Billboard
Phonosophie

Audeze EL-8 und Audeze Deckard im Soundcheck

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Audeze EL-8 und Audeze Deckard im Soundcheck

Audeze EL-8 Okrpolster

Ob die neuen Treiber die typischen Stärken der mir bekannten Audeze-Kopfhörer beibehalten haben, teste ich zunächst mit Edgar Winters Album Winter Blues. Das Intro des ersten Songs „Good Ol’ Shoe“ beginnt mit Gitarrenunterstützung. Bereits in diesem Moment wirft einen der Audeze mitten ins Geschehen. Man fühlt sich von Anfang an involviert, ohne dass die Musik sich im Kopf abspielt. Legt die Band dann nach einer Minute los, wird dieser Eindruck nur noch verstärkt. Die einzelnen Instrumente, edgar winterteilweise stark einseitig gemixt, sind auch klar in dieser Konstellation wahrnehmbar, setzten sich jedoch trotz dieser Auffälligkeit nie in den Vordergrund.

Konzentriert man sich entsprechend, lässt sich jedes Instrument eindeutig mit all seinen Aufnahmedetails verfolgen, entspannt man sich wiederum, wirkt die Musik kohärent. Im Gegensatz zu einer leicht verwaschenen Homogenität ist hier jedoch jedes Detail scharf umrissen – ein bisschen wie ein gestochen scharfes Foto mit vielen Details. Keines dieser Details zieht das Auge allein auf sich, jedes für sich ist nichtsdestotrotz ganz klar erkennbar. Insofern sicherlich ein Erlebnis, welches ebenso auf einen ausgewogenen Mix der Aufnahme hindeutet.

Dynamisch ist der Audeze EL-8 eine Wucht! Leise Nuancen, krachiges Schlagzeug – alles wird mit der richtigen Intensität wiedergegeben. Und das auch bei dichter Musik über den gesamten Frequenzbereich zugleich. Während bei dynamischen Hörern der Mitteltonbereich manchmal zu schwächeln beginnt, wenn die Treiber mit den Bässen beschäftigt sind, schüttelt der Audeze dies einfach aus dem Ärmel. Ich habe momentan keinen LCD hier zum Vergleich, würde aber behaupten, dass diese weiterhin die Nase vorn haben; gegenüber den meisten dynamischen Hörern allerdings ist der Audeze EL-8 (ironischerweise) der klare Sieger in puncto Dynamik und Tieftonpräzision.

Audeze Deckard Seite

Nach der bluesigen Einstimmung habe ich mit einem meiner musikalischen Neuzugänge getestet. Das neue Album Rub der Wahlberlinerin Peaches. Wer ihre Musik kennt, weiß, dass es dort etwas derber zugeht, sowohl textlich als auch musikalisch – von daher schon einmal Vorwarnung.

Unter anderem werden hier überbordende Synthiebässe mit verzerrter Stimme gemischt – und genau so stellt es der Audeze EL-8 auch dar. Im Bassbereich dickt er nicht ansatzweise auf – spielt aber druckvoll bis in die tiefsten Lagen. Hier zeigt sich wieder der große Vorteil der Magnetostaten gegenüber dem dynamischen Lager – letztgenannten geht hier einfach die Puste aus. Dabei spielt der Audeze EL-8 jedoch schlanker als die LCD-Hörer. Im kurzen Quervergleich zum offenen EL-8 fiel auf, dass die beiden im Bass nahezu identisch spielen. Während geschlossene dynamische Hörer meist etwas mehr Druck peachesaufbauen als offene dynamische Modelle, scheinen die Audezes hier unbeeinflusst. Die Bassqualität ist bei beiden Modellen auf dem gleichen, sehr hohen Niveau.

Die verzerrte Stimme zeigt der Audeze EL-8 ebenfalls – und zwar deutlich. Hier wird nichts geschönt. Das sorgt einerseits für eine markante Untermalung der der Musik innewohnenden Aggressivität, sorgt aber bei weniger hochwertigen Aufnahmen auch für eine entsprechend deutliche Präsentation ihrer minderen Qualität. Der EL-8 verzeiht wenig Fehler. Ein LCD-2 tendiert im Grunde in eine ähnliche Richtung, geht aber bei der Präsentation etwas „charmanter“ zur Sache und mildert so den Eindruck etwas ab. Der Umkehrschluss gilt aber auch: Bei entsprechend gutem Ausgangsmaterial zeigt der EL-8 jede Nuance der Aufnahmen und lebt förmlich auf.

