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Marc Broussard – Save Our Soul II: Soul on a Mission

Das magnolienumwehte Südstaaten-Gefühl, das Nikka Costas jüngstes Album zu vermitteln wusste, kann intensiviert werden, legt man die neue Platte von Marc Broussard auf. Mit Save Our Soul II setzt der Singer/Songwriter aus dem Mississippi-Delta die vor zehn Jahren mit Save Our Soul I begonnene Tradition eines Charity-Albums fort, werden doch die Hälfte seiner Tantiemen an die in Atlanta ansässige Wohltätigkeitsorganisation City of Refuge gespendet, die sich um Obdachlose kümmert. Apropos Tradition: Schon Save Our Soul I setzte ganz auf die Interpretationen von Soulklassikern – damals allerdings vornehmlich aus den Siebzigern. Wenn der großherzige Barde sein neues Werk nun mit „sings the songs of the 50s & 60s“ untertitelt, kann man sich erwartungsgemäß auf Stücke von Künstlern wie Solomon Burke, Otis Redding oder Aretha Franklin, kurz: auf eine Sammlung früher Soulperlen, derer man nie überdrüssig wird, freuen, feinsinnig interpretiert und obendrein mit einer guten Tat verbunden. Herz, was begehrst du mehr?

Marc Broussard

Den Auftakt des Vierzehn-Stücke-langen Reigens macht Sam and Daves „Hold On, I’m Coming“, das gleichermaßen in die Tonalität eines Albums einführt, das vor allem durch täuschende Originalnähe besticht. Wunderte man sich vor zehn Jahren über Broussards zum Verwechseln ähnlichen Marvin-Gaye-Tenor, changiert er hier problemlos ins tiefere, ja: dreckigere Fach der Sixties‘ Soul Men. Wer’s retro und dabei werkgetreu liebt, den macht dieses Album schlichtweg glücklich. Solomon Burkes „Cry To Me“, gerade erst in der Interpretation Nikka Costas gehört, verwandelt Broussard in eine stoische Beat-Version. Mitreißender ist ihm Jackie Wilsons „Baby Workout“ geraten, das sich nur mühsam bezähmt und ab und zu in Richtung James Brown ausreißt, der auf Sam Cookes „Twistin‘ The Night Away“ mitsamt der – innerhalb des strengen Beat-Kosmos und darum umso reizvoller – aufdrehenden Band vollends durchschlägt. Wer die acht Studioalben, diverse EPs und das Livealbum von Marc Broussard bislang verpasst hat, kann ihn hier als außergewöhnlich flexiblen Vokalisten kennenlernen, der einerseits alles singen kann, dessen ungeachtet andererseits seinen ganz eigenen Ton kultiviert.

Marc Broussard

Marc Broussard

Zum Beispiel auf Aretha Franklins Sechsachtelballade „Do Right Woman“ mit dem berühmten Chorus If you want a do-right-all-day woman/You’ve got to be a do-right-all-night man, das allein ob der Geschlechterumkehrung hübsch ist! Hübsch ist auch Otis Reddings „These Arms Of Mine“ geraten, das mit Huey Lewis als Duettpartner überrascht, dessen Stimme sich nahtlos in den vorgegebenen Retrorahmen fügt, steht hier doch ganz klar der Song im Vordergrund – und vielleicht noch das Assoziationsspiel mit dem Dirty Dancing-Soundtrack, das schon durch „Cry To Me“ reichlich angeheizt wurde. Ein persönlicher Lieblingssong von mir ist Jimmy Ruffins „What Becomes Of The Broken Hearted“, der zu denen gehört, die mir als Teenager eine Welt bislang ungehörter Klänge eröffneten, von der aus ich über Marvin Gaye zu Psychedelic Soul zu Isaac Hayes und schließlich Stax immer tiefer in den Soul eintauchte. Jedenfalls: Broussards Interpretation lässt nichts, aber auch gar nichts missen, und den typischen Motown-Beat scheint seine Band auch bereits mit der Muttermilch eingesogen zu haben. Davon kann man sich auch auf dem Stevie-Wondern-Klassiker „I Was Made To Love Her“ überzeugen. Schwer zu sagen, ob man die Broussard’sche Version, irgendwo im Vorbeigehen aufgeschnappt, überhaupt für eine Interpretation halten würde oder nicht eher für das Original.

Wilson Picketts „In The Midnight Hour“, das vielen vor allem durch Tina Turners Cover geläufig sein dürfte, wartet dank Southernsoulbluesrocker JJ Grey wieder mit einem kongenialen Duettpartner auf; erst das elektrifizierte „It’s Your Thing“ der Isley Brothers weicht spürbar vom Original ab, in erster Linie dem Bläsersatz zuzuschreiben und keinesfalls Broussards Gesang, der klingt, als hätte man eine isolierte Originalvokalspur mit neuer Musik gemischt, mehr noch: besser klingt, denn wo die Isley-Brothers ihre Stärken vor allem im Balladenbereich entfalten (ich sage nur: „Summer Breeze“!), hat Broussard genügend dreckigen Funk für drei. Bei „Fool For Your Love“ sucht man ebenso lange wie vergeblich nach einem Original, bevor man realisiert, dass der Mann es geschafft hat, mit einer Neukomposition einen Klassiker vorzutäuschen. Genial! Und dann bringt er auch noch eine Akustikgitarrenversion von „Cry To Me“ – hach, Sweet Soul Music! Und: Was für eine Stimme! Etta James‘ „Sunday Kind of Love“ läutet die Nachtseite des Soul ein, und wieder bleibt nur zu bemerken: Was für eine Gesangsperformance! Einzig „Every Tear“ aus der Feder des klavierspielenden Cajun-Soulbluesrockers David Egan von 2013 fällt mit seinem elegisch wabernden New Age-Klang aus dem Rahmen, doch merkt man, dass das Stück Broussard viel bedeutet. Als Bonus-Track betrachtet stört es dieses ansonsten mit jeder Rille den authentischen Geist des Sixties Soul atmende Album aber nicht weiter.

