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Klang-Vergleiche: Audioquest NightOwl Carbon

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Klang-Vergleiche: Audioquest NightOwl Carbon

Im Hörtest darf sich der Audioquest NightOwl Carbon mit meinem NighHawk („ohne“ Carbon) messen. An meinem SPL Phonitor Mini erlebe gleich eine Überraschung: Generell sind sich NighHawk und NightOwl Carbon ähnlicher, als ich es erwartet habe. Wie der NighHawk wirkt auch der NightOwl Carbon im Vergleich zu anderen Kopfhörern einen Hauch dunkler abgestimmt. Nein, nicht dumpf; auch mit Höhenarmut hat das nichts zu tun. Die Audioquest Kopfhörer klingen irgendwie so, als wäre das gesamte Frequenzspektrum um eine winzige Nuance nach unten transponiert. Letztendlich spielt das aber keine wirkliche Rolle, denn in sich ist das Klangbild tonal stimmig.

Audioquest Nightowl Carbon komplett frontal

Hätte ich mit dieser Ähnlichkeit noch gerechnet – schließlich kommen die gleichen Treiber zum Einsatz – hätte ich an anderen Stellen, insbesondere beim Bass, deutlichere Unterschiede erwartet. Dass es konstruktionsbedingte klangliche Unterschiede zwischen offenen und geschlossenen Kopfhörern gibt, habe ich bei ähnlichen Vergleichen von offenen/geschlossenen Geschwistern hinreichend gehört, etwa bei den Modellen DT 1770 Pro/DT 1990 Pro von Beyerdynamic oder K812/K872 von AKG. Beim Audioquest NightOwl Carbon und NightHawk fallen die diesbezüglichen Unterschiede allerdings sehr gering aus. Inwieweit es eine Rolle spielt, dass der NightOwl Carbon eben eine besondere Konstruktion ist, kann ich schwer einschätzen. Fakt ist, dass er in den tiefen Lagen nicht wie typischer geschlossener Kopfhörer klingt. Er baut weder diesen Druck im Bass auf, den der eine liebt, der andere nervig findet, noch wirkt er deutlich anspringender als das halboffene Schwestermodell.

Zu den – wie erwähnt: geringen – Unterscheiden im Bass: Tiefe Töne reproduziert der Audioquest NightOwl Carbon nicht ganz so konturiert wie der NightHawk – er wirkt eine Nuance weicher –, dafür klingt er bei tiefen Frequenzen dezent fülliger, aber eben nicht druckvoller. Ich gebe zu, in dieser Hinsicht gefällt mir die halboffene Konstruktion in vielen Fällen etwas besser. Wobei das Markus Millerletztendlich vom Musikmaterial abhängt. Bei manchen Stücken – hier habe ich noch die fetten Beats des „Riddim No 1“ von Seeed im Ohr – kann der etwas sattere Bass des NightOwl Carbon bei mir punkten, der einfach präsenter ist, dabei aber nicht dieses Druckgefühl auf den Trommelfellen erzeugt, das viele geschlossene Kopfhörer erzeugen, wenn es im Bass zur Sache geht. Wobei das (kurzfristig) auch mal Spaß machen kann. Ein Beyerdynamic DT 1770 Pro agiert hier zum Beispiel deutlich druckvoller. Bei anderen Stücken, nehmen wir hier zum Beispiel „Highlife“ auf Markus Millers Album Afrodeezia (auf Amazon anhören), gefällt mir der in den Tiefen trockener agierende NighHawk wieder besser. Letztendlich sind diese Unterschiede eher marginal und, wie gesagt, deutlich geringer ausgeprägt als ich das in Anbetracht der unterschiedlichen Bauweisen erwartet hätte.

