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Janelle Monáe – Dirty Computer

Janelle Monáe veröffentlicht mit „Dirty Computer“ ein „Emotion Picture“ – sie selbst definiert „Emotion Picture“ als „narrativen Film und begleitendes Musikalbum“. Das mutet für eine Musikerin und Tänzerin herausfordernd an, überrascht aber eigentlich nicht wirklich. Schon längst ist sie mit ihrer Hollywood-Karriere und Aufnahme in die Oscar Academy auch als Schauspielerin bekannt. Auch wenn ihre Videos wie zu den Singles „PYNK“ oder „Django Jane“ für jeden Requisiteur am Film-Set wegen der unglaublichen Accessoires ein Traum sein dürften, hätte die Musik auf dem neuen Album so ein visuelles Spektakel als begleitende Funktion gar nicht nötig: sie überzeugt nämlich auch ohne Bilder.

Janelle Monáe – Dirty Computer

Da wäre die schon erwähnte Singel „Django Jane“, die mit einem funkigen Beat aus effektbeladenen Klavierakkorden, springenden Bässen und Monáes erfrischend präsentem Rap ein echter Hammer ist. Durchdringend, feministisch und radikal spricht sie über die von Männern geleitete Musikindustrie, fordert einen Neuanfang und feiert die Weiblichkeit. Die Sängerin stellt mit dieser Hip-Hop-Nummer ihre Vielseitigkeit unter Beweis und scheut sich nicht davor, aus ihrem typischen Stilmix von Pop, Funk, Soul und R&B auszubrechen.

In „Make Me Feel“ kehrt Monáe zum Funk zurück und würdigt mit dem Titel den Hit „The Way You Make Me Feel“ des King Of Pop Michael Jackson. Aber auch ihr langjähriger Mentor Prince kommt im Song vor. Das Lied erinnert an die besten Zeiten des Meisters und nimmt musikalisch Bezug auf seine Supersingle „Kiss“. Aber Prince selbst hat auch an dem Hit von Monáe mitgewirkt. Die beiden kannten sich gut und arbeiteten oft zusammen – noch zu Lebzeiten steuerte er deshalb die Synthie-Spur bei und vollendet „Make Me Feel“ damit. So viel Gefühl, Funk und Musikalität findet man auf einer Single heutzutage selten. Doch Monáe kann mit ihrer ganz natürlichen Art und wie sie mit Musik umgeht problemlos an die besten Soul- und Funk-Zeiten anknüpfen.

Ihre Qualitäten als Songwriterin und Experimentierfreude auf dem Album haben ein komplexes, inhaltlich reiches und aufregendes Gesamtkunstwerk hervorgebracht. Hört man erst die Musik und schaut danach die Videos, kann man nicht anders als sich zu fragen, wieso man sich so oft auf Musik einlässt, die qualitativ weit unter Monáes Arbeit liegt. Wenn die Lieder schon unglaublich gut sind, werden sie von den Videos sogar noch weiter komplettiert. Die Powerfrau erlaubt sich einfach keine Fehler, auch die Videos sind perfekt. Monáe bereichert uns mit Dirty Computer, ihrem Emotion Picture und ihren tänzerischen und schauspielerischen Darstellungen darin um ein Erlebnis, das noch lange Bestand haben wird.

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Hannah Epperson – Slowdown

Hannah Epperson - Slowdown

„20/20 (Amelia)“, das erste Lied auf Hannah Eppersons neuem Album „Slowdown“ beginnt mit Eppersons präsenter Stimme. Die Lücken, die in ihrer Gesangsmelodie entstehen, werden von ihrem abrupten Geigenspiel gefüllt. Das alles klingt turbulent und baut eine ganz eigene Dynamik auf. Erst wenn der programmierte Beat einsetzt, versteht man das Timing, welches die Stimme und Geige zuvor verfolgten. Mit einem Loop-Pedal baut die Musikerin aus Kanada aus dem bruchstückartigen Anfang des Stücks dröhnende Electro-Höhepunkte, indem sie die Sounds vom Beginn überlagert und übersteuert.

