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Technics Grand Class SL-1300G

Drei Neuveröffentlichungen, drei sehr unterschiedliche Ansätze – und drei Versuche, sich musikalischen Handschriften aus Armenien, Deutschland und Nordeuropa zu nähern. Die Spannbreite reicht vom virtuosen Zugriff auf das eigenwillige Klavierkonzert von Aram Khachaturian über eine durchdachte, fein austarierte Bach-Einspielung bis hin zu einer atmosphärisch dichten Reise durch Werke von Sibelius, Szymanowski und Järnefelt.

Dabei zeigen sich markante Unterschiede – nicht nur im Repertoire, sondern auch im künstlerischen Zugang. Jean-Yves Thibaudet und Gustavo Dudamel treffen auf ein Werk, das sich einer klaren Linie entzieht. James Ehnes wiederum demonstriert mit großer Selbstverständlichkeit, wie nahbar und uneitel Bach klingen kann. Und Lea Birringer gelingt es, mit einer ambitionierten Kompilation und Auslegung eine ästhetische Tiefe zu erreichen, die weit über das Erwartbare hinausgeht.

Gelassenheit in Bewegung

James Ehnes - Bach

Manchmal gelingt eine Bach-Einspielung, die sich ohne Aufdringlichkeit festsetzt – durch innere Ruhe, interpretatorische Klarheit und eine bemerkenswerte Klangkultur. Die neue Gesamtaufnahme der Violinkonzerte von Johann Sebastian Bach (1685-1750) mit James Ehnes und dem Canada’s National Arts Centre Orchestra gehört in diese Kategorie. Aufgenommen für das bei uns wenig bekannte kanadische Label Analekta, demonstriert sie eindrucksvoll, wie viel Leuchtkraft, Beweglichkeit und Ausdruck in einer zurückgenommenen, stilsicheren Bach-Interpretation liegen können.

Ehnes spielt auf der „Marsick“-Stradivari von 1715 – einem Instrument von außerordentlicher Finesse und Ausstrahlung. Der Ton ist von schlanker Eleganz, silbrig im Diskant, mit einem warmen, leicht herben Kern im unteren Register. Was sofort auffällt: Hier wird nichts forciert. Der Klang bleibt natürlich, atmend, unangestrengt – ideal für Bach, dessen Musik nicht nach Pathos verlangt, sondern nach Ordnung, Spannung und Maß.

Genau darin liegt die Stärke dieser Aufnahme: Sie verweigert sich dem Spektakel, dem motorischen Überschwang und jeder Form interpretatorischer Exaltiertheit. Stattdessen schwingt die Musik in sich – leicht, präzise, fein modelliert, mit geschmackvoll gesetzten Schattierungen und einer unaufdringlichen rhythmischen Energie. Die Tempi sind lebendig, aber nicht gehetzt, die Phrasierung durchdacht, ohne akademisch zu wirken.

Das Orchester agiert auf Augenhöhe mit dem Solisten: farbig, transparent, mit wacher Artikulation und einem sensiblen Gespür für Struktur. (Einzig das Cembalo wirkt – möglicherweise aufgrund seiner Positionierung – zu dezent und farblos.)

Ein im Jazz wie in der Klassik ebenfalls kundiger Freund hat mich überzeugt davon, die vorliegende kanadische Aufnahme noch gegen andere Einspielungen antreten zu lassen. Gleichsam als Charakterstudie. Und tatsächlich: Der Vortrag von Kati Debretzeni zusammen mit den blitzsauber musizierenden English Baroque Soloists und John Eliot Gardiner (Soli Deo Gloria 2019) wirkt spritziger, opulenter, feierlicher und aufregender als die gemessene Darbietung der Musiker aus Kanada – und verlässt damit hier und da den Pfad der stoischen Tugend. Der Ertrag ist aber eine ungemein schwingende, lebensvolle, ja fast dralle Bach-Interpretation.

Wie anders da Isabella Faust mit der Akademie für Alte Musik (harmonia mundi 2019)! Dieser Bach ist völlig ohne höfische Etikette: schroff, hart, spröde, widerborstig. Viel stärker auf Spannung angelegt, hochgradig virtuos zwar, aber ohne jede Wohlklang-Ambition. Hier herrscht die Kargheit des barocken Lebens. Kati Debretzeni und die English Baroque Soloists lassen uns immerhin teilhaben am höfischen Glanz der Epoche – wie Händel. Die Musiker aus Kanada indes exponieren barocke Innerlichkeit und Affektdisziplin.

Was Ehnes und das Ensemble hier entwickelt haben, ist insofern nicht nur musikalisch überzeugend, sondern auch weltanschaulich stimmig: eine Haltung, die an die stoische Grundidee erinnert, wonach Schönheit im Maß, in der Gelassenheit und in innerer Klarheit liegt. In dieser Lesart wirkt Bachs Musik wie eine Einladung zur Ordnung in der Bewegung – eine Form des Denkens durch Klang.

