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Vinylrekorder, goldene Äxte und Gehörschutz …

Inhaltsverzeichnis

  1. 2 Vinylrekorder, goldene Äxte und Gehörschutz ...

VinylrekorderNeben den allgegenwärtigen staatlichen Musikexportbüros gibt es hier einige wenige Specials zu bestaunen. Den Vinylrekorder T-560 samt seinen beiden Machern beispielsweise, der es seinem Besitzer ermöglicht, Platten in Kleinst- oder gar Einzelauflage selbst zu schneiden. Das Gerätelchen – wobei der Diminutiv hier nicht zwingend angebracht ist, erinnert die Konstruktion doch eher an eine Apparatur aus dem Anfangszeitalter der Industrialisierung -, dessen Anwendung feinen Vinylsound verspricht, hat etwas von einem Zahnarztbesuch: Bohren und Absaugen in nur einem Arbeitsgang! Ich werde gebeten, den Vakuumabsauger für den aus der Rille geschnittenen Vinylspan zu fotografieren. Et voilà:

Vinylrekorder

Der nächste Halt führt zum Stand des VUT, des „Verbandes unabhängiger Musikunternehmen“, der die „Goldene Indie-Axt“ ausstellt und Nachhilfe in Sachen Vinyl – vom Rohstoff zur fertigen Schallplatte – gibt.

Goldene Indieaxt

Kreativ dekoriert sticht auch der Stand vom Indie-Vertrieb „Cargo Records“ (Hörtipp aus dem Katalog: die jüngst erschienene 3-CD-Box Tribute To Woody Allen. Music From His Movies) aus dem ansonsten sehr nüchtern gehaltenen Ambiente hervor.

Cargo Records

Ebenso wie jener des Ohrstöpselherstellers Earproof. An den Gedanken, dass Gott ein DJ ist, konnten wir uns seit der gleichnamigen 1998er Dance-Nummer von Faithless gewöhnen. Dass Gott nun aber auch ein Gehörschutzstöpsel sein soll, darf stark bezweifelt werden. Die Plakatkampagne ist trotzdem gelungen und bringt wenigstens etwas Frohsinn in die ansonsten eher trübe Veranstaltung.

Earproof

Apropos trüb: Just zum neu ins Leben gerufenen „Public Day“ wird der B2C-Marktplatz „Music City“ mit seinen Musik- und Modeläden, seinen Acoustic Sessions (u.a. mit Kat Frankie), Meet & Greets, seiner Musikfotoausstellung Popview, seinen Filmvorführungen (u.a. Still Bill, der Geschichte des Soulmusikers Bill Withers) und seinen Konzerten – kurz: mit allem Sehenswerten, abgebaut!!! Einzig der Merchandiser Trashmark.com, die Musikbox der Clubcommission, tape.tv sowie ein Musikbuch- und CD-Stand des Kulturkaufhauses Dussmann halten sich wacker bis zum Schluss.

Austria Sounds

Auch im B2B-Bereich lichten sich am dritten Tag die Reihen merklich, und ob die neu ausgerufene „Popkomm für alle“ dann noch so viel Sinn ergibt, wenn das Publikum mit einem Angebot konfrontiert wird, das in seiner Übersichtlichkeit an die HO-Kaufhallen der DDR gemahnt, ist mehr als fraglich. Denn schließlich torpediert der vorzeitige Abbau ja genau das, was das neue Konzept der Popkomm ursprünglich vorgesehen hat: Dass die Messe als Teil der Berlin Music Week nun kein reiner Branchentreff mehr sein soll, sondern sich stärker mit den Fans vernetzt, wie Popkomm-Geschäftsführer Ralf Kleinhenz im Vorfeld nicht müde wurde der Presse gegenüber zu betonen. Man wolle gewissermaßen nicht mehr in der eigenen Suppe köcheln, sondern zurück dorthin, worum es bei der Musik ja eigentlich gehen sollte: zu den Fans als „Basis der Musikindustrie“ (Kleinhenz) – oder, seien wir doch realistisch, den Käufern. Denn die bleiben bekanntlich seit Jahren aus. Schließlich wurde die Messe im letzten Jahr indirekt auch wegen stetig sinkender Umsatzzahlen – von der Musikindustrie gern auf illegale Musikpiraterie anstatt schlicht auf ihre qualitativ kontinuierlich schlechter werdenden Releases geschoben – kurzfristig abgeblasen.

