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Nilüfer Yanya – Painless

Anfang März brachte die britische Sängerin und Gitarristin Nilüfer Yanya ihr neues Album Painless heraus. Drei Jahre nach ihrem populärem Debüt-Album beweist Yanya auch hier ihr außergewöhnliches Songwriting, mit dem sie ganze Welten kreiert. Painless ist großer Pop, der dank intelligenter Arrangements, toller Melodien und Yanyas charakteristischer Stimme überzeugt.

Nilüfer Yanya Painless

Der erste Song „the dealer“ beginnt mit einem funkigen Drum-Beat, der bald von offenen Gitarrenakkorden unterlegt wird. Die Stimmung ist durch die Akkorde verträumt, melancholisch und erinnert an Radioheads Album „In Rainbows“. An dieses wird man auch in der Arpeggio-starken Single-Veröffentlichung „midnight sun“ erinnert. Doch auch wenn Yanya von Radiohead inspiriert wurde, ist ihr musikalischer Ansatz eigenständig und letztlich unvergleichbar. Sie schreibt Songs, die sich in wundersamen und schönen Melodien verlieren und trotzdem als Ganzes zu glänzen verstehen. Im Mittelpunkt steht ihr melodiöser und (für Pop) komplexer Gesang, der oft gehaucht und oktaviert eingesungen ist und so eine ganz eigene Textur mit sich bringt. Die Strophe in „the dealer“ baut sich zum Beispiel in mehreren Ebenen auf bis sie zum Chorus gelangt. Hier überrascht dann ein brillanter Basslauf, der wie ein Kontrapunkt zu ihrem Gesang wirkt.

Auch in „L/R“, einem Downbeat-Stück, das von einem Drumcomputer-Beat und (zumindest eingangs) monotonem Gesang geprägt wird, kommt es zu tollen Arrangement-Ideen. Die Monotonie und Trockenheit der eingeworfenen Worte in der Anfangsstrophe löst Yanya in melodiöse Gitarrenspuren auf, die sich zusammen mit Synthesizer-Sounds zu einem fluiden Chorus aufbauen. Das Stück steht charakteristisch für Yanyas musikalische Vision: Musik ist für sie nicht einfach nur Songwriting, sondern auch Arbeit an einfallsreichen Instrumentenspuren und einer guten Produktion. Deshalb sollte man dieses Album auch auf einer guten Anlage hören und sich eine Dreiviertelstunde Zeit nehmen. Das wird man nicht bereuen!

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Shu Ying, Idan Altman – Felt

2020 trafen sich die chinesische Musikerin Shu Ying und Produzent Idan Altman und nahmen in nur drei Tagen ihre EP Felt auf, die nun auf Streaming-Plattformen veröffentlicht wurde. Die sechs Songs, die vom Indie, Post Punk, Acid Folk und Electropunk inspiriert sind, überzeugen vor allem durch den minimalistischen Aufbau, die ungewöhnlichen Gesangsmelodien und die DIY-Atmosphäre, die sie ausstrahlen.

Shu Ying Idan Altman Felt

Der erste Song „颜色“, was mit „Visage“ übersetzt werden kann, beginnt mit einem simplen Computer-Beat, über den ein Bass brettert. Shu Yings Gesang baut einen lockeren Kontrast zu diesem Klanggerüst auf, in dem sie melodiös und teilweise vom Takt losgelöst singt. Dazu gesellen sich nach einer halben Minute Synthie-Sounds, die im Hintergrund bleiben und das karge Gerüst beleben. Nach knapp zwei Minuten endet das Stück mit dem Delay des Basses und einem elektronischen Signal.

„简单“, übersetzt „Simplizität“, arbeitet nur mit einem elektrischen, minimalistischen Beat, der an Kraut und Post-Punk erinnert. Das Besondere hier ist vor allem Shu Yings Gesang, der eigenständig (und -willig) Harmonien wechselt und dabei mit den Tönen des Beats disharmoniert. Diese Art von Unabhängigkeit lässt das Lied sehr experimentell klingen.

Auch „Self Referential“ ist experimentell. Das Stück ist zweigeteilt und vertraut im ersten Part einem monotonen Bass, elektrischen Effekten und Shu Yings Gesang. Dieser wurde im Gegensatz zu großen Major-Produktionen nicht perfektioniert, was Ying verletzlich klingen lässt und Emotionen zulässt. Manchmal driften ihre Gesangsnoten leicht ab, was die bedrückende Atmosphäre des Songs noch weiter verstärkt. In den letzten 40 Sekunden kommt es zu einem schlagartigen Wechsel: Vom 4/4-Takt geht es in einen 6/8-Takt, der Gesang ist beschwingt und die Musik lebt auf. Es sind solche überraschenden Momente, die Shu Yings musikalischen Ansatz so interessant machen.

SASAMI – Squeeze

SASAMIs neues Album Squeeze startet mit unschuldigem Kindergesang, der nach wenigen Sekunden von einer grölenden Rock-Explosion abgelöst wird. Die amerikanische Musikerin Sasami Ashworth kombiniert in „Skin a Rat“ verzerrte Metal-Riffs mit überlagertem Screamo-Gesang. Die Drums wirbeln und die Gitarren heulen.

SASAMI Squeeze

Nach ihrem Debütalbum 2019, das Richtung poppiger Indie-Rock tendierte, ist dieser Opener eine Überraschung. Die in Los Angeles lebende Musikerin nennt Einflüsse von System of a Down, aber auch Klassiker wie Bach und Mahler – oder Fleetwood Mac. Zwar kann man auf Squeeze auch die sanfteren Einflüsse und SASAMIs klare Stimme hören, etwa beim Akustik-Gitarren-Song „Call Me Home“ oder dem Stück „The Greatest“, doch insgesamt ist das neue Album experimenteller und dunkler als sein Vorgänger gehalten.

Im Song „Say It“ kombiniert SASAMI ihre schweren Riffs mit Industrial und Electro-Sounds. Die heruntergebrochene Strophe, in der ihre Stimme downgepitcht wird, brettert im 4/4-Takt. Der Wechsel zum Dreier-Takt-Chorus kommt daher unerwartet: SASAMIs Gesang ist plötzlich klar, die Gitarrennoten perlen akzentuiert über die Lautsprecher und nur der Bass dröhnt wie zuvor. Die unverzerrten Töne balancieren die Schwere der Strophen aus und zeigen SASAMIs Entwicklung von einer Indie-Entdeckung zu einer Genre-übergreifenden Künstlerin.

Auch der Titelsong „Squeeze“ ist von Industrial-Sounds bestimmt. Hier arbeitete SASAMI mit der Londoner Musikerin No Home zusammen, deren Debüt-Album aus dem Jahr 2020 ziemlich dystopisch war. In „Squeeze“ kommt das alles zusammen: Dunkle Rock-Riffs, eine minimalistische Stakkato-Strophe mit akzentuierendem Drumbeat und eine geheimnisvolle, unbehagliche Stimmung, die von beiden Musikerinnen beschworen wird. Der Abgrund hört sich selten so interessant an!

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