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Moor Mother – Jazz Codes

Die US-amerikanische Musikerin, Poetin und Aktivistin Moor Mother hat mit Jazz Codes ihr fünftes Studioalbum veröffentlicht. Dort findet man charakteristischen experimentellen Hiphop, der mit Soundcollagen aus Raps, historischen Aufnahmen, Zitaten und Samples arbeitet.

Moor Mother Jazz Codes

Der erste Song „UMZANSI“ vermengt anfangs klackernde Geräusche, Beckenschlägen, Synthies sowie ein Gewirr an Stimmen. Noch bevor die erste Minute erreicht ist, wird es strukturierter; die Stimmen sprechen unisono und haben sich an den Beat angepasst. Immer wieder hört man „Quantum, black in the moment“ – ein Statement, das sich wie ein Mantra durch das Stück zieht. Neben der Black Empowerment Message deutet sich der Name des „Black Quantum Futurism“-Kollektivs an, das in den Credits des Songs auftaucht und von Moor Mother mit ihrer Partnerin gegründet wurde. In Moor Mothers Raps kristallisieren sich Bezüge aufs „John Coltrane House“ beziehungsweise „Philadelphia Strawberry Mansion“ oder die Erklärung des Titels als Kriegstanz. So entsteht zusammen mit dem Quantum-Begriff als Ort, der die Zeit und Erinnerung bewahrt, ein poetisches Cluster von Geschichte und Wissenschaft.

Jazz Codes basiert auf Kollaborationen, denn auf fast jedem Song befindet sich ein Gastbeitrag – sei es vom Jazz- und Improvisationsmusiker Keir Neuringer, der aus Brooklyn stammenden Musikerin Melanie Charles oder der Sängerin Wolf Weston. Ihre Stimme steht in „BARELY WOKE“ im Vordergrund und macht das Stück mit melodischen Passagen nahbar für ein breiteres Publikum. Doch auch hier dringt die poetische Macht von Moor Mothers Gedichten durch. Sie führt die Hörer per „Hold this chaos poem in your lap and raise it up“ in ihre Welt aus Worten ein und kommt in ihrem Rap über den Sinn des Lebens, Überwachung und die Polizeigewalt an Schwarzen in den USA zu dem Schluss, dass sich alles „barely woke“, fast wie geträumt oder stumpf, anfühle. Weil das Album so reich an Referenzen, Samples und Stilen ist, wird es zu einer Erfahrung, die sich beim erneuten Hören verdichtet und weiter konkretisiert. Allein deshalb lohnt es sich, Moor Mothers Veröffentlichung eine Chance zu geben. Es ist selten, dass man Poesie, Intelligenz und große Komposition so gebündelt begegnet.

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Σtella – Up and Away

Σtella Up and Away

Die in Athen geborene und lebende Musikerin Σtella feiert mit Up and Away auch einen persönlichen Erfolg. Nach Jahren kam das Nirvana Label Sub Pop Records auf eine Ihrer unzähligen unbeantworteten Nachrichten dann doch zurück – und schlug eine Veröffentlichung vor.

Ihr viertes Album erschien deshalb im Juni 2022 beim besagten Label und beschert den HörerInnen eine warme Briese Indie-Pop mit griechischem Folk-Einschlag. Zusammen mit dem britischen Produzenten Redinho, der sie 2017 nach einem Konzert in Athen ansprach, arbeitete sie einige Jahre an der Platte. Σtella, mit bürgerlichem Namen Stella Chronopoulou, singt zwar auf Englisch, doch traditionelle griechische Instrumente wie die Schalenhalslaute Bouzouki lassen einen in mediterrane Soundwelten reisen.

Etwa mit „Nomad“, einer langsamen, melancholischen Pop-Nummer auf der ersten Hälfte des Albums. Das Stück beginnt mit einem Solo-Wechselspiel von Gitarren, bevor Σtella sehnsüchtig zu singen beginnt. In einem späteren Zwischenspiel zittern die Töne der schnell angeschlagenen Bouzouki, danach begleitet das Instrument ganz traditionell den Gesang. Der nächste Song „Manéros“ bleibt instrumental. Der Beat macht das Stück etwas beschwingt und die Soli der Instrumente sind orientalisch angehaucht.

Etwas lebendiger geht es auch in der Pop-Nummer „Black and White“ zu. Der Gesang ist oft mehrstimmig, die Gitarre schlägt rhythmisch die Akkorde an und harmoniert dabei mit dem simplen Drum-Beat. Die Nummer ist voller Ohrwurm-Momente und mit 2:18 Minuten schnell wieder vorbei. Das Gefühl hat man auch beim ganzen Album, das nach einer halben Stunde durchgehört ist – bei so vielen schönen Momenten klickt man gleich auf „Repeat“.

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Metric – Formentera

Metric Formentera

Die Band Metric ist seit ihrer Gründung Ende der 90er Jahre schon lange im Olymp des Rock angekommen. Nach etlichen Festivals, Alben und Touren bringen die Kanadier nun ihr achtes Studioalbum Formentera auf ihrem eigenen Label heraus.

Das Album eröffnet mit dem Kernsong „Doomscroller“, was übersetzt den exzessiven Konsum negativer Nachrichten auf dem Bildschirm beschreibt. In dem Stück ist alles enthalten, was die Band ausmacht: wummernde Beats mit einem krautigen Schlagzeug, geschrebbelte Gitarren, Synthie-Sounds und Frontfrau Emily Haines‘ verführerischer Gesang. Hier kommt alles zusammen und in dem knapp  zehneinhalbminütigen Stück durchläuft die Band musikalisch ein Wechselbad der Gefühle.

Zunächst ein durchdringender Bass-Beat, bei dem die Boxen heiß werden. Haines singt erst zurückhaltend und fast im Sprechgesang über Zahlen unter Social Media Posts und im weiteren Kontext die Nummern auf Grabsteinen – es wird schnell klar, dass die Hörenden in düstere Gedankenfelder gezogen werden. Das manifestiert sich zunehmend im ersten Zwischenspiel, das die Stimmung mit apokalyptischen Synthie-Tönen verstärkt. Das Instrumental-Break wird theatralisch von einem sanften Klavierspiel und Gesang unterbrochen, bevor es wieder in den Chorus geht. Die Motive des anfänglichen Electro-Beats und die Synthie-Passagen von zuvor vermengen sich hier langsam, bevor es wieder in einen harten Instrumental-Part geht. Das Hin- und Her von Styles und Gefühlen wirkt keineswegs störend, es resultiert eher ein involvierender Sog.

Das kann auch vom ganzen Album behauptet werden. Mal sind die Songs düsterer, wie der allerdings immer noch Radio-taugliche Song „All Comes Crashing“, bei dem besonders das ruckige Schlagzeugspiel im Chorus überzeugt. Andere Songs wie „Formentera“ klingen leichter und unbeschwert, sie orientieren sich anders als der Opener an typischen Popsong-Strukturen. Dadurch geraten sie zwar vorhersehbarer, doch durch Elemente wie den lebhaften Basslauf bei „Formetera“, gibt’s für die Ohren stets Interessantes zu entdecken.

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