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Louise Gold – Terra Caprice Lisa Bassenge – Canyon Songs

Dezember 2015 / Victoriah Szirmai

Canyontouren hier, Rodeospaß da – die Berliner Sängerinnen Louise Gold und Lisa Bassenge haben für ihre aktuellen Alben den Sprung nach Amerika gewagt. Und so unterschiedlich das Ergebnis auch ausgefallen ist, lässt sich für beide festhalten: Preußische Divenstimmen im Americana-Gewand ergeben eine höchst spannungsreiche Melange.

Louise Gold | Terra Caprice Cover

Auf Terra Caprice beweist Louise Gold – die dem breiteren Publikum vor allem durch ihre vor-vorjährige Kollaboration mit dem Quarz Orchestra als elegante, Vierzigerjahre-Bossa-Nova hauchende Retro-Ikone bekannt sein dürfte -, dass sie getrost auf den ganzen Big-Band-Ballast verzichten kann. Nackt und pur gibt sich die Soloarbeit derart persönlich, dass man das Gefühl hat, unerlaubt in die Intimsphäre der Sängerin einzudringen, wäre da nicht noch diese packende, vorwärtsgerichtete Dynamik, die einen taumeln macht.

Aufgenommen auf eigens von Produzent Guy Sternberg – dessen eigene Diskographie von Prag und Boy über FrauContraBass und Ofrin bis zu 2raumwohnung und Jimi Tenor reicht – angeschafftem Retro-Equipment ist auch Terra Caprice wieder komplett aus der Zeit gefallen. Eebenso wie Louise Gold selbst, die sich nicht groß um musikalische Trends schert. „Ich glaube“, gibt sie zu Protokoll, „dass das Album ziemlich konträr zum herrschenden Zeitgeist in der deutschen Poplandschaft geraten ist“. Das liegt nicht zuletzt daran, dass ihr, inspiriert durch ihren Aufenthalt im Südwesten der USA, ein bestimmter Surfgitarrensound mit Hammondorgel vorschwebte. „Von Guy kam dann die tolle Idee, die Surfmaster mit einer Baritongitarre zu doppeln. Das klingt einfach geil!“, begeistert sich Gold für das Ergebnis.

Louise Gold | Terra Caprice 1.1

Und das pirscht sich mit „Dolphin Man“ indiepoppig-aquaresk an: Pools, Gitarren, Lebenslust – all das hat dieses Stück im Gepäck. Selbst die Stimme der kühlen Preußin scheint hier zu einer neuen Leichtigkeit gefunden zu haben. Bluesiger steigt die mikrotonal melismierende Sängerin in „Icy Cobweb“ ein, bevor sich das Stück zur treibenden Uptemponummer entwickelt, die klanggewordener Motelaufenthalt irgendwo zwischen Rastlosigkeit und Tristesse ist. Mit „Where The Cowboys Will Ride“ findet die Platte zu Easy Living und Listening zurück: Dieser nervöse Beat, der gegen ambientige Soundscapes anspielt, gekrönt von säuselndem Sirenengesang, hätte sich schon Ende der Neunziger in jeder Lounge-Bar gut gemacht.

Bei „In The Morning There Is Meaning“ glaubt man, es mit einem bekannten Song zu tun zu haben, dessen Name einem partout nicht einfallen will, was für ein angenehm vertrautes Gefühl sorgt, während Gold selbst hier am ehesten an die Bossa-Nova-Diva von Hans Quarz erinnert. Und dann kommt schon „Terra Caprice“ als dreckiger Electro-Clash-Track um die Ecke gerast: Wenn es so etwas wie die viel belächelte Mädchenmusik gibt, dann ist das hier Jungsmusik, mitsamt bratzender Gitarren und einer Louise Gold, die sich Shirley-Bassey-gleich gegen eine James-Bond-Soundtrack-artige Wall of Sound zu behaupten weiß. Spätestens mit „A 100 Years From Today“ hat sich der Indiepop von Terra Caprice zum Indierock ausgewachsen, kontrastiert von diesen Mary-Poppins-Vocals, irgendwo zwischen Doris Day, My Favorite Things und Marlene Dietrich. Charmant!

