Inhaltsverzeichnis
Olala, oha, oho? Ah, nein, doch … jetzt weiß ich es wieder: „OVO“ nennt Entwickler und Firmenchef Helmuth Weber seinen Designansatz, der AudiaZ-Lautsprecher wohl unverkennbar macht: Die V-förmige Schallwand wird links und rechts von zwei trapezförmigen Gehäuseflächen gesäumt – jede von ihnen nimmt einen Tieftöner auf, zusammen besorgen diese die beiden Os. Das ungewöhnlich facettenreiche Lautsprechergehäuse unserer hier und heute zum Test anstehenden AudiaZ Opera Riva Diamond (53.000 Euro | https://www.audiaz.net/) weist insgesamt sieben Flächen auf. Ich will nicht gleich in der Einleitung schon den Honiglöffel rausholen, aber: Dass ausrechnet eine kleine Manufaktur solch eigenständig aussehende Lautsprecher kreiert, ringt mir Respekt ab. Ich weiß, dass AudiaZ-Lautsprecher optisch polarisieren, doch mir gefallen sie. Gerade in Weiß sogar sehr. Für den Test muss ich mich leider mit schallwandelnden Düstermännern in Pearlgloss Black abfinden, Golden Ebony wäre die dritte mögliche Oberflächenvariante, aber klanglich ist die Farbe selbstverständlich einerlei.
Wobei die ebenso komplex wie standesgemäß makellos verarbeiteten Gehäuse von AudiaZ-Lautsprechern sowieso keinem visuellen Selbstzweck dienen: Die Oberbayern wollen sich vor allem Applaus für die akustischen Meriten ihrer Schallwandler abholen, wenn ich Helmuth Weber, den ich bei mir im Hörraum nun schon zum zweiten Male als Soundnerd reinsten Wassers erlebe, nicht völlig fehleinschätze. Über die akustischen Hintergedanken des OVO-Ansatzes schrieb ich bereits ausführlicher im Test über die AudiaZ Cadenza, von daher darf ich mich hier kürzer fassen:
OVO?
Zum einen will Helmuth Weber dem „Baffle step“ zu Leibe rücken, einem Phänomen, bei dem es je nach Treiberdurchmesser und Breite der Schwallwand (Baffle) zur einer Bündelung der Abstrahlung nach vorne kommt, die zu recht abrupten (step) Amplitudensprüngen führen kann. Die hier im Fokus stehende Abstrahlung des Mitteltöners weise durch die dreieckige, spitzwinkelige Schallwand einen linearen Schalldruckanstieg auf und benötige zur Pegelkorrektur daher auch nur eine kleine Spule auf der Frequenzweiche.

Das komplexe und im Inneren überdies in mehrere Kammern unterteilte Gehäuse der AudiaZ Opera Riva Diamond besteht aus 19 Millimeter starkem, kalibriertem „Ahorn Plexwood“, das unter anderem besonders homogene Resonanzeigenschaften im oberen Frequenzspektrum aufweisen soll
Zum Zweiten halten die diagonal verlaufenden Gehäusekanten automatisch die berühmt-berüchtigten, sich zu Phantomschallquellen aufschwingenden Kantenreflektion im Zaum, die andere Hersteller beispielsweise durch mehr oder weniger großzügige Radien abzumildern versuchen. Zum Dritten ist bereits intuitiv einsichtig, dass die kleineren und verschränkten Gehäuseflächen der Rigidität der gesamten Konstruktion nur förderlich sein können und die Nichtparallelität auf die Minimierung etwaiger stehender Wellen im Gehäuseinneren einzahlt. Zum Vierten, da hören wir freilich noch genau hin, soll das OVO-Design ein ausgedehnteres Rundstrahlverhalten begünstigen und dem Hörer eine schlüssige Raumabbildung auch außerhalb des perfekt mittigen Sitzplatzes (Sweet spot) bieten.
