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Kim Sanders | Uncovered-Sampler | Soap&Skin

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  1. 1 Kim Sanders | Uncovered-Sampler | Soap&Skin

Januar 2010 / Victoriah Szirmai

Kim Sanders – A Closer Look

Mokierte ich mich erst in der letzten Kolumne, die Retro-Soul-Welle habe ihren Höhepunkt nun aber endgültig überschritten (und das sei gut so!), taucht dann auch prompt das Album einer jungen Dame auf, die sich nichts Geringerem als der Weiterentwicklung des heutigen, in resignativer Duldungsstarre verharrenden Soul verschrieben hat. Ein Etikett hierfür ist auch schon gefunden: Electronic Soul.

kim sanders

Nun, von mir aus. Namen sind ja bekanntlich Schall und Rauch, und ich bin froh über jeden, der ausgetretene Musikpfade verlässt. Und ausgetreten – um nicht zu sagen: geradewegs in eine musikalische Sackgasse führend – sind nicht nur die Pfade des derzeitigen Soul, so ausgetreten, dass man die guten alten Originale bemühen muss, weil einem nichts Neues mehr einfällt, sondern auch jener Dancefloor-Mainstream, dem sich Frau Sanders bislang verschrieben hatte. Der Leser, der selbst die eine oder andere einschlägige musikalische Jugendsünde verschämt ganz unten hinten im Regal versteckt, ahnt es schon:

Wir haben es hier genau mit jener Kim Sanders zu tun, die von der Öffentlichkeit bisher in erster Linie als Mitglied der Dancepop-Projekte Culture Beat („Pay No Mind“, „Rendezvous“), Loft („Hold On“) oder Captain Hollywood („Impossible“) wahrgenommen wurde. Und jetzt wird auch klar, woher man das Gesicht kennt. Und die Stimme. Nicht zuletzt stammen einige populäre Eurodance-Songs (Bro’Sis, DJ Bobo) jener Zeit aus der Feder der umtriebigen Künstlerin. Und selbst die, an denen die frühen Neunziger clubmusikalisch gänzlich vorbeigegangen sind, kommen an der Produktivität der aus Indiana stammenden Sanders mit Wohnsitz in Berlin nicht vorbei, leiht sie ihre schöne Stimme doch mit ebenso schöner Regelmäßigkeit den zwar seichten, aber nichtsdestotrotz auf wundersame Weise massenhaft Hörer (und Käufer!) findenden Hamburger Pseudo-Trancern Schiller, so auch deren delfinseliger Ibiza-House-Nummer Let Me Love You, oft und gern gespielt als Hintergrundbeschallung ländlicher Einkaufsparadiese.

kim sanders

Mit solcherlei Vorleben belastet fällt es natürlich schwer, sich als seriöser Solokünstler zu profilieren. Und so versank Sanders 2003er-Debütalbum Pretty on Edge – zu Recht, will mir scheinen! – ob seiner Gefälligkeit und absoluter Mittelmäßigkeit dann auch in verhältnismäßiger Nichtbeachtung – einzig der seinem Namen alle Ehre machende Song Tricky, mit dem sie sich hinter den Protagonistinnen eines innovativen, unabhängigen und intelligenten Modern-Soul wie beispielsweise Ambersunshower nicht hätte verstecken müssen, wies schon hier über den Status Quo hinaus und machte Lust auf die Kim Sanders jenseits der Dance-Pop-Fassade. Und tatsächlich! Heute endlich präsentiert sie sich mit A Closer Look nicht nur deutlich gereift, sondern ganz bei sich selbst angekommen, essenziell,kim sanders pur und authentisch, ebenso wie die Geschichten, die sie in ihren neuen Songs erzählt.

