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Rolo Tomassi – Time will Die and Love Will Bury It

Ganz atmosphärisch starten Rolo Tomassi ihr neues Werk Time will Die and Love Will Bury it. Man verliert sich als Hörende in einem Endlosloop aus fiepsenden Tönen, „Aah“-Gesängen, die immer wieder auftauchen, oder in einem sich einschleichenden Synthesizer-Motiv, das gegen Ende des geheimnisvollen Intros von Klavierakkorden begleitet wird. Dieser Anfang bereitet einen nicht wirklich auf die abwechslungsreichen, rockigen und immer überraschenden folgenden Songs vor. Doch genau das ist es, was die englische Band um die Geschwister Eva und James Spence so besonders macht. Sie lässt sich nicht einfach über ein Genre erklären.

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Der erste Song zum Beispiel spitzt sich immer weiter zu, bis er als Auflösung in den zweiten Titel „Aftermath“ übergeht. Dort spielen die Instrumente dediziert losgelöst und nicht mehr homogen atmosphärisch zusammen. Der Songtitel passt gut zum Timing des Songs, das mal im üblichen Vierviertel-Takt vibriert, aber auch mal ganz unregelmäßige Takte dazwischenschiebt. „Aftermath“ ist ein guter Song, um Rolo Tomassis Sängerin Eva Spence zu entdecken. Die Band, deren Musik als Mathcore, Progressive Rock oder Experimental bezeichnet wird, definiert sich in weiten Teilen über die Sängerin, die hier das Instrumentalgerüst zusammenhält, auch, wenn es im Chorus des Songs lauter und gewaltig wird.

Auf der neuen Platte wird man über ihren Gesang und die Songs in verschiedene Welten der Band gelockt. Nach dem ruhigen Intro und belebten, schwungvollen zweiten Song setzt sich im dritten Song der Hardcore-Aspekt der Band durch. „Rituals“ ist ein explosiver Song, in dem der Schlagzeuger alle Hände und Beine voll zu tun hat. Der Gesang von Spence ist nicht mehr lieblich im Sopran, sondern schreiend und mindestens genauso aggressiv wie das Instrumentale im Song.

Auf dem inzwischen fünften Album der Band wird so wieder einmal deutlich, wie vielseitig die Musiker sind. Vielleicht ist es am besten, sich mit jedem Song neu von der musikalischen Vielfalt der Band überraschen zu lassen.

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Charlotte Gainsbourg – Take 2 (EP)

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Pünktlich zum Nikolaus veröffentlichte die französische Schauspielerin und Musikerin Charlotte Gainsbourg ihren neuen Song „Such a Remarkable Day“. Obwohl das Cembalo einen zentralen Platz in dem Stück einnimmt und man bei dem Instrument eher an Bach und Klassik denkt, ist der Song rockig, Synthi-belegt und verrucht. Er besticht besonders mit einem Harmoniewechsel in der Mitte, der das Stück noch geheimnisvoller klingen lässt. Neben dem Ohrwurm folgte die Veröffentlichung der restlichen vier Songs auf der EP Take 2 Mitte Dezember.

Nach einem turbulentem Jahr 2017, in dem die Tochter von Jane Birkin und Serge Gainsbourg ihr viel beachtetes Album Rest herausbrachte und damit in Belgien und Frankreich Charterfolge feierte, liefert sie auch mit ihren neuen Stücken Hits. Neben „Such a Remarkable Day“ präsentiert sie zwei weitere neue Songs und zwei Live-Aufnahmen. „Bomb Away“ lädt durch seinen Upbeat zum Tanzen ein und überträgt einen Hauch von Disco und Glamour. Damit ist er wie die erste Single der EP bestens für Parties, aber auch fürs Radio tauglich.

„Lost Lenore“ hingegen ist ein nachdenkliches Stück, in dem Gainsbourg auf Französisch singt. Der Pressetext zur EP beschreibt das als „Eigentherapie“, weil Gainsbourg den persönlichen Verlust ihrer Schwester darin verarbeite. Nachdem ihre Schwester Kate vor knapp fünf Jahren in Paris aus dem Fenster stürzte und dabei umkam, zog Gainsbourg mit ihrer eigenen Familie nach New York. In Interviews sagte sie, dass sie ihre eigene Depression, die dadurch ausgelöst wurde, sonst nicht überlebt hätte.

Diese Trauer und Melancholie kann man in ihrer Musik wahrnehmen. Selbst in ihrem Live-Cover von Kanye Wests „Runaway“ erkennt man durch das simple Klavier und die elektronischen Sounds, die im Hintergrund fast verschwinden, einen Song, der in die Tiefe geht. Durch die heruntergebrochene Musik hört man Gainsbourgs gehauchte Stimme ganz deutlich, mit der sie anders als West im Original zwar zurückhaltend, aber auch chansonartig-locker singt. Die Zusammenstellung der Songs wird damit abgerundet und man kann sich auf die nächsten Projekte von Gainsbourg freuen – denn ihre Musik oder Schauspielkarriere bilden nur einige Facetten ihres Talents.

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Medicine Boy – Lower

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Die neue Platte vom Duo Medicine Boy beginnt mit einem düsteren Klavierlied. Langsam baut es sich über drei Minuten auf, bis das Schlagzeug einsetzt und die schwere Atmosphäre etwas aufmischt. Lucy Kruger und Andre Leo beherrschen das Verträumte in der Musik. Die beiden ursprünglich aus Kapstadt stammenden Musiker betiteln ihre Musik auf ihrer Homepage selbst als „Dream Noise“. Dafür tritt mal Krugers zarte, mal Leos tiefe Stimme in den Vordergrund.

Lower ist das erste Album, das die Musiker herausbringen, seitdem die beiden in die deutsche Hauptstadt gezogen sind. Nach einer langen Tour, die Ende Oktober in Kapstadt begann und einmal quer durch Europa ging, gab’s das letzte Konzert zur Vorstellung der neuen Platte Mitte Dezember im Berliner Club Monarch.

Dort dürften sie gezeigt haben, wozu sie musikalisch imstande sind: Im Gegensatz zum ruhigen Eingangslied beweist das Duo auf den weiteren Titeln seines Albums nämlich, was es aus wenigen Instrumenten rauszuholen vermag. Die Gitarre auf „Water Girl“ ist so verzerrt und mit einem Fuzz-Effekt belegt, dass man kaum Töne wahrnimmt – die Kategorie Noise soll als Bezeichnung aber nicht irritieren. Denn der zweistimmige Gesang ist in „Water Girl“ kräftig und rockig, aber auch melodiös und leitet die Songs an. Durch „Carpels“ bekommt man Krugers Sologesang und mit ihm eine Portion verträumten Pop serviert. Das Solo der Gitarre jault durch das Feedback, die Rhythmussektion bleibt im Hintergrund und Krugers Stimme klingt so, als wäre sie ganz entspannt. Die Ruhe, die sie dabei überträgt, passt perfekt in den Winter. Bei einem solch regnerischen Jahresbeginn ist das ein Abbild der neuen Heimatsstadt des Duos.

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