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Sinikka Langeland – Wind and Sun

Das neue Album der norwegischen Musikschamanin Sinikka Langeland passt perfekt in den beginnenden Herbst. Es lässt sich keine Jahreszeit vorstellen, in der das geheimnisvoll-düstere Wind and Sun eine bessere Wirkung erzielen könnte.

Sinikka Langeland Wind and Sun

Nach dem schlichten, konzentrierten Soloalbum Wolf Rune hat die Sängerin, Komponistin und Kantele-Spielerin Sinikka Langeland diesmal eine Gruppe erstklassiger norwegischer (Jazz-)Musiker um sich versammelt, um den zwölf Tracks ihres neuen Albums Atmosphäre, Tiefe und betörende Klangschattierungen zu verleihen. Wind and Sun ist ein beschwörend-raunendes Klangkunstwerk, das von der bewährten ECM-Produktion tief in alle Verästelungen und Klangfarben hinein detailtreu, aber glücklicherweise nicht „überbelichtet-glatt“ eingefangen wurde. Langelands Vokalmelodien sind sozusagen der Baumstamm der Songs, während die für ihre weiche, mit Atem spielende Tongebung und vokale Linienführung international bekannten Bläser (Trygve Seim, Saxofon; Mathias Eick, Trompete) feines Ast- und Blattwerk hinzuzaubern.

Langelands Musik verbindet die Quelle alter Volksweisen des sogenannten „Finnskogen“, eines Waldgebiets in der Grenzregion zwischen Norwegen und Schweden, mit improvisatorischer Entfaltung. Wo das eine aufhört und das andere beginnt, verschleiern die Musiker. Langeland hat sich forschend so tief in die Tradition der Volksweisen vergraben, dass ihre eigenen Lieder so zeitlos wirken diese. Auf Wind and Sun ist Langelands mystische, sich zwischen Ritus und Folklore bewegende Musik inspiriert durch die von Naturbildern durchzogene Lyrik des norwegischen Schriftstellers Jon Fosse.

Sinikka Langeland

© Oddleiv Apneseth

Das Ergebnis ist ein Album von archaischer Schönheit und Schlichtheit. Die ersten beiden Titel spannen einen Horizont zwischen Volksweise und ritueller Musik auf. Das wie eine Beschwörung wirkende Klanggespinst des zunächst rein instrumentalen Titelsongs greift Langeland gegen Ende nochmals auf. Die variierte, nun mit Text versehene Version ist deutlich mehr als Lied geformt. Verdichtung und Auflösung, Melodie und Naturlaut, dumpfer Trommelschlag und silbriger Kantele-Klang – solcherlei Spannungen durchziehen das ganze Album. Die Musiker um Langeland nehmen ihre Melodien auf, lassen sie Raum greifen und lyrisch in wellenartigen Bewegungen weiterströmen.

Die Songs bewegen sich vornehmlich in bedächtigem Tempo, Beschwörung (düster und unerbittlich schreitend in „It Walks and Walks“) funktioniert eben nicht hopplahopp. Umso wirkungsvoller fallen das tänzerische „The Love“ mit geradezu südländischer Sonnenkraft und der folgende „Wind Song“ aus. Ihre größte Kraft entfaltet die Platte allerdings in den introvertierten Höhepunkten wie dem choralhaften „A Child Who Exists“, dem eingängigen, einschmeichelnden „When the Heart Is a Moon“ oder gleich am Anfang mit „Row My Ocean“. Da wirkt Sinikka Langeland ganz bei sich und öffnet gleichzeitig Freiräume für den Klangfarbenzauber ihrer Mitmusiker.

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Helge Lien Trio & Tore Brunborg – Funeral Dance

Weder geografisch noch in Bezug auf die Stimmungslandschaften ist es von Sinikka Langeland weit bis zum neuen Album des Helge Lien Trios, das schon in seinem Titel einen Kontrast aufmacht: Funeral Dance heißt die neue Platte, bei der das Trio durch den norwegischen Saxofonisten Tore Brunborg unterstützt wird.

