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„Die Schönheit ist bei Puccini nie Selbstzweck, sondern immer Teil der Konzeption“, sagt immerhin Kirill Petrenko, Chefdirigent der Berliner Philharmoniker, über den italienischen Komponisten Giacomo Puccini. Und tatsächlich: Gibt es andere Opern, die zugleich üppiger, sensibler, gesanglicher, schroffer, emotionaler und tiefer sind? Nach der Aufführung einer Tosca steht das Theater da wie zuvor, nur die Besucher werden verändert in die äußere Welt entlassen – nichts ist mehr, wie es war und die Sehnsucht nach einer Rückkehr in die Welt der Musik steht jedem ins Gesicht geschrieben. Es ist also wohl kein Zufall, dass Audio Analogues Puccini Anniversary (5.500 Euro | https://www.audioanalogue.com/de/) auf genau diesen Namen hört und keinen anderen. Denn auch dieser Vollverstärker kann die Zeit verändern. Zumindest ein wenig.
Schönheit first

Das „Lautstärkerad“ des Audio Analogue Puccini Anniversary lässt sich auch drücken und dient der umfassenderen Bedienung des Verstärkers – und natürlich gibt es ansonsten auch eine Metallfernbedienung
Da steht er nun in meinem Rack, der kleine Vollverstärker aus dem Hause Audio Analogue, und sein elegantes Design kann die italienischen Gene nicht ganz leugnen. Ein großes Drehrad, das man auch drücken kann, ein paar LEDs auf der gebürsteten Aluminiumfront – das war es dann auch schon mit den vorderen Elementen. Vielleicht wurde hier der Schönheit gegenüber der Usability etwas zu sehr Gewicht verliehen. Denn die komplette Bedienung über ein einzelnes Rad erschließt sich auch erfahrenen Nutzern nicht sofort. Die wunderbare, massiv-elegante Fernbedienung hilft im Zweifel aber ein ganzes Stück weiter. Um alle Möglichkeiten des Audio Analogue Puccini Anniversary nutzen zu können, kommt man allerdings so oder so um einen Blick in die Bedienungsanleitung nicht herum.
Nichtalltägliches Feature
Neben (für mich) weniger wichtigen Optionen wie beispielsweise der Helligkeitsregelung der LEDs oder einer Balanceregelung gibt es nämlich auch eine spannende Anpassung der Lautstärkeregelung. Man kann zwischen einer linearen Arbeitsweise oder gewissermaßen der Spreizung einiger Abschnitte von bestimmten Lautstärkebereichen wählen. Betreibt man den Puccini-Verstärker beispielsweise an sensiblen Lautsprechern mit sehr hohem Wirkungsgrad, besteht die Möglichkeit, im dann meist genutzten unteren Leistungsbereich die Regelschritte zu vergrößern und somit die Einstellung feinfühliger zu gestalten. Insgesamt vier verschiedene Muster für unterschiedliche Lautsprechertypen oder Hörgewohnheiten stehen zu Wahl.
Eine kurze Warnung vor dem ebenfalls über die Fernbedienung aktivierbaren „Direct Mode“: Er nimmt nicht nur einige, sondern alle Regelmöglichkeiten aus dem Signalweg, der Puccini läuft dann ohne Pegelminderung als Endstufe. Es hat also nichts mit den sonst üblichen Direct Modes zu tun, die möglichst reinen Klang versprechen.
Selbsterklärend
Die Rückseite des Audio Analogue Puccini Anniversary gibt indes keine Rätsel auf: vier unsymmetrische und ein symmetrischer Eingang warten auf die Signale der Quellen. Äußerst stabile und angenehm zu benutzende Polklemmen für Lautsprecherkabel und natürlich eine Netzbuchse vervollständigen das Bild. Alles in guter Qualität ohne besondere Vorkommnisse, so wie man das in dieser Preisklasse schlichtweg erwartet. Bauteile und Gehäusewände sind mit zahlreichen Schrauben gesichert, die Front kommt etwas dicker als üblich daher und das zentrale Drehrad läuft sanft und ohne einen einzigen Schlag – keine Selbstverständlichkeit bei so einem großen Rad.
