Eine Generation an Kapellmeistern und Solisten tritt ab. Und eine neue Generation folgt. Kein Fachkräftemangel in der Klassik. Und die jungen Talente lassen wenig Interesse an Work-Life-Balance oder Vier-Tage-Woche erkennen. Alles nur klischeegeschwängertes Gerede alter weißer Männer. Die jungen Musiker geben Gas. Junge Wilde also? Ich glaube, das trifft es haargenau nicht, denn die Künstler, von denen hier einige Arbeiten vorgestellt werden, zeichnen sich zwar durch ihre Jugend, nicht jedoch durch Wildheit, Derbheit, Ungestüm oder vorlaute Prätention aus.
Klaus Mäkelä (Berlioz) – Symphonie fantastique
Da ist Klaus Mäkelä, Jahrgang 1996, jetzt schon designierter Chef der sinfonischen Klangkörper in Amsterdam und Chicago ab Spielzeit 2027/28. Wer sich ein wenig auskennt, weiß, dass er damit Orchestern vorstehen wird, die zur Weltspitze gehören. Viel Vorschusslorbeeren also für den Youngster aus Finnland. Sind die gerechtfertigt?
Sagen wir mal so: Die Direktionen in Amsterdam und Chicago haben gut daran getan, sich dieses Talent beizeiten zu sichern. Die aktuelle Einspielung von Berlioz‘ „Symphonie fantastique“ (1830) und Ravels „La Valse“ (1920) bei Decca Records zeigt das. Und zwar nicht auf eine eindrucksvolle Art und Weise. Sondern ganz anders.
Mäkelä hat die große Geste nicht nötig. Den Affront. Die Attitüde. Wie etwa Teodor Currentzis (Jahrgang 1972), der sich noch vor wenigen Jahren allzu sehr in der Rolle des jungen Wilden gefiel und der schier alles, was ihm unter den Dirigentenstab geriet, gegen den musikalischen Strich bürsten musste. Fast zwanghaft.
Nein, Mäkelä verfolgt einen ganz anderen Ansatz. Für dessen Wahrnehmung allerdings ist gutes Zuhören unabdingbar. Dass das möglich ist, verdanken wir den Toningenieuren bei Decca. Die Aufnahme erfüllt alle Anforderungen an eine audiophile Produktion: frisch, präsent, mit exzellenter Auflösung und Räumlichkeit. Daran hat aber auch Mäkelä einen überdurchschnittlichen Anteil und das ist zumindest ein wenig ungewöhnlich, denn die technischen Umgebungsfaktoren geben in der Regel den Rahmen des audiophil Machbaren vor.
Nicht so bei Mäkelä. Je länger man diese Aufnahme hört, desto mehr drängt sich der Vergleich zu einem Jahrhundert-Talent auf, zu einem Talent, das allein durch sein diszipliniertes und detailversessenes Dirigat jede Aufnahme zur Referenz-Aufnahme gemacht hat – Carlos Kleiber! Ich weiß, ein großer, ein übergroßer Name und vielleicht auch eine vorschnelle Attribution.
Aber Mäkelä arbeitet hörbar ähnlich wie Kleiber: Er arbeitet die einzelnen Instrumentengruppen präzise heraus und verleiht ihnen damit viel tonale Luft und Deutlichkeit, er ordnet ihnen und den einzelnen Passagen distinkte musikalische Narrative zu. Ich bin mir fast sicher, dass Mäkelä die einzelnen Partien der Sinfonie von Hector Berlioz (1803-1869) mit Metaphern, Anekdoten und charmanten Genrebildern anreichern kann. Wie Kleiber.
Dieser Charakter seines Dirigats hat Auswirkungen auf Klang und Ausdruck. Die opernhafte Sinfonie verliert ihre Nähe zu den Kompositionen Beethovens; sie wird einfacher, kammermusikalischer, stiller – wenn man so etwas von einer Sinfonie sagen kann.