Music From IrlandUm allzu viel Volksnähe zu verhindern, wurde das Popkomm Networking Programm jedoch sicherheitshalber gleich nur für die ersten beiden Tage der Messe angesetzt, und auch der Löwenanteil des unter dem Motto If You Don’t Feel It, Don’t Play It stehenden Kongresses findet am Mittwoch und Donnerstag statt. Am Freitag muss sich der Nicht-Fachbesucher mit dem Nischenthema Jazz begnügen, und dort dann mit Fragestellungen wie „Jazz und die Echtzeitszene“ oder einem Workshop für Jazz-Unternehmen – Inhalte, die wohl kaum dazu angetan sind, die Bindung zum durchschnittlichen Pop-Fan zu stärken.

Gegen ein Entgelt von knapp vierzig (andere Quellen nennen fünfzig) Euro jedenfalls wird der ansonsten den Fachbesuchern vorbehaltene Bereich am Public Day nun also auch Musikinteressierten zugänglich gemacht, doch zu sehen gibt es auch an den nicht verwaisten Ständen wenig. Was genau soll der Musikfan auch von Vertrieben, Länderbüros oder Tourbusvermietungsstationen haben? Laut Veranstalter: den „direkten Kontakt mit Branchenexperten“. Und so sieht man dann die ein oder andere verirrte Familie, die orientierungslos an den Business-Ständen vorbeitapert …

Canadian Music Week 2011Der Gerechtigkeit halber sei aber erwähnt, dass die Tageskarte zum Besuch des Berlin-Festivals berechtigt, wo wirklich einiges geboten wird, was die Ausgabe rechtfertigt. Indie- und Electroacts bespielten parallel drei Bühnen. Dazu kamen die ausgelagerten Festival-Hotspots wie „Clubspreeberlin“ oder „Kulturbrauerei“. In letzterer, präziser im „Frannz Club“, finden die nächtlichen Jazzkomm Showcases statt, von der Canadian Jazz Night über die Norwegian Label Night mit tollen Acts wie den Speed Balkan Boogie-Spielern Farmers Market oder dem Vocal-Bass-Duo Beady Belle bis hin zum Dutch Nu Jazz Movement. Und genau das ist wiederum großartig an der Popkomm: Die Musik, die allein in ihrer Masse schier unbewältigbar ist und für eine knappe Woche Rausch und Schlaflosigkeit sorgt – völlig egal, ob sie nun im Rahmen des Pop- oder Jazzkomm Showcase Festivals oder des Berlin Festivals oder der Berlin Music Week dargeboten wird – den Unterschied hat, auch wenn das die Markenväter jetzt traurig stimmt, sowieso niemand so recht verstanden. Das komplizierte Ticket-System von Popkomm einerseits und Berlin Festival andererseits auch nicht. Und selbst der im Rahmen der Messe aufgestellte Weltrekord („längstes Straßenkonzert der Welt“) ist irgendwie untergegangen.

Nichtsdestotrotz versucht sich die Messe in ihrer Abschlussmeldung an einer positiven Bilanz – was nicht weiter verwundern dürfte, denn schließlich steht nichts anderes als ihr pures Überleben, sprich: ihr Fortbestehen im nächsten Jahr, auf dem Spiel. „Als Nukleus der Berlin Music Week“, so Kleinhenz, habe man sich „als eine Veranstaltung positioniert, die […] Angebot und Nachfrage zusammenbringt“. Nun denn … Was Fans und Branche hiervon halten, werden Vorverkauf und Standbuchungen für nächstes Jahr zeigen. Ich persönlich sehe einem Fortleben der Popkomm in ihrer jetzigen Form skeptisch entgegen.

Mein Tag endet schließlich dort, wo er begann: Im U-Bahnhof Platz der Luftbrücke, wo man mittlerweile in Sachen „U-Ton“, einem Projekt der in Berlin angesiedelten Musiklabels, Ernst macht:

U-Ton

Event: Popkomm 2010

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