Innere Werte
Das Innere des Audio Analogue Puccini Anniversary ist wiederum so schön, dass man sich fast einen Glasdeckel wünscht: aufgeräumt, ein wirklich schönes und technisch mit Ausnahme des Trafos konsequent durchgezogenes Doppelmonolayout, edel wirkende, schwarze Platinen. Dass dies alles nicht bloß purer Eitelkeit dient, verraten schon die simplen Daten. Zweimal 80 Watt an 8 Ohm, 160 Watt an 4 Ohm und 300 Watt an 2 Ohm – eine Zahlenfolge, die zwar nicht für eine extrem hohe Ausgangsleistung spricht, aber für eine solide Laststabilität. Diesem Umstand wird auch die Angriffslust und Souveränität des Puccini geschuldet sein: Ihm ist es schlicht so ziemlich egal, mit welchem Lautsprecher man ihn arbeiten lässt. Zumindest tönten hier alle ausprobierten Lautsprecher überaus entspannt, auch eine wählerische LS 3/5A, die schon einigen Verstärkern die virtuellen Schweißperlen auf die Front trieb. Der offenbar sehr sauber gefertigte (man hört ihn nicht!) Ringkerntransformator mit immerhin 700 VA wird daran nicht unschuldig sein. Auf eine Lautsprecherempfehlung angesprochen, heißt es bei Audio Analogue nur, das dies ein Thema des Raumes und Geschmacks sei. Kraft habe der Puccini-Vollverstärker im ausreichenden Maße für alle Lebenslagen.
Die Vorverstärkung im Puccini arbeitet übrigens symmetrisch, per XLR eingehende Signale werden also zunächst naturbelassen verarbeitet. Vor der Endstufe werden die Signale dann aber desymmetriert; die Leistungsstufe arbeitet mit bipolaren Transistoren (Onsemi MJL3281A und MJL1302A) in Push-Pull-Anordnung.
Bevor die Signale in die Endstufe strömen, passieren sie natürlich auch die klanglich sehr entscheidende Lautstärkeregelung, hier realisiert mittels zweier kaskadierter AD-7376-Digitalpotenziometer, von denen sich Produktmanager Stefano Blanda höchsten Kanalgleichlauf und nicht zuletzt eine stabile räumliche Abbildung verspricht.
Damit der digitale (steuernde) Teil des Chips nicht die zarten analogen Musiksignale stört, gibt es eine für die Einsen und Nullen unüberwindbare Barriere aus Optokopplern. Vorteile einer solchen digitalen Lösung sind neben der Präzision natürlich auch die so erst möglich werdenden Features wie die angesprochenen Regelkurven.
The Special One
Einen besonderen Stolz hegen die Entwickler aus der Toskana gegenüber dem Puccini Anniversary nicht zuletzt deswegen, weil dieser Vollverstärker das erste Design des Hauses ohne Über-alles-Gegenkopplung darstellt. Zudem versuchte man, die Schaltung besonders minimalistisch aufzubauen: Gleich hinter dem Eingang erfolgt eine Spannungswandlung, um in Folge eine einzige Verstärkerstufe als Strom- und nicht als Spannungsverstärker arbeiten zu lassen. Audio Analogue verspricht sich eine deutliche Reduzierung der Verzerrungen, auf die man ohne Gegenkopplung ja ein besonderes Auge haben muss. Ziel dieser Entwicklung laute schlussendlich, so Stefano Blanda, ein besonders „tiefes und fokussiertes Klangbild, sowie ein entspanntes Hören“.
Audio Analogue Puccini Anniversary: Hörtest & Vergleiche
Mit der Beschreibung von Giacomo Puccinis Musik bin ich ja schon ein wenig mit der Tür ins Haus gefallen und Sie, liebe Leser, haben bereits eine Ahnung, wohin die Reise geht. Unser Puccini hier hält nicht viel von nüchterner Erbsenzählerei, sondern stürzt sich viel lieber voller Wonne ins pralle Leben.