Audeze EL-8 Bügelverstellung

Besonders fasziniert war ich von der Räumlichkeit des geschlossenen Audeze EL-8, ist dies doch typischerweise ein Manko im Vergleich zu offenen Modellen. Doch auch hier verhalten sich die beiden Audeze EL-8 sehr ähnlich. Beide liefern „von Haus aus“ eine gewisse Distanziertheit, die dafür sorgt, dass die Instrumente jeder Aufnahme in einem angenehmen Abstand dargestellt werden. Ist eine natürliche Räumlichkeit in der Aufnahme vorhanden, erreicht der geschlossene EL-8 eine sehr gute Staffelung und Ortbarkeit – eine ordentliche Verstärkung vorausgesetzt. Doch dazu später mehr.

pj harveyDiese Distanziertheit raubt bei einem meiner Lieblings-Kopfhörer-Alben aber auch ein klein wenig Spaß. PJ Harveys „Rid Of Me“ lebt von den plötzlichen Wechseln aus ruhigen, spannungsgeladenen und absolut ausgelassenen, aggressiven Momenten, welche über Kopfhörer besonders dramatisch wirken. Während die dynamischen Qualitäten hier erneut überzeugen können, werden die intimen Momente, bei denen Polly Jean einem mit einem Sennheiser HD650 oder noch extremer mit einem ohraufliegendem Grado Modell direkt ins Ohr wispert, etwas neutralisiert, da sie weiter in die Ferne rücken. Ich will damit nicht sagen, dass dies unnatürlich oder schlechter wäre, jedoch genieße ich gerade über Kopfhörern diese extreme Intimität sehr. Von daher: Meckern auf hohem Niveau – aber dort will sich der EL-8 auch bei mir platzieren.

radioheadIm Mitteltonbereich unterscheiden sich der geschlossene EL-8- und die LCD-Modelle für mich am deutlichsten. Hier erreicht das neue Modell an meinem HeadAmp GS-1 bei der Stimmwiedergabe nicht die Natürlichkeit, die ich normalerweise gewöhnt bin. Aufgefallen ist mir dies beim wunderschönen „No Surprises“ von Radioheads Album OK Computer. Während Thom Yorkes Stimme über den erwähnten GS-1, den neutralsten Verstärker in meinem System, etwas zu ätherisch daherkommt, bringen sowohl der Röhrenhybrid X-CANv3 als auch der Deckard genug Wärme in den Mitteltonbereich ein, um Thom Yorke mit dem EL-8 überzeugend im Raum zu manifestieren.

Das offene Schwestermodell tönt etwas wärmer, was unterm Strich näher an meinen Klanggewohnheiten liegt. Dennoch ergeben der geschlossene Audeze EL-8 und der Audeze Deckard für mich in den Gesamteigenschaften das beeindruckendere Gespann und hier liegt auch der Grund, warum ich mich auf ihn innerhalb dieses Berichts konzentriert habe. Während der offene EL-8 ein sehr guter Hörer ist, mit dem ich klanglich glücklich würde, spielt er sehr nah an den offenen dynamischen Kopfhörern, die ich gerne nutze. Das geschlossene Modell hingegen weist eine derartig luftige und gleichzeitig druckvolle Klangcharakteristik auf, wie ich sie bei anderen geschlossenen Kopfhörern noch nicht erlebt habe. Die Kombination aus diesem Klang und der geschlossenen Bauweise hat mich, als jemand, der schon so einige Kopfhörer in seiner „Karriere“ gehört hat, tatsächlich begeistert.

Audeze offen

Alle Hörtests bisher habe ich an der Heimanlage mit dem Audeze Deckard oder einem meiner Verstärker vorgenommen. Der Audeze EL-8 wird hingegen auch als Kopfhörer für den Mobilbetrieb vermarktet. Von der Größe her bewegt er sich hier definitiv am oberen Ende, ist nicht besonders faltbar und auch die Isolation von Außengeräuschen findet nur in geringem Maße statt. Ich würde ihn daher eher als transportablen Hörer, denn als echten Mobilhörer ansehen. Man kann ihn am Abend im Hotelzimmer auspacken und noch bei einigen Songs entspannen. Doch ruhige Zimmernachbarn vorausgesetzt, braucht es hierfür eigentlich auch kein geschlossenes Modell.

Direkt am iPhone-Kopfhörerausgang geht dem Klang definitiv etwas verloren. Die Tiefenstaffelung ist nicht mehr vorhanden, alles kommt aus einer Ebene und der Dynamikbereich des Hörers ist kleiner. Während Letzteres durch einen zwischengeschalteten Kopfhörerverstärker wieder deutlich ausgebaut werden kann, ist die Räumlichkeit über das iPhone nicht ansatzweise an den Realismus des über USB gespeisten Deckards oder des Duos aus X-DACv3 und Headamp GS-1 herangekommen.