Klasse statt Masse
Ebenfalls AudiaZ-typisch ist, dass sich der stolze Besitzer zwar ausgewachsene Highendtechnik, aber keine Immobilien ins Haus holt: Die quadratische Grundfläche mit einer Kantenlänge von circa 28 Zentimetern macht im wahrsten Sinne des Wortes einen schlanken Fuß, mit 128 Zentimetern Höhe (inkl. Füße) sind die AudiaZ außerdem keine allzu auffälligen Boxenlulatsche – und 56 Kilogramm lassen sich wohl meist noch unfallfrei über die Dielen schieben. Ja, AudiaZ geht es offensichtlich eher um Qualität denn Quantität: Die wertig-handwerkliche Anmutung der Gehäuse, die dergestalt nur einer Manufaktur und keiner Großserienfertigung entspringen können, die Frequenzweichenbauteile (siehe Foto) sowie solche nur scheinbaren Nebensächlichkeiten wie die Innenverkabelung und last but not least die Treiber zählen mit zum Feinsten, was der an möglichen Zutaten nicht gerade arme Lautsprechermarkt so hergibt.

Die edle Kohlenstoffmembran des Hochtöners wird bereits ab 2 Kilohertz in Schwingungen versetzt, was eine überdurchschnittliche Belastung verheißt, passend dazu fällt der Membrandurchmesser mit 30 Millimetern etwas größer aus als das übliche 1-Zoll-Maß
Der Stoff der Träume: Keramik und Diamant
Treiberseitig ist Helmuth Weber bereits seit einem Vierteljahrhundert treuer Fan des Pulheimer Herstellers Accuton – dem Spezialisten für ebenso harte wie teure Keramik- und Diamantlösungen. AudiaZ ruft aber im Vergleich zu anderen Lautsprecherherstellern, die solche Treiber nutzen, noch vergleichsweise moderate Preise auf.
Der 30-Millimeter-Diamant-Hochtöner kommt bereits ab 2 Kilohertz ins Spiel – also in einem Bereich, wo das menschliche Gehör seine größte Empfindlichkeit aufweist. Er setzt dem Treiberensemble des mit 88,0 dB/W/m rechtschaffen effizienten Drei-Wege-Systems buchstäblich die funkelnde Krone auf. Ja, die AudiaZ Opera Riva Diamond kommt mit dem gleichen Diamantkonus, den selbst das AudiaZ-Topmodell Opera Grandezza (182.000 Euro) mit Stolz trägt.
Der 90-mm-Mitteltöner der Opera Riva Diamond nimmt ebenfalls Anleihen bei den Grandezza, schmückt sich statt mit einer Kohlenstoffmembran aber „nur“ mit einer aus Keramik – und ist entsprechend der zweitteuerste Mitteltöner aus dem Accuton-Programm. Die Basswiedergabe südwärts von 195 Hertz bestellen zwei Accuton-220 mm-Tieftöner mit Sandwichkeramik-Membranen und – wie sollte es anders ein – starken Neodymantrieben, die auf dem OVO-Gehäuse so positioniert sind, dass sich deren mechanische Kraftweinwirkungen auf das Gehäuse ausgleichen sollen.

Audyn, Dueland, Mundorf: Die highendigen Massivfolienkondensatoren auf der Frequenzweiche der AudiaZ Opera Riva Diamond kommen für den Hochton sogar in Reinsilberausführung zum Zug, dazu gesellen sich unter anderem Metallfolienwiderstände für den Mittel- und Hochtonbereich
Die vier Edeltreiber netzwerken standesgemäß über eine Innenverkabelung aus massiven Reinsilberleitern in Flachbandkabelgeometrie, die von einem Dielektrikum aus extrudiertem Teflon genau definiert auf Abstand voneinander gehalten werden. Und logo: Wer so akribisch entwickelt und kostspielig baut wie Helmuth Weber, verschwendet natürlich keine Sekunde an den Gedanken, mit Steckverbindungen zu arbeiten – sämtliche Kontakte an der Weiche und an den Treibern sind Lötverbindungen. Gut so – und leider auch bei highendigen Lautsprechern nicht immer eine Selbstverständlichkeit.

