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Klangeindruck vom AKG K712 Pro

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Klangeindruck vom AKG K712 Pro

Geradezu idealtypisch vorgeführt hat mein Testgerät, warum Einspielvorgänge eben doch kein Schmu sind. Nach der Inbetriebnahme, die ich aus Neugier natürlich schnell durchgeführt habe, war ich deutlich enttäuscht. Blechern, hohl und eindimensional schien der K712 Pro, so dass ich mir schon fiese Adjektive für den Text zurechtlegen wollte. Ich habe ihn daraufhin aber über mehrere Tage mit nicht unerheblichem Pegel an meinen Synthi angeschlossen, der mit einer Art Random-Funktion unterschiedlichste Frequenzen produzieren durfte. Dass sich der Moog so aufopferungsvoll des Kopfhörers angenommen hat, macht sich bezahlt.

AKG K712 Pro
Große Worte …

Als Opener bitte ich die Brit-(Schmalz-)Popper von Embrace mit der CD The Good Will Out auf die Bühne. Das fulminante Arrangement des zweiten Songs „All You Good Good People“ auf dem Erstlingswerk stellt viele Wiedergabesysteme vor eine unlösbare Aufgabe. Streicher, Hörner, Chor, Overdrive-Gitarren streiten sich um die Aufmerksamkeit des Hörers und vermatschen auf mikrodynamisch schwächeren Kopfhörern allzu schnell. Nicht so beim K712 Pro, welcher alle Bestandteile des Mixes fein säuberlich sortiert präsentiert. Es wird direkt klar, dass der AKG Embraceeine sehr deutliche Ortung und eine klar auszumachende Tiefenstaffelung mit einer enorm guten Impulswiedergabe kombiniert. Es ist erstaunlich, wie es der Kopfhörer trotz dieser schwierigen Aufgabe noch schafft, den Gesang von Danny McNamara weiterhin klar und unbeeindruckt über dem Track thronen zu lassen. Ich habe Embrace über Kopfhörer bislang nur über einen Stax-Elektrostaten und den Ultrasone ProLine 2500 so detailliert hören können, die beide für ihre Impulsfestigkeit und Auflösung bekannt sind und dafür geliebt werden. Allerdings wird auch überdeutlich, dass dynamische Kopfhörer trotz der vielen Verbesserungen der letzten Jahre prinzipbedingt immer noch unter dem Gewicht der Schwingspule leiden: Eletrostaten – und ich habe da einen der preiswerteren! – sind noch immer ein merkliches Stück feiner, schneller, frischer, akkurater. Diesbezüglich am nächsten dran an elektrostatischen Hörern sind natürlich die edelsten unter den dynamischen Wandlern, die jedoch in ähnlichen Preisgefilden beheimatet sind. So sind schon T1 von Beyerdynamic und der Sennheiser HD800 ein klein wenig besser aufgestellt, schielen jedoch auch auf deutlich mehr Scheine aus unseren Portemonnaies.

Godspeed You! Black EmperorIch setze die Nadel auf die Yanqui U.X.O. der Kanadier Godspeed You! Black Emperor, denen während der Produktion vielleicht ein Kopfhörer vom Kaliber eines K712 Pro gut getan hätte: Im Track „09-15-00 [1]“ zeichnen die Membranen des AKG recht schonungslos die etwas zu topfigen Becken und patschigen Toms der ansonsten wundervoll roh und „real“ klingenden Platte nach, wo andere Kopfhörer (manche würden sagen: glücklicherweise) verwischen. Trotz aller Transparenz und Klarheit klingen die Drums aber nicht ganz so „dengelig“, wie ich es gewohnt bin. Es wird mir zunehmend deutlich, dass der K712 Pro einen leichten „Dip“ im Schärfen- und Präsenzbereich besitzt. Das hat Vor- und Nachteile, ist aber eine Charaktereigenschaft des AKG.

