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Jens Düppe – Dancing Beauty

Außergewöhnliche Albumaufmachungen sind im Moment derart häufig anzutreffen, dass man, wäre man die Vogue, glatt einen Trend ausrufen könnte: Beglückten uns kürzlich erst die Berliner Popchansonniers Prag mit einer CD, die fast zu schade zum Öffnen war, flatterte kurz darauf eine blaue Plastiktüte mit der Aufschrift „This is a music instrument“ ins Haus. Darin befand sich das neue Album von Modern Jazz-Schlagzeuger Jens Düppe, dessen Umverpackung manifester Hinweis auf das Stück „Dancing Plastic Bag“ ist, das, soviel sei vorab verraten, lediglich mit Hilfe zweier Plastiktüten eingespielt wurde.

Jens Düppe Dancing Beauty

Dieser erfinderische Minimalismus kommt nicht von ungefähr, ist Dancing Beauty doch insgesamt Stillezelebrierer John Cage gewidmet. Gleich das erste der neun Stücke feiert mittels eines nur vier Töne umfassenden, zunächst von Frederik Kösters Trompete vorgestellten, dann von Lars Dupples Klavier aufgegriffenen Motivs pures Understatement, alldieweil der repetitive Charakter dem Titel „Perpetuum Paradox“ gerecht wird, der auf das Cage-Zitat „What is the purpose of writing music? One is, of course, not dealing with purposes but dealing with sounds. Or the answer must take the form of a paradox: a purposeful purposeless or a purposeless play“ zurückgeht, gefolgt von der dunkle Wälder evozierenden Pianoklanglandschaft „Matryoschka Doll“ und der die Grenze zum Atonalen um Haaresbreite umschiffenden Neue-Musik-Ballade „Sleeping Beauty“, die sich mit der Frage auseinandersetzt, ob etwas, das auf den ersten Blick nicht als schön wahrgenommen wird, auch tatsächlich nicht schön ist. Und natürlich kommt auch Düppe zu der Antwort, dass das leicht Dissonante letztendlich weitaus attraktiver ist als das allzu Glatte, Gefällige.

„Everything We Do Is Music“ erweckt mit Kösters Fanfarenton aus der Meditation über diesen Gedanken, es rockt, groovt und ist ganz allgemein dazu angetan, auch Nichtjazzhörer zum Jazz zu ziehen, während „Constistence“ etwas Tastendes, Suchendes, doch letzten Endes Findendes eignet. Und dann ist da auch schon das raschelnde „Dancing Plastic Bag“, das die Schönheit im Banalen, im Alltäglichen zu finden weiß, ähnlich dem zeitlupenartigen Schweben einer Qualle im blau beleuchteten Wasser. Natürlich wird auch hier die Frage „Was ist Musik?“ aufgeworfen, mehr noch, „Which is more musical, a truck passing by a factory or a truck passing by a music school?“, die jedoch hinfällig wird, erinnert man sich an das zwei Stücke zuvor postulierte Motto „Everything we do is music“.

Jens Düppe Dancing Beauty

Unstrittig Music sind wohl die weichen Pianoakkorde, mit denen sich „From Zero“ nähert, darüber eine saxophongleich weinende Trompete, aber auch wieder ein Knistern, von dem sich nicht mit Sicherheit behaupten lässt, ob es sich um ein banales Alltagsgeräusch wie eben das Rascheln einer Einkaufstüte handelt oder um einen hochkünstlerischen Effekt, der eine alte Schallplatte nachahmt. Wer will das schon sagen? Und: Wer will das schon wissen? Düppe versteht es anzuregen, unseren Umgang mit Musik – und Geräusch – zu überdenken. Da kommt die programmatische Aufforderung „Make Some Noise“ gerade recht – und einiges an Noise macht diese den tonalen Rahmen an manchen Stellen durchaus sprengende Nummer, die ans Warmspielen im Orchestergraben erinnert, sodass man nicht weiß, ob hier eigentlich alle miteinander oder gegeneinander musizieren, durchaus. Wer sich aber erst einmal auf den zunächst störend erscheinenden Lärm einlässt, vermag auch in ihm eine rhythmische, ach was: kosmische Ordnung und vor allem Schönheit zu erkennen, ähnlich einem tropfenden Wasserhahn, der den Schlaf raubt und die Nerven zermürbt, bis er zum Taktgeber einer faszinierenden inneren Melodie wird, der die Hirnzellen tanzen lässt. Mit „This Is Not The End“ kehrt das Album in konventionellere, dennoch nicht unbedingt als ruhig zu bezeichnende Gewässer zurück und hinterlässt vor allem eines: Lust auf Fortsetzung.

