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Kate NV – WOW

Um Kate NV neues Album WOW zu beschreiben, kann man sehr wohl den Titel nutzen. Ein großes „WOW“ gilt der erstaunlichen Musik, die lustig und ernst zugleich und dabei immer eine Freude ist. Die russische Künstlerin hat mit ihrer inzwischen vierten Platte ein Meisterwerk an Sounds geschaffen, das oft wie ein Nintendo-Spiel klingt und doch so viel mehr ist.

Kate NV - WOW

Das teils instrumentale Album beginnt mit „oni (they)“, auf dem Japanisch gesungen wird. Hier präsentiert die Künstlerin neben schillernden Synthie-Sounds auch Unterwasserklänge, die sofort an die Musik aus Disneys Klassiker „Ariel – Die Meerjungfrau“ erinnern. Doch Kate NVs Musik ist bei Weitem nicht so glatt und makellos, wie das bei Disney der Fall ist. Ihre Sounds rutschen auch mal ab und ergründen kurz andere Tiefen, bevor sie wieder in ihre Harmonie zurückkehren. Irgendwann gesellt sich ein jazziger Bass ins Klanggerüst, das mit gesampelten und effektbeladenen Stimmen immer komplexer wird. Das bunte Stück endet wie eine Maschine, die zunehmend langsamer wird und schließlich den Geist aufgibt.

In ihrer Musik bedient sich Kate NV nicht nur synthetischer Sounds und strombetriebenen Instrumenten, sondern experimentiert ebenso mit Gegenständen im Haushalt wie gefüllten Wassergläsern, allerlei Glocken oder Aufnahmen aus dem Alltag. Mit jedem Song öffnet die Künstlerin so eine neue experimentelle und avantgardistisch-poppige Wundertüte mit klanglichen Überraschungen. Auf „confessions at the dinner tabel“ hört man neben einer Geige und Klarinette Geschirr klirren. Insbesondere für diesem Song bediente sich Kate NV an dem „Broken Instruments Sample Pack“ der Found Sound Nation, die kaputte Instrumente aus US-amerikanischen Schulen aufgenommen hat und als Samples online zur Verfügung stellt.

Doch auch in anderen Songs vereint Kate NV klassische Instrumente und MIDI-Klänge. „nochoi zvonok (night call)“ baut sich dabei langsam auf. Es blubbert, klackert und stottert, doch trotz genereller Aktivität im Song balanciert die Künstlerin ihre Klänge so perfekt, dass eine ruhige Gesamtatmosphäre resultiert. Stimmen werden in dem Song wie schon zuvor als Samples integriert. Sie sind genauso am Klanggerüst beteiligt, wie die anderen Sounds. Man muss bei dem Album immer wieder staunen – hier ist wahrlich eine große Künstlerin am Werk. Wäre das Album eine Leinwand, dann hätte Kate NV den Surrealismus neu erfunden.

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Model/Actriz – Dogsbody

Model/Actriz - Dogsbody

Seit 2016 bewegen sich Model/Actriz in der New Yorker Szene und bauten sich durch Performances eine Fanbase auf, die deren noisy Industrial Rock nun auch auf Platte hören kann. Die vier Bandmitglieder um den Sänger Cole Haden veröffentlichen nach einigen Singles und einer EP 2017 nun ihr dröhnendes Debutalbum Dogsbody, das wie ein dunkler Musiktrip mit Licht am Ende des Tunnels wirkt.

Den Einstieg in den Trip macht „Donkey Show“, auf dem Haden über eine minimalistische Riff-Struktur rappt. Spannung baut sich auf, nach einer knappen Minute explodiert diese Spannung, die schließlich in eine wummernde Vier-Viertel-Takt-industrial-Wall-of-Sound mündet. Die Töne und Drums sind derart übersteuert, dass die Geräuschkulisse befürchten lässt, die Boxen explodierten gleich mit. Man ist erinnert an Maschinen, große Hallen und Dunkelheit. Der nächste Song „Mosquito“ mutet durch den durchgängigen schnellen Bass organischer an. Hier wippt der Körper automatisch mit – alles ist in Bewegung. Körperlich geht es auch in den Lyrics zu: Haden singt von physischem Verlangen und der Energie, die durch seine Venen schießt.

