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The 1975 – Notes on a Conditional Form

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Auf Notes on a Conditional Form haben The 1975 einiges zu erzählen. Die Band aus Manchester lässt sich auf den 22 Songs musikalisch nicht einschränken. Auf über 70 Minuten Spielzeit begegnen dem Hörer harter Rock, Ambient, Dubstep oder Pop. Die Platte beginnt, wie jedes Album der Band, mit einem Intro. Dieses Mal gibt Greta Thunberg ihr musikalisches Debüt und spricht über atmosphärische Sounds eine Warnung an die Menschheit aus: „We are right now in the beginning of a climate and ecological crisis“ und der zurückgenommene Ambient Sound im Hintergrund kann von ihrem Vortrag nicht ablenken.

Im nächsten Song People wird es wild. Hier hört man harten Rock, Punk und Screamo. Sänger Matthew Healy nimmt die Worte von Thunberg dabei abstrakt in seiner Message auf. „My generation wanna fuck Barack Obama, Living in a Sauna with legal Marijuana“. Der Klimawandel, Kapitalismuskritik, das Nichts-Tun der Alten und die unterschätzte junge Generation, die das zu begreifen scheint – für Healys direkte und aggressiv vorgetragene Lyrics wählte die Band einen treibenden Drum-Beat, zu dem verzerrte Gitarren und der verzerrte Gesang kommen.

Auf Jesus Christ 2005 God Bless America hingegen geht es ruhig zu. Hier singen Healy und die amerikanische Singer-Songwriterin Phoebe Bridgers über die Akkorde einer Akustik-Gitarre. Obwohl man rein musikalisch den Eindruck bekommt, hier würde eine Liebesballade gesungen, geht es in dem Lied um Homophobie und Religion. „Conditional Forms“, so wie es der Albumtitel suggeriert, gibt es aktuell genügend auf der Welt. So verbinden die Texte, die Kritik und das Unwohlsein über den Ist-Zustand die Songs, die musikalisch gesehen unterschiedlicher nicht sein könnten. The 1975 sind tatsächlich eine Band, die man wortwörtlich als „Alternative Band“ bezeichnen kann.

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Jehnny Beth – To Love is to Live

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Mit To Love is to Live bringt Camille Berthomier unter ihrem Pseudonym Jehnny Beth ihr Solo-Debut-Album heraus. Die französische Frontfrau der für den Mercury Prize nominierten Band Savages nutzt für ihre Musik auch als Solo-Act das Düstere und Theatralische. Auf To Love is To Live hört man Industrial Sounds, atmosphärische Passagen aus Synthesizern-Wolken und Manifesto-artige Texte.

Der Eröffnungstrack I Am beginnt mit einem Uhrzeiger-Ticken und einer mit Effekten belegten Stimme. „I am naked all the time, I am burning inside“. Erst gesprochen und später emotional gesungen, vermittelt er einen ersten Eindruck, auf was für einen Ritt man sich mit dem Album einlässt. Beth überwältigt mit direkten, harten Worten und energiegeladenen Sounds. So auch im nächsten Song, der mit ihrer downgepitchten Stimme beginnt – Beth fragt: „Is it living in the City, that turned your heart so small?“. Drei wummernde Bassschläge verstärken die klagende Frage. Der Bass rhythmisiert das Stück weiterhin und geht durchs Mark. Im Laufe des Songs kommen weitere Synthie-Sounds zur verzerrten, fast rappenden Stimme von Jehnny Beth. Nur die Anfangsfrage wird anschließend sanft über dystopische Klänge gesungen.

Ruhiger wird es im Song Flower, in dem Beth über die Liebe zu einer Frau, Unsicherheiten und Verletzlichkeit singt. Hier kann man erstmals eine gezupfte Gitarre identifizieren, die mit den elektrischen Drums und dem melodischen Gesang das Fundament des Songs bilden. Obwohl melodischer, wirkt der Gesang von Jehnny Beth nie kitschig. Selbst bei sensiblen Themen überträgt sie Haltung.

Gegen Ende des Albums wird die Künstlerin mit French Countryside noch einmal sehr persönlich. Obwohl Beth durch ihre Rolle bei den Savages mit Großbritannien verbunden wird, bezieht sie sich hier auf ihre französischen Wurzeln. In dieser simplen Piano-Ballade lernt man eine sehr klare und heruntergebrochene Seite von Beth kennen.

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Algiers – There is No Year

Algiers - there is no year

Das Album There is No Year von Algiers kam im Januar 2020 heraus und klingt heute wie eine Vorahnung auf alles, was danach kam. Die Band aus Atlanta war schon immer politisch engagiert, setzte sich gegen soziale Ungerechtigkeiten ein und übertrug mit ihrer Musik einen Willen nach gesellschaftlicher Veränderung. Auf der neuen Platte ist das nicht anders, doch hört man in den Songs mehr Verzweiflung über die zugespitzte Situation in den USA heraus. Mal klingt das soulig, wie in dem Song Dispossession, der mit einem akkordlastigen Klavierbeat und Hintergrund-Chor überzeugt. Ein anderes Mal spielen Algiers einen Mix aus Garagenrock und Post-Punk, wie in dem Titel-Track des Albums.

Dieser beginnt mit bedrohlichen Synthies, die von einem stechenden Beat begleitet werden. Daraus entsteht eine fordernde Dynamik. Schnell eintretende, rhythmische Schläge bauen Assoziationen zu Gewehrschüssen auf. Im Chorus singt Frontman Franklin James Fisher „it’s only to get shot“. Das muss man politisch verstehen – in Interviews sprach Fisher schon vor George Floyd über Polizeigewalt. Das System in den USA war für ihn schon vor Trump kaputt und korrupt. Dass ihm der Eröffnungstrack als Afroamerikaner ein persönliches Anliegen ist, hört man allein an Fishers geladener und emotionalen Stimme. „While the enemy’s all around us, he slowly tears us apart“ singt er und offenbart, wie wenig Hoffnung er im letzten Jahr für die aktuelle „Black Lives Matter“-Bewegung hatte.

Doch auf die aktuelle Entwicklung reagierten Algiers schnell: vor wenigen Tagen veröffentlichten sie eine neue 7’’ Vinyl-Single, auf der die Spoken-Word-Einlage Can the Sub_Bass Speak über experimentellem Free Jazz vorgetragen wird. Die Einnahmen aus den Verkäufen spendet die Band an den Metro Atlanta Mutual Aid Fund. Doch eine systematische Veränderung dauert und muss immer wieder neu angetrieben werden – auch deshalb ist das neue Album mit fordernden Stimmen wichtig.

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