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Die US-amerikanischen Formationen Victor Wainwright and the Train und All Them Witches sind in ganz unterschiedlichen Stilen zuhause. Aber beide mixen aus unzähligen Elementen ein musikalisches Gebräu, das süchtig machen kann.

Victor Wainwright and the Train – Memphis Loud

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In einem Sommer, der Corona-bedingt leider ohne Open-Air-Musikfestivals auskommen muss, kommt eine Platte wie Memphis Loud von Victor Wainwright and the Train wie gerufen. Die zweite bei Ruf Records erschienene, bärenstarke CD des US-amerikanischen Rootsmusikers ist Gute-Laune-Musik pur zum Feiern – ob auf dem Balkon oder im Wohnzimmer. Verantwortlich für den Charme dieser heißen Scheibe ist der in Savannah (Georgia) als Sohn einer Musikerfamilie geborene Sänger, Pianist und Bandleader Victor Wainwright – eine absolute Erscheinung: Wo auch immer dieser bärige Vollbart auftritt, nimmt er den Raum sofort ein und wirkt mit seiner Energie, Leidenschaft und Spielfreude ansteckend. Entsprechend viele Auszeichnungen hat das Ausnahmetalent mittlerweile gesammelt – Grammy-Nominierung, mehrfacher Gewinner der Blues Music Awards, BB King Entertainer of the Year usw. Es dürfte ausgemacht sein, dass Memphis Loud ebenfalls Preise einfahren wird.

In seiner Formation Victor Wainwright and the Train hat er eine Handvoll großartige Vollblutmusiker um sich geschart. Gitarrist Pat Harrington lässt einige Weltklassesoli vom Stapel und die beiden nun fest dazugehörenden Bläser wirken wie ein zusätzlicher Turbo. Diese Combo, zu der eine Schar von Gästen gehört, hat den Charakter einer integrierenden Festgemeinde – hier kommt wieder das Festivalfeeling ins Spiel –, die Musiker wie Hörpublikum einlädt, auf den sprichwörtlichen Zug aufzuspringen. Der Bandleader macht den Kern seines Musikverständnisses in seinen Songs explizit: Kommt, steigt mit auf den Zug, alle sind eingeladen, singt er.

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Memphis Loud knüpft an den nach der Band betitelten, preisgekrönten Vorgänger (2018) nahtlos an und zeigt sich mit gelungenem Artwork, das wieder die Lokomotive mit Schalltrichter ins Zentrum stellt und in den Arrangements immer mal wieder Dampflokpfeifen imitiert („Memphis Loud“ und „Sing“), als liebevoll abgerundetes Gesamtpaket. Musikalisch decken die zwölf Eigenkompositionen von Victor Wainwright und seinen Musikern ein denkbar breites Americana-Feld ab, das von gefühlssattem Soul („Disappear“) über party-rockigen Shuffle („Mississippi“, allerdings mit eigenartiger Verzerrung auf der Stimme), gospeligen New-Orleans-Sounds mit spooky Bläserklängen wie aus einem 60er-Jahre-Thriller („Sing“) bis zu Boogie („Walk the Walk“) und Rock’n’Roll („Memphis Loud“) mit swingendem Jazzgebläse reicht.

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All diese stilistischen Farben, die im Mississippi-Delta zusammenfließen, sind in fein austarierte, nie überladene Arrangements eingebettet, die auch das genaue Zuhören zur Freude machen. Im Vergleich zum Vorgänger ist Wainwright mit Memphis Loud allerdings musikalisch nochmals ein großer Schritt nach vorn gelungen. Seine Songs sind nun vielschichtiger und man weiß nicht, ob er in einer heißen Tanznummer nicht plötzlich souligen Schmelz verbreitet oder psychedelische Nebel aufsteigen lässt. Hier kann hinter der nächsten Ecke – auch textlich – alles lauern, zum Beispiel wenn er mit einer guten Portion Selbstironie die innige Verbindung zu seinem Hund besingt („My Dog Riley“). Als Pianist gehört er im amerikanischen Rootsgenre ohnehin mit zur Spitze. So gibt er dem irrsinnig nach vorn treibenden Song „Memphis Loud“ mit einem im Bass grollenden Klavierriff einen Impuls, der für die nächsten drei Minuten Uptempo-Rausch locker ausreicht.

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Das Schönste an Memphis Loud ist aber, dass Wainwright auch als Sänger gereift ist und neue Facetten dazugewonnen hat. Er könnte gut als der etwas raubeinige Südstaaten-Bruder von Jazzsänger Gregory Porter durchgehen. Die Stimmlage ist ähnlich – Wainwright hat einen substanzreichen Bariton, den er mit viel Feingefühl und federleichten Verzierungen in souligen Melodien baden lässt, ganz wie die Großen des Fachs. Er hat aber auch ein Rock’n’Roll-Organ mit knorriger Kraft, mit dem er zwischendurch schon auch mal Bandkollegen zu Soli anfeuert. Doch so ganz bei sich wirkt seine Stimme vor allem in den langsamen, mit inniger Intensität gesungenen Nummern wie dem abschließenden „Reconcile“ oder dem intensiven „America“, das zunächst nach innen gewandt, fragend und suchend wirkt, um dann zu dramatischer Größe anzuwachsen; damit ist es ein wunderbares Beispiel für die dramaturgische Stärke der Songs auf dieser Platte.