Natürlich fällt auch das Terminal der AudiaZ Opera Riva Diamond standesgemäß aus: Die Reinsilber-Polklemmen stammen von WBT
AudiaZ Opera Riva Diamond: Hörtest & Vergleiche
Eine Hommage an die Auflösung
Die AudiaZ Opera Riva Diamond sind wahrlich keine alltäglichen Lautsprecher. Da will ich nicht mal so einfach ratzfatz in den Hörparcours einreiten, sondern Sie, liebe Leser, zunächst einmal fragen: Wie halten Sie’s denn mit der Auflösung? Zu einer plastischen Räumlichkeit sagen Sie doch bestimmt ohne zu überlegen: „Ja“. Und bestimmt ebenso zu einer packenden Dynamik. Aber eine hohe Auflösung … puh, wird das nicht anstrengend?
Ja, ich weiß, die Themen Präzision und Transparenz werden auch in einigen fairaudio-Testberichten eher nur mit Handschuhen angefasst. Denn wer mag es schon „seziererisch“, „analytisch“, „hart“, „silbrig“ oder „hell“? Wobei: Was ist denn schlecht daran, wenn Musik möglichst feinsinnig, reichhaltig und detailgetreu dargestellt wird? Wenn deren subtile Bestandteile nicht aufgrund mangelnden Feinsinns „quantisiert“ werden? Nichts. Das Problem liegt eher darin, dass Präzision und eine hohe Auflösung oft nur vorgegaukelt werden.
Nichts ist angenehmer für die Augen als eine feinpixelige Fotoaufnahme – und nichts kann schlimmer aussehen als ein Bild, das in Photoshop die Automatisch-schärfen-Taste über sich ergehen lassen musste, ohne dass echte Informationen dazukommen. Und ebenso täuschen hell oder attackbetont hart klingende Lautsprecher Auflösung nur vor, sie dichten hinzu. Echte Auflösung ist hingegen die Abwesenheit von Störungen und Verlusten bei der Signalübertragung. By the way: Gute Netzteile oder Filter wirken ganz nebenbei übrigens häufig in eine ähnliche Richtung. Wer kann dazu schon „Nein“ sagen?
Detailarbeit der Weltklasse
Schluss mit allen Vorüberlegungen und kopfüber in medias res: In Sachen Auflösung sind die AudiaZ Opera Riva Diamond wohl nichts weniger als „State of the Art“. Ich erinnere mich noch gut, als ich Helmuth Weber zuliebe nach Anlieferung und Aufbau der Lautsprecher ausgerechnet Til Brönner via Qobuz trompeten ließ und für einen Moment dachte, meine gerade noch zuvor gehörten Wilson SabrinaX könnten defekt sein. Waren und sind sie natürlich nicht. Doch gegen den feinen Obertonglanz, gegen die feinen Texturen, die die AudiaZ Opera Riva Diamond solchen Blasinstrumenten entlocken, führen meine hochgeschätzten Sabrina tatsächlich den vergleichsweise deutlich dickeren Pinselstrich.
Natürlich gilt das auch für die Wiedergabe von Becken, Hi-Hats, elektronischen Effekten oder Stimmen. Wobei ich hier noch nicht auf die generellen Qualitäten der Stimmwiedergabe der AudiaZ Opera Riva Diamond abstellen möchte, sondern zunächst ausschließlich auf die filigranen und sehr reinen Obertonstrukturen in den oberen Lagen, die dazu führen, dass selbst grenzwertige Aufnahmequalitäten stärker faszinieren – und weniger wehtun:
John Frusciante, vielen als Gitarrist der Red Hot Chili Peppers bekannt, hat bei mir vor allem wegen seiner Soloalben einen Stein im Brett, einer meiner absoluten Lieblingsgitarristen. Seine Aufnahmen entstanden wohl häufiger zu Hause und in Eigenregie, so vielleicht auch das Album Shadows Collide With People. Ich weiß, dieser Satz ist etwas abgegriffen, doch die AudiaZ Opera Riva Diamond lassen mich die Tracks tatsächlich neu entdecken. Interessanterweise muten die Klangfarben von Frusciantes kehliger Stimme, die ich fast so spannend wie seine Gitarre finde, charakteristischer, markanter und charismatischer an, als ich es bisher je erlebte. Und gleichzeitig nehme ich ein höheres Maß an Stressfreiheit, an Geschmeidigkeit wahr, so als würden jetzt zahlreichere und feinere Pixel das Klangbild der nicht gerade audiophil eingefangenen Stücke glätten.
