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Die Aktivlautsprecher Abacus Mirra 10
HiFi-Test

Test: Abacus Mirra 10 | Aktivlautsprecher

Genusswerkzeug

Im Test: Abacus Mirra 10 - Aktivlautsprecher

UVP zum Testzeitpunkt: 2.790 Euro

Web: https://www.abacus-electronics.de/

Ist ein „guter“ Hifi-Lautsprecher auch ein „guter“ Studiomonitor? Und kann man mit einem wohlbeleumundeten Studiomonitor auch in der heimischen Wohnstube Spaß haben? Ich würde beide Fragen aus Erfahrung mit einem entschiedenen „Jein!“ beantworten, denn ich kenne beide Welten. Umso gespannter war ich daher auf die Abacus Mirra 10, eine aktive und recht kompakte geschlossene Zweiwegebox, die sich – zumindest Hanno Sonder von Abacus Electronics (https://www.abacus-electronics.de/) zufolge – im Studiobereich ebenso gut verkauft wie bei Heimanwendern. Doch vielleicht sage ich erst mal ein paar Takte zu dem oben erwähnten „entschiedenen Jein“ …

Skalpell oder japanisches Messer?

Die Schallwand der Abacus Mirra 10
Nüchternes Werkzeug oder Genussmittel? Zumindest kann die Abacus Mirra 10 auch Studio …

Das erste Drittel meines Berufslebens verbrachte ich in diversen Berliner Studios für Musik- und Rundfunkproduktion. In der Zeit habe ich viele Abhören kennengelernt, von „mini“ bis „gigantisch“ – zu keiner Zeit wäre ich jedoch auf die Idee gekommen, mir ernsthaft solche Lautsprecher daheim hinzustellen.

Warum? Nicht nur, weil ich mir viele der Abhören damals gar nicht hätte leisten können. Sondern vor allem, weil Monitore in erster Linie Arbeitsgeräte sind. Sie sollen unmissverständlich, nüchtern und klar ausstellen, wo der Mix nicht rund ist, wo also der Toningenieur oder Produzent „nochmal ranmuss“. Das kann manchmal schmerzhaft sein, manchmal aber auch sehr lustig: Ich erinnere mich noch an das Jahr 1997, da durfte ich eine komplexe Jazzproduktion mit sechsstimmigen Bläsersätzen betreuen – von Baritonsaxofon über Trompete und Posaune bis Flügelhorn und Querflöte war alles dabei. Ein derartig vielschichtiges Sammelsurium an akustischen Instrumenten so auszubalancieren, dass alle Instrumente gleich gut hörbar sind und keines im Mix absäuft  – das kann eine vertrackte Aufgabe sein.

Ich verrate jetzt unseren Geheimtrick: Wir haben die Bläsersätze zuerst en bloc solo gehört (also ohne Schlagzeug, Bass & Co.), und zwar auf der „Miniabhöre“: Pioneer-Autolautsprecher im Plastikgehäuse mit eingebauter Lichtorgel (Neuwert damals 99 DM bei „Saturn“)! Sie werden es nicht glauben – aber wenn es auf den Dingern gut klang, dann passte es buchstäblich überall, auch auf der allergrößten Abhöre. Und ein dritter, letzter Grund, warum ich mir (bisher) nie eine Studiolösung zuhause hinstellte: Keine von ihnen hat mich emotional richtig abgeholt, denn – sie waren eben Arbeitsgeräte. Selbst ein Chirurg möchte ja daheim beim Kochen lieber mit einem schicken japanischen Messer arbeiten und nicht mit dem Skalpell, obwohl man damit bestimmt sehr akkurat eine Sehne vom Fleisch trennen kann.

Echt!?