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Victor Wainwright vermischt auf Memphis Loud so viele Stile, dass man dafür eigentlich einen neuen Namen erfinden müsste. Er zeigt sich als einer der wichtigsten und kreativsten Köpfe einer „nouvelle cuisine“ der amerikanischen Rootsmusik, zu der etwa auch Gitarrist Marcus King zählen darf. Sie gehören zu einer jungen Generation, die die US-amerikanische Musiktradition mit Können, Kreativität und frei von jeglichen Scheuklappen in die Zukunft führt.

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All Them Witches – Nothing as the Ideal

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Auch die mittlerweile zum Trio geschrumpfte US-Band All Them Witches hält sich konsequent zwischen allen Stühlen auf. In Nashville ansässig, hat dieser in keine Schublade passende Dreier nichts am Hut mit dem kommerziellen Mainstream-Pop mit etwas Country und Americana, von dem der musikalische Schmelztiegel in Tennessee immer mehr beherrscht wird. All Them Witches wirken dagegen wie eigenbrötlerische Zausel, die in regelmäßigen Abständen ihren Hexentrunk mit Zutaten aus Bluesrock, Psychedelic, Stoner, etwas Doom, Classic Rock und Folk für ihre Fangemeinde abfüllen. Das neueste, mittlerweile sechste, im Studio eingebraute Fass heißt Nothing as the Ideal. Natürlich hat auch diese Platte eine Corona-Geschichte. Im Gegensatz zum Vorgänger „ATW“ (2018), damals in einer Waldhütte vor den Toren Nashvilles entstanden und ausdrücklich eine Rückbesinnung auf die rohen, ungekünstelten Wurzeln der Band, hatte man sich ausgedacht, den Geist der Abbey-Road-Studios auf das neue Werk abfärben zu lassen. Aus- und Wiedereinreise in die USA hat zeitlich mit den Corona-bedingten Grenzschließungen gerade so geklappt. Im Timing hat die Band ein glückliches Händchen bewiesen. Und musikalisch?

„Nothing as the Ideal“, die erste Aufnahme in der Bandgeschichte ohne Tasteninstrument, wirkt wie ein verhextes Fläschchen, dessen Inhalt unzählige Farben und Formen annimmt, je nachdem, von welcher Seite man hineinschaut – geschweige denn, man schnuppert rein und lässt sich von den bewusstseinserweiternden Substanzen wegtragen. Von straightem Rock mit hetzenden Triolen („Enemy of My Enemy“ und sparsam folkig-psychedelischen Melodiefasern („Everest“, „The Children of Coyote Woman“) bis hin zu dicht gewobenen Klangteppichen und verspulten Geräuschwänden, ausgeflippten Jam-Episoden und krachend verzerrten, schleppenden Stoner-Riffs haben die Songs alles zu bieten, wofür Fans All Them Witches seit der ersten Stunde lieben. Die Band bleibt sich in ihrer Entdeckerfreude treu und lässt acht Songs aus der Flasche, deren Form in ihrer Unvorhersehbarkeit einem Bewusstseinsstrom gleichen.

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Der Trip beginnt gleich mit einem Highlight. Nach gesampelten Loops von Drummer Robby Staebler, die Melodik mit dem Geräusch eines dysfunktionalen Beatmungsgeräts verbinden, schlägt eine Glocke – fünf Mal und mit dem letzten Schlag beginnt Aufnahme No. 6. Ein schwereloses Gitarrensolo von Ben McLeod bringt den Song in Schwung, wobei der knackige Bass und deftige Drums die Schraube fester anziehen. Die Essenz von All Them Witches ist in den knapp sieben Minuten von „Saturnine & Iron Jaw“ enthalten: ein Song, der an Spannung zunimmt, ohne dass man recht sagen könnte, wie er sich steigert, eine für Sänger/Bassist Charles Michael Parks Jr. typische Hookline, die eigenartigerweise die Strophe zur Hauptsache macht und ein satt groovender musikalischer Fluss, aus dem nichts herausragt und alles den Eindruck macht, als sei es am rechten Platz. Genau das zeichnet das Album insgesamt aus. Seine unterschiedlichen, reichlich disparaten Teile fügen sich wie in einem Mosaik magisch zusammen. Das gilt selbst dann, wenn der hart rockende unbegradigte musikalische Fluss wie im Longtrack „See You Next Fall“ über ein rhythmisch „atonales“ Schlagzeugsolo in einen wilden Jam übergeht, der einem die Sinne benebelt – Psychedelic Rock vom Feinsten, der oft in Richtung Progressive schielt und doch seine Blueswurzeln nie vergisst. All Them Witches ist mit dieser Platte eine weitere Großtat gelungen.

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Elac

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