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Simon Oslender und Ina Forsman machen mit ihren neuen Alben klar, dass sie bereit sind für Größeres. Gov’t Mule hingegen ist groß genug, um selbst die Original-Songs der Rolling Stones mit einer gelungenen Cover-Scheibe teilweise zu übertreffen.

Simon Oslender – Peace of Mind

Simon Oslender - Peace of Mind

Was für eine herrliche Sommerplatte hat der Jazzpianist Simon Oslender da mit Peace of Mind geschaffen! Die zwölf Nummern der Doppel-LP sind an einem lauen Sommerabend unterm Kopfhörer lauschend das reinste Vergnügen. Sie sind aber auch so unterhaltsam und eingängig, dass sie eine gemütliche Runde mit Freunden geschmackvoll untermalen können. Leicht, beschwingt, luftig und zugänglich wirkt die Musik des 24-jährigen Senkrechtstarters, der in letzter Zeit zu einem vielgefragten Tastenmann in der Jazzszene avancierte. Peace of Mind ist sonnendurchtränkte Feel Good Music mit einem Lächeln auf den Lippen. Dabei wartet Oslenders Musik mit einem Reichtum an Facetten und Färbungen auf, die einen gereiften Künstler erkennen lassen. Im Vergleich zu seinem Debüt macht der Aachener mit seinem zweiten Album einen riesigen Satz nach vorn. Denn die locker, mit leichter Hand variativ umspielten Melodielinien, in denen Simon Oslenders lyrische Qualitäten optimal zum Ausdruck kommen, wirken ungemein gelenkig und flüssig.

Entscheidenden Anteil an der großen Klasse dieses Albums haben auch die beiden Mitstreiter in Oslenders Trio: der Schlagzeuger Wolfgang Haffner, in dessen Trio und neuerdings auch „Dream Band“ (ein Live-Album ist jüngst bei ACT Music erschienen) im Gegenzug sein Protegé Simon Oslender mitwirkt, sowie der amerikanische Bassgitarrist Will Lee. Mit diesen beiden hat der junge Virtuose an Klavier, Hammondorgel, Fender Rhodes und Synthesizer zwei mit allen Wassern gewaschene Routiniers an Bord, die Oslenders kantable Qualitäten mit rhythmischem Drive erden und für Zugkraft sorgen. Vor allem Will Lees vollmundiger Bass kommt im gut balancierten Klangbild wunderbar sonor, zuweilen fast ein wenig fett zur Geltung und wirkt nicht selten wie ein kraftvoller Motor. So tänzeln Oslenders Melodien in „First Dance“ vergnügt und elegant über einem Bassmotiv mit elegantem Hüftschwung. Und auch „Keep It“ wird zunächst in Fahrt gebracht mit einem Walking Bass, dessen geradliniger Schritt sich allmählich verflüssigt. Später lässt Will Lee noch ein tolles Solo vom Stapel.

Simon Oslender - Peace of Mind

© Boris Breuer

Neben Balladen wie „I Will Be There“, einem träumerischen Nachtstück, hat Oslender auch Jazzfusion mit Ohrwurmqualitäten („When She Speaks“ oder „Shining Bright“) auf Lager. Am meisten Spaß machen allerdings die Nummern, die tief in eine wendungsreiche musikalische Erzählung ohne Text hineinziehen, etwa gleich am Anfang „Healing“: Mit einem Tastensolo beginnend schält sich eine locker gefügte Melodie hervor, ehe Schlagzeug und Bass für dezenten Groove sorgen. Der stetig kräftiger rockende Rhythmus macht das Eingangsstück zunehmend straffer, bevor ein introvertiertes Klavier-Intermezzo für eine Ruheinsel sorgt. Und gegen Ende hält dieser ideale Begrüßungscocktail für die musikalische Gartenparty noch einen Überraschungsmoment bereit. Die Variabilität in musikalischer Dichte, Arrangement, Spannung, Lautstärke und Beweglichkeit, die in einigen Nummern noch durch Bläserfarben (Arrangements & Orchestration: Jörg Achim Keller) erweitert wird, macht die weich und warm tönende Musik von Peace of Mind richtig schillernd. Diese Platte ist das Reifezeugnis eines jungen Musikers, von dem noch viel zu erwarten ist.

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Gov’t Mule – Stoned Side of the Mule Vol. 1 + 2

Gov’t Mule - Stoned Side of the Mule Vol. 1 + 2

Es ist eine schöne Tradition der Southern-Rock-Jamband Gov’t Mule, bei ihren Konzerten zu Halloween oder Silvester Songs einer von ihnen verehrten Band ins Zentrum zu stellen und deren Stücke zu covern. Damit wächst die Songauswahl der Band, die an aufeinanderfolgenden Abenden nie dieselbe Setlist spielt, auf gut 300 Songs (!) an. Bei den inzwischen Kult gewordenen Cover-Sessions – einige davon sind auch auf CD und DVD erschienen, die anderen lassen sich auf der Band-Website herunterladen – widmeten sich Gov’t Mule etwa Pink Floyd, The Doors, knieten sich mit Little Milton tief in den Blues oder zelebrierten mit Toots Hibbert ein Reggae-Fest. An Halloween 2009 ließen Gov’t Mule einen Block mit Songs von The Rolling Stones auf die begeisterten Fans los. Als LP war die Auswahl bereits 2014 erschienen, nun gibt es sie erstmals auch auf CD.