Diese Zunahme an Seidigkeit, diese Freundlichkeit auch gegenüber schlechten Aufnahmequalitäten (und ich habe viele davon), ist bei hochauflösenden Lautsprechern keine Selbstverständlichkeit und habe ich beispielsweise auch bei der 800 Serie Diamond von Bowers & Wilkins (etwa die B&W 805 D4), der ich einen Weltklassehochton attestierte, in dieser Form nicht erlebt. Auch die AudiaZ Cadenza können hier nicht mithalten. Ich könnte Ihnen jetzt noch mehrere Testalben unter die Nase reiben und schreiben, welche noch so subtilen Details die AudiaZ Opera Riva Diamond offenbaren, doch solche „zählbaren“ oder „greifbaren“ Details – seien sie noch so tief in der Musik vergraben – machen sie derart mit links hörbar, dass es schon beinahe trivial erscheint. Und auch Sie, liebe Leser, mutieren beim Hören mit den AudiaZ bestimmt nicht zum buchhalterischen Analytiker, sondern werden sich vielmehr an dem neuen, ebenso reichhaltigen wie seidigen Flair erfreuen, der in Ihrem Hörzimmer Einzug hält – und dem selbst der feinste Raumhall von Stimmen dazu dient, die Illusion von Echtheit zu steigern.
Über kleine Wellenlängen …

Die Schallawand der AudiaZ Opera Riva Diamond für die Mittelhochtoneinheit ist in einem Winkel von 11 Grad geneigt
Im Grunde sind die obigen Absätze nicht nur eine Abhandlung zur Auflösung, sondern en passant auch zum Hochton – klar, je kürzer die Wellenlänge, desto feiner die transportierte Information. Ganz kurz aber noch: Dass ich den Hochton als maßstabssetzend feinpixelig-seidig und schön luftig ansehe, schimmert oben wohl mehr als nur durch. Aber: Die AudiaZ Opera Riva Diamond wirken auf mich nicht so, als ob sie bewusst Glanzlichter im Superhochton setzen möchten. Ich meine, da gibt es Lautsprecher, die nach ganz, ganz oben heraus noch straighter und noch luftiger durchziehen, auch die B&W 800 Serie Diamond habe ich so in Erinnerung. Ein Zug der AudiaZ Opera Riva Diamond, den man wohl unter Geschmacksache abheften kann, zumal er einem wirklich nur dann in den Sinn kommt, wenn man vergleicht und ein Faible für einen besonders oder betont schillernden Klang hat, den der eine oder andere dann vielleicht auch schon wieder als „too much“ empfindet.
Kurzum: Ich selbst empfinde den Hochton als angenehm offen. Wichtiger als die schiere (und an sich tadellose) Quantität des Superhochtons erscheint mir die extrem hohe empfundene Reinheit, die Qualität der Obertöne.
Dem Himmel entgegen: die Mittenwiedergabe

Der 90-mm-Mitteltöner der AudiaZ Opera Riva Diamond mit Keramikmembran ist der zweitteuerste Mitteltöner aus dem Accuton-Programm
Einen eigenen Charakterzug erlauben sich die AudiaZ Opera Riva Diamond dann schon eher im Mittelton. Für die freigeistige, ätherische Seite der Mitten haben sie nämlich ein etwas stärkeres Faible als für einen erdigen Grip. Bei Kasabians „Where Did All the Love Go?“ (Album: West Ryder Pauper Lunatic Asylum) merke ich, dass die Snare, aber auch die kurz eingestreute Ratsche oder hintergründig gesetzte Gitarrenakkorde stärker von ihren Obertonstrukturen leben als von ihrem Grundtonkörper. Die Mitten der AudiaZ betören durch außergewöhnliche Reinheit, Obertonreichtum, Luzidität – nicht in erster Linie durch Sonorität oder Vollmundigkeit, wie man sie etwa an manchen englischen Lautsprecherklassikern schätzt. Komplexität und Durchblick schlagen Physis, könnte man mit Blick auf die Opera sagen.