Unendliche Weiten? Die räumliche Abbildung
Das beginnt schon mit dem durchaus weiten Raum, den der Italiener zwischen und manchmal sogar neben den Lautsprechern aufspannt. Er geht in diesem Punkt deutlich über das von anderen Verstärkern erzeugte Panorama hinaus, ein zum Vergleich gehörter Accuphase E-213 beispielsweise blieb mit der Platzierung der Schallereignisse streng zwischen den Lautsprechern, während der Puccini sich hier mehr Weitläufigkeit genehmigt.
Wenn die Aufnahme es ansatzweise hergibt, sieht man mit dem Audio Analogue Puccini Anniversary nicht in den tonmeisterlichen Guckkasten, sondern erlebt die Musik cinemascopeartig. Dabei gestaltet der Italiener seine Klangbilder eher breit als tief, wobei der letzte Punkt nicht als unterentwickelt, sondern als klassendurchschnittlich anzusehen ist. Es gibt andere Verstärker, die flacher zeichnen, allerdings auch welche, die hinterm Rack die Mauer zum Nachbarn abschaffen. Der Puccini liegt mit Blick auf die Tiefenstaffelung gesund in der Mitte. Besonders eindrücklich zeigt sich das im ersten Satz von Gustav Mahlers neunter Sinfonie (EMI, Berliner Philharmoniker, Sir Simon Rattle): Wenn nach einigen Minuten die weit hinten im Orchester platzierten Pauken das einleitende Motiv wiederaufgreifen, erklingen sie tatsächlich aus dem hinteren Raum – präsent, aber nicht entrückt. Nicht so fern, wie ich es mit anderen Verstärkern erlebt habe, aber gerade so glaubhaft und natürlich, dass ich mich frage, ob jene extremeren Raumillusionen nicht doch ein wenig übers Ziel hinausschießen.
Einzelne Instrumente platziert der Audio Analogue Puccini Anniversary ziemlich akkurat. Nicht studiomäßig trocken umrissen, sondern mit einer leichten klanglichen Aura versehen, vor allem aber wunderbar integriert in ein mit klaren Farben gemaltes Bild. Wieder zum Accuphase: Der umreißt jedes Ereignis schärfer, dafür wird es auch kleiner, weniger „energiereich“ abgebildet. Andere Geräte, zum Beispiel ein Cayin Jazz 90, der hier einst zu Besuch weilte, bliesen jedes Schallereignis auf, boten mehr Erlebnis als klare Information. Der Audio-Analogue-Verstärker wählt, was die Ortungsschärfe angeht, also einen sehr ansprechenden Weg zwischen tonmeisterlicher Strenge und genussvoller Nonchalance. Die Grundposition der Abbildung würde ich an der Grundlinie verorten oder – wenn es die Emphase der Töne hergibt – minimal davor. Objektiv entspricht der abgebildete Raum in seiner Gänze einem wirklich guten Klassenstandard.
Punch it
Kommen wir zur Dynamik, einer echten Schokoladenseite des Puccini. Es ist schwer zu erklären, wie dieser Vollverstärker es bewerkstelligt, dass er bei messbar gleichem Pegel lauter wirkt als seine Konkurrenz – zumindest für meine Ohren. Natürlich hört sich das zunächst technisch völlig blödsinnig an, denn ein gleicher Pegel ist ein gleicher Pegel. Der Puccini vermittelt auf eine Art, der ich nicht ganz genau auf die Schliche komme, den Eindruck, alles wäre ein wenig lauter, zackiger, praller. Dynamiksprünge sind dem Audio Analogue nicht nur ein Leichtes, sondern hörbar eine Freude, so wie nichts an seiner Darbietung auch nur eine Sekunde unbeteiligt wirkt.