Die rückseitigen Anschlüsse der Abacus Mirra 10
Regler zu Pegelung des Basses und der Eingangsempfindlichkeit, ein Cinch-Input sowie ein XLR/Klinke-Kombi-Eingang – die Rückseite der Abacus Mirra 10 gibt sich pragmatisch-toolig

Genug der saumseligen Rückblicke in die Vergangenheit, ab in die Gegenwart: Inzwischen kommt es immer häufiger vor, dass sich Hifi-Freunde Studiogeräte in die Wohnung holen. Das gilt für Elektronik (man denke an die feinen Vorstufen von Funk Tonstudiotechnik, Kollege Jörg Dames schwört auf seinen MTX, oder auch an Komponenten von SPL) ebenso wie für Schallwandler – hier möchte ich beispielhaft Genelec nennen, die auch bei fairaudio schon mehrfach als sehr „heimtauglich“ befunden wurden.

Und ja, es gilt auch für den Nordenhamer Hersteller Abacus electronics, dessen Produkte in beiden Welten (Wohnzimmer und Studio) unterwegs sind – und sich hier wie dort zunehmender Beliebtheit erfreuen. Denn eines gilt nach meiner Erfahrung für alle Vertreter der Studiotechnik: Sie folgen konsequent dem No-Nonsense-Prinzip. Kein esoterischer Schnickschnack, keine Designorgien, noch dazu pragmatisch in der Anwendung: gut zugängliche Anschlussfelder, klar beschriftete Regler, Direktzugriff auf alle Funktionen statt nerviger „Parametergräber“. Daran kann nichts Schlechtes sein, oder?

Auftritt Abacus Mirra 10: ein echter, aktiver Zweiwegemonitor. „Echt“ deshalb, weil beide Exemplare eines Pärchens baugleich sind – und eben kein Master-Slave-Prinzip mit einer aktiven und einer passiven Box. Echt aber auch deshalb, weil die Endverstärkung erst nach der DSP-Frequenzweiche stattfindet.

Der rückseitige Kühlkörper der Abacus Mirra 10
Die beiden Lautsprecher eines Abacus-Mirra-10-Paares sind technisch identisch und beide mit Aktivelektronik, Kühlkörper sowie den gleichen Schnittstellen versehen

Alles im Signalfluss

Sagte ich DSP-Frequenzweiche? Jawohl! Schauen wir uns doch mal den Signalfluss näher an. Rein geht’s in die Abacus Mirra 10 analog, und zwar wahlweise symmetrisch (über eine Klinke-XLR-Combo-Buchse) oder unsymmetrisch (Cinch). Danach wird das eingehende Analogsignal in die digitale Domäne gewandelt, es durchläuft in der Folge einen DSP, wo zum einen die Tiefmittelton- und Hochtonweiche „gestellt“ wird, zum anderen werden bei der Gelegenheit Zeit- und Phasenrichtigkeit beider Wege optimiert sowie die notwendigen Entzerrungen zur Linearisierung der Treiber durchgeführt. Danach wird D/A-gewandelt, um Tiefmittelton- und Hochtonsignale analog in dedizierten Class-AB-Endstufen zu verstärken.

Proprietär motorisiert

Mit Blick auf die Leistungsverstärkung kommen natürlich die bekannten DOLIFET-Verstärkerbausteine zum Einsatz, auf die man bei Abacus besonders stolz ist, denn es handelt sich um eine Eigenentwicklung, bei der einiges anders läuft als bei anderen Verstärkern. Das zugrundeliegende technische Prinzip haben wir bei fairaudio schon mehrfach erläutert, daher möchte ich das hier nicht noch einmal wiederkäuen. Wer die Kurzfassung lesen möchte, der schaue mal bei meinem Testbericht des Abacus Electronics 60-120D Dolifet vorbei – und wer’s ein bisschen intensiver mag, der findet auf der Abacus-Homepage vertiefende Infos.