Audioquest Nightowl Carbon Muscheln

Eine weitere Gemeinsamkeit, die ich so ebenfalls nicht erwartet hätte, ist, dass der Audioquest NightOwl Carbon genauso wunderbar weiträumig und entspannt klingt wie der NightHawk. In den meisten Fällen klingen geschlossene Kopfhörer räumlich kompakter und direkter, während viele offene und halboffene Konstruktionen durch eine größere Weiträumigkeit punkten. Von richtiger Räumlichkeit kann man bei Kopfhörern eh nicht reden – es sei denn, sie wird durch die vorgeschaltete Technik, zum Beispiel eine Crossfeed-Schaltung im Kopfhörerverstärker oder spezielle Aufnahmeverfahren wie „Binaurale Aufnahmen“ beziehungsweise Kunstkopfaufnahmen hervorgerufen. Unter HiFi-üblichen Gesichtspunkten kann man die Abbildung eines Kopfhörers eher dadurch beschreiben, ob sich das Klanggeschehen recht kompakt – also nahe am oder im Kopf – abspielt oder weiträumiger, quasi wie in einer mehr oder weniger großen Kugel, die den Kopf umgibt. Der Audioquest NightOwl Carbon bietet hier fast die gleiche Weiträumigkeit, die den NightHawk auszeichnet. Habe ich vor kurzem noch den AKG K872 als den am weiträumigsten klingenden geschlossenen Kopfhörer bezeichnet, der mir bis dato auf die Ohren kam, löst ihn der NightOwl Carbon in dieser Disziplin ab.

Zwischenstand: Der Audioquest NightOwl Carbon ist definitiv kein gewöhnlicher geschlossener Kopfhörer – sowohl von der Konstruktion her als auch vom Klangcharakter.

Audioquest Nightowl Carbon Ohrpolster

Gehen wir ins Detail. In allen anderen Disziplinen zeigt sich der NightOwl Carbon dem NightHawk überlegen. Zeichnet sich der NighHawk schon durch ein außergewöhnlich gutes Auflösungsvermögen aus, zeigt der NightOwl Carbon, dass es noch besser geht. Wobei ich bewusst „besser“ und nicht „mehr“ schreibe. Denn wenn ich so eine Art Summe der hörbaren Details bilden würde, lägen beide Kopfhörer ungefähr gleich auf, und da können es die Audioquest-Kopfhörer durchaus mit den in dieser Disziplin gut beleumundeten Magnetostaten, wie etwa einem Fostex TH-500RP, aufnehmen.

Doch während der NightHawk tendenziell dazu neigt, die vielen Feinheiten artifizieller darzustellen oder, anders ausgedrückt, dezent analytisch zu klingen, hält der NightOwl sie besser zusammen, klingt verbindender und verbindlicher. Das macht sichunita knaus besonders bei Stimmen angenehm bemerkbar. Nerven mich zum Beispiel bei Unita Knaus Interpretation von „Clap Hands“ (The Moon on My Doorstep) die für meinen Geschmack etwas zu deutlich aufgenommenen Atemgeräusche der Sängerin, höre ich sie über den NightOwl Carbon genauso, aber sie wirken organischer, sind in das Singen eingebunden und klingen nicht wie störende Fremdgeräusche. Auch bei Instrumenten macht sich diese Eigenschaft des NightOwl Carbon bemerkbar. Um mal in die Klassik zu wechseln: Igor Levits Bach Partiten sind sehr brillant aufgenommen. Schnell klingt der strahlende Klang seines modernen Flügels metallisch. Und auch der NightOwl Carbon macht sehr deutlich, dass hier stramm gespannte Stahlseiten den Klang erzeugen – mit allen Schwingungen, Schwebungen und sonstigen Einzelheiten. Doch lässt er die Musik fließen, die Anschläge und Töne ineinander übergehen und stellt sie weniger als komplexe, aber isolierte Klangereignisse dar, wie der NightHawk das tendenziell tut.

