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Audeze iSine 20: hören & vergleichen

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  1. 2 Audeze iSine 20: hören & vergleichen

Audeze iSine20 Ohrteile Makro 2Was sehr gut die wohl wichtigste Eigenschaft der Audeze iSine 20 zusammenfasst: Ich kenne keine In-Ears, bei denen ich so sehr das Gefühl habe, nicht über Kopfhörer, sondern eher wie über Lautsprecher abzuhören. Na, wenn das mal kein Kompliment ist! Das hat nicht nur etwas mit der akustischen Durchlässigkeit zu tun, sondern auch mit „Sekundäreigenschaften“. So ist die Ortbarkeit von Signalen so gut wie bei keinem anderen mir bekannten In-Ear-Hörer. Die „Stapelung“ bzw. Überlagerung von Signalen auf der linken und rechten Seite bleibt aus. Genauso muss man keine allzu starke Im-Kopf-Lokalisation mittig positionierter Anteile der Musikmischung ertragen. Die Abbildung der Bühne ist also in gleichmäßiger, originalgetreuer Art von links nach rechts, mittige Signale werden eher vor dem Kopf als im Kopf dargestellt.

Leider stand mir während des Testzeitraums kein Headphoneamp mit Crossover-Regelung zur Verfügung. Der SPL Phonitor beispielsweise erlaubt es, linken und rechten Kanal leicht miteinander zu vermischen, um dadurch (vor allem bei geschlossenen Kopfhörern und In-Ears) den „fehlenden“ Schallanteil des linken Lautsprechers zum rechten Ohr und umgekehrt zu ergänzen. Ich konnte das aber mit dem Audio-Produktionsprogramm Apple Logic Pro X durchführen, was meine Begeisterung über die eh schon hervorragende Bühnendarstellung der Audeze iSine 20 noch weiter anstiegen ließ. Das knallige Dead South-Album Good Company ist nicht nur ein schön ehrliches und bodenständiges American-Folk-Spektakel mit Bluegrass-Instrumenten wie Banjo und Fiddel, sondern ist auch hervorragend dafür geeignet, räumliche Positionen zu überprüfen. Das Banjo in „Long Gone“ ist hart rechts positioniert, aber dennoch mit einer realistischen Breite bzw. Körperausdehnung dargestellt. Jedenfalls zeigen das vernünftige Lautsprecher – und fein austarierte Kopfhörer wie der Audeze iSine20. Auf allen gegengehörten dynamischen Hörern hingegen wird das Instrument zur punktförmigen Schallquelle degradiert. Und das schließt auch offene Over-Ears wie die AKG D-240DF mit ein. Wow.

Audeze iSine20Die Tiefe der klanglichen Bühne lässt sich oftmals anhand gut gestaffelter Klassikaufnahmen beurteilen. Nach etwas Kramerei unter anderem zwischen Alfred Schnittke, Arnold Schönberg, Benjamin Frankel und Bartók ist es schließlich Gloria Coates, die mit den Noten zu „Homage to Van Gogh“ ihr Genie unter Beweis stellen darf. Das Musiva-viva-ensemble Dresden unter der Leitung von Jürgen Wirrmann konnte auf dem Label cpo eine sehr gut gespielte und klingende Aufnahme davon veröffentlichen. Ganz besonders gelungen ist das Stück auch deshalb, weil es dem menschlichen Gehör ein feines Schnippchen zu schlagen vermag (bei weiterem Interesse: Das Stichwort lautet „Shepard-Töne“). Die sich stetig verbiegenden Streicher tönen beispielsweise auf Beyerdynamics Custom One und den Apple Earbuds sehr diffus, die Audeze vermitteln sie hingegen vergleichsweise greifbar und dadurch nachvollziehbarer, zudem liefern sie eine klar erkennbare räumliche Struktur mit einer Bühne, die ein klares „Vorne“ und ein deutliches „Hinten“ suggeriert, definiert durch die Tiefe des Raumes.

meanwhile-in-mexicoAber auch ein Album wie „Rosengrantz and Guildenstern are Deaf“ (auf Amazon ansehen) der griechischen Surf-Rock-Band „Meanwhile in Mexico“ (diese Kombination kann man sich nicht ausdenken, oder?) kann seine Trümpfe dadurch richtig ausspielen: Die Gitarre bekommt eine enorme Tiefe und ein großes Volumen (und lässt dadurch den schwach klingenden 90er-Jahre-Drumsound leider auffällig platt wirken.