Der rückseitige Netzschalter der Abacus Mirra 10
Das sollte man bei der Aufstellung berücksichtigen: Zum Ein- und Ausschalten der Abacus Mirra 10 muss man nach hinten greifen

Kleine, aber nicht unbedeutende Randnotiz: Kürzlich konnte Abacus die Edelmanufaktur Jaeger Thelen für eine Zusammenarbeit gewinnen. Das deutsche Unternehmen fertigt ambitionierte Aktivlautsprecher mit satt fünfstelligem Preisschild – dass man der Elektronik von Abacus Electronics die Verstärkung anvertraut, ist aus meiner Sicht schon sowas wie ein Ritterschlag.

Die Treiber

Die Treiber der Abacus Mirra 10 stammen aus dem Hause Wavecor, ein in China fertigender Anbieter, der sich in den 20 Jahren seines Bestehens einen guten Ruf für ebenso bezahlbare wie fein klingende Lautsprecher aufgebaut hat und mit zunehmendem Erfolg im OEM-Bereich unterwegs ist. Kein Wunder, dass auch andere Lautsprecherentwickler oder Hersteller mit gutem Namen regelmäßig zu Wavecor greifen – zum Beispiel Joachim Gerhard (Suesskind Audio), Stefan Sehring (Sehring Audio), Thomas Carstensen (Inklang) oder Soren Dissing (Jern Audio).

Die Hochtonkalotte der Abacus Mirra 10
Die Hochtonkalotte der Abacus Mirra 10 ist überdurchschnittlich groß (1,2 Zoll), muss aber auch schon früh ran, nämlich ab 1250 Hertz

Den Tiefmittelton der Mirra 10 bestellt ein Sechseinhalbzöller mit leichter Papiermembran und kräftigem Antrieb, den Hochton eine überdurchschnittlich große1,2-Zoll-Kalotte – die gleiche übrigens, die man ebenfalls in der Mirra 14, Mirra 15 und Pivota findet. Der Hochtöner kann auch ob seiner Größe vergleichsweise tief (1.250 Hertz) angekoppelt werden, davon verspricht man sich bei Abacus Electronics ein homogenes Abstrahlverhalten, vor allem im Nah- und Ultranahfeld. Denn, das haben wir nicht vergessen: Die Abacus Mirra 10 soll ja vor allem im Studio reüssieren. Man hat sich übrigens gegen das Bassreflexprinzip entschieden, weil die Mirra 10 aufgrund des geschlossenen Gehäuses besonders trocken und impulstreu aufspielen könne – und sich außerdem mehr für die wandnahe Aufstellung eigne.

Wir regeln die Sache …

Versprochen wird dennoch eine untere Grenzfrequenz von rund 20 Hertz, aber das muss man natürlich im größeren Zusammenhang sehen: Davon abgesehen, dass kleine Treiber, selbst wenn sie mit 20 Hertz schwingen, tiefe Töne nicht wirklich am Hörorgan des geneigten Nutzers umsetzen können, kann bzw. muss es auch irgendwann anfangen zu zerren oder zu flattern, wenn man zu laut hört.

Die Regler zur Pegelung des Basses und der Eingangsempfindlichkeit der Abacus Mirra 10
Die drei rückseitigen Regler zur individuellen Beeinflussung der Basswiedergabe und der Eingangsempfindlichkeit der Abacus Mirra 10

Und aus diesem Grund darf kann man bei der Abacus Mirra 10 gleich an zwei Reglerchen drehen: Da gibt es den Bass-Pad-Regler, mit dem man – etwa bei wandnaher Aufstellung – stufenlos den Tieftonbereich ab 250 Hertz abwärts um bis zu 9 Dezibel abmildern kann. Und zudem einen Roll-Off-Steller: Hier lässt sich die untere Grenzfrequenz zwischen 20 und 80 Hertz justieren, ab der das Signal mit 12 dB/Oct. „abgeregelt“ wird. Das ist ganz praktisch, denn so kann man erstens einen gegebenenfalls hinzukommenden Subwoofer optimal einbinden, zweitens lässt sich nach Gusto entscheiden: Möchte man den Bass lieber maximal tief hören und dafür im Zweifelsfall etwas unverzerrten Abhörpegel opfern – oder möchte man lieber schön weit aufdrehen und dabei den Tiefmitteltöner nicht überlasten?