Audioquest Nightowl Carbon Stecker

Auch dynamisch legt der geschlossene Audioquest noch mal eine Schippe drauf. Feindynamisch gibt er subtilste Abstufungen wieder und schafft es auf der anderen Seite genauso, ansatzlos brachiale Impulse rauszuhauen, sodass ich regelrecht erschrecke. Was Fein- wie Grobdynamik betrifft, ist kaum eine Musikrichtung so anspruchsvoll wie Klassik, hier natürlich sinfonische Klassik. Da ich es wissen will, versuche ich mich an Mahlers 3. Sinfonie, eingespielt von den Berliner Philharmonikern unter Claudio Abbdao (auf Amazon anhörenMahler). Definitiv keine leichte Kost und ich gebe zu, hier halte ich selten auch nur einen ganzen Satz durch – zumindest mit Kopfhörern. Und der Audioquest NighOwl Carbon schafft es, die ganze Bandbreite der komplexen Spannungen dieser Musik zu vermitteln. Dynamiksprünge, bei denen ein leises Grummeln der großen Streicher im Hintergrund plötzlich von einem Orchesterschlag mit massivem Einsatz von Pauken und Bläsern beider Gattungen übertönt wird, setzt er wirklich brachial um. Das kommt vor allem deshalb gut, weil er vorher das pianissimo gespielte Stakkato der Streicher ganz sauber bis in die feinsten Einzelheiten aufgedröselt und mich so ganz wunderbar mit leisesten Dynamikabstufungen verwöhnt hat. Auch wenn ich mit solchen Empfehlungen sonst vorsichtig bin, weil gute HiFi-Komponenten sich für alle Musikrichtungen eignen sollten: Der Audioquest NightOwl Carbon scheint mir ein formidabler Klassik-Kopfhörer zu sein. Damit kratzt er am Image des Final Sonorous IV, der für mich persönlich bisher der Klassik-Kopfhörer schlechthin ist.

Dafür spricht auch und besonders die Fähigkeit des NightOwl Carbon, Klangfarben auf den Punkt abzubilden. Die Charaktere verschiedener Instrumente gibt er extrem sauber wieder und auch die Transitentenwiedergabe gibt keinen Anlass zur Kritik. Mit dem NightOwl Carbon macht es mir besonderen Spaß, Nils Petter Molværungewöhnliche Instrumente und Geräusche zu hören, die man eben nicht sofort zuordnen kann. So habe ich ein unglaubliches Vergnügen an dem nicht so eingängigen neuen Album Buoyancy des norwegischen Jazztrompeters und Komponisten Nils Petter Molvær (auf Amazon anhören). Statt dass es mich beim Hören ein wenig fremdelt, reißt mich der NightOwl Carbon hier förmlich mit und bewirkt quasi einen musikalischen Tiefenrausch. Unglaublich spannend, das Ganze. Selbst der Weltmusik – oder sagt man eher Ethno-Jazz? – von Mari Boine kann ich über den NightOwl Carbon wieder etwas abgewinnen. Irgendwie ist dieser Kopfhörer ein Experte für schwer Vermittelbares. Und das meine ich hier ganz klar als Kompliment!

Audioquest Nightowl Carbon Velour und Kunstleder Ohrpolster
Lieber Velour oder Kunstleder?

Jetzt will ich noch wissen, welchen Einfluss die unterschiedlichen Ohrpolster haben. Der Wechsel auf die Velours-Ohrpolster ist schnell erledigt. Abgesehen davon, dass ich die Veloursbezüge von Tragegefühl noch angenehmer finde als die an sich einwandfreien glattledernen (eigentlich natürlich glattkunstledernen, denn es handelt sich um ein „Proteinleder“ aus Eierschalen), gefällt mir der geschlossene Audioquest auch klanglich so fast noch eine Nuance besser. Die Unterschiede sind Nuancen. Ich habe den Eindruck, dass er mit den Veloursbezügen noch einen Hauch sonorer klingt. Nach einigem Hin- und Herwechseln bin ich mir nicht mal mehr sicher, ob dieser Höreindruck belastbar ist oder ob es schlicht daran liegt, dass mir der NightOwl Carbon mit den Velourspolstern eben noch etwas angenehmer erscheint als mit glatten Polstern.

Gibt es irgendetwas, was der AudioQuest NightOwl Carbon nicht gut kann? Ja! Zu meinem Bedauern verträgt er nicht so gut mit meinem Röhren-Kopfhörerverstärker. Ich führe das mal auf die niedrige Impedanz von 25 Ohm zurück. Obwohl mein Opera Consonance Cyber 20 mk2 mit dieser Impedanz zurechtkommen sollte, bleibt er am NightOwl Carbon klanglich unter seinen Möglichkeiten. Das ist auch mit dem NightHawk der Fall. Allerdings vermisse ich beim NightOwl Carbon die Röhre nicht, weil der von sich aus einfach noch musikalischer aufspielt als sein halboffener Stallgefährte „ohne“ Carbon – dem ein bisschen Röhre eben ganz gut bekommt.

Test: Audioquest Nightowl Carbon | Kopfhörer

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