Je nach Tonlage stehen bei manchen Stücken daher feindynamische Prozesse gegenüber gröberen Impulsen aus den unteren Mitten etwas stärker im Vordergrund, wenngleich die „Schnelligkeit“ der Umsetzung hüben wie drüben nur als „maximal ansatzlos“ beschrieben werden kann. Wohlgemerkt: Die AudiaZ Opera Riva Diamond gehen hierbei keineswegs ostentativ zu Werke; feindynamisch tönen sie vielmehr so mühelos, als ginge es hier um kein Qualitätskriterium, sondern um eine schnöde Selbstverständlichkeit. Feindynamik „passiert“ einfach – und das nahezu perfekt.
Das Wesen von Highend
Trotz der faszinierenden Transparenz der Mitten fehlt von unbotmäßigen Härten oder sonstigen pseudoauflösungsbedingten Schweinereien jegliche Spur. Hören Sie sich mal ein Stück mit auf den ersten Blick eher suboptimaler Aufnahmequalität wie Radioheads Akustikversion des Hits „Creep“ (My Iron Lung) an, das auf vielen highendigen, aber nach meinem Dafürhalten unausgegorenen Anlagen sicherlich fürchterlich, weil zu hart und ungeschliffen klingt. Aber genau diese Direktheit, die unbereinigten, livehaftigen Störgeräusche, ja: die Chichi-freie Akustik, die quasi auf der nackten Felge fährt, unterstützen die unglaubliche Emotionalität und Inbrunst, die Thom Yorkes Stimme und die auf der Westerngitarre gedroschenen Akkorde entfalten.
Über die AudiaZ Opera Riva Diamond offenbart sich geradezu das Wesen von Highend: Nämlich nicht nur hochpoliert-audiophiles Feen-Plingpling eins zu eins durchreichen zu können, sondern Echtheit zu zelebrieren: Gedanken an ein abgeschrammeltes Plektrum aufkommen zu lassen, an Schweiß, an Spucke, an entrückte Gesichtszüge, an verkratztes Gitarrenholz und malträtierte, korrodierte Saiten. Ich habe diesen Track noch nie so feinsinnig aufgelöst (facettenreich plus härtefrei-seidig) und dynamisch packend gehört wie mit den AudiaZ Opera Riva Diamond. Klar, macht das Stück auch mit meinen Wilson SabrinaX extremen Spaß, ich liebe deren reine, weder zu helle noch pappige Klangfarben und die lockere Fluidität der Mitten – aber diesen subtilen Detailreichtum, der das Stück zugleich zu entgraten scheint, und diese eindringliche Dynamik vermitteln mir meine SabrinaX selbst in den Mitten nicht; sie klingen einen Tick braver, weniger entfesselt.
Die einzigen Lautsprecher, die in Sachen „Livehaftigkeit“ in der gleichen Liga spielen und überdies meinen Hörraum beehrten, sind die Airtech ATS01, die mir seinerzeit einen Heidenspaß machten – eine meiner schönsten Erinnerungen an Lautsprecher überhaupt. Klar, ein komplett anderes Konzept, aber dennoch kein Apfel-Birnen-Vergleich, wie ich finde, denn auch die Airtech setzen im Hinblick auf Auflösung und Dynamik Maßstäbe, lieben eher die oberen Mitten – sind aber unterm Strich dennoch einen Tick erdiger, in Gänze vielleicht noch „rockiger“ und weniger ätherisch unterwegs als die vergleichsweise etwas seidigeren, eleganteren AudiaZ. Reine Geschmackssache, wie so oft, wie gut, dass fairaudio keine Klangpunkte vergibt.
