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Musical Fidelity

Das Album trägt einen in grün-weiß-roter Trikolore gehaltenen Aufkleber mit dem Hinweis „Die beliebtesten italienischen Lieder in deutscher Sprache“. Dafür, dass auch drin ist, was draufsteht, sorgt Schlagerjazzer Götz Alsmann, wenn er sich auf dem dritten Teil seiner Städtetrilogie mit In Rom der Ewigen Stadt, respektive: ihrer Klänge singend und klavierspielend annimmt. Das passiert mal in seit Jahrzehnten bekannter deutscher Version, mal in eigener Neuübersetzung, immer aber unterstützt von seiner aus Altfrid M. Sicking (Vibraphon), Ingo Senst (Kontrabass), Markus Paßlick (Latin Percussion) und Rudi Marhold (Schlagzeug) bestehenden Band.

Götz Alsmann In Rom

Schon, wenn Alsmann mit „Quando Quando Quando“ in der Übersetzung Hans Bradtkes startet, dessen bekanntester Text wohl der Fünfzigerjahre-Hit „Pack‘ die Badehose ein“ sein dürfte, ist das derart charmant, lässig und auch retro-cool genug, um vor den Ohren der jungen Generation Gnade zu finden, während es bei den älteren Semestern Erinnerungen an ewiglange VW-Fahrten über Alpen und Brenner heraufbeschwören dürfte, wo die „Caprifischer“ das Sehnsuchtsziel akustisch schon vorwegnehmend in Mono aus dem Autoradio dudelten. Dank Alsmanns vibratoreicher – und damit eher lyrischer denn genretypisch rauer – Stimme lässt man sich auch Abgenudelteres wie „Azzurro“ gefallen, wozu nicht zuletzt die opulenten Eigenarrangements ihren Teil beitragen, die das Quintett gern mal wie eine ganze Big Band klingen lassen. Spätestens bei „Die Schönste der Erde (La Più Bella de Mondo)“ wird klar, dass von dieser Platte keinerlei Gefahr droht. Alles ist so herrlich bekannt und wohlfühlig! Nein, den Italoschlagern neue Seiten abzutrotzen, hat sich Alsmann sicherlich nicht auf die Fahnen geschrieben, und doch: Allein dem Charme der liebenswürdigen Neuübersetzungen, die alles, was nicht passte, passend gemacht haben, kann sich auf Dauer niemand entziehen. Nennen wir es gehobene Unterhaltung, doch die gelingt bellissima.

Da verzeiht man auch den allzu übertriebenen Flirt mit dem Klischee wie etwa auf „Carina“, vor allem, wenn er vom Edelmambo „Mambo Italiano“ – der dank Vibraphonsolo erstmals etwas mehr von der Band hören lässt – gefolgt wird, welcher hier zugleich elegant, komisch und sexy klingt – was sich im Übrigen von der ganzen Platte sagen lässt. Mehr Band gibt’s auch auf dem sich irgendwo zwischen Mondscheinsonate und Spaghetti Western einpegelnden „Schau dir den Mond an (Guarda Che Luna)“. Dagegen besticht „Ciao, Ciao, Ciao (Cuoricino Bel)“ wieder mit gehörigem Retro-Flair, sprich: kommt im swingenden Gewand dessen daher, was man damals unter ‚Dschäss‘ zu verstehen meinte, als hätte es Cool Jazz oder gar Hard Bop nie gegeben. Das gilt umso mehr für das Instrumental „Marina“ mit seinem Vibraphon auf Speed – allein so manches liebe Geräusch, von Türquietschen bis Schafblöken, verortet es im Reich moderner Produktionstechniken.