Helge Lien Trio Funeral Dance

Die im Gedenken an Liens Lehrer und Mentor, den ukrainischen Pianisten Mischa Alperin entstandene Platte tendiert mit ihrem überwiegend introspektiven, melancholischen Tonfall eher zur Trauer als zum Tanz. Damit schreibt der Pianist Helge Lien die Grundstimmung seiner bisherigen Alben fort. Und doch ist diesmal durch Tore Brunborg und die Erweiterung zum Quartett vieles anders – abgesehen davon, dass mit Knut Aalefjær nun auch neuer Drummer an Bord ist. Die Melodien des Pianisten stehen nun nicht mehr allein im Vordergrund. Helge Lien und Tore Brunborg führen die vokal gedachten Melodien in improvisatorischen Girlanden fort. Und angestachelt von Brunborg, wagt sich Lien deutlich mehr aus der Deckung als in der Vergangenheit. Daraus entstehen intime, intensive instrumentale Dialoge, die auch klanglich detailreich transportiert werden. Balance und Räumlichkeit sind ideal und Feinheiten, wie der leicht luftige Ton und die saxofontypisch scheppernden Klänge von Tore Brunborg, finden sich nuancenreich abgebildet – ein Fest für Fans hochwertiger Aufnahmen!

Helge Lien Trio Funeral Dance

© CF Wesenberg

Die meist aus der Feder von Helge Lien stammenden Stücke, in den ostinate Figuren die Grundstimmung festlegen, steigern sich häufig in schubartigen Wellen. Zuweilen erreicht das fast sinfonische Dimensionen, etwa in „Riss“, dem Einstiegsstück „Adam“ oder einem der Höhepunkte, „Kaldanuten“, der zunächst nach skandinavischer Folklore klingt, aber über mächtig tönende Drums einige zutiefst beunruhigende Momente einstreut. Tore Brunborg, einen kernigen, zu keinem Zeitpunkt spitzen Ton pflegend, versteht sich auf die Kunst des (richtigen) Weglassens: Weniger Töne sind mehr. Eine Kostprobe davon gibt das Lamento des Titelsongs, der wie ein Gedankenstrom dahinzieht.

Nach dem eher ruhigen Beginn nimmt die Platte dann doch richtig Schwung auf und wird dem zweiten Begriff im Titel gerecht. Und auch einige Überraschungen gibt es gegen Ende, etwa die hingetupfte Klangvignette „Bømlo“, die wie ein musikgewordener Suchscheinwerfer klingt. Der große Reiz von Funeral Dance liegt allerdings in den eng verwobenen Linien von Klavier und Saxofon, wunderbar dicht in „The Silver Pine“. Hier wird deutlich, was für ein großes Glück es ist, dass Tore Brunborg und das Helge Lien Trio nach diversen Bühnenbegegnungen für eine gemeinsame Platte zusammengefunden haben.

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Johannes Metzger Quartett ft. Benjamin Schaefer – How far?

Große, weit schwingende Bögen und Spannungsfelder – das zeichnet auch How far? des Johannes Metzger Quartetts aus. Der Schlagzeuger fragt mit dem zweiten Album seines Quartetts (mit der nicht ganz alltäglichen Grundbesetzung Gitarre, Saxofon, Bass und Schlagzeug), das um den Pianisten Benjamin Schaefer erweitert wurde, wie weit wir es mit unserem Planeten denn eigentlich noch treiben wollen? Das verrät der Pressetext. Aber auch die Musik ist in metrischen, dem Progressive Rock nahen Verschiebungen und Taktwechseln (wie schon im Intro des Eingangsstücks „status quo“) voller Unruhe. Gleichzeitig erobern immer wieder Motive den Raum, die man gut auch in einem Charakterstück der Romantik finden könnte, etwa das mahnend-suchende Saxofon-Motiv im Opener, das in leicht variierter Form auch das folgende „(un)foreseen“ durchzieht. In solchen Querverweisen wird deutlich: Diese Platte markiert gegenüber dem Erstling des Quartetts einen höheren Anspruch und höhere (kompositorische) Klasse.

Johannes Metzger How Far?

Zugleich hat sie durch Einflüsse aus Progressive Rock und elektronische Klangerweiterungen, vor allem der schmerzvollen Gitarrensoli, genug Facetten, um über die ausgedehnte Klangreise hinweg gefangen zu nehmen. Pianist Benjamin Schaefer holt in manchen ins Rockige abdriftenden Momenten das Quartett wieder in den Jazz zurück, wirkt aber an anderer Stelle wie der Verstärker der von den übrigen Musikern eingeschlagenen Richtung, etwa in dem balladesken „Home“.
Der in Berlin lebende Drummer Johannes Metzger hat durch die Mitwirkung in verschiedenen Formationen einen imposanten Output an Veröffentlichungen. Vor wenigen Monaten erst hatte er mit Orange Sky eine neue Platte am Start. Der Neuling des nach ihm benannten Quartetts hat allerdings eine Klasse, die ihn in der Aufmerksamkeit der Szene weit nach oben spülen dürfte.

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