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Diesmal, allerdings ganz ohne Absicht, eine kleine Rundreise durch die Klassische Moderne. Zwischen den ersten und den letzten hier vorgestellten Kompositionen liegen rund 40 Jahre. Wir reden über den Zeitraum von 1895 bis 1936. Selbst wenn man die welthistorischen Friktionen und Katastrophen außer Acht lässt, liegen musikalisch Welten zwischen den Werken. Einerseits. Andererseits gibt es in den musikalischen Signalen manches, das hier nur anklingt, um dort zu voller expressiver Größe zu gelangen. Hier Mahlers feine Dissonanzen, dort Ravels lärmender Großstadt-Tumult. Das Erbe der russischen Sinfoniker liegt gleichsam quer dazu. Aber Rachmaninovs sinfonische Kompositionen sind nicht einfach nur Beschwörungen verlorengegangener Harmonie. So wenig wie die Mahlers oder Ravels. Hören wir mal rein!

Seong-Jin Cho – Maurice Ravel

Paul Wittgenstein (1887-1961), der Bruder des weltberühmten Philosophen Ludwig Wittgenstein (1889-1951), war ein ganz respektabler Konzertpianist. Der Erste Weltkrieg forderte von ihm einen bitteren Tribut: Paul Wittgenstein verlor seinen rechten Arm. Das große Vermögen, das der Vater, Karl Wittgenstein (1847-1913), ein österreichischer Industrieller, geschaffen hatte, ermöglichte es dem versehrten Pianisten aber, renommierte Komponisten zu beauftragen, Werke für ihn zu schreiben. Einer davon war Maurice Ravel (1875-1937).

Seong-Jin Cho - Maurice Ravel

Die Zusammenarbeit zwischen den beiden verlief nicht gedeihlich, aber das muss uns hier nicht beschäftigen. Eher sollte uns die Qualität der vorliegenden zwei Klavierkonzerte interessieren. Es geht um das Klavierkonzert in G-Dur (1929-1931) und die Auftragsarbeit für Paul Wittgenstein, das Klavierkonzert in D-Dur für die linke Hand (1929-1930).

An ihren kompositorischen Qualitäten gibt es keinen Zweifel. Namentlich im Klavierkonzert in G-Dur erweist sich Ravel als Visionär, der weit vorausweist in das 20. Jahrhundert. Bernsteins Kompositionen wären ohne diese Impulse nicht denkbar gewesen – die des hemmungslosen Eklektizisten Schostakowitsch schon gar nicht. Bei Ravel klingt das rhapsodisch lärmende Jahrhundert in zahllosen klanglichen Facetten an.

Und kaum möchte man sich einer romantisierenden Rückschau vergewissern, konterkariert Ravel die falsche Gefühlsduselei mit Karacho, mit schrillen Jazz-Artefakten oder akustischen Stoppschildern. Beide Klavierkonzerte haben diesen teils übermütigen, teils maliziösen Elan. Hört man das in der vorliegenden Einspielung mit Seong-Jin Cho am Piano und Andris Nelsons am Pult des Boston Symphony Orchestra?

Das muss man differenziert betrachten. Lobenswert ist die Produktion als solche. Der Klang ist, untypisch für die Deutsche Grammophon, recht offen, klar und transparent. Namentlich das Piano hat ausreichend „Luft zum Atmen“. Trotz des großen Klangkörpers entsteht nirgends der Eindruck drangvoller Enge. Das führt zu schöner Auflösung und Räumlichkeit.

Dem Boston Symphony Orchestra liegen Kompositionen aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Dafür hat sein langjähriger Leiter Seiji Ozawa (1935-2024) fraglos gesorgt. Ebenso wenig außer Zweifel steht aber auch, dass unter der Vielzahl an Veröffentlichungen des BSO so einige nur mittelprächtig sind. Das gilt, bezogen auf die Orchesterleistung, auch hier: Ordentliche Qualität ohne handwerkliche Mängel, aber mehr nicht. Und damit auch ohne Begeisterungspotential.

Sicher, der Gesamteindruck profitiert vom luftigen Klangbild, von der Übersichtlichkeit des musikalischen Geschehens und der korrekten Reproduktion. Aber aufhorchen lassen die beiden Klavierkonzerte Ravels kaum, trotz ihres subversiven Charakters. Daran kann Andris Nelsons nichts ändern. Vielleicht wollte er auch nicht.