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Charnett Moffett – Music from our Soul

Charnett Moffett Music from our Soul

Charnett Moffett, der New Yorker Jazz-Bassist, der uns zuletzt im Rahmen der jazzahead! 2013 mit seinem Album The Bridge. Solo Bass Works über den Weg gelaufen ist, feiert sein dreißigjähriges Jubiläum als Recording Artist mit einem Werk, das den Langzeitmitstreitern seiner Karriere Reverenz erweist. So etwa ist auch Großmeister Pharoah Sanders – der in den Sechzigerjahren schon in der Band von Moffetts Vater Charles spielte – auf dieser verschiedene Trio- und Quartettbesetzungen präsentierenden Veröffentlichung zu hören, die von der Berliner Zeitung jüngst als eine Sammlung der „schönsten Aufnahmen mit Sanders seit über zwanzig Jahren“ bezeichnet wurde. Der Superlative nicht müde wird auch der NY Observer, der im Zusammenhang mit Music from our Soul schlicht von „one of the 10 Best Jazz Albums of 2017 (so far)” spricht.

Und tatsächlich ist schon der titelgebende Opener, eine Live-Aufnahme aus dem Februar 2015 mit Sanders am Saxophon, wie gemacht, sich in Moffett nicht nur als Bassisten, sondern auch als Komponisten zu verlieben. In dieser Eigenschaft hat er zwölf der vierzehn größtenteils tiefenentspannten, butterweich groovenden Stücke selbst verfasst, allein das dem in fast Reggae-hafter Relaxtheit groovenden „Freedom“ folgende, ebenso faul wie luxuriös perlende „Mood Indigo“ geht auf Duke Ellington zurück – und „So What?“ auf Miles Davis, mit dem sich die Platte endlich aus ihrer Mid-Tempo-Deckung wagt und, angetrieben von Stanley Jordans Gitarrenläufen, wie der Teufel zu grooven beginnt. Auch die anschließende Moffett-Komposition „Come And Play“, die ihren Schöpfer virtuos sowohl pizzicato als auch con arco zeigt, schlägt in dieselbe Kerbe, während sich „Love In The Galaxies“ irgendwo zwischen bekiffter Rock-Jamsession und (nah- bis fern-)östlichem Einfluss einpegelt. Der Titel des folgenden „We Are Here To Play“, der zweiten von drei Sanders-Nummern, könnte auch unschwer als Plattenmotto Pate stehen: Sie wollen nur spielen! Und ihr Publikum zum Tanzen bringen, folgt man den südeuropäisch-nordafrikanischen Tanzweisen von „Mediterranean“, wo Moffett vor dem elektronischen Blubbern eines Fretless nicht zurückschreckt.

Charnett Moffett Music from our Soul

Auf „For Those Who Know“ mit Cyrus Chestnuts Free-Tupfern dann geht es in medias res: Vom relaxten Sound des Beginns, den man Jazzhassern bedenkenlos zum Sonntagsfrühstück servieren könnte, ist man hier meilenweit entfernt! „Just Need Love“ weckt Reminiszenzen an den (zu Recht?) unterschätzten 80er-Jahre-Jazz, während der mit allerlei Weltenmusik spielende Solo-Einminüter „Celestial Dimensions“ Moffett einmal mehr als brillanten Techniker, die „Sound World Suite“ dagegen als findigen Improvisator zeigt, bis der „Freedom Swing“ dank Sanders die modalen Exotismen von A Love Supreme auferstehen lässt, derweil die halbminütige Zugabe „Encore“ mühelos zur Unterlegung einer beliebigen Blaxploitation-Filmszene dienen könnte. Einziges Manko dieser Platte ist die dank der Aufnahme in drei verschiedenen Spielstätten und einem Studio sehr durchwachsene Soundqualität, die Musik ganz klar vor Klang stellt.

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