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Lykke Li – So Sad So Sexy

Lykke Li umgibt etwas Geheimnisvolles. Seitdem der Remix von ihrem Song „I Follow Rivers“ 2011 musikalisch den Sommer bestimmte, kennt wohl fast jeder ihre markante Stimme. Trotz der poppigen Elemente in ihren Gesangsmelodien hatte man aber schon damals das Gefühl, dass die Schwedin kein eindimensionales Pop-Sternchen ist. Vielleicht liegt es daran, dass sie in ihren Liedern oft von traurigen Angelegenheiten wie zurückgewiesener Liebe oder Einsamkeit erzählt. Ihr Musikstil wird deshalb auch gerne als Emo-Pop bezeichnet.

Lykke Li So Sad So Sexy

Zehn Jahre nach ihrem Debut kommt nun ihr inzwischen viertes Album So Sad So Sexy auf den Markt. Der Titelsong lässt wieder Melancholie vermuten. Bei Worten wie „I was only lyin’ when I looked in your eyes, now I’m lyin’ with you one last time and it’s so sad, so sexy“ fühlt man sich in der Unterstellung bestätigt. Eine Beziehung geht in die Brüche und Lykke Li besingt das tragische Ende. Dass daraus ein Pop-Song mit traurigem Unterton geworden ist, der einen nachdenklich macht, spricht für ihre Songwriterqualitäten. Oder für die des US-Produzenten Malay, mit dem Li auf dem Album zusammengearbeitet hat. Dieser hat sich durch seine Arbeit mit Frank Ocean und Sam Smith einen Namen in der Musikwelt gemacht. Die Handschrift des Produzenten kann man hören: Die Hip-Hop-Beats in „Deep End“ könnten auch auf einer Ocean-Platte vorkommen. Zusätzlich tauchen bei Li immer wieder Verzerrungen in der Stimme auf, wie sie Kanye West vor ein paar Jahren populär machte. Man bekommt deshalb schnell den Eindruck, dass es sich bei dem neuen Album um einen Querschnitt des Hitmaking im Hip Hop handelt.

In einer Zeit, in der Hip Hop immer mehr zum Pop unserer Zeit, also zum gegenwärtigen Mainstream wird, schafft Lykke Li es trotzdem, sich von einem weichgespülten Sound zu lösen. Denn sie hat sich ihre geheimnisvolle Melancholie nicht nehmen lassen. Ihr gewisses Etwas geht nicht verloren und die neue Platte besticht durch Lis stimmungsvollen Gesang, der dem Ganzen einen einzigartigen, lebendigen Charakter gibt. Vielleicht definiert die Schwedin den Pop damit nicht neu, aber man wird sich trotzdem freuen, einige Songs im Radio wiederzuhören.

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Father John Misty – God’s favorite Customer

Father John Misty war produktiv. Vor etwas mehr als einem Jahr erschien sein letztes Album Pure Comedy, in dem der Singer-Songwriter aus den USA sich auf schlaue, teils ironische und definitiv wortgewandte Art und Weise über die humanistischen Zustände auf unserem Planeten ausließ. Die Presse feierte den 1981 in Maryland geborenen Musiker als Neuentdeckung, weltlichen Prediger und bezeichnete die Platte als Album als Jahrzehnts.

Father John Misty God’s favorite Customer

Nun schiebt Father John Misty aka Josh Tillman noch eine Platte nach. God’s favorite Customer hat ähnlich wie Pure Comedy tragische Elemente, kommt aber mit 38 Minuten schneller aufs Wesentliche als ihr 74-minütiger Vorgänger. Gleich im ersten neuen Song „Hangout at the Gallows“ gibt es einen Vorgeschmack auf die Tragik in Tillmans Texten. Er schildert darin die ausweglosen Reibungspunkte von Religion und Politik in unserer heutigen Zeit. Der Song an sich klingt wie eine gute Beatles-Komposition aus den späten 60er-Jahren.

Bei Streicher und Klavierbegleitung spielt Tillman mit Zeilen wie „Look out, buddy, Noah’s coming, Jesus, man, what did you do?“ in John-Lennon-ähnlichem Gesang auf die christliche Bibelgeschichte an. Religion spielte in Tillmans Leben lange eine große Rolle. Er wuchs in einem streng religiösen Haushalt auf, besuchte jede Woche den Gottesdienst der baptistischen Kirche. Pop-Musik war verboten und Tillmann nannte seine Erziehung selbst „kulturell repressiv“. Allein im Eröffnungssong verarbeitet er mit den christlichen Andeutungen so sein Trauma aus der Kindheit. Dabei schlägt er eine Brücke in unsere Zeit, indem er den Terrorismus, auch eine religiös geprägte Gegebenheit, mit den Worten „Psychic terrorists in the upper room (…) you’ll be back on top real soon“ besingt.

Es sind genau diese geistreichen Verbindungen, die Tillmans Werk und sein neustes Album ausmachen. Die musikalische Untermalung mit psychedelischen, poppigen Einflüssen und ansprechender Instrumentierung macht die Platte zu einer aufregenden Veröffentlichung, die man sich unbedingt anhören sollte.

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Malakoff Kowalski – My First Piano

Malakoff Kowalski - My First Piano

Malakoff Kowalski hat schon mit so ziemlich jedem Musik-Genre experimentiert. Der Komponist, Produzent und Dandy der Berliner Kulturszene machte Anfang der 00er-Jahre in Hamburg Hip Hop (Jansen & Kowalski), brachte 2009 eine punkige Krautrockplatte heraus und komponierte immer mal wieder Filmmusik und Stücke fürs Theater. Seine neue Musik auf der Veröffentlichung My First Piano überrascht, weil sie so reduziert auf sein Klavierspiel heruntergebrochen ist. Die zehn Stücke darauf besitzen eine wimmernde Melancholie, die jedoch nie nach Verzweiflung schreit. Die simplen Strukturen sorgen für eine erfrischende Klarheit. Der Titelsong überzeugt zum Beispiel mit einem Wechselspiel aus Bass und Melodiestimme. Die drei absteigenden Basstöne kontrastieren über das gesamte Lied die agile rechte Hand und antworten den beschwingten, hohen Tönen in gemäßigten Dreiklangs-Arpeggien.

Kowalski übermittelt mit den sanft eingespielten Liedern eine strahlende Unschuld, wie sie eigentlich nur Kinder haben können. Vielleicht erinnerte sich Kowalski beim Komponieren der Lieder auch genau an die Tage seiner Kindheit – wie es der Titel von „Tehran Lullaby“ andeutet. Seine Eltern waren von Teheran nach Boston gezogen, bevor er in den USA auf die Welt kam. Dass er schon früh mit der Klaviermusik in Kontakt kam, war durch seine pianospielende Mutter wohl unumgänglich – man kann sich gut vorstellen, dass ein Lied wie „Tehran Lullaby“ früher sein Einschlaflied war. Darin wiederholt Kowalski immer wieder Motive und dreht sich mit simplen, kurzen Melodien im Kreis. Die auflösenden Momente, in denen die durchläufige Melancholie mittels eines Dur-Akkords gebrochen wird, kommen nie plötzlich, sondern stets sachte. Besonders zu Beginn des Liedes erinnert die Komposition an die Poesie der klassisch-romantischen Lieder von Franz Schubert. Beim Zuhören überträgt sich ein wohliges Gefühl des Ankommens an einen warmen und vertrauten Ort. Wie es das Zuhause in der Kindheit immer war.

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