Die unmittelbaren Impulse auf dem im Übrigen exemplarisch gut produzierten Prince-Album Welcome 2 America wirken auf mich tatsächlich packender als mit anderen mir bekannten Verstärkern. Der Audio Analogue Puccini Anniversary lädt diese Töne derart auf, dass ich mich frage: Wie kann ein doch eigentlich ehrlich klingender Amp derart involvierend klingen? Die Spanne zwischen leisen und lauten Tönen scheint bei ihm ein wenig größer zu sein, was freilich eine rein emotionale Empfindung und keinerlei technische Erklärung ist. Vom Grundton bis hinauf zu gut acht Kilohertz explodieren Töne ansatzlos im Raum, sind einfach da.
Spricht man von Grobdynamik, spreche ich gerne von Massive Attack, genauer gesagt vom bekannten Album Mezzanine. Auch hier macht der Puccini klar, dass das Erleben mit allen Sinnen, gerne auch mit dem Bauch, das erstrebenswerte Ziel ist. Der Vollverstärker legt hier preisklassenunabhängig exemplarisch los. Im Grundton mit enormer Geschwindigkeit und Kontrolle, darunter mit einem leicht gerundeten Schub, der einem dennoch in die Glieder fährt. Da alle Impulse absolut locker kommen und nichts auch nur ansatzweise angestrengt wirkt, ertappe ich mich immer wieder dabei, wie ich lauter und länger höre als sonst. Die Lust an der fast physischen Präsenz von Klängen im Raum beherrscht der Italiener aus dem Effeff und ich frage mich langsam bange, wie wohl seine großen Geschwistern mit meinen Lautsprechern umgehen würden.
Das Fundament: der Tiefton

Bananas nehmen die Lautsprecherklemmen des Audio Analogue Puccini Anniversary natürlich ebenfalls auf
Besagter Punch braucht natürlich ein Fundament und auch damit geizt der Audio Analogue Puccini Anniversary nicht. Bis in den tiefen Keller geht der Verstärker durchaus beherzt zur Sache, er mag dabei aber Fleisch immer ein wenig lieber als den Knochen. Will sagen: Wenn für einen involvierenden, körperlichen Bass ein wenig Kantenschärfe und Kontrolle geopfert werden muss, geht der Italiener gerne mit. In den allertiefsten Regionen wird es zunehmend weicher, was allerdings nicht schlimm ist, da die Kantenschärfe eines tiefsten Tones immer von seinen Obertönen gestaltet wird. Erfreulicherweise geht diese entspannte Tiefe nicht mit einem aufgeblähten Grundton einher. Hier werden die Zügel schon wieder straffer geführt, weshalb der gesamte Bass trotz seiner Opulenz niemals wabert oder dröhnt.
Die schrägen und wunderbaren Klänge des Kilimanjaro Darkjazz-Ensembles auf ihrer CD From the Stairwell sind so ein Fall. Tiefste, teils synthetisch erzeugte Klangflächen schieben sich träge in- oder übereinander, fluten aus den Lautsprechern mit aller nötigen Opulenz, dröhnen aber dennoch nicht im Raum. Sowohl an meinen Wharfdale Super Linton als auch an den Sky Audio Verdade habe ich hier schon Verstärker die weiße Fahne schwenken hören. Mit dem Puccini klingt es mächtig, droht einen zu überrollen und gleichzeitig kommen die unteren Lagen des nun einsetzenden Klaviers unbeeindruckt klar daher. Auch der sich mit den Synthesizern mischende Kontrabass liefert innerhalb dieses klanglichen Urschlamms noch konkrete Streichgeräusches seines Bogens.
Ein weiterer Vorteil dieser Tieftonabstimmung liegt in der Rhythmik: Bassdrums und E-Bässe haben definierte, impulsstarke Attack-Phasen, gefolgt von einem eher weichen Decay. Das schafft Raum für einen entspannten, musikalisch fließenden Groove. Tiefe Töne verbinden sich organisch, anstatt isoliert nebeneinanderzustehen – eine Qualität, die auch weniger präzise produzierte Aufnahmen hörbar profitieren lässt, da sie schneller in einen musikalischen Fluss finden.