Seong-Jin Cho, der talentierte Pianist aus Südkorea, kann zwar ein paar Akzente setzen, durch perlendes, elegantes Spiel, durch schöne „Stimmführung“ und tänzerische Akzente, aber er agiert insgesamt zu defensiv, zu vorsichtig, fast so, als müsse man dieser Musik besondere Ehrfurcht entgegenbringen. Diese Fehlhaltung aber lässt den Vortrag ins Belanglose abgleiten, bei aller noblen Virtuosität. Und Ravels selbstironische Spielereien gehen als Nichtigkeiten unter.

Cho arbeitet zu sehr mit Pastell-Tönen, zu sehr mit „vornehmer Blässe“. Das hat er auch in seiner Einspielung von Ravels Solowerken für Klavier (Deutsche Grammophon 2024) so gehalten. Im Ergebnis bleibt sein Ausdrucksspektrum zu selektiv oder zu beschränkt; Cho zeigt zu wenig Lust an der Eskapade, am Provokativen oder Gewollten.

So fügt er der Diskographie keinen nennenswerten Beitrag hinzu. Und die Diskographie der beiden Klavierkonzerte von Ravel ist ohnedies schon dünn. Weniger quantitativ denn qualitativ. Unter den zahllosen Einspielungen ragen wenige hervor. Allenfalls mag man Martha Argerich für das Konzert in G-Dur (Deutsche Grammophon 1988) mehr Mut attestieren, musikalisch ein wenig zu „stören“, der dezenten Anmut einen groben Saum zu verpassen und dem Perlglanz ein wenig die Brillanz zu nehmen.

Der defensive Vortrag von Cho und dem Klangkörper aus Boston hätte Ravel sicher nicht gefallen. Allein das Wissen um die Streitbarkeit Ravels hätte alle Mitwirkenden zu etwas mehr Verve, Ausdruck und Gestaltungswillen bewegen sollen. So ist das eine sehr wohlklingende, aber nur respektable Gesamtleistung geworden, eine, die nicht unbedingt erforderlich gewesen wäre.

Maurice Ravel: The Piano Concertos. Seong-Jin Cho, Andris Nelsons, Boston Symphony Orchestra. Deutsche Grammophon 2025 auf Amazon anhören

Semyon Bychkov – Gustav Mahler

Gustav Mahler (1860-1911), der letzte große Sinfoniker deutscher Sprache, hat seiner Musik die Losung „Eine Symphonie muss wie eine Welt sein; sie muss alles enthalten“, gleichsam vorangestellt. Programm-Musik ist aber keine seiner Kompositionen. Und wer aus seiner berühmten Kantate „Ich bin der Welt abhanden gekommen“ den Schluss zöge, Mahlers Sinfonik wäre eine der Weltabgewandtheit, der läge nicht minder falsch. Denn die von Mahler so scheinbar ostentativ zelebrierte Weltabgewandtheit setzt eine Welt, von der man sich abwenden kann, immer schon voraus. Diese Dialektik liegt allen Werken Mahlers zugrunde.

Semyon Bychkov - Gustav Mahler

Stark wirkt diese Dialektik in der Dekonstruktion von idyllischer Natur und militanter Moderne. Mahler war nicht so naiv, das eine gegen das andere auszuspielen oder sich sehnsüchtig auf die Suche nach der verlorenen Zeit zu begeben. Das von ihm exponierte Natur-Idyll ist immer schon kitschig oder brüchig; von der (Früh-)Romantik übernimmt Mahler die Subjekt-Dekonstruktion, das Ruinenhafte und den Zweifel am System, aber nicht die unreflektierte Naturverherrlichung und die Innerlichkeit. Das fahle Natur-Idyll und der dumm marschierende Siegestaumel dementieren einander durchgehend.

Die erste Sinfonie bleibt noch etwas zurückhaltend und ist mit einer Formensprache versehen, wie wir sie etwa von Delius kennen. Mit der zweiten Sinfonie, der Auferstehungs-Sinfonie, ist der Ton aber gesetzt. Und mit der hier vorliegenden dritten Sinfonie von 1896 hat Mahlers Gestaltungswille bereits den Zenit erreicht.

