf Amazon anhören): Siehe da, der Lautsprecher kann ja doch durchaus ordentlich Tiefton lostreten. Anders als bei „Fortress around your heart“ steht hier der Bass ganz deutlich im Vordergrund und ist dementsprechend im Mix auch frecher platziert. Die punktierten, singenden, Reggae-artigen Figuren in Stings Bassspiel regen instantan zum Tanzen an und puckern nicht einfach nur so im Hintergrund – vielmehr erden und grundieren sie den Track ganz gehörig. Auf der anderen Seite wird aber wiederum anhand diverser Rauschfahnen im Hintergrund deutlich: Es kam damals offenbar nicht das allerbeste Mischpult zum Einsatz – und noch dazu wurden bei Mix, Schnitt und Mastering mit Sicherheit schon etwas ältere Bandmaschinen benutzt.

Trotzdem – und das ist mir wichtig zu sagen – fetzten dieses und andere The-Police-Stücke ganz gehörig, weil die B&W erstens ein sensationell gutes Timing aufweist (wichtig bei rhythmischer Musik wie dieser) und noch dazu auch grobdynamisch gut loslegte: Das wiederum fiel mir besonders auf bei den Stücken „Synchroncity I“ (Album: Synchronicity) und „Wrapped Around Your Finger“ (gleiches Album), wo Drummer Stewart Copeland nachgerade entfesselt auf die Snare, Backen und Toms eindrischt.

Ich sehe unsere Herausgeber schon nervös mit dem Redigierstift auf den Tisch klopfen: Tonalität, Dynamik, Rhythmus, hier geht ja alles kunterbunt durcheinander. Sorry, Kollegen, muss manchmal sein, denn die erste Begegnung mit der 706 S3 war aus den genannten Gründen eine interessante Gefühlsachterbahn, daher geht’s jetzt ordentlich weiter.

Die Membran des Tiefmitteltöners der B&W 706 S3 besteht aus dem herstellertypischen „Continuum“-Material, das 2015 das gelbe Kevlar ablöste, welches über Jahrzehnte das Design von B&W-Lautsprechern mitprägte

Die Tonalität und das Erbgut von Bowers & Wilkins

Es schien ja bereits durch: Die B&W 706 S3 spiegelt das grundsätzliche tonale „Heritage“ von Bowers & Wilkins wider:

Monitoresk neutral mit einer kleinen Extraprise Frische im Hochtonbereich. Wie bei vielen anderen Modellen des britischen Herstellers empfinde ich diese kleine Prise Frische aber nicht als störend, weil mit ihr zugleich eine außergewöhnlich gute Feinauflösung einhergeht.

Im Tieftonbereich steht die 706 S3 für eine Kompakte dieser Größe gut da. In Räumen bis 15 Quadratmeter und bei nachbarschaftstauglichen Lautstärken wird niemand einen Subwoofer vermissen. Sie vermittelt ein kleines Schippchen mehr Tiefgang als die ähnlich große Canton Townus 30. Eine Inklang Ayers Two oder XTZ Divine Delta schenken hingegen noch eine weitere halbe Oktave südwärts gut ein. Das Mittenband scheint wie mit dem Lineal gezogen, „wie Sie sehen, sehen Sie nichts“ – da ist die 706 S3 einfach im positiven Sinne komplett unauffällig.

Das Bi-Wiring-Terminal der B&W 706 S3

Das Bi-Wiring-Terminal der B&W 706 S3 – hier mit den montierten beiliegenden Brücken

Wie Sie hören, hören Sie viel: das Auflösungsvermögen der B&W 706 S3

Einstürzenden Neubauten Tabula Rasa„Wie Sie hören, hören Sie viel“, könnte man hier launig anknüpfen. Denn mit Blick auf die Auflösung macht die Bowers & Wilkins 706 S3 ordentlich was her. Um dieses Talent hervorzukitzeln, braucht es am besten entsprechend hochwertig produziertes Musikmaterial, daher verlassen wir jetzt mal Sting und die Seinen – und gehen (studiotechnisch) eine Exzellenzliga höher: Im Stück „Blume“ der Einstürzenden Neubauten (Album: Tabula Rasa; auf Amazon anhören) gibt es akustisch richtig was zu entdecken. Melodisches und rhythmisches Grundgerüst ist eine Gitarrenfigur, die aus abgestoppten Flageolett-Tönen besteht. Sodann schmachten sich Stammsänger Blixa Bargeld und Gastsängerin Anita Lane gegenseitig mit romantischen Blumenmetaphern an. Peu à peu kommen raunende Backing-Vocals und zunehmend auch bedrohliche Hintergrundgeräusche (seit jeher das Markenzeichen der Neubauten) hinzu. Nach jeder Gesangsstrophe gibt es als retardierendes Moment eine kurze Generalpause und ein geflüstertes „Shhhh“.

Das alles fasst einen mit den B&W 706 S3 emotional sehr gut an – denn sie zeichnen sämtliche Klangereignisse perfekt nach: die geradezu bröckelnden, unperfekten Flageolett-Töne, die schnarrend-sinistre Stimme von Blixa Bargeld, das verführerische, ja erotische Gesäusel von Anita Lane sowie das bedrohliche und tiefgründige Grummeln der Percussion im Hintergrund.