Ein dritter Regler gestattet übrigens das Feintuning der Eingangsempfindlichkeit (Input Gain). Bei symmetrischer Zuspielung empfiehlt mir Hanno Sonder von Abacus Electronics, an dieser Stelle auf Linksanschlag (-6 dB) zu gehen, um den optimalen Geräuschspannungsabstand auszureizen. Ansonsten fährt man bei 0 dB gut, kann aber gegebenenfalls auch noch ein kleines Schippchen drauflegen, wenn der Zuspieler pegelseitig etwas schwach auf der Brust ist. Hier hätte ich mir allerdings eine fühlbare „Raste“ bei 0 dB gewünscht, denn sonst muss man beim Einregeln auf beiden Seiten schon ziemlich genau arbeiten, um eine optimale Kanalgleichheit des Pegels zu erzielen. Man kann sich natürlich von einer zweiten Person helfen lassen, die vorsichtig „am Rad dreht“, während man mit einem Mono-Testsignal die Stereomitte optimal anpeilt. Passt schon, den Aufwand betreibt man ja nicht so oft.

Wertig, aber kein Looksmaxxing

Die Abacus Mirra 10 von vorne
Unser Testmodell der Abacus Mirra 10 kommt in der Ausführung Schwarzgrau (RAL 7021), außerdem gibt es noch die Varianten „Verkehrsweiß“ (RAL 9016) sowie eine spezielle „Rugged“-Oberfläche

Ein paar Worte zu Look und Verarbeitung: Den Nordenhamern ist es gelungen, eine Optik zu finden, die nicht nur im Studio einen schlanken Fuß macht, sondern auch im Wohnraum. Die Verarbeitung ist einwandfrei, die Anschlüsse wirken wertig, das MDF-Gehäuse sauber gefertigt. Allzu studiohaft-nerdig sieht die Abacus Mirra 10 nicht aus, was vor allem an den leicht abgerundeten Gehäusekanten liegt. Drei Farbausführungen gibt es: Schwarzgrau (RAL 7021, unser Testmodell), „Verkehrsweiß“ (RAL 9016) sowie eine spezielle „Rugged“-Variante mit einer leicht körnig anmutenden Oberflächenstruktur, die ich sehr cool finde.

Testhören erwünscht!

Cool ist aber auch, dass man bei Abacus nicht die Katze im Sack kaufen muss. Wer sich für die Mirra 10 interessiert, der kann für 50 Euro ein Test-Set ordern, das in einem robusten Flightcase geliefert wird – und die Boxen für ein verlängertes Wochenende daheim ausprobieren. Normaler Ablauf ist, dass Abacus Electronics das Set mittwochs oder donnerstags per GLS anliefert, am Folgemontag kommt GLS und nimmt alles wieder mit. Mit den 50 Euro sind sowohl die Versandkosten inklusive Versandrisiko als auch die Teststellung selbst abgegolten.

Hörtest und Vergleiche: Abacus Mirra 10

Und nun auf‘n Platz! Ich spiele durchweg symmetrisch zu, und zwar in mehreren Konfigurationen: Als Quellgeräte dienen mein CD-Transport von QUAD sowie der Streamer CXN (V2) von Cambridge Acoustics. Aus beiden Quellen gehe ich digital in den D/A-Wandler Denafrips Enyo 15th hinein, von dort geht es dann symmetrisch weiter: einerseits in meine passive Khozmo-Vorstufe und alternierend in die Röhrenvorstufe Vincent SA-32 AE – und von dort per XLR in die Mirra 10.