Audeze

Während man ihn also im Hinblick auf die erzielbare Lautstärke und das Gewicht durchaus als Hörer für unterwegs einsetzen kann, büßt man dabei ohne qualitativ hochwertige Quelle hörbar Klangqualität ein. Ein portabler Kopfhörerverstärker sollte für mich mindestens dazwischen geschaltet werden (auch beim Betrieb vom Laptop).

rolling stonesDas zeigt sich für mich auch im Hochtonbereich. Hier ist der Audeze EL-8 absolut ehrlich, dabei aber im Zweifelsfall auch gnadenlos, er zeigt einem – wie oben schon erwähnt – auf, welche Aufnahmequalität man mit welcher Verstärkung hört. Beispielhaft sei hier ein älteres Album (The Rolling Stones, Now!) der Rolling Stones erwähnt – genaugenommen der Schlusssong „Surprise, Surprise“. Ja, die Mikrofonqualität war offenbar nicht die beste und das hält einem der Audeze gerne vor Ohren: Insbesondere direkt über die Soundkarte des MacBook Pro wird der Song nahezu unhörbar aufgrund unangenehmer Zischeleien. Das Ganze wandelt sich in einer besseren Kette allerdings enorm. Hänge ich den Deckard an die USB-Schnittstelle meines PCs, kann ich mitwippen und höre zwar die Unzulänglichkeit der Aufnahmequalität heraus, leide aber nicht mehr darunter.

Audeze Deckard Front

Ist man daher nicht unterwegs, hat man mit dem Deckard einen von Audeze entwickelten USB-DAC und Class-A-Verstärker an der Hand, der in meinen Augen hervorragend gerade mit dem geschlossenen EL-8 harmoniert. Während er auch das offene Modell in Sachen Auflösung und Kontrolle zur Höchstform aufspielen lässt, ergänzt sich die leichte Wärme des Deckard im Mitteltonbereich gut mit der zuvor erwähnten leicht ätherischen Spielweise des geschlossenen Modells zu einem gelungen Systemklang.

Äußerlich – um auch darauf noch kurz einzugehen – kommt der Deckard minimalistisch daher. Rückseitig gibt es einen Netzschalter, begleitet von einem RCA-Ausgang, RCA-Eingang sowie einem USB-B-Eingang. Vorne gibt es Kippschalter für die Quellwahl (RCA oder USB), den Verstärkungsfaktor (Gain High, Mid, Low) sowie den Lautstärkeregler.

Klanglich leistet sich der Deckard generell keine Ausreißer – auch nicht mit meinen dynamischen Hörern. Die leichte Wärme erwähnte ich bereits, darüber hinaus überzeugt er durch sehr geringes Ruherauschen. Lediglich im High-Gain-Modus und am Anschlag des Potis war ein leichtes Geräusch zu vernehmen.

Der Audeze Deckard vermag die Stärken der Audeze-Hörer klar zu präsentieren. Während ich per analoger Ansteuerung den Verstärker des Deckard solo testen konnte, und ihm eine sehr hohe Auflösung bescheinigen kann, erreicht der interne DAC ebenfalls Spitzenleistung bei der Auflösung, so dass die Kombination mit den beiden ja ebenfalls sehr transparenten Audeze EL-8 eine äußerst fein auflösende Kette bildet. Die auch den Bassbereich stets unter Kontrolle hält beziehungsweise den EL-8 zu dem Tieftonpräzisionsmoster werden lässt, welches ich oben beschrieben habe.

Audeze Deckard Lautstärke

Um die DAC-Section des Deckard solo zu testen, habe ich ihn zum einen per USB direkt an den Laptop geklemmt und zum anderen parallel mit meinem X-DACv3 analog gefüttert, der seine Daten optisch vom gleichen Laptop bezog. Hier sehe ich einen ganz leichten Dynamikvorteil bei meinem DAC – aber hier sprechen wir wirklich über Nuancen.

Gleichzeitig zeigt der Deckard im Analogbetrieb auch eindeutig die Qualitäten der Quelle auf – ich konnte die Unterschiede zwischen verschiedenen per RCA angeschlossen DACs ohne Probleme ausmachen.

Audeze Deckard Anschlüsse

Hinein geht’s digital per USB oder analog via RCA – und wieder hinaus mittels RCA oder frontseitiger Klinkenbuchse

Test: Audeze EL-8 und Audeze Deckard | Kopfhörer-Verstärker

  1. 2 Audeze EL-8 und Audeze Deckard im Soundcheck
Billboard
Focal