Es gibt zahllose relevante Mahler-Zyklen. Von Abbado, Bernstein, Boulez oder Kubelik. Es gibt den von Tennstedt, gleichsam ewiger Geheimtipp; und es gibt einen exzellenten neuen Zyklus von Osmo Vänskä mit dem Minnesota Orchestra (2016-2024). Jetzt schickt sich Semyon Bychkov gemeinsam mit der Tschechischen Philharmonie an, der unübersehbaren Mahler-Diskographie einen weiteren Zyklus hinzuzufügen. Bei Pentatone sind bereits die Sinfonien 1, 2, 4 und 5 erschienen; jüngst wurde Mahlers dritte, seine längste Sinfonie veröffentlicht. Lohnt sich das? Ist dieser neue Zyklus nötig?

Nun, hört man in die dritte Sinfonie mit ihren sechs Sätzen einmal hinein, und auch in die bereits zuvor publizierten Aufnahmen, so kann man diese Fragen nur bejahen, und das mit Vehemenz. Bychkov und dem Prager Orchester ist eine ungemein überzeugende, direkte und klare Interpretation gelungen, modern, akkurat und homogen. Und völlig schlackenfrei. Fast möchte man behaupten, das hier sei ein Mahler in HD. Daran hat die blitzsaubere Produktion des für seine audiophilen Qualitäten bekannten Labels Pentatone einen beträchtlichen Anteil. Alles hier hat seinen Platz, seinen Klang, seinen musikalischen Anteil am Ganzen. Die Einspielung klingt leicht, transparent, offen und luftig – druckvoll, wenn es sein muss, und filigran, wenn es sein muss.

Und als wäre das nicht schon eine Übererfüllung ersten Grades, überzeugt auch die für die Gesangspartien im vierten und fünften Satz engagierte Mezzo-Sopranistin Catriona Morison aus Schottland. Die verfügt über eine klangschöne, elegant modellierte Stimmlage, die sich mehr als wohltuend von den teigigen, gaumigen Klang-Färbungen vieler Mahler-Exegetinnen abhebt. Hinzu tritt eine präzise Artikulation und eine tadellose Sprachverständlichkeit. In vielerlei Hinsicht erinnert Morison an die Allzeit-Referenz Janet Baker.

Wollte man irgendetwas an dieser gelungenen Einspielung aussetzen, dann wäre das der etwas zu dunkel timbrierte Chor im fünften Satz. Der wirkt etwas verhangen und lichtlos. Aber das wäre das sattsam bekannte Klagen auf hohem Niveau. Bychkov hat einen glanzvollen, höchst versierten, außerordentlich audiophilen und differenzierten Mahler-Zyklus initiiert, auf dessen Fortsetzung man sich freuen darf.

Gustav Mahler: Symphony No. 3. Semyon Bychkov, Czech Philharmonic. Pentatone 2025 auf Amazon anhören

Christian Măcelaru – Sergei Rachmaninov

Hatten Sie, liebe Leser, das WDR-Sinfonieorchester auf Ihrer Liste?

Ich bislang auch nicht. Ein Fehler, wie die jetzige Einspielung einiger Orchesterwerke von Rachmaninov unter dem rumänischen Dirigenten Cristian Măcelaru zeigt. Aufgenommen wurden die Sinfonien 1-3 (1897-1935), die „Caprice bohémien“ (1892-94) sowie „Die Toteninsel“ (1909). Verlegt wurde das Ganze bei Linn. Und dieser Verlag steht für höchste audiophile Qualität. So ließen unter anderem die diversen Aufnahmen von Robin Ticciati am Pult des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin (auch Rachmaninovs zweite Sinfonie) aufhorchen. Und Măcelaru steht dem mit den Sinfonikern aus Köln in nichts nach.

Christian Măcelaru - Sergei RachmaninovGleichwohl: Hat irgendwer auf diesen „kleinen“ Rachmaninov-Zyklus gewartet? Von seinen Orchesterwerken gibt es mindestens so viele Einspielungen wie von Mahlers Sinfonien. Allein die Diskographie der populären zweiten Sinfonie Rachmaninovs dürfte Regal-Kilometer füllen. Und es sind grandiose Aufnahmen dabei, die von Gergiev und dem LSO etwa (2010), die ungestüme, bezwingende Allzeit-Referenz von Previn, ebenfalls mit dem LSO (1973), oder die weniger bekannte, aber exzellente Einspielung von Slatkin mit dem Detroit Symphony Orchestra (2010).