Gar nicht sooo dick aufgetragen: der Bass

Der 6,5-Zoll-Tiefmitteltöner der Mirra 10 mit Papiermembran
Der 6,5-Zoll-Tiefmitteltöner der Mirra 10 mit Papiermembran

Eins wird gleich klar: Tonal erfüllt die Abacus Mirra 10 das Versprechen, das die Bezeichnung „Monitor“ gibt. Der Frequenzgang fühlt sich über den gesamten Hörbereich linealglatt an, ich kann nirgendwo Betonungen, „Dips“ oder Verfärbungen ausmachen.

Für den Bassbereich gilt indes: Will man maximal tief runter hören oder ordentlich laut; beides geht nicht immer gleichzeitig. Fangen wir mal mit Zimmerlautstärke und niedrigstmöglicher Grenzfrequenz an: Schon beeindruckend, wie tief die Kleine herunterlangen kann. Bei einem breitbandigen Stück Musik wie Nada Surfs „Are you lightning?“ ist schlicht und einfach alles da. Konzertanter, tiefer Bass, farbenprächtig schimmernde Gitarren, die herrlich klare Stimme von Matthew Caws, aber auch eine ordentliche Lieferung vom Drummer; „kantige“ Snare, in die Magengrube fahrende Bassdrum und funkelnden Becken. Das alles klingt natürlich, echt, authentisch, angenehm satt, alle Frequenzbänder sind einheitlich und gut besetzt.

Ein Paar Mirra 10 in Schwarzgrau
Die schwarzgrauen Mirra 10 haben einen überraschend schwarzen Bass

Wirklich erfreulich, wie tief der Bass herunter „kann“, das ist nicht mal nur so angedeutet, sondern fühlt sich angenehm komplett an. Klar ist aber natürlich auch, dass die Mirra nicht so viel Luft in Bewegung versetzt wie eine ausgewachsene Standbox mit „dicker Pappe unten“ oder wie eine entsprechend größere Kompakte. Dennoch erscheinen die 20 Hertz untere Grenzfrequenz nicht sooo dick aufgetragen – wenn man beispielsweise eine Kirchorgelaufnahme mit einer 16-Fuß-Basspfeife auflegt, dann hört man hier auch die tiefsten Töne, wenngleich der Raum nicht so angeregt wird wie mit einer großen Box.

Billie Eilish When We All Fall Asleep, Where Do We Go?Für rein elektroakustische Musik muss man in den meisten Fällen den Bassabschwächer überhaupt nicht anfassen. Anders kann es aussehen, wenn die Tracks etwas irrer produziert sind: Man nehme „Bury a friend“ von Billie Eilish (Album: When We All Fall Asleep, Where Do We Go?), da kommen ein paar „kriminelle“  Synthie-Subbässe aufs Tapet, die die Membran der Abacus Mirra 10 ordentlich ins Flattern bringen. Zu ihrer Ehrenrettung darf ich aber verraten, dass hier auch meine deutlich ausladendere Fyne Audio Classic VIII SM (4.200 Euro) mit ihrem Achtzöller an Grenzen kommt und aus der Tactrix-Bassreflexöffnung das eine oder andere Zwitschern in Form von Strömungsgeräuschen zu vernehmen ist. Auch eine aktive Harbeth NLE-1 (3.650 Euro) fängt bei diesem Track und gehobener Lautstärke an zu meckern. Das Feine an der Abacus Mirra 10: Einfach die untere Grenzfrequenz etwas anheben – und schon ist alles wieder schick, nämlich verzerrungs- und kompressionsfrei.

Die Rückseite der Abcus Mirra 10
Maximal tief oder lieber etwas lauter? Die Abacus Mirra 10 lässt ihrem Benutzer die Wahl

Kurzer Blick zur Seite – Vergleiche

Quantitativ-tonal ist die Mirra 10 also mehr oder weniger ein Flatliner. Doch wie steht’s qualitativ? Nun, das ist schon interessant: Denn die Nordenhamerin kriegt irgendwie den schwierigen Spagat zwischen „breitbandig“, „detailreich“ und „stressfrei“ hin.

