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Jenseits glutvoller Zigeunerweisen: Ungarn, modern Forteba / For Some Time Past

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  1. 3 Jenseits glutvoller Zigeunerweisen: Ungarn, modern Forteba / For Some Time Past

Aus dem schönen Heimatland meines Vaters kommt nicht nur Gulaschforteba, Paprika und melancholisch-versponnene Belletristik wie Sándor Márais Glut oder Antal Szerbs Reise im Mondlicht, sondern auch jede Menge gute (Pop-)Musik – man denke hier nur an die von Robin Guthrie von den Cocteau Twins produzierte Indie-Band Amber Smith, die Jazzcombo Elemér Balázs Group, die Elektronik-Formation Neo, das mit Everything but the Girl-Sängerin Tracey Thorn kooperierende Trio The Unbending Trees oder auch László Fogarasi alias Yonderboi, der mit seiner Mischung aus Downtempo, TripHop, Lounge und 60er-Jahre-Bar-Jazz international erfolgreich ist. Der findige Leser hat es erraten: Wir befinden uns auf einer musikalischen Reise durch das Ungarn der 2000er-Jahre. Und diese wäre wohl kaum komplett, ohne bei Krisztian Dobrocsi, besser bekannt als Forteba, Halt zu machen.

Schon als 2007 das erste Forteba-Album Space Between Us auf Plastic City erschien, waren Kritiker und Publikum gleichermaßen von dem fortebaklaren Sound und der von Dobrocsi verfolgten Intention überzeugt, von einer Musik, die dem Hörer erlaubte, all seine negativen Emotionen in eine aus Beats erbaute Kiste zu legen und dort zu vergessen. Schnell war klar, dass ein zweites Forteba-Album hermusste, nur ließen DJ-Touren rund um den Globus sowie das Nebenprojekt Krisztian Decay, mit dem Dobrocsi als Lounge-Produzent zu überzeugen wusste, wenig Raum dafür. Nun aber ist es endlich an der Zeit für den Forteba-Neuling For Some Time Past das Licht der Welt zu erblicken und mit frischen Facetten des Deep House zu bereichern.

Folgt man der Plattenfirma, gelingt es dem DJ und Produzenten hier, „eine Tiefe zu erschaffen, die nicht feucht erscheint“. Was sich zunächst seltsam liest, ergibt durchaus seinen Sinn; denn tatsächlich macht Forteba mehr, als an der Oberfläche zu kratzen. Er will sich mit seiner Musik direkt in die fortebaGefühlswelt der Menschen hineinbohren, will sie an ihrem innersten Kern packen, will, dass sie sich mit Haut und Haar seiner Musik ausliefern. So wird der Hörer, im Gegensatz zu anderen einschlägigen Produktionen, keine wie auch immer geartete Bündelung von (Raum-)Effekten vorfinden, die den hochemotionalen Kern der Stücke überlagern könnte. Vielmehr konzentriert sich Forteba auf die einzelnen Elemente und den reinen Effekt, die diese auf die Arrangements haben. Gewissermaßen arrangiert nicht Forteba die Elemente, sondern die Elemente geben die Richtung des Arrangements vor. Trotz – oder gerade wegen – aller nüchtern kalkulierten Emotionen hat Dobroci mit For Some Time Past ein Album geschaffen, das frei von Euphorie oder anderem gefühlsmäßigen Überschwang ist und es vielmehr ermöglicht, jede einzelne Empfindung, fein säuberlich seziert, wie unter dem Vergrößerungsglas zu betrachten. Am eindrucksvollsten gelingt dies meiner Meinung nach mit dem von Katerina Paderuru im Stile einer 40er-Jahre-Jazzdiva gesungenen Save The Memories, das ich hiermit auch als Anspieltipp und Einstiegsdroge in die Klangwelten des Krisztian Dobrocsi empfehlen möchte.

Plattenkritik: The Gotan Project | Thievery Corporation | Forteba

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