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Dominic Miller – Vagabond

Dominic Miller hat als Gitarrist bei Sting und als Studiomusiker schon etliche Alben mit seiner filigranen Kunst veredelt. Zu musikalischer Höchstform läuft er allerdings erst auf, wenn er einen Dialogpartner auf Augenhöhe hat, mit dem er sich musikalisch die Bälle zuwerfen kann. Das war 2019 auf Millers zweitem ECM-Album Absinthe Santiago Arias am Bandoneon. Nun hat Miller sein Ensemble auf ein Quartett reduziert und sich den schwedischen Pianisten Jacob Karlzon als Sparringspartner ausgesucht, mit dem er Dialoge von hoher Intimität entwickelt. Sein neues, ebenfalls bei ECM erschienenes Album Vagabond wirkt, als würden die Musiker ihre Instrumente streicheln.

Dominic Miller Vagabond

Dominic Miller schafft es wie nur wenige andere, mit wenigen Pinselstrichen eine musikalische Landschaft von hoher atmosphärischer Dichte zu erschaffen. Der Gitarrist ist ein Meister der Sparsamkeit; er spielt keine Note zu viel, jede Effekthascherei ist ihm fremd. Aus unscheinbaren Motivkeimen entwickelt dieser stille Großmeister musikalische Erzählungen, die sich ganz organisch fortzupflanzen scheinen.

Schon der Einstieg mit „All Change“ ist eine Kostprobe musikalischer Dramaturgie: Durch stete Verdichtung der Texturen ergibt sich eine große Steigerung, die nach dem Kulminationspunkt rasch wieder abklingt. „Altea“ ist ein Musterbeispiel dafür, wie sich aus einem schlichten Dreitonmotiv ein kompakter Song gewinnen lässt. Die Reibungsflächen von ostinater Bewegung in der Gitarre und der sich darüber entfaltenden freien Improvisation Jakob Karlzons erzeugen Spannung. Die wellenartigen Bewegungen in „Vaugines“ wirken so natürlich und bezwingend, als wären sie ein musikalisches Ein- und Ausatmen, getragen von nachdenklich daherkommenden Melodien, während der abschließende „Lone Waltz“ mit seiner Bogenform das Pendant zum Anfang bildet. Dass sich hier das Quartett in reinster Spielfreude auch dynamisch aus dem leisen Bereich herauswagt, wirkt umso stärker, da der größte Teil von Vagabond sich ruhig und verhalten aus einer vollkommen entspannten Spielhaltung heraus entwickelt.

Dominic Miller Vagabond

Diese feingliedrige, luftige Kammermusik ist akustisch aufs Beste eingefangen. Millers butterweicher Klang der Nylonsaiten verströmt Wärme, die filigranen Drumsounds von Ziv Ravitz tönen wunderbar luftig, Nicolas Fiszmans Bass trägt das Ganze unaufdringlich und Jacob Karlzon gewinnt vor allem in der zweiten Albumhälfte an Präsenz. Unweigerlich kommen beim Hören Assoziationen an die Landschaft von Millers südfranzösischer Wahlheimat. Vagabond wirkt wie das musikalische Abbild einer warmen Sommernacht in der Provence. Das Album braucht die absolute Ruhe, wenn aller Taglärm verklingt – dann entfacht es seinen ganzen Zauber. Schade aber, dass er nach gut 30 Minuten schon vorbei ist. In Millers Nachtklänge könnte man viel länger eintauchen.

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LAURA – Sunset Balcony

LAURA Songs from the Balcony

Lichtdurchflutet vom sonnigen Glanz ihres derzeitigen Lebensmittelpunkts Paris ist auch Sunset Balcony von LAURA. Mit ihrer zweiten Platte unterstreicht die nahe Stuttgart als Laura Kipp geborene Sängerin, die momentan ihr Psychologiestudium an der Seine beendet, ihren besonderen Rang unter den Sängerinnen, die am Schnittpunkt von Singer-Songwriting und Jazz zwei Welten locker miteinander verbinden. Mit Vorschusslorbeeren von keinem Geringeren als Quincy Jones ausgestattet, tritt sie nun den Beweis an, dass mit ihrer Goldkehle in Zukunft zu rechnen sein wird – und macht ganz nebenbei Alma Naidu ordentlich Konkurrenz. Nach dem Überraschungscoup mit Quiet Land legt sie mit Sunset Balcony nun noch eine ordentliche Schippe drauf. Die 14 Songs, die musikalisch größtenteils von ihrem musikalischen Partner, dem Bassisten Jens Loh stammen, sind stilistisch im Vergleich zu ihrem Debüt vielfältiger und textlich rundum reifer.