Wie erkläre ich das am Besten? Nun, sie löst übers ganze Frequenzband sehr gut auf, wirkt aber nie „scharf“ oder „beißend“, sondern es ist immer eine ganz minimale Seidigkeit/Feinstofflichkeit dabei. Vom Gesamtsound her erinnert sich mich tatsächlich an die oben genannte aktive Harbeth, hat aber ein Quäntchen mehr Schmackes im grobdynamischen Revier. Im Bassbereich geht sie ähnlich tief herunter wie die Econik Four (3.299 Euro), spielt dabei aber einen Zacken konturierter und mehr auf den Punkt, während die Econik im Gegenzug wiederum deutlich mehr DSP-Eingriffsmöglichkeiten bietet. Anders zäumt eine Inklang Ayers Two Wireless (2.800 Euro) das Pferd auf: Sie hat deutlich mehr Reserven und Pegelfestigkeit im Tiefton, langt grobdynamisch noch etwas energetischer zu als die Mirra, liegt jedoch qualitativ für mich in den Bereichen Feinauflösung und -dynamik merklich hinter der Abacus-Box.

Der Hochtöner der Abacus Mirra 10
Die Kalotten befördern die gute Auflösung der Abacus Mirra 10

Wumms und Bumms – Dynamik

Simple Minds Sparkle in The RainBleiben wir mal ein wenig in dynamischen Gefilden. Eines steht fest: Die Abacus Mirra 10 kann rocken. Vor allem ab Grundtonbereich aufwärts. Ich habe mit einem Grinsen im Gesicht das 1984er-Album „Sparkle in the rain“ der Simple Minds gehört: Da gibt es mehrere Tracks, die dermaßen nach vorne gehen, dass es fast schon ins Absurde lappt: Man nehme zum Beispiel „C-Moon Cry Like A Baby“ oder auch „Up On The Catwalk“. Es ist fast schon ungebührlich, mit welcher Krassheit dort die Drums und die Gitarren losballern – oder auch die Bassfiguren. Von Null auf Hundert in Nullkommanix, das ist genau der Beritt der Mirra, die hier keine Gefangenen nimmt, das macht richtig Spaß.

Da gibt es nur einen kleinen Abstrich: In der untersten Oktave gehen Tempo und Lastwechselfreude etwas zurück, wie der ebenfalls auf dem genannten Album enthaltene Track „Waterfront“ zeigt, der mit einem durchgehenden, ostinaten Synthbass aufwartet. Nun würde ich noch nicht sagen wollen, dass die Abacusse hier gemütlich zu Werk gehen, aber ich habe die sehr klar abgezirkelten Hüllkurven dieser Synthie-Sounds auch schon akkurater und flinker nachgezeichnet gehört – zum Beispiel bei den zuvor erwähnten Lautsprechern von Genelec und Inklang. Aber, bleiben wir fair, beide haben ja auch deutlich mehr Hubraum zur Verfügung.

Tiefmitteltöner der Abacus Mirra 10
Grobdynamisch ordentlich unterwegs: Nur ganz tief unten rundet der Konus einen Tick ab

Details mit Augenmaß

Brooklyn Shuffle Thomas HeidepriemDafür kann die Mirra 10 Details, aber mit Augenmaß. Sie ist für meinen Geschmack wie ein idealer Kompromiss zwischen Genuss- und Arbeitslautsprecher abgestimmt. Beispiel aus dem Jazzbereich: Auf Thomas Heidepriems Album „Brooklyn Shuffle“ gibt es das Stück „Somehow“. Es beginnt mit einem acht Takte langen, rhythmisch aufgeladenen Intro, wir hören Drums, Bass und Klavier. Und, wenn wir ganz genau aufpassen, auch noch was anderes, was da aber gar nicht zu hören sein soll: nämlich eine ganz leise Saxofonfigur.

