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Steve Winwood – Greatest Hits Live

Steve Winwood stand schon als 15-Jähriger auf der Bühne – und er schafft es regelmäßig, auch mit knapp 70 noch Zuhörer zu begeistern und selbst Begeisterung auszustrahlen. In all den Jahren hat der drahtige, britische Gentleman-Schlacks die charakteristische Soul-Färbung seiner Stimme behalten. Schon damals beneideten weitaus ältere und erfahrenere Kollegen den als ‚weißen Ray Charles‘ geadelten Jungspund um seinen expressiven hohen Tenor. In über 50 Jahren auf der Bühne – und das immer wieder an vorderster Front neuer stilistischer Gebietserweiterungen sowie des kommerziellen Erfolgs – hat Winwood unzählige Hits geschaffen, zuerst mit der Spencer Davis Group, dann auf bluesrockigen Gefilden mit Eric Clapton im Rahmen von Blind Faith, dann als bedeutender Jazzfusion-Wegbereiter mit Traffic und seit mehr als drei Jahrzehnten auf Solopfaden. Wie in einem Brennglas sind die größten Hits des ewig jung gebliebenen Multiinstrumentalisten nun erstmals zusammengefasst, und das in sensationell guten Live-Mitschnitten, die eine schier unfassbare Kreativität, technische Perfektion und dabei auch noch viel Lebendigkeit zeigen.

Steve Winwood – Greatest Hits Live

Winwood hat für die Doppel-CD Greatest Hits Live sein Privatarchiv mit Konzertmitschnitten der letzten sechs Jahre durchstöbert und 23 funkelnde Edelsteine herausgesucht, die seine gesamte Karriere abdecken, angefangen bei „I’m a Man“, über „Gimme Some Lovin“, bis hin zu „While You See a Chance“ und „Higher Love“. Die Songauswahl lässt keine Wünsche offen und zeigt die ganze Bandbreite dieses musikalischen Wunderknabens. Abgesehen von der für Live-Verhältnisse klanglich schlichtweg umwerfend ausgeglichenen Produktion (Mix: James Towler) begeistert vor allem, wie hochinspiriert die instrumentalen Filigranhandwerker um den Alleskönner-Mastermind die allbekannten Songs mit vertrackten Arrangements und jazzigen, souligen, funkigen Ausflügen ganz neu einkleiden. Das macht Winwoods Konzerte bis heute so spannend, und genau dieser musikalische Funkenflug lässt sich auf der Doppel-CD miterleben. So werden selbst die Hits der 1980er Jahre, deren zeittypisches ‚Plastik-Arrangement‘ die großartige Qualität der Songs zu verdecken drohte, zu zündenden Nummern, etwa „Arc of a Diver“ oder „Higher Love“.

In den älteren Songs, etwa „Dear Mr. Fantasy“, „Had To Cry Today“, „Can’t Find My Way Home” oder „Rainmaker“ fasziniert Winwood mit seinem rhythmisch glasklaren, jazzig eleganten und dabei stets melodisch gedachten Hammond-Spiel in verzaubernden Improvisationsstrecken. Selbst wenn er zur Gitarre greift, wird einmal mehr klar, dass er seinem ehemaligen Bandkollegen Eric Clapton auf Augenhöhe begegnen könnte – was für eine unfassbare Begabung! Bei all seiner Klasse hat Winwood es nicht nötig, sich in den Mittelpunkt zu stellen. Er ist das Zentrum einer versierten und agilen Begleitband. Zu ihr gehören Paul Booth (Saxophon, Flöte und Keyboard, wenn Winwood an die Gitarre wechselt), José Neto (Gitarre), Richard Bailey (Drums) und Edson ‚Cafe‘ da Silva (Percussion) – den flüssigen, punktgenauen Bass spielt Winwood mit dem Fuß der Orgel … Vor allem durch die locker-verspielt zu Werke gehende und perfekt abgestimmte Rhythmussektion bekommen zahlreiche Songs einen afro-kubanischen Drive, der ihnen neue Facetten verleiht. Diese Freude am gemeinsamen Musizieren und an improvisatorischen Jam-Ausflügen mit immer wieder einzeln hervortretenden Soli zu hören, ist purer Genuss. Er könnte gerne noch länger dauern.