Keineswegs unterschlägt Mäkelä dabei etwas. Nein, er präzisiert, akzentuiert und gibt der opulenten Komposition eine klare Kontur. Das nimmt ihr etwas von der Überwältigungsästhetik, die seinerzeit populär war, fügt ihr aber Raum, Farbigkeit, Tiefenschärfe und narrative Struktur zu.
Der sinnlose Wohlklang, der Berlioz‘ populärste Komposition regelmäßig zukleistert, ist bei Mäkelä und den diszipliniert aufspielenden Musikern des Orchestra de Paris kein Thema. Aber auch das Spröde, Widerborstige, Kontroverse nicht, das Querulanten wie Currentzis exzessiv betreiben. Mäkelä und die Musiker aus Paris geben der „Symphonie Fantastique“ das Episodische, Rhapsodische, Vielgestaltige zurück. Mit viel Sinn für den phantastischen Dialekt dieser Tondichtung und das Dialektische zwischen Teil und Ganzem.
Nicht so glücklich gerät die Exposition von Ravels „La Valse“, die immer wieder als Apotheose des Walzers bezeichnet wird. Das ist irgend so ein geistreiches Zitat, das immer wieder bemüht wird, und keiner weiß mehr, warum. Zutreffender ist da doch Walter Benjamins Feststellung, „Die großen Werke begründen eine Gattung oder sie machen sie zunichte.“ Und sicher war es Maurice Ravel (1875-1937) mit seinem „Walzer“ nicht um die Begründung einer Gattung zu tun.
Wie mit einer Drohne wird in den erleuchteten Festsaal eingeflogen, in dem sich festliche Roben im Walzertakt wiegen, um zu enden in leeren Stuhlreihen, der trostlosen Unordnung nach großen gesellschaftlichen Ereignissen und einer trüben Dekadenz. Das bekommen die Pariser unter Leitung des jungen finnischen Kapellmeisters nicht recht eingefangen; der Walzer bleibt ortloses Fragment, die Musik festlich banal, der Raum sinnlos möbliert. Viel packender, dramatischer und überzeugender hat das etwa Myung-Whun Chung mit den Philharmonikern aus Seoul realisiert (Deutsche Grammophon 2011).
Insgesamt kann das aber den Ertrag dieser gelungenen Einspielung nur wenig schmälern. Disziplin, Beschränkung und Sorgfalt zeichnen diese Aufnahme aus. Schwelgerischer Ästhetizismus findet hier nicht statt. So wenig wie avantgardistischer Radau. Reinhören lohnt sich daher in jedem Fall. Konzentriertes Zuhören erst recht.
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Lahav Shani (Mendelssohn) – Symphonie Nr. 3
Das gilt auch für Lahav Shanis Auslegung von Felix Mendelssohn-Bartholdy (1809-1847), die er gemeinsam mit den Philharmonikern aus Rotterdam unternommen hat (Warner Classics 2025). Im Kern geht es um die dritte Sinfonie des Komponisten, auch „schottische Sinfonie“ genannt.
Wer diese Sinfonie oder seine „Hebriden“ (1832) schon einmal „vor Ort“, also in Schottland oder auf den Hebriden gehört hat, der wird eine eigentümliche Richtigkeit dieser Musik feststellen und empfinden. So als hätte der Komponist den Genius loci eingefangen. Wer im Hochsommer, während anderswo brütende Hitze regiert, die klammen, nebelverhangenen Highlands passiert, wird den koketten Hochmut dieser Kompositionen für ästhetisch alternativlos halten, so als gehörten die ostentativ-tänzerischen Kompositionen nirgendwo anders hin als in die nassgrünen Hügel mit den übermütig in die Hänge getupften Schafen. Eine synästhetische Paradoxie?