Der rückseitige Bassreflexport der B&W 706 S3

Es dürfte sich von selbst verstehen, dass dieses hohe Auflösungsvermögen nicht zuletzt bei klassischer Musik sehr viel Freude bereitet. Beispielsweise geraten kammermusikalische Streicherensembles zum großen Vergnügen, weil die in gleichen Lagen spielenden Bratschen und Violinen sich so gut voneinander absetzen. An dieser Stelle zeigt sich übrigens ein gut hörbarer Unterschied zwischen der 706 S3 und der 606 S2 Anniversary Edition: Während letztere vor allem im Hochtonbereich überdurchschnittlich gut auflöste, kann die größere 706 S3 zusätzlich auch im Mittenband mit einer Auflösung punkten, die oberhalb der Preisklasse liegt und zum besten gehört, was ich für 2.000 Euro Paarpreis bisher hören durfte. Ja, ich würde sogar sagen, dass sich die Bowers & Wilkins 706 S3 in Bezug auf Feinauflösung im Mittenband durchaus mit der mehr als doppelt so teuren Harbeth Compact 7ES-3 XD messen kann.

Gewiss dynamisch …

Da ich praktischerweise umschalten kann, darf ich mit Gewissheit sagen: Auch hier ist die B&W 706 S3 ihrer kleinen Schwester 606 S2 nochmal ein Stück weit überlegen, was sich allerdings in erster Linie bei der Grobdynamik zeigt. So spielt beispielsweise Drummer Rodney Holmes beim Album Guitar Groove von Philip Caterine ein wunderbar präzis-leichtfüßiges und zugleich hochenergetisches Schlagzeug. Hier paart sich Virtuosität mit Dezenz – und wie die 706 S3 hier die Wirbel auf den Toms, die Kantenschläge auf der Snare und die zuweilen recht flinke Bassdrumarbeit in den Raum kesseln, macht schlicht und einfach nur ganz großen Spaß. Da wirkt die 606 S2 Anniversary Edition ein Stück weit handzahmer und nicht ganz so spurtreu. Allerdings, um das mal zurechtzurücken: Das ist schlichtweg angemessen, schließlich befinden wir uns in der 2.000-Euro-Klasse – und so gesehen ist das, was die 706 S3 abliefert, sehr guter und respektabler Standard, nicht mehr und nicht weniger. Ach ja: Die Bowers & Wilkins 706 S3 ist erfreulich pegelfest und kann auch mit hohen Lautstärken bespielt werden, da sie spät in die Sättigung/Verzerrung geht.

Livehaftig erste Sahne – die Bühnenabbildung

Die B&W 706 S3 ohne und mit Frontabdeckung

Den B&W 706 S3 liegen selbstverständlich auch Frontabdeckungen bei

Ein Sahnestück habe ich mir für den Schluss aufgespart: Ich war schlichtweg begeistert von der stereofonen Raumdarstellung der B&W 706 S3. Was natürlich bei einer richtig guten Produktion, bei der das Thema Raum eine wichtige Rolle spielt, besonderen Spaß macht. Hier entschied ich mich für das Konzeptalbum Axiom des Musikerkollektivs Archiv. Sehr empfehlenswert ist die Verfilmung des kompletten Albums durch die spanische Künstlergruppe NYSU. Ich verspreche nicht zuviel, wenn ich sage, dass das Betrachten des Films mit etwas Muße lebensverändernd sein kann. Hier wird nämlich eine Dystopie aufgezeigt, die uns allen vor zehn Jahren noch unwahrscheinlich erschien, inzwischen aber nach und nach einzutreten scheint, aber ich schweife ab.

Die ersten drei Stücke bilden eine kleine Trilogie: Es beginnt mit einer unfassbar schönen Schmachtballade (Stimme, Streicher, Synthesizer), geht dann über in eine höchst apokalyptische Sektion mit zunehmend gruseligen Synthesizerflächen und wildem Kirchenorgelgeläute – und mündet in einen rhythmisch-treibenden und auch ein Stück weit enervierenden Song, der mit dramatischer Stimme und wilden Effekten aufwartet.

Über die Bowers & Wilkins 706 S3 ist es im Grunde fast nicht möglich, sich noch auf irgendwas anderes zu konzentrieren, so sehr zieht der Track einen in den Bann. Der Sänger manifestiert sich in Lebensgröße in der Mitte zwischen den Lautsprechern – und wirkt, als sei er einen Schritt von der Boxenlinie aus auf mich zugegangen. Die Streicher wiederum sind exakt gerastert und bilden um den Sänger herum offenbar ein Halbrund. Später dann die Kirchenglocken: Sie erklingen im ganzen Raum (hier wurde offenbar erheblich getrickst), die rückwärts abgespielten Klavierakkorde im dritten Teil scheinen direkt wie kleine böse Drohnen an meinem Kopf vorbeizufliegen. Das alles kommt mit einer derartigen Selbstverständlichkeit, Exaktheit und Unmissverständlichkeit im Sinne von „so und nicht anders!“ bei mir an, dass es mich buchstäblich wegföhnte.

Der rückseitige Bassreflexport der B&W 706 S3 in der Makroaufnahme

Moment. War ich da vielleicht nur dem faulen Zauber moderner Studiotechnik aufgesessen? Ich probierte das Ganze in der Folge mit guten Stereo-Laufzeitaufnahmen (Jazzaufnahmen des Verve-Labens) und Orchestereinspielungen – der Effekt war der Gleiche: Toll, was die B&W 706 S3 für einen glaubhaften, realistischen, kohärenten und breiten, tiefen Raum aufzieht. Bei handgemachter Musik realistisch und livehaftig – und bei getricksten Aufnahmen gerne auch mal ins Hyperrealistische/Abgefahrene lappend, das ist wirklich sehr gut. Und ich habe das in einer vergleichbaren Qualitätsausprägung zuletzt bei der Horn Acoustic Ferria (knapp 11.000 Euro) gehört.

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Test: Bowers & Wilkins 706 S3 | Kompaktlautsprecher

  1. 1 Raum und Zeit
  2. 2 B&W 706 S: Klangtest und Vergleiche

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