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NAD New Classic

„This is“, schreiben Musiker, Label und Vertrieb in drittelseitigen Anzeigen, „music of memory. Music for lying on the floor at midnight. Contemplative, melancholy, fragile, beautiful.“ Und sie haben allesamt recht. Schließlich liefert der australische Pianist und Komponist Paul Hankinson mit den Schubert-inspirierten Solopianominiaturen Echoes of a Winter Journey den perfekten Soundtrack für die ruhigeren Stunden des Winters, wenn der letzte Glühwein getrunken, das letzte Lametta samt Jahresendzeitgrün entsorgt und der letzte Partyhut wieder in der Kellerkiste verstaut ist.

Paul Hankinson | Echoes Of A Winter Journey

Einkehr, Selbstreflektion und ja: auch ein Hauch Wehmut findet Gehör in Zeiten des noch jungen Neujahrs, das oft im Zeichen der Reue über ein Zuviel steht: Zu viel gegessen, zu viel getrunken, zu viel gefeiert. Kein Wunder, dass gleich die komplette Erstauflage der ohne großes Promo-Tamtam veröffentlichten Platte vom Berliner Kulturkaufhaus Dussmann geordert wurde und in den hauseigenen Verkaufscharts stante pede auf Platz 1 kletterte – wenngleich in der Sparte Pop, was das Genre zwar nicht ganz trifft, doch Zeugnis über die Beliebtheit des Albums ablegt.

Der Titel Echoes of a Winter Journey kommt nicht von ungefähr, hat sich Hankinson doch der Winterreise Schuberts angenommen. Nicht als (Neu-)Interpretation, sondern als atmosphärische Inspiration, als „Einladung in die Stimmung der Platte“, wie er sagt, eben in „dieses Schubert-Gefühl“. Und so finden sich hier mit „Gute Nacht“ und dem auf „Der Leiermann“ basierenden „Komm mit mir“ dann auch nur zwei direkt der Winterreise entlehnte Motive. Für die übrigen acht Stücke bedient sich der Musiker an weiteren Schubert-Momenten, insbesondere den „magischen, herzensbrechenden, in denen allen irgendwie der Winter steckt“.

Gleich der Einstieg ins Album („Fantasie“) ist ob seines federleichten Improvisationscharakters pure Stimmungsmalerei. Winterreiseerprobt vermeint man gar, ab und an den Wanderer seine verschneiten Felsenhöhn erklimmen und die neugierigen Blick anderer Wanderer vermeiden zu sehen – beziehungsweise zu hören. Auch „Nimmer und Nimmermehr“ kommt zunächst als leichtfüßiges Stehgreifspiel daher, dessen Grenzen sich fließend aufzulösen scheinen, wird aber zunehmend dramatischer, wenngleich auch dieses Stück – wie überhaupt das gesamte Album – nichts für Rachmaninoff-Enthusiasten ist, sondern für Freunde zartester Klangmalerei.

Paul Hankinson | Echoes Of A Winter Journey

Aufhorchen lässt, wie sich leise – so leise, dass man sich fragt, ob man sie überhaupt gehört hat – falsche Untertöne ins „Liebesglück“ schleichen, während „November“ mit klanggewordenen Eiskristallen aufwartet statt mit der monatstypischen Graumatschigkeit, die sich eher in „Augenblick“ widerspiegelt. „Sehnsucht“ wiederum spielt mit dem Ewigrepetitiven, das dank Hankinsons Spiel etwas Meditatives bekommt, bis auch hier der ein oder andere nachgerade gefährliche Unterton erhallt, dem mit „Und Was Sie Stillt“ unendlich zarte Antwort widerfährt.

„Nur Sterne Belauschen Uns“ nimmt wieder das Liebesglück-Motiv auf: Und doch, welch Glück, geliebt zu werden! Der Referenzen, Kleinstverweise, ja: Geheimzitate sind es viele. Es geht auf den Echoes eben nicht um Interpretation, sondern um Inspiration. Auch die beiden Schlussstücke dieses feinsinnigen Liederzyklus‘ geben sich nicht mit schnöder Wiedergabe des Notenmaterials ab, mag der Klassikpurist auch noch so laut „Sakrileg!“ rufen. Dabei wäre ein echtes Sakrileg doch wohl vielmehr ein „verjazzter Schubert“, vor dem sich Hankinson zu hüten versteht wie der Teufel vor dem Weihwasser. Seine Winterreise-Echos jedenfalls sind zehn völlig eigenständige Stücke, die Eigenkompositionen gleichkommen.

So auch „Komm Mit Mir“, wo einmal mehr der Wanderer winkt, oder genauer: der Leiermann, dessen Instrument ja nichts anderes als ein verklausuliertes Synonym für die Sense des Todes ist. Suggestiv zieht dieser sein auserkorenes Opfer mit, während er unwiderstehlich raunt, komm mit mir, folge mir, und es wäre ach so leicht, seinem Werben nachzugeben, würde Hankinson an dieser Stelle nicht mit einer seltsam lebensbejahenden Coda eingreifen, die zur Besinnung ruft: Tod, ich komme später! Viel später.

Ebenso lebenszugewandt entlässt der Pianist seine Hörer mit „Gute Nacht“, die eine durchaus heitere zu werden scheint, und es bleibt hier lediglich zu fragen, ob die Akkorde nicht Lionel Richies „Hello“ entlehnt sind (oder umgekehrt), denn, so kurios es auch anmutet, der romantische Eighties-Evergreen lässt sich problemlos zu Hankinsons Klavierspiel singen. Solcherlei profanen Merkwürdigkeiten wäre der Musiker sicherlich nicht abgeneigt, bedenkt man, dass ihm die Idee zum Konzept der Echoes im Supermarkt kam, als im auffiel, das Schuberts „Gretchen am Spinnrad“ im Grunde seines Herzens ein Popsong ist. Hankinsons mal elegant zurückhaltendes, mal musengeküsst romantisches, oft in sich gekehrt fragiles Spiel ist jedenfalls dazu angetan, jeden auf seine Zerbrechlichkeit bedachten Singer/Songwriter vor Neid erblassen zu lassen. Vielleicht hat sich Dussman doch nicht völlig im Genre vertan.

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