Mit Lahav Shanis Auslegung der „schottischen“ Sinfonie kann man jedenfalls bedenkenlos nach Loch Lomond reisen, denn Shani trifft den richtigen Ton: rhythmisch, überschwänglich, pointiert und farbig. Mendelssohn-Bartholdys Tondichtungen stehen in phantastischem Kontrast zur monochromen Seenlandschaft. Und doch: Fast scheint es, als ließen sich nur mit ihr im Ohr die kleinen Brücken im schottischen Hochland überqueren, die schmalen Passagen mit den pittoresken Häusern – gefügt aus groben Steinen, heute fast alle hübsch herausgeputzt und den Bedarf den Reisenden zu Diensten. Und wer nach vollbrachten touristischen Anstrengungen mit einem Glas Famous Grouse auf die Heldentaten schottischer Freiheitskämpfer anstößt, wird in den elegischen wie in den triumphalen Partien der „Schottischen“ ebenfalls einen passenden „Soundtrack“ zum Erlebten und Gesehenen finden.
Lahav Shani, Jahrgang 1989, hat 2018 die Leitung des Philharmonischen Orchesters Rotterdam von seinem umtriebigen Vorgänger Yannick Nézet-Séguin übernommen und ist damit der jüngste Chefdirigent in der Geschichte dieses erstklassigen Orchesters. Noch scheint er seine Richtung zu suchen; die bisherige Diskographie lässt kein programmatisches Interesse erkennen: Beethoven, Bruckner, Schostakowitsch, Weill und nun einige Kompositionen von Mendelssohn-Bartholdy.
Neben die „schottische“ Sinfonie treten in der vorliegenden Einspielung zwei kleinere Arbeiten des früh verstorbenen Komponisten. Die Konzertouvertüre „Meeresstille und glückliche Fahrt“ entstand 1832 nach dem gleichnamigen Gedicht von Goethe. Und von den „Liedern ohne Worte“ (1832-1845) werden hier drei in Orchesterfassungen von Lahav Shani vorgetragen. Sie bilden den Abschluss und geben dem Album eine kammermusikalisch geprägte Note.
Man mag den logischen Zusammenhang dieser Auswahl vermissen, aber Shani und den Musikern aus Rotterdam gelingt die Exposition der Klangwelten Mendelssohn-Bartholdys auf eine besonders charmante Art und Weise. Eher expressiv als tonal stringent, mit eher lässigem Farbauftrag als mit zeichnerischer Präzision. Das verleiht der Auslegung eine gewisse Ungezwungenheit. Gleichzeitig wirkt der Orchesterklang dadurch nicht immer homogen, auch die Einsätze sind nicht immer akkurat.
Einen Gegenentwurf stellt Claudio Abbados Interpretation der Sinfonik von Mendelssohn-Bartholdy (gemeinsam mit dem LSO, Deutsche Grammophon 2001) dar: klar, geordnet, luftig, exakt und kontrastreich. Das dokumentiert eine große Hingabe an die Textur der Komposition, den Willen zur ästhetischen Durchdringung, kann aber auch etwas distanziert, unbeteiligt, steril wirken.
Dieses Risiko ist Shani nicht eingegangen. Seine Darlegung mag Unschärfen enthalten, bildet musikalische Stimmungslagen aber vital ab, mit Elan, zuweilen plakativ, stets farbenfroh, rhythmisch und anspringend. Keine selbstzweckhaften Melodien, keine hohle Phrase. Dafür viel beschreibendes Talent in der Musik. Und genau das haben Shani und die Musiker aus Rotterdam gekonnt aktiviert.
Rotterdam Philharmonic Orchestra, Lahav Shani: Felix Mendelssohn Bartholdy. Symphonie Nr.3 „Schottische“, Warner 2024 auf Amazon anhören
Yuja Wang (Shostakovich) – The Piano Concertos
Yuja Wang, Jahrgang 1987, gehört gleichfalls zur neuen Generation maßgeblicher Künstlerinnen und Künstler, aber ganz sicher nicht zu den „jungen Wilden“. Dafür liefert sie viel zu regelmäßig ab. Und durchweg auf hohem Niveau. Das gilt inzwischen für diverse Klassiker der Klavierliteratur, für Werke von Rachmaninov und Ravel etwa. Dass sie überdies für einen gewissen Glamour-Faktor sorgt, mag den Puristen stören – muss uns hier aber nicht weiter beschäftigen.