LAURA Songs from the Balcony

Zurückgenommen beginnend, wartet gleich der Titelsong mit einem poppig-hymnischen Chorus auf, fein unterstrichen vom Gast-Gitarristen Christoph Neuhaus. Damit rollt LAURA den Teppich für eine launige Songsammlung aus, bei der man um das bisweilen überstrapazierte Schlagwort von der „französischen Klangfarbenfinesse“ nicht herumkommt. Französische Delikatesse (in der Musette „Narcís“ und „Bénodet“) wechselt mit folkiger Leichtigkeit („Forever In A Blink“) und mit Streichern und Bläsern filmmusikalisch aufrauschender Klangschmeichelei in „Oh, I Could Write A Book“. Ein aufs Wesentliche reduzierter Blues („Bartender“) gibt funkig tänzelndem Savoir vivre in „Dance Into The Light“ die Klinke in die Hand.

LAURA Songs from the Balcony

LAURA hat zahlreiche Gäste ins Studio geladen, wobei der junge Trompeter Jakob Bänsch eine besondere Würdigung verdient. Doch im Mittelpunkt der klanglich fein balancierten Aufnahme steht LAURAS glasklare, sehr fein und mit virtuoser Kontrolle („Hey, You“) geführte Stimme, mit der sie die Sonnenuntergangs-Stimmungen auf ihrem Balkon in vielen Farben aufleuchten lässt. Das ist große Kunst, die ganz unprätentiös daherkommt. Ein wunderbares Seelentröster-Album für entspannte Stunden.

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Arne Jansen/Stephan Braun – Going Home

Arne Jansen Going Home

Kaum dass die Lobeshymnen für Arne Jansens Duoproduktion mit dem Trompeter Nils Wülker verklungen sind, legt der Gitarrist zusammen mit Stephan Braun das fulminante Album Going Home vor. Die Platte lebt ganz von leisen Tönen, die das Duo mit viel Liebe zu klanglichen Schattierungen formt. Der gebürtige Kieler und mittlerweile in Berlin ansässige Arne Jansen ist bekannt für seinen direkt ins Herz treffenden Ton. Er ist bekanntermaßen ein Goldschmied an der Gitarre. Doch mit Going Home setzt er seiner Klangkunst die Krone auf.

Arne Jansen Going Home

Die Platte besteht ausschließlich aus Neuinterpretationen von Songs aus der Feder von Mark Knopfler. Jansen umarmt jeden einzelnen von ihnen geradezu liebkosend und lässt nahe am Original bleibend die Melodien mit zarter Schwärmerei auf akustischer und elektrischer Gitarre improvisatorisch aufblühen.

Weshalb gerade Dire Straits, die Helden der 1980er? Für Jansens musikalische Laufbahn ist die Truppe um Mark Knopfler zur Erweckung geworden, als er noch im Kindesalter von dem weichen, wehmutsvollen Gitarrensound des Engländers gefangen genommen wurde – eine Initiation, die zum Entschluss führte, das Instrument selbst zu erkunden. Diese tiefreichende persönliche Verbindung mit der Musik von Dire Straits ist in jeder Nuance von Going Home spürbar.

„Telegraph Road“ hat Arne Jansen dazu gebracht, selbst zur Gitarre zu greifen. Klar, dass es auf dem Album nicht fehlen darf. Es bildet als umfangreichste Nummer das große Finale, in dem Arne Jansen und Stephan Braun nochmals alle Facetten ihres Zusammenspiels auf der Bühne versammeln. Arne Jansen behandelt seine Gitarre mit der Zärtlichkeit einer Singstimme. Er zieht, biegt und dehnt die Melodietöne, lauscht jeder Note nach. Auf diese fein gesponnene Klangkunst muss man sich mit Muße einlassen. Wer das tut, wird reich belohnt – auch klanglich. Effektpedale, die vor allem Stephan Braun zwischen Cello und Kontrabass wechselnd einsetzt, um mit satt klingendem, perkussivem Groove Jansens Melodien zu erden, machen einen großen Klangraum auf. Jansen bildet darin das Zentrum; jede Facette seines Spiels wird minutiös weitergegeben.

Arne Jansen Going Home

Und doch ist Going Home kein Soloalbum und es ist richtig, dass die beiden Duopartner in einem Atemzug genannt werden. Denn immer wieder tauschen Jansen und Braun die Rollen; die Gitarre tritt begleitend in den Hintergrund, während das sonst über weite Strecken gezupfte, gitarrenähnlich behandelte Cello die Führung übernimmt, zum Beispiel im ruhigen, intensiven „Sultans of Swing“ oder auch „Your Latest Trick“, bei dem die im Original recht cheesy wirkende Saxofonlinie vorzeitig gekappt wird, um der Gitarre das Feld zu überlassen.

Jansen geht es nicht darum, die Songs 1:1 nachzuspielen, sondern wie aus der Erinnerung heraufdämmern zu lassen („Brothers in Arms“). Und wie das bei Erinnerungen so ist: Manches wird im Rückblick ein wenig verklärt und das Erinnerte fast zu schön dargestellt. Aber wenn das mit solcher Zärtlichkeit erfolgt wie Jansens Dire-Straits-Reminiszenz, hilft nur eines: Augen zu, zurücklehnen und genießen.

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