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Musik-Rezension: The Klezmatics / Tuml = LEBN

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  1. 4 Musik-Rezension: The Klezmatics / Tuml = LEBN

Klezmer-Rebellen auf Jubiläumstournee:
The Klezmatics / TUML = LEBN

The Klezmatics

Ebenfalls auf großer Herbst-Tour ist die Klezmer-Avantgarde-Band The Klezmatics, die anlässlich ihres sage und schreibe 20-jährigen Bühnenjubiläums das Album TUML = LEBN mit einer Retrospektive ihrer besten Songs veröffentlicht.

The Klezmatics

Wir erinnern uns: Es war im Sommer 1988, als eine bis dato völlig unbekannte Band aus New York auf dem legendären Heimatklänge-Festival beim kritischen, weil verwöhnten Berliner Publikum wahre Begeisterungsstürme mit etwas bis dato nie Gehörtem auslöste: Jiddisch-sprachige Soulmusik von der Lower East Side – temperamentvolle Bulgars, Sirbas, Freilachs – kurz: die traditionellen osteuropäischen Klezmer-Tanzformen –, gepaart mit dem treibenden, schlagzeugbetonten Rhythmus heutiger ‚schwarzer‘ Musikstile wie Jazz, Ska und Soul sowie psychedelischen Elementen. Da wurde aus einem simplen Feilach schon mal ein Psycho Freylekh … Mittlerweile gehören die Klezmatics mit diesem Crossover-Mix zu den weltweit kommerziell erfolgreichsten Interpreten des Genres, was sogar der National Academy of Recording Arts and Sciences einen Grammy wert war, der ihnen als erster (und bislang einziger) jüdischer Band verliehen wurde.

The Klezmatics

Zeitgleich mit dem Umstand, dass die Klezmatics ihre internationale Karriere von Berlin ausgehend starteten, sollte die damals noch geteilte Stadt zum Zentrum der Klezmer-Revival-Welle werden, die von der Neuen Welt endgültig zurück nach Europa geschwappt kam und – mit so manch seltsamem Auswuchs – bis heute anhält. So erfreut sich unter anderem im Berliner Scheunenviertel Klezmer am vorgeblich ‚historischen Ort‘ einer immensen Popularität. Die hier einzig zu touristischem Zwecke dargebotene Klezmermusik erweist sich als hochgradig publikumswirksam – dass hier, als es tatsächlich noch ortsansässige Juden gab, nie Klezmer gespielt wurde, stört dabei keinen. Ohnehin nimmt Berlin nicht nur beim gegenwärtigen „Versuch einer kommerzialisierten Wiederbelebung eines Stil- und Repertoiregemisches von Klezmermusik osteuropäischer Provenienz“ (Walter Salmen) eine Vorreiterrolle ein, sondern auch und vor allem in der – mit Ruth Ellen Gruber wohl am ehesten als ,virtually jewish‘ zu bezeichneden – „Wiedererfindung“ jüdischen (Kultur-)Lebens generell, haftet doch „der Begriff ,jüdisches Leben‘ […] der Stadt an wie Döner und Bulette, gern ergänzt durch ,neue Blüte‘ oder ,Wiedergeburt‘“ (absolut lesenswert und leider immer noch hochaktuell: Meike Wöhlert, Der Hype um den Davidstern, in: zitty 16/1998).

The KlezmaticsDass derzeit tatsächlich nur rund 12.000 Juden in Berlin leben, die ledigliche 0,3 Prozent der Berliner Bevölkerung ausmachen, lässt der nach Meike Wöhlert „enorm hohe Nachrichtenwert des Etikettes ,jüdisch‘“ schnell vergessen, sodass sich ob seiner medialen Ausschlachtung schnell der Eindruck aufdrängen muss, „es gäbe in der Stadt mehr Juden als Türken und Bosnier zusammen“. Tatsächlich aber gleicht das vielbeschworene jüdische Leben in Berlin eher einem „dürftigen Rinnsal“, weshalb es eben herbeigeschrieben und -gefiedelt werden muss. Nicht zuletzt spielt hierbei jenes Dilemma eine Rolle, demzufolge – wohl aus einer unbestimmten Schuld allem Jüdischen gegenüber – das deutsche Publikum mittlerweile alles, was auch nur entfernt nach Klezmer riecht, mit frenetischem Applaus belohnt, da die Rezeptionsgeschichte der Klezmermusik in Deutschland, möchte man Rita Ottens folgen, immer noch von der Last der Vergangenheit bestimmt wird. Nicht zuletzt weiß auch die Musikindustrie das Genre als Alibi für eine unbelastete deutsch-jüdische Verständigung – und somit Selbstversicherung der eigenen Weltoffenheit – zu nutzen. Um die Musik selbst geht es dabei immer weniger. Schade.

The KlezmaticsBei den Klezmatics nämlich würde sich ein wirklich unvorbelastetes Hinhören lohnen. Tuml = LEBN macht Lust auf diese furiose Musik, macht Lust auf mehr: mehr schweißtreibende Tuba-Beats, mehr schräge Bläsersätze, mehr aberwitzige Tempiwechsel, mehr Ausgelassenheit, mehr Beseeltheit, mehr Virtuosität. Hier sind ein paar der großartigsten Musiker unserer Tage zugange, und beim Hören dieses Repertoire-Querschnitts wird hoffentlich auch dem Letzten klar werden, dass die gern als „Rolling Stones of Klezmer“ bezeichneten Musiker um den Trompeter Frank London auch noch zeitlos modern sind. Wieder einmal zeigt sich, dass sogenannte ‚Weltmusik‘ ihres lahmen Rufs und blöden Namens zum Trotz Spaß machen und zeitgemäß sein kann; Punk sein kann, HipHop sein kann, verzerrte E-Gitarre sein kann dann auch noch Humor hat. Und vielleicht erkennt der ein oder andere, der mit ‚Weltmusik‘ oder in diesem Falle ‚Klezmer‘ nie etwas zu tun haben wollte, die coole Band wieder, die in der Kult-Serie Sex in the City durch Gastauftritte begeisterte.

The Klezmatics

Ich persönlich halte die Songs mit riesiger Bläser-Front für besonders hörenswert – das waren noch Zeiten, als Ausnahme-Klarinettist David Krakauer die Band verstärkte! Um mit Robin Williams zu sprechen: “If you can hear this music and not see God, you are fucking blind“. Nun, zwar kann auch ich nur spekulieren, was so alles auf Gottes iPod läuft, mit Sicherheit aber weiß ich, dass die CD die ganze furiose Wucht der Klezmatics nur unzureichend wiedergeben kann. Ihren vollen Charme entfaltet diese Band erst live. Der Track Ale Brider gibt einen kleinen Vorgeschmack darauf, den Nachtisch kann man sich zu folgenden Gelegenheiten holen:

27.10.2008 Hamburg / Fabrik
29.10.2008 Frankfurt / Helig-Geist-Kirche
30.10.2008 Karlsruhe / Tollhaus
31.10.2008 Erfurt / Gewerkschaftshaus
01.11.2008 Plauen / Malzhaus
02.11.2008 Nürnberg / Villa Leon
03.11.2008 München / Postpalast
07.11.2008 Leverkusen / Leverkusener Jazztage
08.11.2008 Bochum / Christuskirche
09.11.2008 Berlin / Kesselhaus
10.11.2008 A-Wien / KlezMORE Festival
12.11.2008 A-Salzburg / Rockhouse

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