Diese wurde nach einigen bandinternen Diskussionen später wieder aus dem Mix entfernt, weil man die Songdramaturgie anders aufbauen und das Saxofon erst später im Stück „einfliegen“ wollte, hat mir Thomas Heidepriem auf Anfrage verraten. Da das Stück aber live eingespielt wurde, gab es einen sogenannten „Microphone Spill“, Reste des Saxofonsounds wurden von den Overheadmikrofonen des Drummers eingefangen und waren mit den damaligen technischen Mitteln nicht mehr rückstandsfrei aus dem Summenmix zu entfernen.

Abacus Mirra 10
Offen für Artefakte …

Dieses Artefakt legt die Abacus Mirra 10 klar offen, was sehr für den Detailreichtum ihrer Wiedergabe spricht. Trotzdem, und das ist das Gelungene an diesem Lautsprecher, ist sie auch kein allzu nassforsches Seziergerät – wie zum Beispiel die Genelec 8351 (6.660 Euro). Deren Test ist zwar schon über zehn Jahre her, aber ich erinnere mich heute noch an diese schon fast krasse Auflösung – die man mögen muss: Für Genusshörer war sie dauerhaft wohl zu sehr als Erbsenzählerin unterwegs. Super, wenn man im Mix allerkleinste Fehler schonungslos aufdecken will, aber wenn man einfach mal in der Musik abtauchen möchte, kann eine derartige Präzision auch schon mal etwas ablenken.

Nun werden Sie sagen: Moment, die Abacus Mirra 10 ist doch ein Monitor! Muss die das nicht genauso gut können? Ich antworte: Nicht zwingend! Denn je nachdem, wo ein Monitor im Studio zum Einsatz kommt, können unterschiedliche Talente wichtig werden. Bei der Aufnahme und beim Mix geht es – so meine Erfahrung als Tonkutscher – tatsächlich erst mal darum, wirklich jeden Fehler zu finden. Da muss es ums Detail gehen und da darf kein „My“ unter den Tisch fallen.

Night and Day Joe JacksonAber beim Mastering zum Beispiel werden andere Dinge wichtig: Da möchte man den Gesamteindruck hören, spüren, erleben. Da geht es um Balance, um den sinnvollen Einsatz von Mehrbereichskompression, da braucht man eher die Vogelflugperspektive. Und genau hier würde ich die Mirra 10 sehen: als Lautsprecher, der dieses Ganzheitliche gut rüberbringt. Gerne ein Beispiel: Sie alle kennen Joe Jacksons Superhit „Stepping out“ (Album: Night and Day). Hier ist im Obertonbereich ganz schön was los: Da sind die hell leuchtenden Klavierakkorde des legendären Yamaha-CP70-E-Pianos, die unisono mit einem Glockenspiel angereichert werden – und darüber liegt noch das merkwürdig zirpend-schimmernde Geräusch der synthetischen Hi-Hat, die ein Vintage-Drumcomputer beisteuert. Das alles verschmilzt über die Abacus-Boxen zu einem raffinierten Amalgam, einem eigenen Klang- und Rhythmus-Teppich, bei dem jedoch die Einzelelemente stets klar zum Vorschein kommen, wenn man sich denn darauf konzentrieren mag.

Auf die Bühne

Die Abacus Mirra 10 in Weiß
Die Abacus Mirra 10 in Weiß

Wie schaut’s mit den stereofonen Talenten aus? Hier zeigt sich ein differenziertes Bild, auch ein wenig mit Blick auf die Aufstellung. Wer fest darauf besteht, dass sich das Signal der Stereomitte (Gesang üblicherweise) perfekt und hundertpro realistisch manifestieren muss, der kann bei der klassischen Wohnzimmeraufstellung möglicherweise Besseres finden – zum Beispiel die KSdigital C5-Reference (1.398 Euro), die allerdings nicht zuletzt in puncto Pegelfestigkeit merklich hinter die Mirra zurückfallen. Bei mir ist es so, dass bei einem Hörabstand zur Grundlinie von zweieinhalb Metern eine Basisbreite von maximal zwei Metern zur stabilen Mittenmanifestation führt. Bei weiterem Auseinanderziehen der Lautsprecher geht dieser Effekt ein Stück weit flöten.