Charakterstark: die Basswiedergabe

Schafft zusätzliche Masse und Gehäusestabilität: die Stahlbodenplatte der AudiaZ Opera Riva Diamond mit einem Auslass für das südwärts abstrahlende Bassreflexsystem. Die Tuningfrequenz des Bassreflexsystems liegt bei schon ziemlich tiefen 22 Hz. Die seitlichen Basstreiber arbeiten bis etwa 195 Hertz, bevor sie an den Mitteltöner abgeben
Und witzigerweise haben sich sowohl die Entwickler bei Airtech wie auch Helmuth Weber von AudiaZ einige – wenn auch anders gelagerte – Freiheitsgrade im Bass erlaubt. Irgendwo im Mittelbass der AudiaZ Opera Riva Diamond findet sich eine kleine Anhebung, die so dezent ausfällt, dass sie einem womöglich nicht mal sofort ins Ohr fällt und schon gar nicht aufdringlich wirkt, dennoch zumindest für eine unterschwellig gesteigerte Voluminösität und Autorität sorgt, die man auch als „angenehme Wärme von unten“ auffassen mag.
Das Ganze geht aber nicht so weit wie beispielsweise bei meinen ehemaligen Spendor SP100R², die mit diesem Zug ja bewusst kokettierten. Und klar, was Tiefgang und Bassdruck angeht, klingen die AudiaZ schon merklich größer, hubraumstärker als die AudiaZ Cadenza und auch meine Wilson SabrinaX. Letztere kontern wiederum mit einem Bass, der extrem direkt am Gas hängt und sehr unverschleppt tönt. Zur Bassqualität der AudiaZ heißt es in meinen Notizen: „nicht betont sportlich-knallig, aber auch nicht weich, eher elegant und mit schöner Schwärze“. Die Airtech hatten sogar noch eine größere Tendenz zum Spaßbass, faszinierten dabei mit ihrem noch besseren Timing.
Die AudiaZ bieten unterm Strich einen Bass, den ich als rechtschaffenen Erfüllungsgehilfen ihrer eigentlichen Hochbegabungen (siehe oben) ansehe. Er lässt sich nichts zuschulden kommen, dürfte aber „an sich“ meist nicht der maßgebliche Grund sein, warum man sich so einen Lautsprecher kauft. Große, aber vergleichsweise preiswertere Standlautsprecher von Sehring (900er-Serie), Nubert (nuVero) oder natürlich (teil)aktive Konzepte wie die Abacus Horn haben quantitativ und qualitativ unterm Strich sicherlich nicht das Nachsehen – und sind ebenfalls für Räume auch über 30 Quadratmeter gut, pegelseitig ebenso für orgiastischere Partys.
Ein Ass im Bass
Doch halt, was rede ich: Auch im Tiefton haben die AudiaZ Opera Riva Diamond noch ein echtes Ass im Ärmel. Denn wie die AudiaZ zum Beispiel einzelne Bassdrum-Schläge des legendären Jaki Liebezeit in einigen älteren, aber gut aufgenommenen Tracks von Can mit Luft „drumherum“ und Rauminformationen anreichern, sodass man nicht nur einfach einen trocken konturierten Beat hört, sondern diesem tatsächlich etwas Atmendes und Plastisches anhaftet, ist eine große Stärke der AudiaZ. Selbst im Vergleich zu allen anderen genannten Lautsprechern in diesem Test. Klar, da spielt physikalisch die tolle Obertonperformance des Hochtöners mit hinein, hörpraktisch gibt das aber Extrapunkte für den Bass.
Selbst bei elektronischen Bassdrums wie in Black Affairs „P.P.P.“ (Album: Pleasure Pressure Point) fällt mir dieses Talent bereits in den ersten Takten sofort ins Ohr: Die synthetischen Rauminformationen, der künstliche Hall suggerieren tatsächlich den Eindruck, als entstammten die dicht aneinandergereihten Beat-Pakete nicht einem technischen Medium wie einem Lautsprecher, sondern entstünden unmittelbar in meinem Hörraum. Das realistische Sustain der wuchtigen Beats von Drummer Mac McNeilly in The Jesus Lizards „7 vs. 8“ (Album: Head) entfesselt zusammen mit dem Druck, den die AudiaZ untenrum freisetzen können, eine Liveenergie, dass ich mich bei hohen Pegeln biertrinkend in einem alten Kreuzberger Kellerclub wähne. Großartig. Leider habe ich das Konzert dieser Post-Hardcore-Pioniere im Mai verpasst, wofür ich mir immer noch in den Allerwertesten beißen könnte.
