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Manche Jubiläen gehen gänzlich unbemerkt an einem vorbei. So wäre es auch dem neunzigsten Geburtstag der deutschen Popmusik ergangen, hätte sich das Museum für Kommunikation Berlin (Web: www.mfk-berlin.de) seiner nicht angenommen. Dessen noch bis zum 16. September 2018 laufende Ausstellung Oh yeah! Popmusik in Deutschland – die nach einem Konzept des Museums für Kommunikation in Bern und unter der Federführung des Focke Museums Bremen entstanden ist – setzt die Entstehung hiesiger Popmusik nämlich im Jahre 1928 an.

Oh yeah! Popmusik in Deutschland Guide

Das kommt nicht von ungefähr: Ein Jahr zuvor hatte Comedian-Harmonists-Gründer Harry Frommermann im Berliner Lokal-Anzeiger die folgenreiche Annonce „Musiker für Ensemble gesucht“ geschaltet, in der alkohol- und kokaingeschwängerten Luft berühmt-berüchtigter Hauptstadt-Clubs wie Kakadu, Kolibri Bar, Goldene Spinne oder Esterhazy-Keller tanzte die Jeunesse dorée der Roaring Twenties Charleston und Swing – vor allem aber erblickten 1928 die ersten Langspielplatten das Licht der Welt. Schließlich versteht sich Oh yeah! nicht nur als Musik- sondern auch als Mediengeschichte, und das bedeutet hier in erste Linie: als Speichermediengeschichte, von Cloud und USB-Stick über CD/Discman, Kassette/Ghettoblaster, Vinylplatte/Plattenspieler bis zu Schellackplatte/Grammophon. Es versteht sich von selbst, dass der sehnsüchtig einen Phonographen anstarrende Foxterrier Nipper, den die britische Gramophone Company für ihre Marke His Master‘s Voice als Logo nutzt, da nicht fehlen darf.

Doch bis zu Nipper ist es für den Besucher noch ein langer Weg, begibt er sich mit Oh yeah! doch auf eine umgekehrt chronologische Zeitreise, die in der Jetztzeit startet, sich dann sukzessive durch die Dekaden bis zur Stunde Null deutscher Populärmusik vorarbeitet. Und da dies nicht nur mit den Augen, sondern auch (wenn nicht gar vor allem) den Ohren bewerkstelligt sein will, tut er gut daran, sich erst einmal ein paar Kopfhörer zu besorgen. Man sei gewarnt: Die Gesamthörzeit der Ausstellung beträgt über acht Stunden, sodass wohl oder übel eine Auswahl getroffen werden muss.

Oh Yeah! Videocloud

Los geht’s mit der Videocloud. Popmusik existiert nicht mehr zum Anfassen, sondern virtuell – und in schillernder Vielfalt nebeneinander, will uns die Installation von neun Monitoren, die zusammen eine riesige, bunt flimmernde Leinwand bilden, bedeuten. Die hier gezeigten Hits der 2000er- und 2010er-Jahre mögen nicht jedermanns Geschmack sein – aus der deutschen Popmusikgeschichte lassen sich Acts wie No Angels, Lena oder Silbermond jedoch mit Sicherheit nicht wegdiskutieren. Und bei dem einen oder anderen Video bleibt man ob manch sentimentaler Erinnerung sogar etwas länger stehen.

Oh Yeah! Main Road

Dann wird es auch schon Zeit für die sogenannte Main Road, die einer pulsierenden Hauptschlagader gleich durch die Ausstellung führt. Es lohnt sich, die Kopfhörer in die bereitstehenden Hörpilze zu stecken: Hier bekommt der Besucher, wahlweise auf Englisch, einen kurzen Überblick über den jeweiligen kulturellen Hintergrund der sich im Folgenden eröffnenden Epoche. Sprecherin Judith Hildebrandt, die in diesen Audiosequenzen im Wechsel mit Wolfgang Rumpf von Radio Bremen zu hören ist, könnte glatt selbst als Ausstellungsstück dienen, war sie in den Neunzigerjahren doch unter dem Künstlernamen T-Seven als Sängerin der Eurodance-Band Mr. President mit Ohrwürmern wie „Coco Jamboo“ Dauergast an der Spitze der Charts, bevor ihr eine Karriere als Radiomoderatorin bei Energy Bremen gelang.

Oh Yeah! Loveparade

Apropos Euro-Dance: Der war in den Neunzigern neben Deutschrap und (Klamauk-)Schlager zwar omnipräsent, musste sich letzten Endes aber Techno und seinen diversen Spielarten geschlagen geben. Kein Wunder, dass die Ausstellung der Loveparade und ihren Stilblüten – man denke hier nur an die zum Markenzeichen einer ganzen Generation gewordenen Plateau-Buffalos! – eine eigene Ecke widmet.