Da zeigt sich der KSdigital-Monitor etwas gutmütiger und flexibler, allerdings damit erkauft, dass das Klangbild nach oben und unten gewisse Limitationen erfährt, mithin also insgesamt „kleiner“ und weniger körperhaft erscheint. Sehr gut gelingt den Abacus Mirra 10 indes die stereofone Verteilung der Schallquellen im Panorama. Und: Es kann räumlich mitreißend tief geraten, wenn man die Mirra richtig aufstellt. So ist es ein absoluter Genuss, Tristan Bruschs Song „Grundsolider Schläger“ zu hören. Hier kann man geradezu im Sound baden, vor allem der voluminöse Raumhall des Schlagzeugs sowie des Gesangs scheinen sich metertief im Raum aufzufächern.

Das Unfassbare

Die Abacus Mirra 10 in der "Rugged"-Ausführung
Die Abacus Mirra 10 in der „Rugged“-Ausführung

So, nun sind wir durch die üblichen Kriterien durchgewandert: Tonalität, Dynamik, Auflösung, Bühne – aber da gibt es ja noch eine weitere Disziplin, nämlich das „Gefühl“. Und vielleicht ist es genau das, was die Abacus Mirra 10 für mich so ganz besonders macht. Sie ist buchstäblich der erste Aktivmonitor meiner Testerkarriere, der mich derart emotional berühren kann. Beim zuvor genannten Tristan-Brusch-Song herrscht durchgehend eine ganz eigentümliche Atmosphäre, die etwas Feierliches und fast schon Spukhaft-Lebendiges hat. So als wäre der Track live vor einem zum Schweigen verdonnerten Publikum gespielt und aufgenommen worden.

Besonders das reduzierte Schlagzeug mit durchgehend-uhrwerkartigen Achteln, die mal auf der Hi-Hat, mal auf diesem oder jenem Ridebecken ertönen, aber auch die samtigen Streicher und die wandlungsfähige Stimme von Brusch: Das alles kommt hier mit so einer „anfassenden“ Wiedergabe, dass man geradezu ein wenig gerührt ist, wenn man es hört. Vor allem zeigt sich das beim stetigen Wechsel des Sängers zwischen Brust- und Kopfstimme. Ja, wenn die Mirra-Boxen im Spiel sind, scheint man wirklich dabei zu sein. Doch auch die ausgezeichnete Feindynamik der Mirra zahlt auf diese Livehaftigkeit ein: So gibt es in dem Tristan-Brusch-Stück eine recht wuchtige und dominante Gitarre, untermalt von schwelgerischen Streicherarrangements – und nicht zuletzt ist Bruschs Stimme stark nach vorne gemischt. Trotzdem wird dem Verlauf von Impulsen wie dem feinen „Tschick“ der Hi-Hat oder den sehr zart angespielten Ridebecken spurtreu gefolgt.

Und noch etwas sei nicht verschwiegen: Wenn die Abacus Mirra 10 gerade mal kein Signal zur Verfügung hat, ist sie quasi still. Quasi heißt: Wenn ich mit dem Ohr unmittelbar vor den Hochtöner gehe, höre ich ein minimales, an der Hörschwelle entlang tänzelndes Rauschen. Ab 50 Zentimeter Abstand höre ich mix mehr. Und: Die Mirra zeichnet insgesamt so fein, dass Unterschiede in der Vorverstärkung hörbar werden. Den klanglichen Schwenk von meiner Khozmo- auf die Vincent-Röhrenvorstufe kann ich stets klar und blindtestsicher nachvollziehen.

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