Freie Platzwahl (fast) – die Räumlichkeit

Die Mittelhochtoneinheiten der AudiaZ Opera Riva Diamond liefern ein hörbar homogenes Rundstrahlverhalten
Die räumliche Ortungsschärfe der AudiaZ Opera Riva Diamond kann man zwar mittels Basisbreite der Lautsprecher beeinflussen (enger = präziser, größer = großzügiger), dennoch wird man je nach Hörraumakustik, die bekanntlich das Verhältnis von Diffusschall und Direktschall maßgeblich bestimmt, eher von einer weitläufigen Wall of Sound beglückt als von einem monitoresken Abbildungsraster. Natürlich bleiben mit den AudiaZ alle Instrumente auf ihren Plätzen, dennoch virtualisiert sich keine punktgenaue Ortungsschärfe, wie sie etwa kleine Monitore im Nahfeld liefern.
Die Abbildung von Stimmen in der Stereomitte gelingt hingegen ganz vorzüglich, und durch die hochakkurate Obertonwiedergabe, die freilich auch Hallanteile beziehungsweise Rauminformationen umfasst, mutet Gesang – wir hatten das oben schon angerissen – mustergültig freigestellt und „atmend“ an. Eine besondere Stärke der AudiaZ, die sie ja auch schon bei der Wiedergabe von Bassdrum-Impulsen ausspielten – hier toppen sie auch meine zudem etwas kleinformatiger abbildenden Wilson SabrinaX, die wiederum mit besserer Ortungsschärfe gegenhalten.

Die höhenjustierbaren Metallfüße gehören zum Lieferumfang der AudiaZ Opera Riva Diamond. Wie bei jedem Lautsprecher gilt: Unbedingt auf „kippelfreien“ Stand achten
Die herrlich vereinnahmende, sich bestens von den Lautsprechern Richtung Hörplatz lösende Wall of Sound lässt sich auch jenseits der Sofamitte genießen: Um in die Musik involviert einzutauchen, braucht es keinen exakten Sweetspot. Die Weitläufigkeit der Abbildung, bedingt durch das breite Abstrahlverhalten der AudiaZ, hat etwas Immersives, auch die Bühnenhöhe gerät überdurchschnittlich. Wer gerne „klangbadet“, wird das extrem schätzen, einen motivierenderen Bademeister wird man kaum finden – abermals fühle ich mich an die ebenfalls großformatig abbildende Airtech ATS01 erinnert.
In diesem Kontext fällt mir das lesenswerte „White Paper for Hi-Fi Listening Rooms“ des portugiesischen Raumakustikspezialisten Vicoustic ein, dessen Konzept unser Kollege Martin Mertens bereits im eigenen Hörraum antesten durfte. Die Ausführungen über frühe Reflektionen im Hörraum decken sich generell mit meinen Erfahrungen, die die AudiaZ Opera Riva Diamond abermals bestärken: Wer vornehmlich Klassik oder atmosphärische Musik mit nicht allzu schneller, wenig dichter Rhythmik hört, schätzt öfter eher einen stärkeren Anteil früher Reflektionen, der von Lautsprechern mit solch gutem Rundstrahlverhalten wie den AudiaZ natürlich befördert wird. Und so fühle ich mich mit klassischen Stücken, pathetischem Neofolk oder spacigen Experimentalklängen à la The Legendary Pink Dots so pudelwohl, dass ich mir mit Blick auf die Bühnenabbildung nichts anderes wünsche. Bei Frickelmetal oder hektisch pulsierendem Elektro schätze ich hingegen eher den strengeren Fokus guter Studiomonitore im Nahfeld. Man kann nicht alles haben.
Test: AudiaZ Opera Riva Diamond | Standlautsprecher