Nennenswerter scheint mir da der Auftritt des Boston Symphony Orchesters unter Andris Nelsons zu sein. Die jüngere Diskographie der Deutschen Grammophon platzt schier unter neuen Schostakowitsch-Einspielungen. Mit dem Klangkörper aus der pittoresken Großstadt an der amerikanischen Ostküste. Und mit Andris Nelsons, dem lettischen Kapellmeister. Sie merken es, lieber Leser, ich eiere ein wenig herum.
Aber diese Kombination macht es einem auch nicht leicht. Die Musiker aus Boston können auf eine beeindruckende Anzahl an Veröffentlichungen verweisen, darunter zahlreiche mit Seiji Ozawa (1935-2024) am Pult. Aber vieles davon ist eben auch entsetzlich durchschnittlich. Andris Nelsons, seit 2014 Chef in Boston, knüpft leider an diese Mittelmäßigkeit an. Und nicht nur dort. Auch viele andere Einspielungen unter seiner Leitung wirken uninspiriert, verschlafen, unzeitgemäß. Nicht einmal das Wiener Neujahrskonzert 2020 war davor gefeit.
Und die ganze beim gelben Label verlegte Schostakowitsch-Diskographie stimmt fast noch betrüblicher. Angesichts der furiosen Gesamtaufnahme von Vasily Petrenko und den Philharmonikern aus Liverpool (bei Naxos) darf man durchaus die Frage stellen, welche Berechtigung denn ein nur wenig jüngeres Schostakowitsch-Programm haben soll, wenn sie so gar keine neuen Akzente, Lesarten, Auslegungen oder Impulse erkennen lässt, wenn sie topfig, behäbig, ja lustlos und gelangweilt wirkt.
Das betrifft den ganzen von der Deutschen Grammophon mit viel Alarm am Markt platzierten Schostakowitsch-Zyklus. Die Werke des russischen Komponisten (1906-1975) sind nicht besonders zugänglich. Teils von grandioser Innovationskraft, teils von epigonaler Nichtigkeit stellen sie besondere Anforderungen an den Hörer. Da bedarf es eines beherzten, gescheiten und stringenten Zugriffs. Spürbar bei Petrenko. Nelsons und die Musiker aus Boston indes liefern mäandernde Routine ohne erkennbaren Ausdruckswillen.
Es ist fast ein wenig peinlich, dass ausgerechnet die bisweilen wegen ihrer Allüren gerügte Yuja Wang die einzige zu sein scheint, die geliefert hat. Ihr Spiel ist völlig frei von Marotten, exaltierten Gesten, frei von Theatralik oder sinnloser Phrasierung. Wang nimmt sich ganz zurück, gibt dem Klavier Luft zum Atmen, lässt den Klängen Raum für Wirkung, dezent, ohne Spielerei, ein wenig pointilistisch, farbstark, wenn es sein muss, in Pastelltönen, wenn es sein darf. Durch die Qualitäten ihres Vortrags entsteht allerdings ein ungewollter Kontrast zum Auftritt des restlichen Klangkörpers: Die pianistische Brillanz von Yuja Wang lässt die Provinzialität der Orchesterleistung nur umso schärfer hervortreten. Es ist verrückt: Dem betörenden Piano-Spiel hört man gerade in den Solo-Partien gern zu, sobald die Tutti-Passagen einsetzen, dreht man leiser.
Der Reputation von Yuja Wang wird diese wenig gelungene Zusammenarbeit keinen Eintrag leisten – Andris Nelsons und der Klangkörper aus Boston indes werden sich sehr bald fragen lassen müssen, ob Masse statt Klasse das richtige ästhetische Konzept für ein Orchester von Weltgeltung ist.
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