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Demnächst im Test:

Sowohl Wasteland der nunmehr als Trio wiedererstarkten polnischen Band Riverside als auch Vector der britischen Progmetal-Speerspitze Haken fehlen in keiner Hitliste der besten Artrock- oder Progmetal-Alben des Jahres 2018. Beide Platten sind fulminant, jede auf ihre eigene Weise.

Riverside – Wasteland

Riverside Wasteland

Schon das Cover von Wasteland der Artrocker Riverside verrät, wohin die Reise geht. Ein verhärmter Torso in wüster Ödnis lockt, ebenso wie das atmosphärisch düstere Artwork (Travis Smith) des geschmackvoll und hochwertig gestalteten Booklets, in eine postapokalyptische, zugrunde gegangene Welt, in der gerade noch die Rauschwaden der hereingebrochenen Katastrophe abziehen. Mariusz Duda, der Kopf von Riverside, begründet die Themenwahl mit einer Faszination für Endzeitstimmungen.

Ebenso naheliegend ist es, das Sujet mit der tragischen Bandgeschichte in Verbindung zu bringen: 2016 starb völlig unerwartet der Gitarrist Piotr Grudziński und hinterließ bei Riverside eine schmerzliche Lücke. Unklar war lange, ob Riverside überhaupt weiter bestehen bleibt, während Mastermind Mariusz Duda gleich mehrere Schicksalsschläge äußerst kreativ im Rahmen seines Soloprojekts Lunatic Soul verarbeitete. Nun aber meldet sich Riverside als Trio zurück. Sänger und Bassist Duda übernimmt zusätzlich auch die Rhythmusgitarre, für etwas komplexere Ausflüge holte sich das Trio die Unterstützung von Gitarrist Maciej Meller. Aus jeder Sekunde tropft die Trauer um den herben menschlichen Verlust, gleichzeitig geht Riverside mit Wasteland als Phoenix aus der Asche hervor und kämpft sich durch den Kokon der Trauer. Künstlerisch strebt die Scheibe empor, auch wenn die Klanglandschaften und die Erkundung düsterer Zonen der menschlichen Seele in den Texten noch der Vergangenheit, der tristen Ödnis angehören.

Riverside Wasteland Bandbild

Insgesamt sind die neun Songs von Wasteland, die unbedingt in einem Guss von vorn bis hinten genossen werden sollten, deutlich härter als auf dem sonnigen Vorvorgänger Love, Fear and the Time Machine sowie dem ambientlastigen Interims-Album Eye of the Soundscape. Riverside knüpft mit kräftigen Metal-Riffs stellenweise an seine frühen Platten an, übernimmt in Bezug auf komplexe, vertrackte Songstrukturen manches aus den letzten beiden Platten von Lunatic Soul und führt typische Riverside-Trademarks zum Höhepunkt: Mariusz Duda glänzt mit melodievollem Bassspiel, vor allem aber gelingen ihm wunderbar einschmeichelnde Gesangslinien tief empfundener Melancholie – wofür Riverside seit jeher bekannt ist. Die Verbindung von ostinaten Staccato-Riffs und sofort ins Ohr gehenden Melodien (etwa in „Vale of Tears“) ist absolut überzeugend, ebenso die zuweilen fast cineastische Opulenz (Ennio Morricone lässt grüßen) der erschaffenen Atmosphären im Kontrast zur klanglichen Kargheit, die über weite Strecken vorherrscht und schon mit dem von Duda solo gesungenen, etwas folkig wirkenden Opener „The Day After“ angedeutet wird.

Die Songs sind äußerst konzentriert, griffig und sparsam in den eingesetzten Mitteln; damit allerdings erzeugt Riverside ein Maximum an Wirkung. Die dystopische Grundstimmung gießt allerdings keine nicht enden wollende Tränenflut über die neun Songs. Immer wieder ergeben sich unerwartete Wendungen, etwa wenn sich nach melodramatischem Refrain „Vale of Tears“ in einen rockigen Brocken verwandelt. Mariusz Duda, Michał Łapaj (Synthesizer, Rhodes Piano und Hammond Organ) und Piotr Kozieradzki (Drums) kämpfen sich mit Wasteland aus der Ruinenlandschaft heraus und wagen einen fulminanten Neubeginn. Das facettenreiche Album führt bereits früher Angelegtes zu höchster Vollendung und ist damit eine künstlerische Positionsbestimmung und Selbstvergewisserung nach schweren Zeiten. Das nächste Album wird dann vielleicht einen Kreativitätsschub in unerwartete Richtungen bringen.