Der AKG K712 musste sich Vergleichen stellen
Der AKG K712 musste sich manchem Vergleich stellen

Einer der Vorteile harmoniert perfekt mit dem eben beschriebenen Tragekomfort: Im Dauerbetrieb ist es meist der Bereich zwischen 5 und 10 kHz, der den Musikhörer eine Pause wünschen lässt. Der K712 Pro ist hier so sanft, dass diese Gefahr überhaupt nicht besteht. Ein ganzer Tonstudio-Arbeitstag mit Kopfhörern ist eigentlich undenkbar, mit dem 712 aber möglich. Wie bei so vielem im Leben gibt es zwei Seiten der Medaille. Ich komme beispielsweise auch mit Kopfhörern gut klar, die ein wenig spitzer und schärfer daherkommen. Es gibt in dieser Frage kein „besser“ oder „schlechter“, es ist schlichtweg eine Frage das Geschmacks. Schön zu wissen ist, dass der 712 Pro etwas sanfter mit dem beschriebenen Frequenzbereich umgeht als etwa mein Koss Porta Pro. Dieser offene, aufliegende Hörer aus einer deutlich geringeren Preiskategorie wirkt dort deutlich agiler, aber eben schneller anstrengend.

AKG K712 Pro

Um mich dem Thema von einer anderen Seite zu nähern, darf sich wieder Musik von CD ihren Weg bis in meine Ohren suchen. Paul Hindemiths Trauermusik, mit Torleif Thedéen als Solo-Cellist, für das schwedische BIS-Label höchst fachkundig aufgezeichnet, ist für diesen Zweck mehr als nur geeignet. Der abschließende Choral „Vor deinen Thron tret ich hiermit“ kann auf dem AKG mit einer erstaunlichen Plastizität und Feinstruktur der Klänge auftrumpfen. Die Produktion hat eine erstaunliche Luftig- und Natürlichkeit, es lassen sich die fein und akkurat gezeichneten Rückwürfe im Raum erkennen, die Ausdehnung des Klangkörpers kann man geradezu sehen. Aber tatsächlich gilt auch hier: Ein etwas direkteres Spiel könnte ich mir ebenso vorstellen. Mit etwas stärkerer Griffigkeit der oberen Mitten wäre man mehr lfred Schnittkes Concerto Grosso No. 5„dabei“. Das gilt genauso für höhere Soloinstrumente und perkussivere Klänge, wie ich anhand der Solo-Violinen und dem Cembalo im Rondo: Agitato (V) aus Alfred Schnittkes Concerto Grosso No. 5 überprüfe – wo meiner Meinung nach aber die Deutsche-Grammophon-Ausgabe (Gidon Kremer, Heinrich Schiff, Christoph von Dohnányi) von 2002 gegenüber der BIS-Aufzeichnung die Nase vorn hat. Hier will ich übrigens nicht einfach nur eine Empfehlung einstreuen, sondern sie mit großen Eimern in diesen Testbericht hineingießen: Die Aufnahme ist insgesamt hervorragend gelungen – was natürlich zu einem großen Teil der Komposition des wolgadeutschen Genies zuzuschreiben ist. Der Charakter des 712 manifestiert sich an dieser Aufnahme: Er dürfte für meinen Geschmack einen Schritt näher am Geschehen sein, kann aber ganz besonders mit der für AKG typischen Ortungsschärfe punkten.

Ein weiteres Beispiel für den Charakter des K712 Pro: The Broken Circle Breakdown macht mir mit dem AKG-Kopfhörer hier und da einen zu verhaltenen Eindruck. Diese Musik muss mittig sein, Banjos, The Broken Circle BreakdownMandolinen, Fiddel und Dobro müssen hier dengeln und knarzen. „Further On Up The Road“, ein Johnny-Cash-Cover, dürfte gerne etwas aggressiver aufspielen. Bei „If I Needed You“, bekannt durch Emmylou Harris‘ Interpretation, fällt allerdings der tolle, trockene und kurze Bass des AKG auf, anders als beim zuletzt getesteten Denon AH-GC20, der ja schließlich ein komplett anderes Konzept verfolgt. Das untere Frequenzspektrum des AKG ist recht stark ausgeprägt, wie es heute für Kopfhörer, sagen wir es ruhig, modern ist. Ein AKG K701 beispielsweise ist deutlich dünner. Ein klarer Unterschied zu dem Wust an Lifestyle-Bassmonstern da draußen ist jedoch, dass sich beim K712 Pro nie ein Druckgefühl durch den Bass einstellt.

