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Denkt man an Jazzfestivals in Berlin, fällt einem unweigerlich das Jazzfest ein. Doch neben diesem renommierten Urgestein, das mittlerweile ein gutes halbes Jahrhundert auf dem Buckel hat, konnte sich in letzter Zeit ein junges Festival dergestalt etablieren, dass es dieses Jahr auch schon sein 5-jähriges Jubiläum feiert. Damit gilt es in der schnelllebigen Musiklandschaft der Hauptstadt fast schon als Oldie, der seinen Platz im steten Kommen und Gehen der Möchtegernfestivals erfolgreich zu behaupten wusste – und immer noch weiß.

XJAZZ Festival Lea im Lido

Doch was heißt hier schon Oldie? XJAZZ ist auch nach fünf Jahren vor allem eins: jung. Und das sowohl was die Musiker als auch was das Publikum angeht. Genau darum war es diesem etwas anderen Jazzfestival schon von Anbeginn an zu tun: Den Clubgängern, die mit Jazz (oder ihrer Vorstellung davon) üblicherweise nichts am Hut haben, ein niederschwelliges Kennenlernangebot zu machen. Frei nach dem Motto: Ihr geht nicht zum Jazz? Dann kommt der Jazz eben zu euch. In die Clubs. Und die drängen sich nach wie vor rund um die Skalitzer Straße in Kreuz-, für Eingeweihte: X-Berg.

XJAZZ Blueboat

Nachdem wir bei der Festival-Premiere 2014 vier Tage und drei Nächte voller Euphorie erlebt haben, an deren Ende die Frage „Braucht Berlin wirklich noch ein weiteres Jazzfestival?“ ganz klar mit „Ja“ und einem hingerissenen „Und wie!“ beantwortet werden konnte, ist es nun Zeit für eine Zwischenbilanz. Was hat sich nach fünf Jahren verändert, was ist gleichgeblieben, was ist toll, was nervt? Vorweg: Das Hochgefühl, das sich einstellt, wenn man von Club zu Club zieht, hier kurz rein hört, sich da treiben und dort fesseln lässt, ist immer noch so intensiv wie beim ersten Mal. Aber von vorn.

Ich lade Sie ein, mir einmal mehr durch drei intensive Nächte zu folgen. Genaugenommen sogar durch vier, denn der inoffizielle Auftakt wurde 2018 vom Impro-Duo Christopher Rumble, das seine hiphopinspirierten Beats live direkt vom Vinyl sampelt, schon in der Vornacht gegeben, außerdem von Seeed-Posaunist Jérôme Bugnon mit seinem Nebenprojekt Hornbeef und den Live-Elektronikern Lychee Lassi, bevor es am Donnerstag mit Festivalschöpfer Sebastian Studnitzky aufs Blue Boat ging. Das legte schon um siebzehn Uhr ab, damit der Clubhopper es noch pünktlich zu Shake Stew schaffte – jener Band, der es gelungen ist, mich Ende April trotz aller „Dieses Jahr fahre ich nicht“-Schwüre mit einem nur dreißig Minuten langen Showcase auf die Bremer jazzahead! zu locken.

XJAZZ Shake Stew

Stichwort Schaffen: Natürlich laufen auch bei XJAZZ, wie es bei allen mehrere Bühnen bespielenden Festivals nun einmal so ist, die verschiedenen Konzerte parallel, sodass man nicht umhinkommt, sich im Vorfeld einen Plan zu entwerfen – und im akuten Falle von Entscheidungsschwäche von einem Konzert auch mal nur die erste, vom anderen nur die zweite Hälfte zu hören. Shake Stew indes sind davon nicht betroffen. Dem Wiener Septett, das mit Rise And Rise Again gerade meine aktuelle Lieblingsplatte der Saison – über die an dieser Stelle demnächst noch ausführlicher zu lesen sein wird – gemacht hat, gebührt meine volle Aufmerksamkeit.

XJAZZ Shake Stew Mario Rom

Auch wenn die mit zwei Schlagzeugen, zwei Kontrabässen und drei Bläsern recht unorthodox besetzte Kapelle ob des Fehlens von Albumgastmusiker Shabaka Hutchings nicht mehr den lebensverändernden Sound von drei Tenorsaxophonen, über denen sich Mario Roms Trompete priestergleich erhebt, wiedergeben kann, kommt auch mit „nur“ zwei Saxophonen und einer Trompete der aktuell saugeilste Bläsersatz da draußen immer noch von ihr. Dafür sorgen neben Rom schon Clemens Salesny und Johannes Schleiermacher. Ein Must-Hear, wonach man, Programmreichtum hin wie her, am besten nach Hause gehen und sich ganz der Nachwirkung hingeben sollte.

