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Klang Audreal V30 (Teil II)

Inhaltsverzeichnis

  1. 3 Klang Audreal V30 (Teil II)

Die Art und Weise, wie der V30 den stereofonen Raum zeigt, erinnert mich in der Gesamtcharakteristik hingegen eher an einen Halbleiterverstärker. Wir sprechen hier von einer realistisch aufgespannten, aber nicht opulenten Bühne und einer verlässlichen, allerdings auch nicht mit dem Zentimetermaß ausgemessenen Positionierung der einzelnen Schallquellen.

Audreal V30

Da geht grundsätzlich noch etwas mehr; meine Verstärkerkombi (Funk-Lap-2-Vorstufe und Myryad-MXA-2150-Endstufe) sortiert hier genauer und bildet auch tiefer ab – aber sie kostet auch mehr als das Doppelte. Als Hörbeispiel sei hier genannt die Englische Suite Nr. 2 a-moll BWV 807 von Johann Sebastian Bach, in einer Einspielung von Ivo Pogorelich (Deutsche Grammophon). Das Klavier ist hier nicht Englische Suite Nr. 2 a-moll BWV 807 von Johann Sebastian Bachnah mikrofoniert, sondern sehr wahrscheinlich aus vier bis fünf Metern Abstand, um auch den gut klingenden Raum „mitzunehmen“. Über meine Verstärkerkombi kommt die sehr deutliche Illusion eines Konzertflügels auf, der losgelöst und recht dreidimensional in der Tiefe des Raums steht, während der V30 hier ein Stück „flacher“ agiert und etwas Tiefe rausnimmt.

Bei der Dynamik kann der V30 mit seinen beachtlichen Reserven punkten. Dieser Amp kann wirklich laut spielen (und er scheint es gerne zu tun). Die Sorge, dass diesem Gerät mal die Puste ausgehen könnte, habe ich zu keiner Zeit verspürt. Es macht wirklich Spaß, ihm etwas derbere Musik zuzuführen, das Ding ist kaum aus der Ruhe zu bringen, das macht gerade im Bassbereich Laune. Eine klitzekleine Einschränkung möchte ich trotzdem machen. Rasend schnelle grobdynamische Sprünge sind nicht die Sache des Audreal V30. Ich habe mich noch durch einige andere Nada-Surf-Alben gehört – und bei dieser Band gibt es häufiger das Überraschungsmoment, das von einer Sekunde auf die andere, ohne Vorwarnung quasi, mit fetten Bratzgitarren losgeföhnt wird. Das „Föhnen“ selbst beherrscht der V30 wunderbar, kein Zweifel, aber die Spontanität, mit der das losgeht, die kann mir zum Beispiel meine Vor/Endkombination noch etwas „brutaler“ vermitteln. Da kommt der Kick beziehungsweise die Breitseite wirklich buchstäblich aus dem Nichts, während – etwas übertrieben verbildlicht – ich beim V30 eher das Gefühl habe, da zieht ein Mensch am Mischpult schnell ’nen Regler hoch, anstatt einen Knopf zu drücken.

Audreal V30

All dies gilt allerdings primär für den Tiefmitteltonbereich. Im Hochtonbereich spielt der V-30 nämlich sehr flink und unmittelbar auf. Nehmen wir das Album Aerdt von Pink Turns Blue. Mic Jogwer und seine Jungs haben sich über die Jahrzehnte schon durch sehr Aerdt von Pink Turns Blueunterschiedliche Musikrichtungen gespielt. „Aerdt“ ist das wohl elektronischste, ätherischste aller Alben. Beim Song „Andy“ gibt es ein paar einsame Keyboardflächen, den typisch verzweifelten Gesang von Mic Jogwer – und ansonsten nur einen schmerzhaft präzise dahin zischelnden Drumcomputer. Die synthetischen Hi-Hat-Töne fühlen sich über den Audreal V30 geradezu wie kleine, präzise Nadelstiche (oder jahreszeitgemäß: herunterfallende Hagelkörner) an. Und das kommt weniger dadurch, dass sie auf der tonalen Seite „beißend“ oder crisp wären – im Gegenteil –, sondern vor allem durch die Schnelligkeit und Unmittelbarkeit, mit der der V30 sie wiedergibt.

Your Funeral My Trial von Nick Cave & The Bad SeedsWas dem V30 übrigens insgesamt gut bekommt ist Musik, die wenig dynamikkomprimiert ist und eine große Laut-Leise-Bandbreite hat. Eine Empfehlung von mir ist hierfür das Album (beziehungsweise damals war es eine Doppel-12“-LP) Your Funeral My Trial von Nick Cave & The Bad Seeds. Das Titelstück stolpert und torkelt vor sich hin. Schleppendes, fast an Orchesterschlagwerk gemahnendes Schlagzeug, glimmende Hammondorgel, Konzertflügel, sinistere Gitarren – und Nick Cave, der zwischen Croonen und Knödeln hin und her pendelt. Das Stück ist nicht nur rhythmisch fragil, sondern auch dynamisch; es schwankt zwischen laut und leise, bäumt sich immer wieder auf, um dann wieder abzufallen – diese sehr variable Dynamik glaubhaft wiederzugeben gelingt dem V30 ausgezeichnet.

Müsste ich eine echte Schwäche des Audreal V30 benennen, so täte ich mich einigermaßen schwer. Man muss wirklich nochmal aufs Preisschild blicken und konstatieren, dass hier für das Geld unglaublich viel geboten wird. Wenn ich den V30 beispielsweise mal mit den beiden eingangs erwähnten Geräten von Audiomat vergleiche, die 3.000 beziehungsweise 4.500 Euro kosten, dann muss der V30 sich nicht wirklich hinter diesen verstecken.

Audreal V30

Was diese beiden Franzosen dem V30 freilich noch überlegen macht, ist deren insgesamt etwas homogenere Gangart. Wie ich schon beschrieb, verhält sich der V30 dynamisch im Tieftonbereich etwas anders als im Obertonbereich. Der Arpège und der Aria hingegen zeigen hier übers gesamte Frequenzspektrum eine einheitliche Gangart, was etwas mehr Ruhe und vielleicht auch musikalischen Fluss in deren Auftritt bringt. Auch im Bereich der tonalen Abstimmung beziehungsweise Detailgenauigkeit liegen die Franzosen schon noch vorne: Im Hochtonbereich ist – zumindest in meiner Erinnerung – die Auflösung gerade von Klangquellen wie Becken und Percussion generell noch feiner, differenzierter gewesen. Im Quervergleich zum ähnlich gepreisten (1.700 Euro) Opera Audio Consonance M100 plus gefällt mir der Audreal im Bassbereich besser. Er hat schlicht und einfach mehr Reserven und spielt auch ein wenig zackiger. Im Bereich der Bühnendarstellung hingegen würde ich den Opera Audio favorisieren. Das ist aber auch ein Spleen von mir; ich mag es einfach, wenn die Bühne weit und tief ist, auch wenn dabei das größtmögliche Quantum an Präzision nicht immer erreicht wird.

Endröhre des Audreal V30

Was die Zusammenarbeit mit Lautsprechern angeht, zeigte sich mir der Audreal V30 sehr unkritisch. Er harmonierte sowohl mit meinen Neat Momentum 4i, als auch den nächsten Testkandidaten, den EM-ESL-Elektrostaten von Martin Logan. Aber mit 2 x 50 Watt Sinus und zwei Impedanzabgriffen dürfte man eh für die meisten Wohnraum-Anwendungen auf der sicheren Seite sein.

Test: Audreal V30 | Vollverstärker

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