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Xiu Xiu – Forget

Die vielen Samples, Synthesizerklänge und Rap-Gesänge der amerikanischen Band Xiu Xiu muss man laut hören. Dass der Stil der Gruppe, deren Mitglieder ständig wechseln, als theatralisch beschrieben wird, ist nachvollziehbar. Es ist das Düstere, was die Band ausmacht. In einer gewissen Weise steht das einzige permanente Mitglied, der Frontman Jamie Stewart, mit seinen angsteinflößenden Kompositionen und am Unterbewusstsein nagenden Sounds für ein „Gegen“. Da verwundert es auch nicht, dass Xiu Xiu die Musik von David Lynchs Erfolgserie Twin Peaks nachspielte. Auch die neue Musik des Albums Forget von Xiu Xiu könnte ein Abbild von Lynchs oft surrealen und Gewalt zum Inhalt habenden Filmsequenzen sein. Der kreative Kopf und Sänger von Xiu Xiu läuft auf Forget nach knapp 20 Jahren Bandgeschichte jedenfalls wieder auf Hochtouren.

xiu xiu

Die Dramatik in Jamie Stewarts Gesang ist besonders im zweiten Lied zu spüren, im Chorus von „Queen of the Losers“ erhebt er dabei seine Stimme zu den Worten „Pain has just begun“. Auch sonst erzeugt der Song mit der vielschichtigen Instrumentierung, den digitalen Kracheinschüben und dem preschenden Drumcomputer viel Spannung. Da erkennt man in der darauf folgenden Single-Auskopplung schon mehr Orientierung an der Struktur klassischer Pop-Songs. Die Strophe und der Chorus sind klar zu erkennen, die Gesangsmelodien weniger aggressiv und komplex.

Genauso auch beim ruhigeren Song „Get Up“. Anfangs wird Stewarts Stimme hier nur von einer Gitarrenspur und dem programmierten Schlagzeug begleitet. Die Effekte auf seiner Stimme und seine Art zu Singen sorgen dafür, dass man seinen Schmerz und seine Rage nachvollziehen kann. Der großartige Song zeigt viele emotionale Seiten, die Stewart allein mit seinem Gesang wie ein Schauspieler darstellen kann. Man fühlt sich von ihm in Unterwelten gezogen, so dunkel ist die Atmosphäre, die die Songs umgibt.

Übrigens: Das Konzert von Lynchs Filmmusik fand vor zwei Jahren im Rahmen einer australischen Ausstellung über Lynchs Arbeiten statt. Auch das ist nicht überraschend: Mit den expressiven Klängen auf Forget und den anderen Alben von Xiu Xiu bewegt sich die Musik der Band auch bei den Eigenkompositionen im Kunstkontext.

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Julia Holter – In the Same Room

Die Raffinesse von Julia Holters Musik liegt in ihrer Zurückhaltung. Selten brechen die Strukturen in ihren Liedern auf, das Schlagzeug ballert nie richtig los. Die durchdringende Vorsicht ist atemberaubend. Schon im ersten Song von Holters neuer Platte, einem Live-Album, ist man überwältigt von ihrer Virtuosität. Diese stellt sie aber nie in den Vordergrund. Eher muss man ganz genau hinhören, um die Dissonanzen in den Streichern wahrzunehmen.

julia holter

Die Aufnahme von „Horns sourrounding me“, welche die US-Musikerin schon 2013 herausbrachte, überzeugt mit schönen, aufwühlenden Passagen, ohne wild zu werden. Kontrabass, Klavier, Schlagzeug und Streichern gehen spielend auseinander, werden jazzig, um gegen Ende des Liedes wieder zusammenzufinden. Holters Stimme liegt über der Musik und ist viel klarer als in der Aufnahme vor vier Jahren. Anders als bei der Originalaufnahme spielen die Hörner, die im Titel genannt werden, keine Hauptrolle. Diesen Stellenwert nehmen nun Holters Stimme, die Becken des Schlagzeugs und die Streicher ein. Durch die neue Atmosphäre die so zustande kommt, erkennt man das Lied kaum wieder.

Holter wiederholt dies auch mit anderen Liedern: Sie interpretiert ihre alten Kompositionen komplett neu. In „How Long?“ singt sie emotional auf den Klangteppich der Streicher, die ihre Töne viel fließender als im Original verbinden. Die Viola bekommt in dem Lied eine besondere Stellung: Mit einem langen Solo begleitet sie den Gesang Holters. Für das Ohr klingt das Viola-Solo neben Holters Gesang, als tanzten die beiden Stimmen miteinander. Obwohl auch das Original mit Streichern besetzt ist, wirkt die Live-Aufnahme reduzierter und stimmiger. Die Zurückhaltung der kleinen Besetzung tut dem Lied gut. Es scheint Julia Holters Stärke zu sein, sich noch einmal mit alten Kompositionen zu beschäftigen. Das neue Album wird so zu einer schönen Übersicht ihrer Musik und zeigt mit experimentellen und jazzigen Einflüssen und nicht zuletzt ihrer brillanten Gesangsstimme, welche Visionskraft die Musikerin aus Los Angeles besitzt.

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Forest Swords – Compassion

Matthew Barnes ist auch über seine Heimatstadt Liverpool hinaus in Großbritannien bekannt. Der Produzent und Künstler ist ein fester Bestandteil eines relativ neuen Trends namens „Producer Composer“ – bekannte Produzenten, die sonst im Hintergrund agieren, erlangen mehr Bekanntheit durch ihre Soloprojekte und die damit verbundenen kompositorischen Leistungen. Bon Iver ist wohl der bekannteste Vertreter der neuen Generation solcher Musiker. Sein letztes Album wurde in der Presse gefeiert. Auch Barnes zweites Album Compassion, welches er unter seinem Bühnen-Alias „Forest Swords“ herausbringt, wurde mit Spannung erwartet.

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Barnes ist bekannt für seine ungewöhnlichen Bässe und Trommeleinflüsse. Die dem Dub-Step artverwandten Sounds sind geschickt mit Rhythmuselementen verwoben und langweilen nie. Er enttäuscht mit der neuen Musik nicht: Im zweiten Album-Song „The Highest Flood“ überzeugt der Mix der verschiedenen Elemente seiner Musik, die ausgewogene Mischung aus Bässen, Synthesizern und Chorgesängen. Doch klingt nicht alles harmonisch: Barnes sorgt durch die abgehackten Samples der Chorgesänge für Spannungen. Trotzdem bleibt die wiederholte Melodie im Ohr.

Obwohl alle Elemente in der Musik digital von Barnes bearbeitet wurden, klingt die Musik auf Forest Swords nie künstlich. Sie erinnert vielmehr wie im Song „Panic“ an ein DJ-Liveset im Club. Hört man das Album an einem Stück, erkennt man, dass die Songs sich oft aufeinander beziehen – die Chor-Samples tauchen gleich mehrfach auf, wie auch im Lied „Exalter“. So wird Compassion ein langes Gesamtkunstwerk an Sounds. Schon mehrfach präsentierte Barnes seine Musik als Klangkunst. Es wird schnell klar: Forest Swords neues Werk ist etwas Besonderes – auf dem neuen Album präsentiert er hörenswerte Kunst, die man sich mit einer Anlage ganz einfach und schnell ins Wohnzimmer holen kann.

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