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Lizz Wright | The Orchard

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  1. 1 Lizz Wright | The Orchard

 

Mai 2008 / Victoriah Szirmai

Hört der von der TV-Werbung verdorbene Mensch das Wort Obstgarten, denkt er unweigerlich an einen Früchtejoghurt mit Sahnehäubchen. Lecker, aber künstlich. Nun, glücklicherweise trifft dies auf den Obstgarten, in den uns Lizz Wright mit ihrem Album „The Orchard“ entführt, nicht zu. Mit ihrer warmen Altstimme gibt die sensible Songschreiberin sehr intime Einsichten über verlorene Lieben und zu späte Erkenntnis; über allem aber liegt dennoch der Rahm jubelnder Lebensfreude, der das Ganze zu einem satten, dabei aber immer eleganten Ohrenschmaus verdichtet.

Als ich die CD zum ersten Mal in meinen Player schob, glaubte ich bei den ersten Takten noch, mich mit den Tasten meines CD-Wechslers vertan zu haben und versehentlich Pauline Taylors „Constantly Waiting“ gestartet zu haben. Doch nein, der sich nun entfaltende akustikgitarrenlastige Track entpuppte sich tatsächlich als „Coming Home“, den ersten Song von „The Orchard“. Das klang zunächst so überhaupt nicht nach Südstaaten-Jazz, den ich von der klassisch ausgebildeten Altistin erwartet hätte. Vielmehr erinnert das Album der gospelchorgeschulten Pastorentochter bisweilen an den Blues einer Tracy Chapman – doch geht „The Orchard“ noch weit über die Grenzen eines reinen Blues-Albums hinaus, mischt selbstsicher eine Messerspitze Gospel hinzu und ein paar Prisen Folk, vor allem aber eine kräftige Handvoll Old-School Rhythm’n’Blues. Den Jazz aber, der noch das Debütabum „Salt“ dominierte, mit dem sich die 28-jährige den Status einer hochkarätigen Jazz-Sängerin – vergleichbar einer Nina Simone – sicherte, wird man hier nahezu vergebens suchen.

Lizz Wright / The Orchard

„Coming Home“ ist ein toller Einstieg und läuft erst einmal auf Repeat. Es ist immer mutig, eine Platte in Moll beginnen zu lassen. Endlose Wüstenlandschaft tut sich dem Hörer auf, der letzte Zug gerade abgefahren, ein kleines Motel im Nirgendwo, wo die Sängerin mit ihrer Gitarre sitzt und ihrer Sehnsucht nach einem Nach-Hause-Kommen Ausdruck verleiht. Vielleicht sind ihre Träume von der Großstadt gescheitert, in der sie sich immer wie eine Fremde vorkam. Der Zug am nächsten morgen ist in jedem Falle ihrer, aber bis dahin kann sie sich noch einmal ihren verlorenen Träumen hingeben …

Mit dem nächsten Track „My Heart“ versöhnt Miss Wright dann auch die Hörerschaft von zeitgenössischen R’n’B à la Toni Braxton oder Destinys Child. Hier verschafft sich wohl das musikalische Erbe von Lizz‘ Wahlheimat New York sein Recht. Und wie schon beim Opener, war auch auf dieser von lateinamerikanischen Gitarrenrhythmen dominierten Single-Auskopplung das Autorenduo Lizz Wright/Toshi Reagon federführend. Die Sängerin und Gitarristin Reagon, dem breiteren Publikum als Supportact von Lenny Kravitz‘ erster Welttournee in Erinnerung, ist bekannt für ihren an Vorbildern wie Stevie Wonder oder Prince orientierten, dabei aber immer zeitgemäßen Songwriter-Stil, vor allem aber als großartige Live-Performerin. Gemeinsam mit Lizz Wright ergibt das eine kraftvolle Packung, Frauenpower im besten Sinne. Ein absolut tanzbarer Track, dessen durchaus sehenswertes, wenngleich MTV-kompatibles Video der CD beiliegt.

Das laszive, in schleppendem 6/8-Southern-Soul-Gospel-Takt gehaltene „I Idolize You“, ein Ike & Tina Turner-Song aus dem Jahr 1960, der sich seitdem permanenter Coverversionen erfreut (z.B. 2001 von den Delphines, 2002 von Teddy J. Politzer und 2005 von Purple Wizard), kommt mit seiner uralt-E-Gitarre unglaublich cool und retro daher und wird die Herzen aller Old School- und Rare-Soul-Liebhaber höher schlagen lassen. Kein Wunder, dass dies die nächste Single-Auskopplung ist.

Leider aber schwächelt das Album bei der nun folgenden Balladensektion, dem Sweet Honey In The Rock-Cover – übrigens das acappella-Ensembe von Bernice Johnson Reagon, der Mutter von Toshi Reagon – „Hey Mann“ und den beiden aus Wrights Feder stammenden Songs „Another Angel“ und „When I Fall“ – wobei es wohl kaum die Schuld der Sängerin sein dürfte, dass diese Stücke schlicht hoffnungslos überproduziert sind. Der Kollege von kulturnews.de schreibt in diesem Zusammenhang, „Wrights Stimme jedenfalls ist famos; die möchte man als doppelten Espresso genießen und nicht als aufgeschäumte Melange“, und trifft den Punkt. Für die teils arg überzuckerten Arrangements, in welche sich diese Songs zielsicher hineinsteigern, zeichnet Produzent Craig Street verantwortlich, der eigentlich für seine reduzierten Ausgefeiltheiten beispielsweise bei Cassandra Wilson oder Me’Shell Ndegé Ocello bekannt ist. Fakt ist, weniger wäre hier mehr: Klängen die Songs etwas reduzierter, der Hörgenuss wäre umso größer. Dann aber folgt mit Track 7 …

Plattenkritik: Lizz Wright | The Orchard

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