Siena Root – Made in KuBa
Retrorock ist eine beliebte Nische. Zur Speerspitze des Genres gehört seit vielen Jahren und über alle Besetzungswechsel hinweg die schwedische Band Siena Root. Aber ganz ehrlich: So richtig will der Begriff Retrorock nicht passen, denn Siena Root lässt die Siebziger mit Authentizität und Überzeugungskraft bis in die Haarspitzen wiederauferstehen. Das wirkt nicht retro, sondern einfach grundehrlich, echt und zeitgemäß.
Eindrückliches Beispiel: die neu erschienene Platte Made in KuBa. Siena Root tourte allerdings nicht auf der berühmten Karibikinsel, sondern machte in Jena Station. Dort gibt es den Club KuBa, wo drei Konzerte der Schweden im März 2024 mitgeschnitten wurden – natürlich alles komplett analog, wie es Siena Root seit Jahren zelebrieren: direkt vom Mastertape auf zwei LPs. Das Ergebnis klingt warm und lässt den federnden Bass von Sam Riffer, das Farbenspiel von Orgel und Rhodes zwischen Wimmern, Jaulen und säuselndem Sirenengesang, die gewaltige Stimme der Sängerin Zubaida Solid, das knackige Schlagzeug und die feine, sehr wandelbare Gitarrenarbeit Johan Borgström glänzend zur Geltung kommen. Klar, man hört hier auch das begeisterte Publikum; so darf und soll es bei einer Livescheibe ja auch sein.
Siena Root standen in Jena als Sextett auf der Bühne, verstärkt um zwei Gäste. Lisa Isaksson packt zwischendurch stilistisch passend zum Vibe der Musik ihre Flöte aus und Erik Peterson unterstützt an den Tasten, dass es wohlig quiekt und fiept. Das gibt dem recht psychedelisch angehauchten Siebziger-Jahre-Rock viel Klangdichte. Klanglich mit am schönsten sind allerdings die atmosphärisch dichten leisen Stellen, in denen das analoge Equipment seine Stärken voll ausspielen kann.
Die Setlist der knapp anderthalb Stunden geht quer durch das musikalische Schaffen der Schweden und bietet mit zünftig nach vorn treibenden Songs und langsameren, zurückhaltenden Nummern („Ridin‘ Slow“) oder dem tonnenschweren Doomer-Rock „The Summer is Old“ viel Abwechslung. Vor allem aber: Es gibt reichlich Raum für Improvisation, vor allem in den ausgedehnten, über zehnminütigen Nummern. So liefern sich die vor allem in den tieferen Lagen enorm voluminöse Zubaida Solid und Gitarrist Johan Borgström in „We (We are Them)“ ein famoses Echospiel, das Erinnerungen an Deep Purple in Hochform heraufbeschwört.
Gefangen nimmt dieser Konzertmitschnitt von Siena Root vor allem deswegen, weil selbst in deftige Rocksongs immer wieder zurückgenommene Passagen eingebaut werden und auf diese Weise große Spannungsbögen gelingen. Abseits technischer Glätte ist hier lebendiges Musikmachen auf der Konzertbühne festgehalten – mit allem, was 70er-Jahre-Rock ausmacht: Wechsel in Tempo und Metrum, hymnische Hooks, bollernde Bassläufe und Gitarren, die die Zeit zum Stehen bringen. Die Ohrwurmnummer „In My Kitchen“, ein Slowburner reinsten Wassers, kommt im Tempo zunächst etwas unentschieden daher. Aber was macht die Abweichung vom metronomischen Gleichmaß schon, wenn man mit einer Melodie belohnt wird, die sich aus den Schwaden erst herausschälen muss und die dann reinläuft wie erlesener Wein? Siena Root lässt seine Musik auf der Bühne atmen und ganz dynamisch entstehen. Das nimmt gefangen.
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Wolfgang Muthspiel – Tokyo
War da für Wolfgang Muthspiels Trio nach Dance of the Elders (2023) noch Luft nach oben? Sie war seinerzeit schwer auszumachen. Zusammen mit Scott Colley am Bass und dem Schlagzeuger Brian Blade hat der österreichische Gitarrist ein Level kammermusikalischer Feinabstimmung erklommen, das schwer zu toppen schien – bis jetzt. Nun ist die neue Platte Tokyo (ECM) da. Und siehe da: Dieses Trio legt in Sachen lauschenden Reagierens noch eine Schippe drauf.