ouise Gold | Terra Caprice 1.4

Auf „Venus & Mars“ sind die Cowboys dann auch endlich musikalisch los, während sich „Wolves Howl“ als tongewordene Nachtmahr an der Grenze zwischen Traumverlorenheit und endlosem Fall präsentiert, dem eine nahezu magische Sogkraft innewohnt. Zurück in die Realität geht’s mit „Delta Baby“. Wer die Cocteau Twins schätzt, wird an diesem vokallastigen Stück Dreampop, das trotz aller Abgehobenheit dank der soulrockenden Rhythmusgruppe über eine handfeste Basis verfügt, seine Freude haben! Apropos vokallastig: Wer Louise Golds Stimme nach diesem Song immer noch nicht lieben kann, hat kein Herz. Oder keine Ohren. „The Best Words“ zeigt einmal mehr, dass Golds Gesang selbst dem solidesten Rock etwas Ätherisches zu verleihen weiß. Das ist das große Glück – und auch das große Problem – dieser Platte, denn eine anachronistische Stimme wie diese ist im Indie-Pop zumindest ungewöhnlich. Völlig auf Gesang verzichtet dann das Schluss-Instrumental „Corpus Christie“, das mit seiner Spiel-mir-das-Lied-vom-Tod-Atmosphäre die thematische Klammer von Terra Caprice schließt. Auf eine Genrebezeichnung möchte sich die Künstlerin indessen nur ungern festlegen. „Müsste ich es in eine Schublade tun, würde ich es als Indie-Pop-meets-Blue-Eyed-Soul-meets-Americana bezeichnen.“

Lisa Bassenge | Canyon Songs Cover

Stilistische Vielfalt hat sich auch Lisa Bassenge auf die Fahne geschrieben. Nachdem sie sich mit ihren Jazzpopinterpretationen von Rio Reiser bis Kylie Minogue einen Namen gemacht hat, mit ihrer Band Nylon angetreten ist, den deutschen Chanson in ein Electro-Gewand zu hüllen, mit Micatone dem NuJazz huldigte und mit ihrer letzten Soloplatte auf NDW-inspirierten Deutschpoppfaden wandelte, kurz: nach 20 Jahren und 14 Alben, geht Lisa Bassenge neue Wege. Mit ihren Canyon Songs hat sie sich dem Liedgut der im „legendären Tal des Rock’n’Roll“ (Michael Walker) ansässigen Singer/Songwriter-Szene des Los Angeles der Sechzigerjahre angenommen. Angst, ob des erneuten Genrewechsels der Beliebigkeit geziehen zu werden, hat die umtriebige Kreuzbergerin derweil nicht. „Ich finde, ein Künstler hat ein gutes Recht auf diese Suche“, stellt sie im Interview klar.

Fest steht: Ein Coveralbum, das mit dem Trompetenton Till Brönners eröffnet – zur Zusammenarbeit kam es über Produzentenlegende Larry Klein, der erstmals auch bei Bassenge an den Reglern saß –, mutet dem Hörer einiges zu. Jim Morrisons „Riders On The Storm“ gibt sich verträumt, gedämpft und (allzu) ruhig – eine Stimmung, die programmatisch für das gesamte Album sein soll. Allein der nervöse Schlagzeuguntergrund scheint hier vom Jazz geborgt, der Gesang ist am ehesten noch als loungig-verhalten zu bezeichnen. Schon auf Song Nummer zwei, Elliot Smiths „Angeles“, begegnet uns Brönners gedämpfter Trompete wieder, und selbst der Reggae-Approach von Shuggie Otis‘ „Aht Uh Mi Hed“ lässt keine karibische Leichtlebigkeit aufkommen.