Doch erst, wenn sich Alsmann, der auf In Rom auch schon mal zu Ukulele, Banjo, Hawaiigitarre, Mandoline und Akkordeon greift, sich selbst am Klavier begleitet wie auf „Schau dich nicht um (Il Nostro Concerto)“, bemerkt man, was für ein großartiger Pianist er eigentlich ist. Die sich sanft hinzugesellenden Schlagzeugbesen und der butterweiche Kontrabass sorgen schnell für eine cocktailklirrende Kreuzfahrtatmosphäre, bis sich ob überreicher Orchestrierung mit Fanfaren und Glocken alles noch einmal ändert, nur, um zu enden, wie es begann: als intimer Zwiegesang von Stimme und Piano. Ganz anders dann „Volare (Nel Blu Dipinto Di Blu)“, aus dem Alsmann „Ich fliege“ (und mit nicht ganz sauberem Reim „Ich singe“) gemacht hat, das mit dem sprichwörtlichen Rhythmus, bei dem man mitmuss, imponiert und sich letzten Endes als jenes Stück der Platte erweisen soll, das man noch Tage nach dem Hören nicht aus dem Ohr kriegt. Beim Hören selbst denkt man indessen, Mensch, der Bandleader da am Klavier, der hat’s drauf, bis einem wieder einfällt, dass der Bandleader ja Alsmann ist – und drauf hat der’s zweifelsohne.

Götz Alsmann

Auch das eher klamaukige (hat der Kuckucksuhrruf jetzt wirklich sein müssen?) „Che Bambola“ wird derart souverän bewältigt, dass es das Zeug zum Lieblingsstück des Albums hat, während die Schwof-Ballade „Du bist nicht glücklich (Non sei felice)“ mit gemütlich spazierendem Bass und schwurbeliger Heimorgel ins edle Cocktailambiente zurückversetzt. Wenn Alsmann dann aber den Text – nur halbironisch – vernuschelt, streift er die Grenze zum Alleinunterhaltertum schon mal von der falschen Seite, womit er sich allerdings dank Cohens Old Ideas, deren schlechterer Teil das Problem teilte, in bester Gesellschaft befindet.

Apropos schlechterer Teil: Mit „Come Prima“, Stück Nummer dreizehn, hat sich entweder der Aha-Effekt der Platte („Der singt bekannte italienische Schlager ja auf Deutsch und in Jazz!“) abgenutzt, oder es ist tatsächlich eher medioker geraten. Auch das folgende „Das kann der Anfang unserer Liebe sein (Mondo Cane)“ ist irgendwie unrund: Marschblasende Trompeten und Rührtrommeln, die den Soundtrack jedweder Hinrichtungsfantasie stellen könnten, bilden einen seltsamen Kontrast zum stellenweise poesiealbenhaften Wortkitsch des Stücks (für den allerdings nicht Alsmann verantwortlich zeichnet, sondern Altmeister Willy Dehmel) und den hübschen Barpianotupfen, sodass man sich unwillkürlich fragt: Was haben die sich nur dabei gedacht? Dann doch lieber wieder eine Salonschiffnummer wie auf „Ciao, Ciao Bambina (Piove)“, durch die sich Alsmann schmeichelt und schmust und gurrt! Indessen: Wären die Musiker nicht so brillant (das Kontrabass-Solo!), man könnte geneigt sein, von gepflegter Langeweile zu sprechen.

Götz Alsmann

Temporeicher dagegen Verdis xylophonumtoster „Troubadour (Il Trovadore)“, abgelöst von den auch hier unvermeidlichen „Caprifischer“n. Verdi munter gefolgt von Ralph Siegel – allein dem Mut zu dieser Kompilation gehört Respekt gezollt. Musikalisch lässt sich, abgesehen von der unsäglichen Komposition an sich, nicht meckern. Kann man so machen, doch einmal mehr muss man sich fragen, wie ironisch das alles gemeint ist – oder ob überhaupt. Das gilt auch für den – viel zu spät angesetzten – Closer „Arrivederci Roma!“. So ein Trompetensolo, solch eine Vokalphrasierung – das kann einfach nicht ernst gemeint sein. Falls doch: Zur akustischen Urlaubsgefühlsverlängerung taugt er allemal. Zu mehr – fraglich.

Gut, dass es das zwiespältige In Rom, immerhin Alsmanns fünfte Veröffentlichung auf dem legendären Label Blue Note, auch als Doppel-LP auf 180-Gramm-Vinyl gibt, denn während man Platte Nummer eins rauf und runter spielt, darf Platte Nummer zwo – bis auf Übersong „Che Bambola“ – getrost im Regal verstauben.

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