XJAZZ Richard Koch

So zumindest halte ich es, denn die Freitagnacht verspricht lang zu werden. Sie beginnt mit meiner zweiten Lieblingsplatte der Saison, bringt Richard Koch, der schon am Mittwoch bei Hornbeef die Trompete blies, doch sein auf dem XJAZZ-verbundenen Label Contemplate veröffentlichtes Soloalbum Wald samt Quartett endlich auf die Privatclubbühne – inklusive des an dieser Stelle schon ausführlich gewürdigten Adele-Lovesongs als Zugabe. Diese zeitigt auch den hübschesten Dialog des Festivals. Dazu muss man wissen, dass die meisten XJAZZ-Konzerte streng auf sechzig Minuten limitiert sind, um einen reibungslosen Ablauf zu gewährleisten. Nachdem Koch die lautstark verlangte Zugabe mit der Entschuldigung „Okay, wir spielen noch einen Kurzen, wir müssen abbauen“ ankündigt, ruft eine Stimme aus dem Publikum: „Wir helfen!“, sodass der Trompeter sich mit einem „Okay, wir spielen einen Längeren!“ geschlagen gibt.

XJAZZ Lea Lido

Ob dann auch tatsächlich geholfen wurde, entzieht sich meiner Kenntnis, denn schließlich wartet im Lido die zauberhafte Lea W. Frey, die sich mit Richard Koch Drummer Andi Haberl teilt, mit ihrer aktuellen Platte Plateaus, wo verwunschene Unterwasserwelten einen unwiderstehlichen Sog entfalten. Immer noch hypnotischster Song des Albums: „Come Home“. Bevor Sie jetzt aber alle zum CD-Händler ihres Vertrauens laufen – das Vinyl kommt im Herbst. Das Warten darauf lohnt sich. Wen es zu dieser Zeit in die Hauptstadt verschlägt: Den Vinylrelease meiner Lieblingsplatte von 2017 feiert Frey am 1. November ganz groß im Ballhaus Berlin.

Ohnehin ist XJAZZ 2018 das Festival der Lieblingsplatten. Im Privatclub geht es jetzt mit Trio Elf weiter, dessen Debüt MusicBoxMusic 2016 zu meinen absoluten Favoriten zählte. Wer noch nie gesehen – und es auch nicht für möglich gehalten – hat, dass (und wie) man HipHop, Drum&Bass oder TwoStep live spielen kann, darf Schlagzeuger Gerwin Eisenhauer nicht verpassen. Auch, wenn ich ihm sowie Pianist Walter Lang und Bassist Peter Cudek gar nicht oft genug zuhören kann, muss ich zum ersten Mal während des Festivals ein Konzert nach der Hälfte verlassen, hat doch Mockemalör-Drummer Martin Bach fast zeitgleich ins Monarch geladen. Die Berliner Art-Pop-Band, die nach eigener Aussage „alemannischen Elektroindie“ spielt, die ich bislang wegen ihrer EP Gespenster jedoch eher als eine Art TripHop-Projekt abgespeichert hatte, erweist sich als Überraschung des Festivals, denn da ist nichts trip, und schon gar nichts hop. Vielmehr spannt das Trio um Sängerin Magdalena Ganter, die ohne Schwierigkeiten als Inkarnation einer modernen Marlene Dietrich durchgeht, den Bogen zwischen opulenter Sinnlichkeit und apokalyptischer Hysterie von Jazz Poetry zu Headbanger Punk – und das mit immergroßer Geste, die im Ganter’schen Abschiedsbonmot „Genießt euer Leben, es könnte euer letztes sein!“ kulminiert. Jeder, der einen Hang zu schwarzhumorigem Varieté verspürt, muss Mockemalör dringend mögen. Das dritte Album der Band, auf das es heute Abend eine Vorschau bzw. ein Vorhören gab, kommt noch dieses Jahr und, Sie ahnen es, hat schon jetzt das Zeug zu einer weiteren Lieblingsplatte.