Oh Yeah! Plateau-Buffalos

In den Achtzigern war es dagegen Punk, der zum Soundtrack eines Lebensgefühls wurde – in West und Ost unter durchaus differierenden Vorzeichen. Dasselbe gilt für den mit „Tiefschwarz“ übertitelten Exkurs zu Gothic und Wave: Treffen der Anhängerschaft dunkler Klänge wurden in der DDR regelmäßig von den Ordnungskräften aufgelöst. Und das 1983 von Udo Lindenberg im Palast der Republik gegebene Konzert wurde gar von rund 1600 Mitarbeitern der Staatssicherheit überwacht. Deutsche Popmusikgeschichte, lernt man bald, ist immer auch deutsch-deutsche Geschichte.

Oh Yeah! Beat Club

Nicht zuletzt gilt dies für die Beat-Mania der Sechzigerjahre. Während es im Westen mit dem Beat Club eine Sendung eigens für junge Musikfans sogar ins öffentlich-rechtliche Fernsehen schaffte, geriet der Beat in der DDR bald schon ins Fadenkreuz der SED und wurde verboten. Ebenfalls aus den (späten) Sechzigern datiert der Beginn stockhauseninspirierter Synthesizer-Experimente à la CAN und Kraftwerk, während die Fünfzigerjahre ganz im Zeichen von heiler Welt samt Tanz- und Unterhaltungskapellen standen. Die Jugend rebellierte mit Rock’n’Roll, dem die DDR-Regierung mit dem „Lipsi“ („Heute tanzen alle jungen Leute/Im Lipsi-Schritt, nur noch im Lipsi-Schritt/Heute haben alle jungen Leute/Den Lipsi gern, er ist modern!“) zu begegnen suchte – einem vom Leipziger Tanzlehrerehepaar Seifert erfundenen Modetanz im 6/4-Takt, der vom ersten Tag an derart uncool war, dass er trotz staatlicher Verordnung bald wieder in der Versenkung verschwand.

Direkt nach dem Krieg waren es die Radiosender der westlichen Besatzungsmächte, die zum Inbegriff des Lebensgefühls vieler Nachkriegsteenager wurden. Zu Kriegszeiten dagegen galten Swing und Jazz als „undeutsch“, gar „entartet“, das Hören war bei Strafe verboten. Das hielt die unter dem Sammelbegriff „Wilde Cliquen“ in die Geschichte eingegangenen Jugendgruppen wie etwa die Edelweißpiraten allerdings nicht davon ab, getarnt als akustikgitarrenaffine Wandervögel in die Natur zu ziehen und dort ihre gebraucht erworbenen „Hot Koffer“ aus den Zwanzigern, in denen sich mechanische Koffergrammophone verbargen, aufzustellen und ihren – oftmals kurzen und teuer bezahlten – Träumen von Freiheit nachzuhängen. Womit die Ausstellung auch schon bei der Vorkriegszeit, den Comedian Harmonists, Nipper und Josephine Baker, die im Januar 1926 im Nelson-Theater am Kurfürstendamm ihre berühmte Bananenröckchenburlesque aufführte, angekommen ist.

Oh YeaH! Comedian Harmonists

Festzuhalten bleibt: Auch, wenn alle Besucher in der selben Ausstellung waren, hat letzten Endes keiner von ihnen die gleiche gesehen. Jeder verweilt bei einem anderen der sechzig Musikstücke, der eine bei Marlene Dietrich, der andere bei Pur. Und jedem bringt die Ausstellung besondere Momente der eigenen Biographie in Erinnerung, denn einmal mehr wird deutlich, dass – und wie sehr! – Popmusik Soundtrack der eigenen Lebensgeschichte, eben: Lebenssoundtrack ist. Gelangt man wieder an den Anfang zur Videocloud, scheinen die Stücke von No Angels und Konsorten auch nicht mehr ganz so unzumutbar, weiß man doch, dass auch diese als Soundtrack zu irgendjemandes Lebensgeschichte ihre Berechtigung haben.

Oh Yeah! Elvis

Oh yeah! wird von einem umfangreichen Begleitprogramm flankiert. Eines der Highlights dürfte der Grammophon-Spaziergang mit Schellack-DJ Stephan Wuthe sein, der sich mit angemeldeten Besuchern am 12. August sowie am 2. September 2018 auf die Spuren der Frauen in Berlins Musikszene der 1920er- bis 1940er-Jahre begibt. Am 24. August 2018 bittet Loveparade-Gründer Dr. Motte im Rahmen der Langen Nacht der Museen zur Silent Disco, am 4. September 2018 diskutieren die Zeitzeugen André Herzberg und Andrej Hermlin „Pop und Politik in der DDR“.

Fakten:

Oh yeah! Popmusik in Deutschland
Museum für Kommunikation Berlin
Leipziger Straße 16
10117 Berlin

Vom 15. März bis 16. September 2018
Dienstag 9:00 – 20:00 Uhr
Mittwoch – Freitag 9:00 – 17:00 Uhr
Samstag, Sonntag & Feiertag 10:00 – 18:00 Uhr
Montag Ruhetag

Eintritt: 5 Euro, ermäßigt 3 Euro, Kinder bis einschließlich 17 Jahre frei

Weitere Informationen inklusive Online-Ausstellung: https://popmusik-in-deutschland.de/

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