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Mai 2010 / Victoriah Szirmai

Lumi – All These Things

Lumi, so wurde mir beim CD-in-die-Hand-Drücken gesagt, sei das musikalische Äquivalent zu Slow Food. Sehr sympathisch also: Keine schnelle Massenware, keine – bleiben wir getrost im Bild! – Burgerbraterei, nein, vielmehr Hausgemachtes, das ruhig auch mal länger dauern darf, dafür aber bekömmlicher ist und länger vorhält.

Lumi / All These Things

Nach dem ersten Hören muss ich wieder einmal feststellen, die Herren von der Redaktion haben einen exzellenten Musikgeschmack: erst Ofrin, jetzt Lumi. Zuallererst war ich ja gar an das Duo aus Israel erinnert, doch spätestens nach dem zweiten Hören erwies sich das als unhaltbarer Unsinn: Ofrin sind viel mehr Pop als Lumi je sein werden und sein wollen; lediglich Ofrins romantischste, zärtlichste Momente lassen sich vage mit Lumis Musik vergleichen.

Viel eher klingt die Band um Sängerin Nadja Stoller und Keyboarder Oli Kuster manchmal nach Alev Lenz‘ Mädchenstimme, manchmal nach Beth Gibbons‘ erstem Soloalbum Out of Season, nur dass das eine Winterplatte ist, All These Things von Lumi hingegen trotz des enthaltenen „Wintersongs“ ziemlich eindeutig Frühling! Man sieht, mit Vergleichen kommt man nicht weit, will man den Bernern gerecht werden.

Lumi

Zwar lässt sich nicht bestreiten, dass Lumi, unterstützt von Luca Sisera am Bass und David Meier am Schlagzeug, schon sehr eindeutig im Jazz zu Hause sind; und so haben sie ihre stärksten Momente dann auch bei Improvisationen wie beispielsweise auf „Wunderland“, das neben seinen wunderschönen Dissonanzen mit Kammermusikstreichern besticht. Dennoch wollen sie das Etikett erweitern. Herausgekommen ist dabei etwas, was sich noch am ehesten als Singersongwriterjazz bezeichnen lässt, mal kindlich verspielt, mal handfest, immer warm und melancholisch. Wie eine LumiAndacht das sakrale „Ima Nolang“, einer alten englischen Sage gleich das mythische „Legend“. Die feierlich-schwermütige Stimmung wird erst wieder aufgelöst durch das froh-stampfende Janet-Jacksons-Oops-Now-artige „This Girl‘s in Love With You“ aus der Feder Burt Bacharachs – ein klassischer Mitpfeifer, der allerdings auf die Worte „Say you’re in love and you’ll be my guy: if not I‘ll just die“ endet – einen gewissen Hang zum Drama kann man Lumi also auch in ihren fröhlicheren Momenten nicht absprechen.

LumiÜberraschend behutsam schließt sich hier ein weiterer Real Book-Klassiker an: „(They Long To Be) Close To You” von Burt Bacharach; und ebenso wie der dem Album seinen Titel gebende Track „All These Things“ tendiert „Some Do“ schon sehr in Richtung ernstzunehmender Jazz, hat aber gleichzeitig das Zeug zur Single in den Jazz-Charts. Ebenfalls fast schon als kommerziell zu bezeichnen ist Track 13, „Another Big Sleep“. Track 14, „Smell“, macht das aber mit seinen vertrackten Harmonien, die wir mit unserem verflachten DSDS-geprägten Gehör schon fast als Dissonanzen empfinden (aber hören Sie mal einen Bach‘schen Choral aus dem frühen 18. Jahrhundert, dessen damals sehr populäre Zusammenklänge kriegen wir heute ohne musikalische Ausbildung auch nicht mehr gebacken!), mehr als wett. „Moss“, der letzte Song, ist wieder ein sehr behutsamer Leisepföter und schließt damit nicht nur textlich den Kreis zum Beginn des Albums.

Lumi

Ohnehin: der Text! Lumis Album kreist monothematisch um die Liebe. Bis auf die beiden erwähnten von Burt Bacharach wurden alle Lieder auf All These Things, deren Inspirationsquellenspannweite zwischen „mondbeschienenem Katzenfell und undefinierbarem inneren Unbehagen“ liegt, von Stoller und Kuster geschrieben, und zwar „zwischen Küchentisch und Übungsraum“.

Schnee fällt, ein Hund bellt
Räder rattern über Weichen
Strahlen der Sonne streichen über ein Katzenfell
Weizen wiegt sich im Wind
Ein Mobile und ein Kind
Wiedersehen auf Gleis drei
eine Wolke segelt vorbei, luftig und hell

Lumi ist das finnische Wort für Schnee.

Lumi

Plattenkritik: Lumi | Ambitus | Donots

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