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Albert Castiglia – Up All Night

Ein Feingeist vom Schlage eines Steve Winwood ist der Bluesgitarrist Albert Castiglia aus Florida nicht gerade. Das macht schon das Foto des Powertrios auf der Innenseite des neuen Albums Up All Night deutlich: Man sieht da Castiglia inmitten seiner neuen Bandkollegen Jimmy Pritchard (Bass) und Brian Menendez (Schlagzeug) mit heraus gebleckter Zunge. Und auch musikalisch düst Castiglia in den elf Songs volles Rohr voran. Der in New York geborene Gitarrist setzt auf schmutzige, rohe Riffs und zeigt in den ausgedehnten Soli seine virtuose Kunst an den sechs Saiten. Die mit viel Wucht vorantreibenden, zumeist in traditionellen Bahnen laufenden Bluessongs bringt Castiglia mit roher, ungezügelter Energie über die Bühne, ungehobelt und unbehauen, ganz ‚naturbelassen‘ ungekünstelt den besungenen Grundaffekten folgend. Diese Geradlinigkeit hat in der druckvollen Präsentation einiges für sich; insgesamt fällt die neue Scheibe gegenüber der ersten Platte, die er für Ruf Records aufgenommen hat, aber deutlich ab, zeigte er sich auf Big Dog (2016) doch wesentlich variabler und ließ auch nachdenkliche Töne (etwa das großartige „Somehow“) einfließen.

Albert Castiglia – Up All Night

Leider ist diesmal bei dem ebenfalls vom Gitarrenkollegen Mike Zito produzierten und in den Dockside Studios Louisiana aufgenommenen Up All Night auch klanglich einiges problematisch: In fast jedem Song ändert sich der musikalische Raum, mal ist die Stimme weiter vorn, mal weiter hinten, mal kommt die Gitarre von links, mal woanders her. Zudem wirkt der Hall, der auf die Stimme gelegt wurde (im ersten Song „Hoodoo On Me“) wie ein Stadionsprecher-Echo, als hätten Stimme und Gitarre zu wenig Raum, um sich zu entfalten; alles klingt gedrängt und (bis auf die bärbeißige Gitarre) oft recht weit bzw. unterschiedlich weit entfernt. Diese klangliche Schräglage will nicht recht passen zu dem unverfeinerten Garagenfeeling, das Castiglia in den zum größten Teil in Zusammenarbeit mit Kollegen geschriebenen bzw. arrangierten Songs aufkommen lässt.

Albert Castiglia – Up All Night 2

Überlässt man sich allerdings der ungezähmten Energie von Castiglias raspelnd-rauer Stimme und vor allem seinem packenden Gitarrenspiel, gibt es einiges zu entdecken: Funkakzente im titelgebenden „Up All Night“, einen partytauglichen Call-and-Response-Shuffle „Knocked Down Loaded“, ein von Slide-King Sonny Landreth veredeltes, mit Rock’n’Roll-Zünder leicht gehetzt nach vorn treibendes „95 South“, das mit gemütlicher Country-Note versehene „Delilah“ (leider mit verunglücktem Schluss) und „Quit Your Bitching“, in dem von einer keifenden Ehefrau samt Schwiegermutter die Rede ist – da braucht es erst einmal ein jaulendes, packendes Solo, um den hörbar Genervten wieder ins seelische Gleichgewicht zu bringen. Unterstützt von Mike Zito wird „Woman Don’t Lie“ von Luther ‚Snake Boy‘ Johnson mit urgewaltigen Hammer-Riffs und bärenstarker Leadgitarre zum Höhepunkt, ehe das Album mit einem akustischen Chicago-Blues aus der Feder des Bassisten ruhig ausklingt. Up All Night ist urgewaltig, aber wenig subtil in allen Belangen: Songwriting, Gesang und Arrangement. Doch gitarristisch macht Albert Castiglia kaum jemand etwas vor. Das hat er hier mit (Nach-)Druck untermauert.