Sinn für zarte Pegel: die Feindynamik

Viel selbsterklärender als beim Audio Analogue Puccini Anniversary kann ein Schnittstellenfeld eigentlich nicht sein …
Streichquartette eignen sich bestens, möchte man der Feindynamik einer Anlage auf den Zahn fühlen. Wenn ein Streicher mit seinem Bogen die Richtung wechselt, geht dem immer eine leichte Veränderung der Muskelspannung voraus, was sich durch einen minimal veränderten, meistens intensivierten Bogendruck auf die Saite auswirkt. Man kann den Bogenwechsel also Sekundenbruchteile im Voraus durch eine minimale Zu- oder Abnahme der Intensität kommen hören, wenn denn die Anlage mitspielt. Denn hierfür sind weitaus feinere Differenzierungen nötig als beispielsweise bei der intimen Darstellung einer trocken aufgenommenen Stimme im Vordergrund. Die Anlage muss es schaffen, diese hauchfeine Pegel- und Farbänderung irgendwo im Gesamtgeschehen inmitten vieler anderer Informationen herauszuarbeiten.
Der Audio Analogue Puccini Anniversary sorgt hier für einen wunderbaren Fluss der Musik (in diesem Falle Dvoraks viertes Streichquartett mit dem Panocha Quartett aus Prag). Gebannt lausche ich der Entwicklung der Themen, der Verwobenheit der Stimmen, feinen klangfarblichen Nuancen. Denn es ist gar nicht einmal so einfach, zwei nebeneinander sitzende Geigen, die immer mal wieder die Stimmen kreuzen, klangfarblich voneinander zu trennen. Dank seiner Talente bei den Klangfarben kann der Audio-Analogue-Amp hier punkten. Der minimal harzigere Klang der zweiten Geige, der sehnige Ton der ersten, bei der der Saitenklang den Korpus dominiert – alles da. Lediglich besagte dynamische Feinstinformationen, die einen den kommenden Bogenwechsel erahnen lassen, habe ich schon deutlicher gehört. Beispielsweise mit dem schon öfters erwähnten Accuphase, welcher allerdings für weniger Fluss im Geschehen sorgt. Kein Licht ohne Schatten.
Viele Verstärker klingen bei einer zu pedantischen Darstellung feinster Dynamiknuancen leicht mal trocken, hakelig, steif. Der Puccini wahrt hier den Fluss der Musik, schafft wunderbar organische Verbindungen zwischen Tönen, indem er kleinste Nuancen nicht ins grelle Licht stellt, sondern der Linie unterordnet. Zusammen mit seiner wie beschrieben sehr starken Grobdynamik entsteht ein sehr erlebnisorientierter, fließender Klang. Dass die feinsten Dynamikstufen etwas charmanter behandelt werden, kann man angesichts des angenehm musikalischen Flusses leicht verschmerzen. In dieser Preisklasse ist es in der Regel eine Entscheidung des Entwicklers, welche Seite der Medaille stärker beleuchtet wird. Für volle Beleuchtung muss man dann doch deutlich tiefer in die Tasche greifen.
Eindrucksvoll: die Stimmen
Wenn ein Verstärker Stimmen überzeugend abbildet, ist das in der Regel ein sicheres Indiz dafür, dass auch der restliche Mittenbereich tonal stimmig und ausgewogen ist – eine Erkenntnis, mit der bereits die BBC bei der Entwicklung ihrer legendären Monitorlautsprecher arbeitete und damit nachhaltig Maßstäbe setzte. Und was sagt der Audio Analogue Puccini Anniversary dazu? Er verankert die Mitten fest auf einem straffen und klaren Grundton sowie einem federnden und leicht gerundeten Tiefbass und führt sie übergangslos in klare, dabei nie scharfe oder überbetonte Höhen über.
Immer wieder entsteht der Eindruck, es könnte sich um einen hochwertigen Röhrenhybrid handeln – so fließend, organisch und farbstark agiert der Verstärker im Mittenbereich. Die Mitten zeigen nicht nur Substanz, sondern muten auch schon durchgezeichnet an. Stimmen treten plastisch in den Vordergrund, die Sprachverständlichkeit ist – bei entsprechender Aufnahmequalität – exzellent.