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Eddie Nuenning & Friends – Songs For Quiet Nights

Soul On A Mission & Eddie Nuenning & Friends

Ihre Fortsetzung findet die nächtliche Stimmung bei Eddie Nuenning & Friends. Auf seinem audiophilen Label soundresort zum Teil als Live-Aufnahme in zwei speziell ausgesuchten Räumen ohne Studio-Overdubs entstanden, widmet sich der Fingerstyle-Gitarrist auf Songs For Quiet Nights einem Herzensprojekt: Lieblingsstücken nocturnaler Provenienz, eingespielt mit Musikern aus dem Dunstkreis der Lippstädtischen Conrad-Hansen-Musikschule, an der Nuenning als Dozent wirkt.

Obwohl der Gesang der erst vierzehn Jahre alten Laetitia Bittner auf dem Einstieg „By the time it gets dark“ allzu sehr in den Vordergrund gemischt wurde, gelingt es dem dämmerigen Sandy-Denny-Stück, einen in das Album hineinzuziehen. Das gilt auch für das von der zum Aufnahmezeitpunkt ebenfalls erst 14-jährigen Amina Wagner gesungenen „River Run“ von Beth Sorrentino, das es trotz seiner allzu dominanten Vocals versteht, den Hörer in die Abendstimmung einzuspinnen. Es ist eines dieser Stücke auf den zweiten Blick, die ihre Wirkung nicht beim eigentlichen Hörprozess entfalten, sondern erst lange danach, wenn man sich ertappt, sie noch Stunden später zu summen: River, run/River deep/River, come so I can sing you to sleep/River, high/River, low/River, guide so I can tell you where to go…

 Soul On A Mission & Eddie Nuenning & Friends

Kammermusikalisch wird’s mit den Celloklängen auf „The Hudson“ des norwegischen Pianisten und Komponisten Ola Gjeilo, auf Hannah Reeds „If You Wait“ überzeugt dann auch der Gesang – und wie! Kaum zu glauben, dass Bittner noch ein Teenager ist! „Madison“, eine weitere Gjeilo-Komposition, bereitet den Weg zum wohl schönsten Stück des Albums, auf dem Bittner einmal mehr zur Hochform aufläuft: Robert Wyatts „Lullaby For Hamza“, das Nuenning in cinematographische Klangschaften verwandelt, zunehmend langsamer, tiefer, schwerer werdend, ganz wie Zarathustra sprach: O Mensch! Gib acht! /Was spricht die tiefe Mitternacht? / „Ich schlief, ich schlief/Aus tiefem Traum bin ich erwacht:/Die Welt ist tief/Und tiefer als der Tag gedacht.“, das sich hier als Rezitation perfekt einfügen würde.

Nach einem weiteren Kammerfolkstück Gjeilos folgt mit der Michael-Wollny-Komposition „Eternal Beauty“ eine Paradenummer Nuennings, auf der er unter Beweis stellt, dass er auch – nicht zuletzt der clever-zurückgenommenen Abmischung geschuldet – einen durchaus passablen Sänger abgibt, während das Akkordeon für die angemesse Mondanheulatmosphäre sorgt, die auch am nächsten Morgen noch zum sanften Erwachen taugt. Auf die für mich persönlich verzichtbaren Titel der CD – das gemeinsam mit Dozentenkollege Igor Merkel eingespielte „Evening Dance“ aus der Feder des amerikanischen Klassikgitarristen Andrew York für zwei Konzertgitarren sowie der dem ätherischen Bugge Wesseltoft/Sidsel Endresen-Original in keinster Weise das Wasser reichen könnende „Nightsong“ – folgt Nuennings atmosphärische Interpretation von Neil Youngs „After The Goldrush“ auf der – übrigens aus dem Nachlass des Paderborner Jazzgitarristen Toto Blanke stammenden – Baritongitarre im nachhallenden Kirchenraum, der sich lediglich ein verhaltener Alt-Querflötenton zugesellt, die vieles, wenn nicht gar alles wieder gut macht. Mit Darbietungen dieser Art hätte ich gern ein ganzes Album!

Eddie Nuenning

Eddie Nuenning

Marit Larsens „When The Morning Comes“ bietet den hippieesken Charme einer zotteligen Folk-Familie auf, der positiv aufs Morgenerwachen einstimmt, hat doch das Album alles Nächtliche derweil genauso hinter sich gelassen wie sein Schöpfer, der sich auf dem Closer „Where I’m Going“ von Eels-Frontmann Mark O. Everett noch einmal als Vokalist zeigt, der auch einen probaten Singer/Songwriter abgeben würde.

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