isa Bassenge | Canyon Songs 2.2

Zum ersten Mal begeistert bin ich erst, als die auf MPS veröffentlichte Platte bei Stück vier ankommt, „All Stripped Down“ von Tom Waits, den zu covern es einiger Kunstfertigkeit bedarf. Moderne Electronica und E-Gitarren treffen auf einen fetten Sixties-Bläsersatz, während die Orgel eine Strip-Club-Atmo à la „You Can Leave Your Hat On“ erzeugt. Bassenge, deren Vocals hier an NuFunk-Göttin Nikka Costa erinnern, kommt erstmals aus ihrem Schneckenhaus hervor. So wird das was! Derart positiv gestimmt, lässt sich auch Stephen Stills‘ „For What It’s Worth“, diesem politischen Weckruf in Balladengestalt, einiges abgewinnen. Das Gleiche gilt für den Schlagzeugbesensechsachelslowjam „The Last Chance Texaco“. Das war es dann erstmal aber auch mit schön. Joni Mitchells „The Same Situation“ mit seinen nordisch-exotischen Soundscapes, die eher im Scandinavian Jazz erwartbar wären, hat schlicht zu viel Text, will zu viel auf zu wenig Raum. Belanglos gar wird es mit „Searching For A Heart“, einem durchaus formatradiotauglichen Titel, der nicht von ungefähr an „Every Breath You Take“ in der grausigen Puff Daddy & Faith Evans-Version erinnert. Phrasen wie „Love conquers all“ beweisen, dass der Text der Musik hier in Sachen Banalität um nichts nachsteht. Die Phrasendrescherei geht auf „Her Town Too“ in die nächste Runde – ein Stück, das ganz junge Mädchen sicherlich berühren und begeistern wird, das den erwachsenen Hörer jedoch schlicht kalt lässt. Bassenge gibt hier die Barsängerin à la Sade, und das ist das einzige Gute, was sich darüber sagen lässt.

isa Bassenge | Canyon Songs 2.3

Ihren Tiefpunkt hat die Platte dann mit Brian Wilsons „ I Just Wasn’t Made For These Times”, einer unsäglichen Midtempo-Nummer, die wieder mit viel zu viel Text operiert, erreicht. Da hört man gern mal weg. Die Canyon Songs haben das gleiche Problem wie das letzte, ebenfalls von Larry Klein produzierte Thomas-Dybdahl-Album: Die Wall of Sound des Produzenten unterminiert die Feinheiten von lyrischen Sängern und ebnet ganze Alben mittels eines allzu gleichförmigen Klangbreies ein. „Wenigstens“, lacht die Bassenge dazu, „kann man mich jetzt nicht mehr für meine eklektizistische Songauswahl kritisieren“, und setzt hinzu: „Wir wollten ein homogenes Album – und Larry Klein ist nunmal bekannt dafür, Alben aus einem Guss zu produzieren!“

Das ist definitiv gelungen. Und fast wäre Canyon Songs ein Album ohne erkennbare Höhen und Tiefen, das teilweise als glatt, ja seicht gelten kann, geblieben, gäbe es da nicht den Sechsachtelblues „Blue Skies“, das zweite Tom-Waits-Cover, angesichts dessen man auf die Knie fallen und „Danke!“, zumindest aber „Endlich!“ rufen möchte. Hier verliert sich das Gedämpfte, Gedrückte und Lisa Bassenge zeigt, dass sie singen kann – und wie! Was mich auf den Gedanken bringt, dass ich gern ein Lisa-Bassenge-singt-Tom-Waits-Album oder zumindest -Abend hören würde. Insgesamt bleibt Canyon Songs ein schwieriges Album, das sicherlich wieder genauso polarisieren wird, wie alles, was die Sängerin bislang gemacht hat. Ein lobestrunkener Kommentator verglich die atmosphärische Dichte der Platte mit einem Judith-Hermann-Roman, während ich anhand der Klein’schen Produktion feststellen muss, dass das bewährte Diktum von Max Goldt, ein guter Künstler ginge auch im Überarrangement nicht verloren, hier – leider – keine Gültigkeit besitzt.

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