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Haken – Vector

Haken Vector

Die britische Progmetal-Band Haken legt mit Vector eine Scheibe vor, die in mancher Hinsicht das genaue Gegenteil zu Wasteland ist. Statt spartanischer Klangwüsten macht das Londoner Sextett seinem Ruf als einer der führenden Vertreter des nach vorn blickenden Progmetal mit äußerst dichten, komplexen und rhythmisch verwinkelten Arrangements alle Ehre. Freilich gibt es auch Gemeinsamkeiten mit Riverside: Der famose und wandelbare Sänger Ross Jennings schielt mit eingängigen Melodien durchaus auf die Erfolgsspur, auf der sich die Djent-Meister TesseracT befinden. Haken gehen im Vergleich zu früheren Alben ebenfalls mit heftiger Härte zur Sache, und auch thematisch bewegt sich die Band mit Psychopathologie und Menschenversuchen eines „Good Doctor“ (Track 1), der sich allerdings als nicht eben freundlicher Arzt erweist, nicht gerade auf leichten und frohsinnigen Pfaden. Das ebenfalls von InsideOut Music veröffentlichte Album ist im Gesamtpaket ebenso liebevoll und rund gestaltet, mit einem Booklet, das dem Auszug aus einer Patientenakte nachempfunden ist. Ob der geradezu klinisch präzise und analytisch daherkommende Sound ebenso diesem Assoziations- und Interpretationsraum zuzuordnen ist, bleibt dahingestellt. Der messerscharfe Klang mit räumlicher Tiefe („Veil“ bringt verfremdete Jazz-Einsprengsel aus der Ferne) passt allerdings sehr gut zu den instrumental ungemein virtuosen und vielschichtigen sieben Songs, deren Komplexität die relativ kurze Spieldauer (circa 45 Minuten) mehr als aufwiegt: Länger ließe sich diesem musikalisch fast übermöblierten Klangdickicht auch kaum folgen. Allerdings muss man das Album ohnehin mehrmals hören, gleicht der erste Durchgang doch einer Reizüberflutung, die zu klaustrophobischen Zuständen führt.

Haken Vector Bandbild

Die Unheil verheißenden Industrial-Sounds mit pathetischen Orgelklängen, die sich gleich im ersten Track „Clear“ zu einer opulenten Soundwall auftürmen, scheinen direkt an die Stimmungswelt bei Riverside anzuschließen, doch geht Haken bereits mit den ersten Riffs von „The Good Doctor“ deutlich härtere Wege. Hier bricht ein Staccato-Gewitter mit dissonanten und rhythmisch unregelmäßig stotternden Riffs herein, unterstützt von bretthartem Bass (Conner Green) und intensiven Drums (Raymond Hearne). TesseracT ist hier nicht weit entfernt, doch wo dort luftige Räume für schwebende Melodien freigeschaufelt werden, herrscht bei Haken eine beinahe undurchdringliche Klangkomplexität zahlreicher Soundschichten vor. Sie werden in „The Puzzle Box“ so wild gestapelt, dass Komplexität in Chaos umzuschlagen droht – in einem Song, der von Kontrollverlust handelt, ein probates künstlerisches Mittel.

Ganz entscheidend ist diese vor kreativen Klangideen fast berstende, stellenweise überambitioniert wirkende Klangtextur von Diego Tejeida (Keyboards) bestimmt. Im Gegensatz zu vielen Szenegrößen, etwa den mittlerweile leider belanglos gewordenen Dream Theater, geht es Tejeida nicht um Flitzefinger-Läufe an den Tasten, sondern um die Erschaffung von Stimmung. Ein guter Schuss Dream Theater ist in Vector dennoch enthalten, vor allem in „Veil“, das mit einem abgedrehten Gitarrensolo von Charlie Griffiths aufwartet. Dass Haken den früheren DT-Drummer Mike Portnoy auf der „The Shattered Fortress“-Tour unterstützte, hat deutliche Spuren im aktuellen Album hinterlassen. Ruppige Metal-Riffs in Abwechslung mit fast hymnischen Vocals verweisen eindeutig aufs Traumtheater. Bis zur Instrumentalnummer „Nil by Mouth“ zieht Haken die Daumenschrauben immer stärker an und sorgt mit „Host“ zunächst für ruhige Abwechslung, wobei auch hier gegen Ende die Fieberkurve wieder deutlich steigt – und mit ihr die Härte und Komplexität. Das abschließende „A Cell Divides“ ist zunächst ungewohnt platt in der Melodie, allerdings wird sie später mit Harmonien unterlegt, die ihr mehr Effekt geben. Auf der anstehenden Tour lässt sich Haken durch VOLA und Bent Knee unterstützen – zwei großartige Vertreter ideenreicher progressiver Rockmusik, die sich nicht in (angeblich) goldene Zeiten zurückträumen. Das sollte man sich nicht entgehen lassen, ist Haken doch live ein hochvirtuoses Energiebündel.

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