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Demnächst im Test:

Fünf Jahre nach dem Debüt ihres Projekts Puder auf dem eigenen Label Pussy Empire Recordings, dem noch die Veröffentlichung der All-Star-Girl-Group The Stewardesses folgte, bevor Co-Stewardess und Label-Mitbetreiberin Chantal de Freitas überraschend verstarb, beschließt Catharina Boutari: „Fast vier Jahre Labelpause sind genug“. So geht sie mit dem Bremer Produzenten und Pianisten Gregor Hennig, der zu seinem Multiinstrumentarium nicht nur die charmante Philicorda, sondern auch den Kassettenrecorder zählt, im Mai und September 2016 für jeweils zehn Tage ins Bremer Studio Nord, wo zwei auf giftgrünes Vinyl gepresste Live-Sessions entstehen.

Puder Session Tapes 1 + 2 Cover

Session 1 stellt sich dabei der Herausforderung, Songs um die Loops des Roboterbasses Pythagotron zu schreiben, der vom Bremer Künstler Frank Piesek erfunden wurde, während Session 2 auf alte, mittels Taperecorder abgespielte Samples und Loops setzt. Beide sorgen für ein röhrenartiges Rauschen, das in wabernden Moogs seine Ergänzung findet. Daraus und aus weiteren, bereits auf dem Debüt bewährten Zutaten wie hypnotischem Satzgesang und knochentrockenen Retrogitarren, die auf treibende Clubgrooves mit NDW-Anleihen treffen, sowie Texten, so klug, wie die Humpe-Schwestern sie gerne schreiben würden, und nicht zuletzt aus Boutaris Gänsehautstimme selbst, spinnt Puder ihr glamouröses Klangnetz, in das sich der Hörer gleich mit dem Opener „Tokio Calling“ verfängt. Da trifft Echo-angereichertes, flächiges Wabern auf urbanes Pulsieren, zuckersüßer Harmoniegesang von Boutaris Langzeitbegleiterinnen paart sich mit gepickten Dancefloorgitarren, gekrönt von einem Refrain, der mit tricky Synkopen – einfach mal die Zeilen Seit Wochen geht das geht das geht nur so mitsingen, und Sie wissen, wovon ich spreche! – aufwartet und in Sachen Ohrwurm Maßstäbe setzt wie zuletzt nur 2Raumwohnungs „36 Grad“. Ich müsste mich schon sehr täuschen, wenn wir es hier mit weniger zu tun hätten als perfektem Pop.

„Giganten“ packt die Retrogitarren aus seligen Woodstock-Zeiten aus, ein bisschen Funk hier, ein bisschen soulifizierter, die Bässe des Flügels auslotender Classic Rock da, dessen schiere Freude an gestottertem Rock’n’Roll-Vokabular à la „La-La-La-Lover“ selbst den eher eingängigeren Refrain verzeihen lässt. „Geliebtes Ding“ kann dann nur als weibliche Antwort auf Peter Fox verstanden werden. Wo der „Ooh du hübsches Ding, ich versteck meinen Ehering“ textet, kontert Boutari mit einem gejauchzten „Oh mein geliebtes Ding/Komm doch heute mit zu mir“ und ist dabei um so vieles erfreulicher und vor allem verführerischer als Frieda Gold, wenn die „Komm zu mir nach Haus“ lockt. Vor allem aber knüpft das „Ding“ nahtlos an die Ich trage Glitter, den mein Schrank noch nie gesehen hat-Tanzeslust des Vorgängeralbums an, und selbst das mit allerlei Musiktheatermitteln arbeitende Abschiedslied „In meinem Garten“ gerät Boutari letzten Endes zu einer schieren Liebeserklärung an die heilende Kraft der Musik, nicht ohne Lenny Kravitz‘ berühmtes Debüt zu zitieren: I blow up my stereo/And let love listen/I blow up my stereo/And let love rule. „Mein Mädchen kann“ wiederum charmiert mit einem zausigen, strubbeligen Klavier, bevor souliger Retrorock einsetzt. Mit dem besteckklappernden Highspeed-NDW-DooWop-Zweieinhalbminüter „Polaroid“, der dem vergessenen Farbfilm seine Referenz erweist, geht diese zitatenreiche Popmusikgeschichtsstunde in die Halbzeitpause und wir erfreuen und beim Umdrehen der Puderplatte einmal mehr am leuchtenden Vinyl, das jetzt eher dschungelgrün scheint.

Puder Session Tapes Green Vinyl

Die zweite Seite lässt sich mit der störgeräuschigen Ballade „Du behauptest Punk“ im Kontrast zu ihrem Titel butterweich, organisch, atmend an, abgelöst von der Salsa-trifft-Grooverock-Nummer „Naughty“, die es zur trainingsbegleitenden Motivationshymne auf jede Sport-Playlist schaffen könnte. Auf „Raketenkinder“ dann übernimmt das Störgeräusch die Hauptrolle, während der Song selbst zur Hintergrundbeschallung gerät. Und dann kommt mit „Jackie“ das Stück dieser Seite, das mit dem vorangestellten, oh-so-süßen, aber nie süßlichen Jackie’s in the hallway, hallway/Hallway of love-Chorus sofort in seinen Bann zieht, obgleich die Spoken-Word-Strophen mit ihrem Brecht/Weill’schen Einschlag zu verstören wissen. Wie Mackie Messer, der seinen kleinkriminellen Weg gefunden hat, mit dem modernen Leben fertig zu werden, oder Surabaya Johnny, der sich, weil es erst wird, mal eben per Schiff aus dem Staub macht, ist auch Antiheldin Jackie schlicht überfordert mit einer Welt voller Selfies und Foodies und Likes, und jeder, der sich kopfschüttelnd fragt, wie manch einer nur so intim mit der App Instagram sein kann, dass er sie „Insta“ kost, kann das nachfühlen.

Jackie indessen spricht mit einem Flur, der seinerseits den Dialog nicht scheut, und man muss schon einen gehörigen Hang zum Surrealen besitzen, um nicht auszusteigen, und doch fügt es sich so gut in den düsteren Kosmos dieser zweiten Seite, über der dieses röhrige Rauschen liegt. Das gewinnt bei „Sing für Mich“ wieder Überhand, jedoch nicht ohne eine Symbiose mit dem rumpeligen Retro-Equipment und einem als nachgerade klassisch zu bezeichnendem Songwriting einzugehen. Boutaris sonst so unprätentiöses Organ schraubt sich derweil in sexy Sirenenlage hoch, nur um im Finale „Für immer und einen Tag“ alles Retrospektivische los- und auf hypermoderne Clubbeats prallen zu lassen, wobei sie auf Hooks setzt, die ebenso im Ohr bleiben wie die pure Schönheit der Chöre, ohne die eine Puderplatte keine Puderplatte wäre und die wünschen lassen, dass Fans von Silbermond & Co. doch mal eine solche auflegten.

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