Doch die Band kann auch anders. „Sleepless“ gerät ruhiger und die Gitarre ist mit so viel Fuzz-Effekt belegt, dass sie fast nur noch wabernde Geräusche produziert. Harmoniewechsel sind trotzdem wahrnehmbar und Haden singt wie selten hoch und lieblich. Er passt sich gesanglich der ruhigen und geheimnisvollen Stimmung an, die den Track in Richtung Ambient driften lässt. Die Klangwolken wirken besonders schön in den Solo-artigen Momenten der Gitarre um die erste Minute herum. Hier singt Haden mit mehr Nachdruck, steigt im „Sleepless“-Chorus dann aber wieder in fragile gesangliche Höhen. In einem späteren Chorus fühlt sich das Wort „Sleepless“ an, als würde es durch den Sog der Gitarre heruntergezogen – sodann löst sich der Song in Noise und Chaos auf. Doch die Geräuschkulisse wirkt dabei nie überrumpelnd, sondern auf nahezu meditative Art und Weise gefasst und angenehm kontrolliert.

Genauso wie der letzte Song „Sun In“, der anfangs akustische Töne anklingen lässt, ist „Sleepless“ eine willkommene Alternative zum Industrial-Wummern der ersten Songs und gehört zu den Highlights der neuen Platte. Hier kommt Hadens Gesang besonders eindrücklich rüber.

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NECRØ – Death Beats

NECRØ - Death Beats

NECRØ ist das neue Projekt vom portugiesischen Musiker João Vairinhos, der hier mit Sängerin und Keyboarderin Sara Inglês zusammenarbeitet. Auf der Debut-EP des Duos namens Death Beats kommen in sechs Tracks Electro Sounds, die in Richtung Techno gehen, Dark Wave, Inglês‘ dunkle Gesangsmelodien und Beats zusammen.

Die EP baut sich zunächst langsam auf: Soundwolken, Synthies sowie verhallende und flatternde Motive kreieren eine mysteriöse Atmosphäre. Nach einer halben Minute nimmt „Surviving Pessimism“ dann langsam Form an: Die Bassdrum akzentuiert, ein waberndes Synthie-Motiv übernimmt die Akkorde und Inglês singt in langgezogenen Worten. Es ist ein Auf-und-Ab in der Dynamik des Songs – mal nehmen sich die beiden mit ihren Electrosounds zurück, mal dreschen sie nach vorn.

Auch die titelgebende Singleauskopplung „Death Beats“ wechselt dynamisch. Hier switchen NECRØ von einem wummernden Industrial-Techno-Beat zu Anfang in einen orgelgetriebenen Gesangspart, in dem Inglês eine düstere Melodie intoniert und ihre Stimme zusammen mit einem Keyboard-Arpeggio im Vordergrund steht. Darauf folgt ein beschwingter Teil, der sich durch mehrere Gesangsspuren und die Worte „I’m hiding“ kennzeichnet.

Besonders experimentell und interessant geraten die unter zwei Minuten bleibenden Interludes „X“ und „Without You“, die zwischen den längeren Tracks auf der EP platziert sind. Hier wirbeln Klangwolken aus den Boxen, die sich wie langsam kreisende Motoren oder Fluggeräusche anhören. Dazu vermischen sich die Stimmen der Musiker. Auf „X“ wispert Inglês und auf „Without You“ hört man eine männliche Stimme „Feelings change“ sagen. Durch die Interludes verknüpfen NECRØ ihre Songs und machen aus der 18-Minütige EP ein stimmiges Gesamtwerk.

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