Das Schöne an Eppersons Musik ist, dass man nie weiß, was als nächstes kommt. Die lauten Electro-Momente setzen ebenso unerwartet wie abrupt ein, dann wieder für wenige Sekunden aus und kommen dann ebenso unerwartet wieder. Die Logik eines Pop-Songs wird von der Musikerin nicht übernommen – sie formt lieber ihr eigenes System und lässt uns mit dem neuen Album ihre Arbeitsweise ein Stück besser verstehen. Denn jedes Lied ist auf zwei unterschiedliche Weisen interpretiert. Mit (Amelia) hinter dem Songnamen deutet Epperson an, dass es sich bei dieser Version um eine poppige, moderne Interpretation handelt. (Iris) hingegen signalisiert, dass man die heruntergebrochene Essenz des Lieds hört.

„20/20 (Iris)“ klingt mit einem Geigenspiel, in dem lange, mit Vibrato verzierte Töne vorkommen, klassisch. Man erkennt die Gesangsmelodie wieder, doch der musikalische Hintergrund hat sich komplett verändert. Auf den Electro-Beat verzichtet Hannah Epperson und belässt es bei mehreren Geigenspuren, die mal in Arpeggios, mal in langgezogenen Noten klassisch-romantisch harmonieren und einen sanften Klangteppich für den Sopran-Gesang bilden.

Die poppig arrangierten Songs mit (Amelia) im Songtitel bilden den ersten Teil des Albums. Ihnen folgen in entgegengesetzter Reihenfolge die minimalistischen Versionen auf der zweiten Hälfte des Albums. So hört man das erste Lied 20/20 als Einstieg und auch als Ausstieg von „Slowdown“. Die musikalische Wandelbarkeit von Epperson überzeugt auf ganzer Linie – ob mit elektronischer Verstärkung oder nicht, ihre komplexen Gesangsmelodien werden nie langweilig und funktionieren stets in beiden Songversionen. Mit dem Doppelspiel zeigt Epperson gleichsam, wie stark ihre vokalen Beiträge sind, denn sie behalten unabhängig vom musikalischen Umfeld ihre vereinnahmende Wirkung auf den Hörer.

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A Perfect Circle – Eat The Elephant

A Perfect Circle – Eat The Elephant

Die US-Supergroup „A Perfect Circle“ mit Maynard James Keenan von Tool am Mikrofon veröffentlicht nach 14 Jahren Pause ein neues Album. Die Mitglieder, die auch bei Bands wie Eagles of Death Metal oder den Smashing Pumpkins spielen, versetzen den Hörer musikalisch mit „Eat The Elephant“ wieder in die 90er und 00er Jahre des amerikanischen Alternative Rock. Trotzdem sind einige neue Einflüsse hinzugekommen. Zum Beispiel nimmt das Klavier eine tragende Rolle auf dem Album ein.

Gitarrist Billy Howerdel legte für das Songwriting sein Saiteninstrument in die Ecke – zehn der zwölf Songs seien am Klavier entstanden. So auch der Titelsong „Eat The Elephant“, der das Album eröffnet. Langsam baut sich das fünfminütige Stück mit Klavierakkorden und einem lauten Schlagzeug, deren Beckenschläge hallen, auf, um dann in einen strukturierten Beat überzugehen. Keenans charismatische Stimme führt das Lied sanft und ruhig in den Strophen an, denn der Hintergrund ist auf das Klavier und Schlagzeug heruntergebrochen. Dass der Song mit seiner Ruhe nicht unbedingt typisch für A Perfect Circle klingt, liegt an den Komponisten. Neben Howerdel schrieb der kürzlich verstorbene Linkin Park Frontman Chester Bennington an dem Song mit. Nach dem balladenartigen Anfang des Albums wird es später auch rockig.

Fans der alten A-Perfect-Circle-Hits wie „The Outsider“ oder „The Package“ kommen mit neuen Liedern wie „Talk Talk“ oder „The Doomed“ voll auf ihre Kosten. Harte Gitarrenriffs wechseln sich darin mit Ruhephasen und Keenans fragilem Gesang ab. Die Strophen bauen über die treibenden Drums Spannung auf und gehen in imposante Gitarrenparts mit viel Feedback über. Auch Keenan wechselt in „The Doomed“ in seine schreiende, aggressive Gesangslage. Bei Songs wie diesem, die auf der Bühne noch mehr Wirkung zeigen, kann man sich auf den Sommer freuen. Die Band kommt im Juni in Deutschland auf Tour und spielt neben den Festivals „Rock am Ring“ und „Rock im Park“ auch in der Berliner Zitadelle.

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