Muthspiel pendelt auch hier zwischen akustischer und elektrischer Gitarre. Beiden entlockt er mit zartem Anschlag butterweiche Klänge, die in dem Tokioter Aufnahmestudio bis in subtilste klangfarbliche Details abgenommen wurden. Tokyo ist, wie auch schon der Vorgänger, ein Fest der leisen Töne. Kaum jemals bricht dieses Trio ungestüm aus. Der Schluss mit „Abacus“, in dem die drei Musiker erstmals etwas harschere, beißende Klänge einstreuen, verwundert fast. Ein Zeichen auf das, was kommen mag?
Davor allerdings ist ein Zauberspiel leichtfüßiger Triointeraktion zu erleben. Den Anfang macht mit Latin-Flair die Jarrett-Nummer „Lisbon Stomp“, in der Muthspiel und Colley lustvoll harmonische Seitenwege ausschreiten. Ähnlich beweglich, mit straffen Rhythmen geht „Flight“ nach vorn, in dem der Bass die geheimnisvolle Melodie anstimmt. Ein ähnlicher Rollentausch findet sich in „Traversia“, das einen eigenwilligen Reiz aus dem Kontrast recht hermetischer Gitarrenmotive und weit ausschwingender Melodie im gestrichenen Bass entwickelt. Auch eine weitere Kurt-Weill-Hommage in „Weill You Wait“ hat so manch Erstaunliches zu bieten. Denn abseits aller Sentimentalität kommen hier die melodischen Linien ein ums andere Mal zum Stocken.
Höhepunkte dieses musikalischen Feingewebes sind indes einmal mehr die lyrischen Nummern, zum Beispiel das ruhig fließende „Pradela“. Die zart schmelzend gezupfte Melodie hat großen Atem, ist sehr sanglich angelegt und bietet mit klassisch inspirierten Spielfiguren und perlenden Läufen reichlich Variation. Auch „Christa’s Dream“ ist auf balsamischen Klang aus, bewegt sich harmonisch indes ganz frei und stellt Akkorde wie Farben nebeneinander. Dabei ergänzen sich Muthspiel und Colley in enger kammermusikalischer Interaktion, während Brian Blade das Schlagzeug dazu verwendet, weich punktierende Klanggesten drunter zu setzen.
Was damit gelingt, ist eine klanglich vor allem auf der weichen Seite verortete Trioarbeit, die von enormem Feingefühl getragen ist. Gibt es hier noch Steigerungsmöglichkeiten? Mal sehen, wohin uns die nächste Platte entführt.
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Devon Allman – The Blues Summit
So wenig Starallüren sind selten – vor allem bei einem solchen Stammbaum. Devon Allman, Sohn von Gregg Allman, einem der Begründer der legendären Allman Brothers Band, hat in den letzten Jahren mit zahlreichen Kooperationen von sich reden gemacht. Seine Solokarriere bleibt trotzdem am Laufen und mit The Blues Summit ist ihm ein Juwel geglückt.
Für diese bei Ruf Records erschienene Platte hat Devon Allman eine ganze Reihe hochkarätiger Südstaaten-Musiker eingeladen. Aber nicht nur das: Er lässt bei rund der Hälfte der zehn Songs den Partnerinnen und Partnern auch die erste Geige spielen. Unter Mitwirkung der Memphis Horns und Gästen wie Christone „Kingfish“ Ingram, einem der talentiertesten jungen Bluesgitarristen, gelingt ein echter Kracher.
Dabei bleibt The Blues Summit beileibe nicht bei dem Genre stehen, das es im Titel führt. Mit Jimmy Hall wird der Gospelsong „Peace to the World“ zu einem eindringlichen Gebet und Larry McCray sorgt für funky Funkenflug, während Sierra Green mit volltönendem Organ „Real Love“ mit ganz viel zartfühlender Seele auflädt – eine bärenstarke Soulnummer.
Natürlich ist auch der nicht zu vergessen, bei dem alle Fäden zusammenlaufen: Devon Allman überzeugt mit einer Stimme am Übergang zwischen rauem Samt und feinstem Schmirgelpapier und ist an der Gitarre eine Wucht. Dass diese musikalisch so vielfältige Platte rundum gelingt, hängt allerdings an der grandiosen großen Band und den mit Liebe sehr reich arrangierten Songs: Wer genau hinhört, kann im Hintergrund viel entdecken. Versteht sich von selbst, dass diese Mannschaft auch ein Instrumental wie das abschließende „Midnight Lake Erie“ in jeder Sekunde mit Inspiration auflädt. Ein wirklich großartiges Album.
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