Gov’t Mule – Stoned Side of the Mule Vol. 1 + 2

© Jay Sansone

Gov’t Mule, das Quartett um Sänger und Meistergitarrist Warren Haynes, vereint seit je bluesbasierten, heavy gespielten (Southern) Rock mit der Improvisationslust einer Jam-Band und nimmt damit eine singuläre Stellung im Rockbusiness ein. Die musikalische Klasse der Ausnahmetalente wird auch in den Stones-Songs deutlich: Sie ehren das Vorbild und bringen gleichzeitig ihre eigene Stimme ein. Einiges, vor allem in der ersten Hälfte des Albums, ist recht nah am Original gehalten. Doch so richtig Spaß macht es, wenn die Band den Stöpsel zieht und sich voller Spielfreude austobt, etwa im „Ventilator Blues“, der passenderweise mit Gebläse über die Bühne geht. Saxofonist Steve Elson ist aber auch später noch an Bord und heizt bei „Can’t You Hear Me Knocking“ ordentlich ein. Auf einmal bekommen die Stones-Songs eine jazzige Note – und die steht ihnen ziemlich gut!

Gov’t Mule kommt auch hier als verschworene Gemeinschaft rüber. Drummer Matt Abts gibt aus dem Hintergrund den „Monkey Man“ und Warren Haynes ist sich nicht zu schade, dem Gast-Gitarristen Jackie Greene einige Solospots zu überlassen. Doch die eindrücklichsten Momente, in denen Haynes von rotziger Heavyness auf gefühlvolle Soli umschaltet, kommen natürlich von ihm selbst. Bassist Jorgen Carlsson findet in den Songs der Stones nicht ganz so viel Freiraum für seine frei beweglichen, kontrapunktischen Basslinien, doch wo sich Möglichkeiten öffnen, greift er begierig zu („Bitch“).

Gov’t Mule – Stoned Side of the Mule Vol. 1 + 2

© Jay Sansone

Das Ergebnis: Wenn Gov’t Mule sich mit den Songs anderer Bands beschäftigen, ist das immer eine Anverwandlung. Bloßes Nachspielen ist ihre Sache nicht, aber die Auseinandersetzung passiert mit Respekt vor dem Original. Man merkt das in jeder Sekunde der 13 Songs, die eine große Bandbreite der Stones-Alben zwischen 1965 und 1981 abdecken und neben Klassikern auch selten Gespieltes enthalten. Einen kleinen Wermutstropfen gibt es allerdings: Klanglich kann dieser Livemitschnitt nicht ganz mit den großartigen Livealben von Gov’t Mule mithalten. Man hört deutlich, wenn Warren Haynes nicht so nah am Mikro dran ist; die Vocals sind in anderen Liveaufnahmen insgesamt ausgeglichener in den Mix integriert. Aber irgendwie passt das auch zum rohen Charme der Stones-Songs.

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Ina Forsman – All There Is

Ina Forsman - All There Is

Mit All There Is landet die in Berlin lebende Finnin Ina Forsman einen Überraschungscoup. Wie aus dem Nichts macht sie damit Yola bei der Wiederbelebung der goldenen Soul-Vergangenheit ernsthafte Konkurrenz. Klar, ganz überraschend und unvorbereitet kommt diese Punktlandung nicht, hat sich Ina Forsman doch schon mit zwei Platten bei Ruf Records und angeschlossenen Blues-Caravan-Touren warmgelaufen. Bislang zwischen Soul, R&B und Blues schwankend hat sie mit All There Is, erschienen bei Jazzhaus Records, nun genau das gefunden, was sie als Sängerin und Songwriterin ausmacht und bringt es in zehn Songs konzentriert auf den Punkt. Während aber Yola unter ihrem Mentor Dan Auerbach die Glanzzeit des Soul von der Klangästhetik bis ins Cover-Artwork hinein zitiert, holt Ina Forsman die große Soul-Tradition geschickt und mit viel Geschmack in die Gegenwart. Das Cleopatra-Geschmeide, das ihre Fotos auf und im Booket ziert, hat sie allerdings eigentlich gar nicht nötig. Schon ihre Stimme ist pures Gold und funkelt in einer prächtigen Farbpalette.

Ina Forsman – All There Is

All There Is stellt Ina Forsmans Stimme ins Zentrum und bringt sie auf der großen Leinwand ihres ‚Cinematic Soul‘ (so umschreibt die Sängerin ihre Musik) zum Leuchten. Klanglich klar im Mittelpunkt stehend wird sie mit leichtem Hall eingehüllt durch eine Rhythmussektion mit genüsslich schmatzendem Bass, sinnlichen Streichern, Soul-typischen Flöteneinwürfen, emotionsgeladenen Background-Vocals-Harmonien, zirpenden Gitarreneinlagen und warmen Tastentönen. Ina Forsman hat die eine Hälfte der Songs in einem Studio in Helsinki mit dortigen Musikern, die andere in Berlin mit hiesiger Combo aufgenommen. Trotz der zwei Entstehungsorte wirkt das Album mit einer großen Bandbreite zwischen mitreißender R&B-Energie („Poor Heart“, „April Song“), jubelnder Ausgelassenheit und gefühlsseligen Schwelgen („All There Is“, „Dive“) wie aus einem Guss. Höhepunkte sind in der Fülle stimmungsvoll inszenierter Melodien schwer auszumachen. Schon der Opener „Love Me“ ist ein funkelnder Einstieg nach Maß, der auf die windungsreiche Gefühlsachterbahn des Albums vorbereitet. Doch der unwiderstehlichste Moment findet sich in der Mitte mit „One Night in Berlin“. Das ist Sinnlichkeit pur, in eine berührende Melodie gegossen und gehaucht von einer Stimme, die sich mit All There Is als feste Soul-Größe etabliert.

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