XJAZZ Mockemalör

Wer sich nach Mitternacht noch auf den Beinen halten kann, für den spielt Sebastian Studnitzky in der Emmaus Kirche, solo diesmal. Mit Trompete, Klavier und Elektronik kreiert er eine vom Raumklang lebende Soundinstallation, für die er sich eine Stätte ausgesucht hat, die passender nicht hätte sein können. Auch für Roedelius & Kasars wellenweiche Ambientflächen am Samstag ist die Emmaus Kirche beste Wahl. Vorher heißt es aber noch, eine Entscheidung zu treffen zwischen – unter anderem – dem Berlinisch-Reykjaviker Experimental-Rock-Duo Pranke mit Max Andrzejewski an den Drums, der das vorjährige XJAZZ-Festival mit seinem Projekt HÜTTE and The Homegrown Organic Gospel Choir rockte, und Murmuration, dem neuen, zwischen Kammermusik und Indie oszillierenden Projekt von Bassist Bernhard Meyer, der sonst mit seinem gitarrespielenden Bruder Peter u. a. beim Melt-Trio oder in der Band von Lea W. Frey zu hören ist und dem aufmerksamen fairaudio-Leser jüngst im Zusammenhang mit Wanja Slavins Lotus Eaters über den Weg gelaufen sein dürfte.

Für wen es jetzt noch Minimal Techno sein darf – denn schließlich ist im Herzensgrunde alles Jazz, selbst Elektronisches, wenn die Improvisation nur einen wesensverwandten Geist atmet –, ist mit der Live-Techno-Kombo Komfortrauschen bestens bedient, und zwar im Fluxbau, der alten XJAZZ-Homebase. Da fährt diesmal zwar keine Shuttle-Fähre, die zu den Highlights der letzten Jahre gehörte, aber ohne Schiff geht es auch 2018 nicht. Das schon am ersten Festivaltag von Sebastian Studnitzky eingeweihte, besser noch: warmgespielte Blue Boat lädt auch am Sonntag zum Festivalausklang aufs Wasser mit reichlich Spreewind, Sonne – und Lisa Bassenges NuJazz-Kombo Micatone, die seit fast zwanzig Jahren zum festen musikalischen Inventar der Hauptstadt zählt und mit ihrem aktuellen, nach den Leonard-Cohen-Zeilen „There is a crack in everything. That’s how the light gets in“ benannten Album The Crack Anfang des Jahres eine – na, was wohl? – Lieblingsplatte gemacht hat.

XJAZZ Micatone

Und so kann ich mich das gesamte Festival hindurch von Lieblingsplatte zu Lieblingsplatte hören, die – vielleicht zum ersten Mal, vielleicht endlich einmal wieder – live erklingt. Man kann es aber auch ganz anders machen. Etwa den kommenden Shootingsstars wie Eric Leuthäuser, dessen düsterwarmer Liederzyklus „Wünschen“ als Entdeckung der Stunde gilt, lauschen. Auf arrivierte Stars der Szene wie den vor allem von seiner Zusammenarbeit mit Peter Gabriel im Ohr gebliebenen Schlagzeuger Manu Katché setzen – oder auf das Joachim Kühn Trio, das wohl keiner Vorstellung mehr bedarf. Auf Lima-Drummer Tatu Rönkkö, wenn man den Hohen Norden bevorzugt, auf Stella Chiweshe, wenn einem der Sinn nach den Klängen des simbabwischem Mbira steht.

Kurz: Alles ist möglich, weshalb es wohl auch nie *das eine* XJAZZ-Festival für alle geben wird, sondern jeweils ein individuelles Erleben. Bei Abendkassenpreisen um die zwanzig Euro für das Einzelkonzert lohnt hierbei nicht nur der flexible XJAZZ-Ticket-Pass, mit dem vier, acht oder zwölf Konzerte nach Wahl besucht werden können, sondern auch der von Mittwoch bis Sonntag für alle Veranstaltungen gültige
Festivalpass für 149 Euro. Dass XJAZZ frohgemut ins sechste Jahr starten kann, zeigen die Zahlen: 2018 zog es – bei deutlich weniger Konzerten als im Vorjahr – etwa 11.000 Besucher nach Kreuzberg. Vielleicht sehen wir uns dort vom 8. bis 12. Mai 2019?

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