Besonders eindrucksvoll ist dies bei den American Recordings von Johnny Cash zu hören: Der Audio Analogue vermittelt hier eine fast schon greifbare Authentizität – mit dichter Atmosphäre und emotionaler Unmittelbarkeit. Tonal bleibt der Puccini in den Mitten dennoch eher neutral als betont warm, was der Detailauflösung sowie der differenzierten Wiedergabe feiner Klangfarben bestimmt nicht schadet. Selbst komplexe Mittenlagen – etwa die Mittelstimmen in einem Streichquartett – bleiben sauber durchhörbar. So lassen sich beim Dvořák-Streichquartett Nr. 10 in der Einspielung des Panocha Quartetts (Supraphon) die Einzelstimmen problemlos verfolgen, obwohl Aufnahmeleitung und Ensemble deutlich auf einen homogenen, eng verwobenen Gesamtklang abzielten.
Eine besondere Symbiose
Nicht ganz zufällig erwähnte ich eben die BBC und ihre Lautsprecherentwicklung. Stimmen (zum Beispiel Schubert-Lieder) werden zum Fest, wenn man den Audio Analogue Puccini Anniversary mit einer (in meinem Fall) Spendor LS 3/5A oder einem Derivat dieser Spezies kombiniert. Eine Spendor S3/5SE oder eine Musical Fidelity LS 3/5A schlagen in die gleiche Kerbe. Die Stimme steht mit beglückender Natürlichkeit im Raum, der Schub, den der Puccini auch bei kleineren Lautstärken zu liefern imstande ist, weckt die Lebensgeister dieser eher wirkungsgradschwachen Konzepte. Zudem passt die Kombination aus opulentem Bass und griffigem Grundton bestens zu den kleinen geschlossenen Boxen, die mit dem Puccini deutlich erwachsener als mit den meisten anderen Verstärkern klingen. Wenn eine Affinität zu diesen Lautsprechern besteht, lohnt sich hier also unbedingt ein Versuch.
Sanft, aber expressiv: der Hochton
Becken oder laute Blechbläser glänzen mit dem Puccini Anniversary eher golden denn silbern. Sie strahlen durchaus, tönen „reichhaltig“, können auch schneiden, werden aber auch bei mit Verve gespielten Phrasen nie schmerzen. Woran das liegt? Im obersten Frequenzbereich jenseits der zwölf Kilohertz bleibt der Audio Analogue zwar durchaus präsent, zeigt sich tonal jedoch leicht zurückhaltend – eine Eigenschaft, die seinen Langzeithörqualitäten spürbar zugutekommt.
Auch die Höhen selbst können Klangfarben transportieren. Seit einer Weile gibt es immer mehr unterschiedliche Triangeln, die aufgrund unterschiedlicher Formen und Materialien sehr verschiedene Obertonspektren erzeugen. Klar, der Anschlag wird in den Mitten dargestellt. Wenn man aber mal ein paar Triangeln aufnimmt und die Anschläge abschneidet, merkt man sehr schnell, was ein Verstärker vom Obertongespinst des Instrumentes, das seine Identität doch erst ausmacht, übrig lässt. Hier kann der Puccini begeistern und lässt einige Kollegen Rega Elicit oder Cambridge Audio EXA 100, die zum Vergleich spielten, deutlich hinter sich.
Der bereits im Zusammenhang mit seiner dynamischen Leistungsfähigkeit erwähnte Spaß am etwas lauteren Hören wird durch diese klangliche Abstimmung deutlich gesteigert. Im Studio ist es ja auch so, dass zu schonungslose Höhen die Ohren nach kürzester Zeit „wattieren“ und dem differenzierten Lauschen ziemlich schnell ein Ende bereiten. Auch hier gelingt es den Entwicklern von Audio Analogue, einen Frequenzbereich mit eher „sanfter Tendenz“ zu gestalten, ohne es ihm dabei an gefühlter Energie oder Ausdruckskraft mangeln zu lassen. Diese feine Balance ist so gelungen, dass man die unterschwellige Milde beinahe überhören könnte.
Test: Audio Analogue Puccini Anniversary | Vollverstärker