Alles richtig. Aber: Das nimmt der Aufnahme des WDR-Sinfonieorchesters ihre Berechtigung nicht. Ganz im Gegenteil, markiert diese Einspielung – wie im Übrigen auch die der Berliner Philharmoniker mit Kirill Petrenko am Pult (2023) – den Kulminationspunkt der bisherigen Aufführungs- und Aufnahmepraxis. In allen Disziplinen erreicht sie Bestnoten.

Meine erste Assoziation: Eine perfekte „Synchronisation“, ein idealer Gleichklang zwischen Komposition und Interpretation. Vom ersten Takt an herrschen hier die richtige Tonalität, das richtige Temperament, kongeniale Intonation und Artikulation. Das Orchester aus Köln legt ein enormes dynamisches Talent an den Tag und zeichnet die großen Melodiebögen Rachmaninovs präzise und schwungvoll nach, mit emotionaler Tiefe, Glanz, Farbigkeit und Eleganz. Dabei ist das Ganze hochgradig audiophil; alles klingt luftig und gelöst, prägnant und offen.

Ein kundiger Freund von mir hat einen Mangel an Tiefton festgestellt und: Ja, diese Wahrnehmung ist nachvollziehbar. Die Aufnahme zeichnet sich nicht durch viel Fundament in den tiefen Lagen aus, aber das ist kein Manko, sondern offenkundig ästhetischer Wille und Anspruch, denn so bleiben Tiefton und Grobdynamik stets knackig, trocken, plastisch und greifbar.

Abgesehen von der der Berliner ist mir noch keine Rachmaninov-Einspielung untergekommen, die durchgehend so viel Transparenz, „Durchsicht“, Klarheit und Offenheit vermittelt wie diese. In anderen Auslegungen werden die mächtigen Tutti-Passagen Rachmaninovs verdichtet zu sinfonischer Überwältigungs-Ästhetik. Hier nicht. Selbst wenn das gesamte Personal ran muss, behält der Vortrag eine fast kammermusikalische Kontur, Deutlichkeit und „Aussprache“.

Im Ergebnis eine herausragende Einspielung, eine, die ihre bedingungslose Berechtigung in der Diskographie hat, auch wenn ihr Repertoirewert bei Null liegt.

Sergei Rachmaninov: Orchestral Works. Christian Măcelaru, WDR Sinfonieorchester. Linn 2025 auf Amazon anhören

Das gilt auch für die beiden anderen hier vorgestellten Aufnahmen, für Mahler und Ravel. Schon tausendmal gehört. Für die aktuelle Ravel-Einspielung bedeutet das zugleich: Schon tausendmal so oder so ähnlich gehört, so dass ich mich frage, was die Beteiligten dazu bewogen haben mag, eine dermaßen nichtssagende Arbeit einzuspielen. Nicht so bei Mahler: Der in Prag begonnene Zyklus hat ästhetisch und klanglich ähnliche Reize wie der „Kölner“ Rachmaninov und sollte von jedem Mahler-Hörer mehr als nur zur Kenntnis genommen werden.

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Über die Autorin / den Autor

Equipment

Digitale Quellen: D/A-Wandler: Musical Fidelity M6sdac CD-Player: Musical Fidelity M6cd, Sony CDP XA 5 ES, Sony CDP XA 7 ES, Sony SCD 555 ES Streamer: WiiM Pro Plus, Sonos Port

Vollverstärker: Musical Fidelity M6si, Akai AM 75, harman/kardon HK 1400 und PM 665 Vxi, Sansui AU 919

Lautsprecher: Dynaudio Contour 20, Harwood Acoustics LS3/5a

Kabel: Lautsprecherkabel: Reson LSC NF-Kabel: Kimber PBJ WBT-147, Audioquest Z1, Oehlbach NF 14 Master X Digitalkabel: Audioquest Cinnamon RJ/E Ethernet, Oehlbach NF 113 D Netzkabel: Oehlbach Powercord C13 Netzleiste: Oehlbach Powersocket 907 MKII

Zubehör: Stromfilter: Dynavox HiFi-Netzfilter X4100S Sonstiges: Doppelsteckdose Furutech FP-SWS-D (Wandeinbau)

Sonstiges: Lautsprecher-Ständer von Mission Audio

Größe des Hörraumes: Grundfläche: 32 Quadratmeter Höhe: 3,80 Meter