Eine detailstarke, gut ortbare Wiedergabe mit klarer Vorne-Hinten-Ortung ist nur möglich, wenn weitere wichtige Parameter mitspielen, vor allem die Mikrodynamik. Was Impulstreue angeht, sind bislang alle, wirklich alle Wiedergabesysteme, die ich jemals direkt vergleichen konnte, an meinen Stax SRS-2170 gescheitert. Und Audezes Magnetostaten gegen die Elektrostaten aus Japan? Nun: auch. Allerdings, das muss ich der Fairness halber sagen, sind sie nicht unbedingt „gescheitert“, sondern nur ein wenig runder und verschmierender, können nichtsdestotrotz aber selbst gegen sehr schnelle Dynamikkopfhörer à la Audio-Technica ATH-R70x oder AKG K712 Pro anstinken. Wenn Sie bislang nur „normale“ In-Ears gehört haben, so wird für Sie an dieser Stelle wahrscheinlich die Sonne aufgehen …

out-of-seasonEs gibt kaum ein andreres Stimmensignal, dessen Obertonstruktur mir so bekannt ist wie das von Portishead-Sängerin Beth Gibbons auf dem gemeinsam mit Rustin‘ Man entstandenen Album Out of Season (auf Amazon anhören). Die unfassbar feinfühlig und hervorragend klingende Platte geht besonders dann unter die Haut, wenn man die gehaltvoll und komplex klingenden Strömungsgeräusche der Stimme sehr differenziert auseinanderhalten kann. Man scheint der armen Beth förmlich zusehen zu können, wie sie vergrämt und wie ein Häufchen Elend auf dem Boden kauert. Die Höhen sind perfekt austariert auf der Ausnahme, es sticht nie etwas heraus, nichts beißt, zwackt, nichts ist zu platt. Und genau so gehen auch die Audeze zu Werke. Mich beschleicht Demut vor Beth, ihrem besten Album – und den Audeze iSine 20.

brown-sabbathEine meiner Lieblingsbands ist Black Sabbath – die texanische Combo Brown Sabbath (auf Amazon anhören) liefert hingegen eine der ulkigsten und partytauglichsten Interpretationen der Engländer, gefertigt mit dem nötigen Respekt und, was deutlich wichtiger ist, einem offenkundig wirklichen Verständnis für die gespielten Stücke. Brownout presents Brown Sabbath beginnt auch direkt mit „The Wizard“ von Black Sabbaths Erstlingswerk und haut einem knackig-funkige Bläserhits um die Ohren. Die Höhen des Albums sind für meinen Geschmack etwas zu körnig geraten, dürften gerne runder, sanfter, feingliedriger und wohliger klingen. Auf vielen Kopfhörern bekommt man davon nicht viel mit, die Audeze zeigen derartige Klangeigenschaften aber sehr schonungslos auf. Dies geschieht allerdings nicht durch einen Boost, denn die Höhen der Audeze iSine 20 spielen angenehm neutral auf, allerdings bei enorm hoher Auflösung.

