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Sorry – Anywhere But Here

Die Band Sorry aus Nord-London hat ein fantastisches zweites Album mit dem Titel Anywhere But Here herausgebracht. Hinter der Band stehen die Songwriter Asha Lorenz und Louis O’Bryen, die nicht nur beide Gitarre spielen, sondern sich auch meistens das Mikro teilen. In ihren Kompositionen vermischen sich Grunge, Post-Punk und ein eindrücklicher Gitarrensound, der zwischen dissonant, dreckig und verstimmt den Ton angibt und ein Gefühl von Frust transportiert. Das fühlt sich bei der derzeitigen Weltlage genau richtig an und gibt einer ganzen Generation eine authentische Stimme.

Sorry Anywhere But Here

„Tell Me“, der zweite Song des Albums, beginnt mit O’Bryens Gesang, den er mit unverzerrten Akkorden akzentuiert. Er singt „There she goes, the life I knew so well“, also von Verlust und Nachsehen. Nach dem ruhigen Intro beginnt Lorenz‘ Gesang und das Lied gewinnt an Fahrt. Sie wird von einem sich mehr und mehr aufbauenden Schlagzeug begleitet und ihre Stimme, eine Oktave höher die von O’Bryen, transportiert etwas Abgekühltes, was bei dieser Thematik gar nicht besser passen könnte. Besonders an dem Stück ist, dass man fortwährend einen Ausbruch erwartet, es aber gleichzeitig immer – sogar in einem Ausreißer-Part mit neuen Akkorden – kontrolliert klingt.

Das folgende „Key To The City“ ist musikalisch aufgeräumter und wurde von Sorry als Single veröffentlicht. Hier ist die Gitarre unverzerrt und baut mit Arpeggien eine interessante Atmosphäre auf. Der Gesang, diesmal meistens von Frontfrau Lorenz vorgetragen, ist vielschichtig und trägt zur Melancholie bei. Durch das Arrangement mit vielen Gesangsspuren und Worten wie „Still, I pretend that you are the key to my city“ wirkt es, als würde man Lorenz‘ innere Stimmen hören, die sich nach einem Gefühl der Zusammenhörigkeit sehnen.

Dass Sorry Emotionen derart gut in Musik übersetzen können, ist eine klare Stärke der Band. Das neue Album wirkt wie ein Trip durch das Innere der Songwriter und ist allein schon deshalb hörenswert.

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Lucrecia Dalt – ¡Ay!

Lucrecia Dalts neues Album ¡Ay! ist – wie von der in Berlin lebenden, kolumbianischen Musikerin nicht anders zu erwarten – ein akustisches Fest. Hier kommen lateinamerikanische Rhythmen, Jazz und Experimental mit interessanten Instrumentierungen und Dalts sinnlichem Gesang zusammen. Auch wenn die spanischen Texte nicht jedem sofort zugänglich sind – man kann deren Tiefe schon in der Musik erspüren.

Lucrecia Dalt Ay

Das Album startet mit „No tiempo“, einem Song, der die Platte mit einer Orgel festlich eröffnet, die die ersten 30 Sekunden ganz alleine spielt. Dazu kommt eine Flöte, die ein beschwingtes Solo vorträgt, bevor Dalts zarter Gesang einsetzt. Die Musik wirkt feierlich, wie aus einem Film, der Naturwunder dokumentiert. Nach der ungewöhnlichen Eröffnung des Albums werden die Songs melancholischer und mystischer.

Auf „Contenida“ zum Beispiel bekommen Noise-Elemente eine größere Rolle. Sie bereichern die tänzerische und zugleich bedrückende Stimmung des Lieds und rücken es in die Moderne. Das Stück beginnt mit leichten, Wind-ähnlichen Tönen und einem Kontrabass, der zunächst frei spielt und sich dann am Gesang orientiert. Der Song entwickelt sich nach einem minimalistischen Anfang ganz schleichend zu einer lateinamerikanisch-rhythmischen Komposition, die unterschwellig Spannung aufbaut und durch die Noise-Elemente vibriert. Der jazzige Kontrabass und die Noise-Elemente bekommen einen instrumentalen Break, bevor sich das Stück mit weiteren Soli musikalisch fortbewegt. Hier zeigt sich Dalts Stärke – sie erzeugt mittels Instrumentierung Stimmungen und Texturen, die zwar ungewöhnlich, aber nie fremd wirken. Das macht das Album zu einem Meisterwerk, das sowohl vertraut wie experimentell klingt.

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Sofie Royer – Harlequin

Die in Wien aufgewachsene Musikerin Sofie Royer kann so einige Stationen in ihrem Lebenslauf anführen. Sie ist in Los Angeles geboren, in Wien groß geworden, dann nach New York gezogen und schließlich nach London gegangen, wo sie in das Team des inzwischen weltbekannten Boiler Room kam und sich dort als DJane einen Namen machte.

Sofie Royer Harlequin

Nachdem sie zuvor unter „Sofie“ auftrat, geht ihre musikalische Laufbahn mit ihrer neuen Platte Harlequin als „Sofie Royer“ weiter. Das Album mit Lo-Fi-Pop-Songs auf Englisch und Deutsch ist auch deshalb so interessant, weil es eine musikalische Welt aus Chanson und Texten aufbaut, die wie ein Theaterstück klingt.

Die Single „Schweden Espresso“, die das Album eröffnet, weist einen melancholischen Chorus und eine ausgeklügelte Komposition auf. Mit ihrer Geigenausbildung und der Aufnahme am Wiener Konservatorium kann sicher behauptet werden, dass Royer für die Orchestrierung zuständig war. Die Streicher untermalen die Geschichte einer zerbrochenen Beziehung melodiös und machen den Song zu einem neuen Klassiker. Dazu gesellt sich ein lebendiger Bass, der vor allem im Chorus derart interessante Läufe spielt, dass man meinen könnte, er hätte eine eigene Geschichte zu erzählen.

Bei „Baker Miller Pink“ hingegen kommt durch die Synthies und die funkige Gitarre ein 80er-Jahre-Feeling auf. Der knackige Beat der Drum-Machine treibt voran und Royers Stimme gleitet mühelos über die spacigen Sounds und bleibt mit einem poppigen Chorus im Ohr. Snare- und Drum-Beat ändern sich im letzten Drittel und bauen mit „mehr Blech“ ein schillerndes Finale auf. Auch der folgende Song „Klein-Marx“ ist eine melancholische Up-Beat-Nummer, die mit markantem Bass und weniger Synthies auskommt. Die deutschen Lyrics sind nach dem Gesang auf Englisch etwas ungewohnt. Besonders das Gitarrensolo – bei dem die Musik im Hintergrund zunächst ganz runter- und am Ende wieder raufgeschraubt wird – zeigt aber, wie experimentierfreudig es hier zugeht.

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