Hier haben wir es mit einer großen Sängerin zu tun, und „groß“ meine ich nicht im Sinne einer Riesenröhre, denn Kim Sanders ist kein Shouter, sondern groß, was einerseits ihr vokales Spektrum betrifft – klingt doch ihre eigentlich tiefe Stimme auch in den Höhen noch ansprechend, was schon selten genug vorkommt – und andererseits, was die stilistische Vielfältigkeit angeht.

Ob klassischer Neo-Soul-Song, der sich auch auf jedem Album Linas oder Lauryn Hills finden könnte (If You Don’t), Kreuzfahrerunterhaltungsnummer mit modernen Elementen (der Breakbeat-Bossa In Between) oder Disco-Darbietung mit Boogie-Nights-Sample (Take Me) – Kim Sanders hat alle Spielarten zeitgemäß-elektroangerauter Tanzclubsoulmusik vollkommen überzeugend und authentisch drauf, ist ebenso zuhause im wuseligen Electro-Pop-Clash-Genre à la Gwen Stefani (Vanilla oder What Love Would Do) wie auch im experimentell-verschlafenen Elektrogeschlurfe mit Western-Einflüssen von Wearing Wings On My House, das genauso gut aus der Feder von Helicopter Girl oder Martina Topley Bird stammen könnte – und das, bitte ich zu beachten, soll keine Kritik an einem wie auch immer gearteten Epigonentum sein, sondern ist ganz im Gegenteil das höchste Kompliment, was ich zu vergeben habe!

Ladies Man wiederum steht in nichts hinter Dinah-Washington-Stampfern wie Is You Is Or Is You Ain’t My Baby zurück, Truth Is hingegen gemahnt von Ferne an Marvin Gayes 1976er-Hit I Want You, allerdings in der 1995-er Version von Madonna (Inner City Blues: The Music of Marvin Gaye – wer sie noch nicht hat: kaufen!). Sanders’ größte Stärke aber ist wohl die unfehlbar erotische Stimmlage, das leicht Heisere, Gehauchte, Dunkle: Schier umwerfend der wahnsinnssexy Opener Aphrodite mit seinen knarzenden Bässen – einer offenen Ode an die Göttin der Liebe, von Frau zu Frau und Hals über Kopf.

kim sanders

Auch das schon erwähnte Truth Is sowie Girl of Mystery fallen in die Kategorie „Nachtprogramm“: sehr skorpionig! Umso überraschender der Abschluss des Albums, mit der Kim Sanders eine weitere ihrer vielen Stimm(ungs-)lagen präsentiert: die zärtliche Jazz-Ballade Yellow Mondays. Schön, das!

Je öfter ich A Closer Look höre, desto mehr Facetten entdecke ich an diesem Album, das ich gern als das „eigentliche“ Debüt von Kim Sanders bezeichnen möchte. Zitate aus und Anlehnungen an die Soulgeschichte, ein Schlenker hier, ein Verweis da, und je mehr ich darüber nachdenke, umso schwerer bekomme ich die Sanders zu fassen. Wollte ich es versuchen, hieße meine Formel: Nehmen Sie die Eleganz einer Sade (The Moment), die Coolness einer Des’ree (Take Me), den Sex einer Hinda Hicks (Truth Is), das Sperrig-Irre einer Macy Gray (Wearing Wings On My House), das weiblich-schwarze Selbstbewusstsein einer India-Arie (Vanilla) und fügen sie einen spirituellen Moment, ein kurzes sinnsuchendes Innehalten und ganz viel Herzenswärme hinzu (Somebody Said) … und selbst dann würden Sie dieser Interpretin immer noch nicht gerecht – wären aber schon ganz nah dran.

kim sanders

Denn A Closer Look ist zwar in der Tat soulig, aber es ist noch viel mehr darüber hinaus. Wenn man es also Electronic-Soul nennen möchte und damit die oben beschriebene Mischung meint – nun, von mir aus. Sie wissen ja, ich bin froh um jeden, der … und so weiter.

Plattenkritik: Kim Sanders | Uncovered-Sampler | Soap&Skin

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