Audeze iSine20 VerpackungIn den oberen Mitten gibt es häufig eine Gratwanderung zwischen Indirektheit und Bissigkeit, was sich vor allem an Sprachproduktionen erkennen lässt. Und was wäre besser geeignet, als dafür eine von mir bereits in sehr jungen Jahren gehörte Hörspielproduktion zu nutzen, die obendrein noch eine Namensverwandtschaft zu unseren Probanden aufweist? Die Irrfahrten des Odysseus, eine klassische Europa-Hörspielproduktion mit illustrer Sprecherbesetzung (unter anderem der unvergleichliche, unverkennbare und unnachahmliche Hans Paetsch) konnte ich einst auswendig mitsprechen, so begeistert war ich davon. Wenn Sie kurz lachen wollen: Ich dachte doch tatsächlich als Kind, dass die Odyssee von meinem Vater geschrieben wurde. Schließlich ist er Grieche, schreibt Bücher und heißt „Homer“ mit Vornamen. Aber die Welt ist wohl doch etwas größer und Zeiträume etwas anders, als man es sich im kindlichen Kopf zusammenreimt. Das Hörspiel, anders als viele heutige offenkundig von sehr erfahrenen Tontechnikern erstellt und begleitet, mit hochwertigen deutschen oder österreichischen Kondensatormikrofonen aufgenommen und nicht unter immensem Zeitdruck produziert, zeigt keine großen Probleme im Hochmittenbereich. So lässt sich mit den iSine 20 immer eine angenehme Abhörlautstärke finden, die auch mal so hoch sein darf, Umgebungsgeräusche zu überdecken, nichtsdestotrotz niemals im Gehörgang zwackt. Ja, die Audeze iSine 20 sind perfekt austariert!

Ennio-MorriconeEtwas weiter unten im Frequenzspektrum, in den Tiefmitten, darf Ennio Morricone mit dem Soundtrack zu Città Violenta auftrumpfen (auf Amazon anhören). Dort geben tiefe Klaviersaiten eine einfache Melodie mit einer immer wiederkehrenden kleinen Terz auf den Grundton sowie einem Tritonus als höchstem Intervall die einfache, aber spannungsgeladene Melodie vor, die dann von anderen Instrumenten aufgegriffen wird und sich durch das gesamte Album und natürlich den ganzen Film zieht. So sehr ich mich auch bemühe, ich finde nichts, um daran herumzumeckern. Gerade bei den Doppelungen ringen sich viele Wiedergabesysteme dabei ab, nicht ins Schwimmen zu geraten und konkret zu bleiben. Für die Audeze ist das alles kein Problem, sie zeichnen die Tiefmitten sogar konturierter als alle gegengehörten Dynamiker, auch als die hervorragenden ATH-R70x von Audio-Technica.

Wer kennt Aux armes et cetera von Serge Gainsbourg? Das 79er-Reggae-Album des ketterauchenden Troubadours ist typisch jamaikanisch mit einem runden, erdigen und insbesondere tiefen Bass ausgestattet, der für die richtigen „Vibrations“ sorgen soll. Bei geschlossenen Kopfhörersystemen sorgt das allerdings gerne mal für ein Druckkammergefühl im Gehörgang. Die iSine 20 spielen dagegen trocken, akkurat und unbeeindruckt. Und auch noch weiter unten im Subbassbereich zeigen das Pedalwerk einer selbsterstellten Orgelaufnahme und die perfekt austarierte Dosen-Bassdrum auf Underworlds „Pearl’s Girl“ (Album: Second Toughest In The Infants), dass unsere Probanden auch dort nicht nur „ganz gut“, sondern einfach umwerfend sind.

Natürlich kann der Audeze iSine 20 nur so gut wiedergeben, wie die vorherige Kette es ermöglicht. Doch ob analog an eher einfachen HP-Amps von Mobilgeräten (Smartphones von Apple und Samsung), an iOS-Tablets, mobilen wie stationären Apple-Rechnern, einfachen Audio-Interfaces oder auch hochwertigen, spezialisierten D/A-Wandlern und Kopfhörerverstärkern (Lavry, ifi, Shure, Fostex) und top-notch Pro-Audio-Equipment (HAPI von Merging Technologies): Die iSine 20 zeigen sich unprätentiös. Für den Mobilbetrieb ideal ist die Anbindung über den Lightning-Port eines iOS-Geräts mit dem mitgelieferten Cipher-Kabel. Der stationäre Analogbetrieb der Audezes funktioniert aber ebenfalls sehr gut.

Audeze iSine20 In-Ear

Test: Audeze iSine 20 | Kopfhörer

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