AKG K712 Pro

Die Vocals und Instrumente des grandiosen Stückes sind mit dem AKG K712 haargenau zu beobachten, noch die kleinsten Details lassen sich observieren. Ich muss eingestehen, dass ein stärkeres Aufdrängen des Stimmduos, eine größere Nähe also, auch noch schwerer auszuhalten wäre als sowieso schon … wer den Film gesehen hat, weiß, wovon ich rede. (Einer der besten Filme, die jemals gemacht wurden, wenn man mich fragt, aber dennoch nicht einfach zu empfehlen, da er den Betrachter, sofern sich an der Stelle, an der das Herz in der Brust sein sollte, kein nasser Waschlappen, Bauschaum, Pflasterstein oder sonst etwas befindet, alles andere als fröhlich hinterlässt. Ich versuche gerade witzig zu sein, weil dieser Film es einfach überhaupt nicht ist.)

Der AKG K712 Pro fühlt sich auch bei der Arbeit wohl
Mit dem AKG K712 Pro lässt sich auch gut arbeiten

Wer hat’s gemerkt? Ich habe im letzten Absatz von „Beobachtung“ und „Observation“ gesprochen. Nun, zum einen kann man sich als Musikfreund daran ergötzen, noch jede Regung in der zum Genuss ausgewählten Produktion vorgeführt zu bekommen, zum anderen sind dies sehr gute Nachrichten für Menschen, die mit auditiver Fehlerpatrouille ihre Brötchen verdienen: Der Tontechniker ist froh über ein derartiges Werkzeug, mit dem AKG K712 Pro zeigt sich die thematische Nähe von High End HiFi zu Pro Audio, also Recording, Editing, Mixing und Mastering. Hätte mein alter Wegbegleiter, der halbgeschlossene 240DF, Augen sowie die Möglichkeit, Mimik zu erzeugen, er würde mich jetzt mit einem traurigen Hundeblick ansehen, wenn ich so etwas schreibe. Aber es stimmt: Bei AKG hat sich im Kopfhörerbau qualitativ viel getan in den letzten Jahren, der preisliche Unterschied schlägt sich darüber hinaus auch deutlich nieder.

AKG vs. AKG
AKG vs. AKG

Für hochdynamisches Material, wie etwa nur wenig oder gar nicht eingegrenzte Klassikaufnahmen, ist an Mobilgeräten die erzielbare Lautstärke für lautes Genusshören stellenweise etwas leise. Insgesamt zeigt sich der K712 Pro jedoch nicht sehr „picky“ was den Verstärker angeht; er kann seine Stärken sogar an Smartphone und Tablet demonstrieren. Voraussetzung ist allerdings, dass eventuelle softwareseitige Beschränkungen bezüglich des Pegels zurückgenommen wurden. Was für mitgelieferte Earbuds durchaus sinnvoll ist, um die Gehöre der Jugend nicht zu frühzeitig altern zu lassen, ist beim Betrieb mit dem AKG manchmal schlicht zu wenig. Wer gerne laut hört und einen ausreichend potenten Amp dafür benutzt – mir hatten besonders Lavry DA11 und ifi Audio iDSD nano gute Dienste geleistet –, der darf sich daran erfreuen, dass selbst dann eine atemberaubende Dynamik bleibt und Beißen und Schärfe im Klang so spät eintreten, dass man sicher schon zuvor im Bass bemerkt, dass man sich der technisch möglichen Grenze nähert. Der menschlichen sowieso: Ich will daran appellieren, dass jeder mit Abhörlautstärken gewissenhaft umgeht.

Test: AKG K712 Pro | Kopfhörer

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