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Walter Trout – We’re all in this together

Bei Albert Castiglia macht es sich klanglich nicht ohne weiteres bemerkbar, dass das Trio zehn der elf Songs an einem Tag gemeinsam im Studio eingespielt hat. Ganz anders bei dem Neuling von Altmeister Walter Trout: 14 Gastmusiker sind daran beteiligt, die ihre Parts oft hunderte Meilen weit in anderen Studios aufgenommen haben. Doch deren Anteile sind in die Songs, die Trout seinen Kollegen und Freunden auf den Leib geschrieben hat, passgenau eingefügt; der musikalische Schlagabtausch erfolgt mit dringlicher Intensität. Nach dem hochemotionalen Battle Scars, in dem Trout seine lebensbedrohliche Krankheit thematisiert, feiert der nach einer Lebertransplantation Wiedergenesene nun ein musikalisches Freudenfest. Für We’re All in This Together hat er sich 14 musikalische Weggefährten eingeladen, und sie mussten sich – wie schon 2006 bei Trouts Aufnahme-Projekt Full Circle – nicht lange bitten lassen. Mit dabei sind alte Bekannte wie John Mayall, bei dessen Bluesbreakers der mittlerweile seit 50 Jahren die Bühnen rockende Bluesgitarrist einst mitwirkte, darüber hinaus Szenegrößen wie Sonny Landreth, Robben Ford, Charlie Musselwhite, Warren Haynes, Edgar Winter, Randy Bachman, Joe Bonamassa und einige mehr.

Walter Trout – We’re all in this together

Trout schrieb für sie 13 stilistisch ganz unterschiedliche, durchweg hochkarätige Songs, nur im Duett mit dem großartigen Warren Haynes griff er auf Elmore James‘ „The Sky Is Crying“ zurück, das beide schon live zusammengespielt hatten. Offensichtlich fühlen sich all die Duettpartner pudelwohl mit den Stücken, ob sie nun genau deren Nerv treffen (wie das zünftig rockende „Somebody Goin‘ Down“ mit Eric Gales) oder ob „Mr. Davis“ als betont traditioneller Blues Robben Ford dazu reizt, abseitige Pfade im 12-Takt-Schema zu erkunden. Die klanglich bestens abgemischte Platte lebt indes nicht nur von den großartigen, druckvollen Songs und den hochspannenden Beiträgen der Gäste, sondern auch von der beweglichen und abwechslungsreichen Grundlage, die Trouts grandiose Begleitband mit Sammy Avila (Keyboards), Johnny Griparic (Bass), Mike Leasure (Drums) plus Melvin Jones (Keyboards) und Skip Edwards (Keyboards) liefert.

Auf dieser tragfähigen Basis reiht sich ein Höhepunkt an den anderen, wirkliche Gipfel sind in solch einem hochklassigen Umfeld schwer auszumachen. Doch ganz besonders gelungen sind das mit entspanntem Southern-Feeling samt eingerührtem Rock’n’Roll-Flavour versehene „Ain’t Goin‘ Back“ mit Sonny Landreth sowie die intime Zwiesprache von Vater und Sohn Trout in „Do You Still See Me At All“. Auch der Sonnenschein-Rocker „She Listens To The Blackbird Sing“ mit Mike Zito, gemütlich groovenden Schlieren der Hammond und zündendem Chorus kann begeistern. Ganz am Ende steuert Trout mit Joe Bonamassa den Schlusshöhepunkt „We’re All In This Together“ an. So ganz bei sich ist der mit glänzenden, hochenergetischen Soli aufwartende Trout allerdings im zurückgenommenen Akustik-Duett „Blues For Jimmy T.“ mit der Harp-Legende John Mayall. Der Trauergesang ist inmitten des mitreißenden musikalischen Fests des Lebens umso bewegender. Insgesamt ein Album, das Trouts zweiten Frühling hochinspiriert und mit Volldampf einläutet.

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