Dass diese Qualität aus Kanada kommt, mag überraschen – zu selten schaffen es die exzellenten Produktionen von Analekta auf die europäischen Empfehlungslisten. Mit dieser Aufnahme wäre das zu ändern. James Ehnes zählt seit Längerem zu den herausragenden Künstlern seiner Generation, und das Canada’s National Arts Centre Orchestra liefert einen diskreten, aber hochmusikalischen Kontrapunkt zum Mainstream gegenwärtiger Über-Virtuosität.

Johann Sebastian Bach: The Complete Violin Concertos. James Ehnes, Canada’s National Arts Centre Orchestra. Analekta 2025 auf Amazon anhören

Zirkusmusik mit Patina?

Jean-Yves Thibaudet - Khachaturian

Es gibt Werke, bei denen selbst eine hochkarätige Besetzung nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der kompositorische Gehalt Grenzen hat. Das 1936 entstandene Klavierkonzert von Aram Khachaturian (1903-1978) zählt für mich zu diesen Stücken. Jean-Yves Thibaudet und Gustavo Dudamel bemühen sich auf dem neuen Decca-Album redlich, dem Werk Glanz und Tiefe zu verleihen – am Ende bleibt jedoch ein eher disparater Eindruck.

Khachaturians Klavierkonzert ist ein Kind seiner Zeit – laut, grell, rhythmisch zugespitzt, mit einem Hang zum folkloristischen Exotismus. Was anfangs noch als temperamentvoll durchgeht, beginnt im Verlauf zunehmend ins Schrille und Unverbundene abzugleiten. Eine dramaturgische Linie ist schwer auszumachen, der erste Satz verliert sich in Ornamentik, der zweite – mit seinem musikalischen Sägewerk, der sogenannten Flexatone – wirkt wie ein Effektstück, der dritte schließlich überzieht endgültig.

Fast möchte man dem Igor Stravinsky zugeschriebenen Zitat zustimmen: „Khachaturian schreibt Musik, als wäre sie für einen Zirkus bestimmt.“

Thibaudet spielt gewohnt brillant, aber fast ein wenig zu ziseliert für dieses auf Attacke und Reibung ausgelegte Stück. Dudamel wiederum meidet die Extreme: Statt sich dem manchmal wilden Gestus der Partitur anzuvertrauen, zieht er das Orchester oft ins Glatte, ins gepflegt Undramatische. So wirkt der Vortrag seltsam gezügelt – und das, obwohl es dem Werk nun wirklich nicht an Karacho mangelt.

Hinzu kommt ein Klangbild, das für eine Decca-Produktion erstaunlich blass geraten ist. Der Flügel steht zwar präsent im Raum, doch ohne viel Körper. Auch die Orchesterfarben bleiben im Hintergrund, als hätte man auf Hochglanz verzichtet, um die schillernde Oberfläche der Musik nicht noch mehr zu betonen – was nachvollziehbar wäre, klanglich aber einen matten Eindruck hinterlässt.

Man kann diese Einspielung als ehrenwerten Versuch verbuchen, ein umstrittenes Werk ins Licht zu rücken. Gelungen ist das nicht in jedem Aspekt. Wer Khachaturians Konzert pointierter, expressiver und gehaltvoller hören möchte, sollte zur Aufnahme mit Marc-André Hamelin, dem BBC Scottish Symphony und Osmo Vänskä am Pult greifen (Hyperion 1997).

Alle anderen auf diesem Album für das Solo-Piano transkribierten Stücke (inkl. „Gayaneh“) können am durchwachsenen Eindruck nicht viel ändern, auch wenn hier etwas luftiger und konzentrierter musiziert wird. Dafür bleibt das Gesamtbild kompositorisch und exegetisch doch allzu belanglos, ohne Linie und ohne Ausdruck.

Aram Khachaturian: Piano Concerto. Jean-Yves Thibaudet, Gustavo Dudamel, Los Angeles Philharmonic. Decca 2025 auf Amazon anhören

Nordische Klangwelten in meisterhafter Interpretation

Lea Birringer - Sibelius

Mit dieser Aufnahme gelingt ein Kunststück: Musik aus Finnland und Polen erhält durch Lea Birringer und das Staatsorchester Rheinische Philharmonie eine klangliche Tiefe und emotionale Spannweite, die weit über das Erwartbare hinausgeht. Auf dem Programm stehen Werke von Jean Sibelius (1865-1957), Karol Szymanowski (1882-1937) und Armas Järnefelt (1869-1958, übrigens der Schwager von Sibelius) – ein Repertoire, das bei aller stilistischen Verschiedenheit durch atmosphärische Dichte und expressive Subtilität verbunden ist.

Die Musikerinnen und Musiker nähern sich diesen Partituren mit hoher Sensibilität, struktureller Klarheit und einem leuchtenden, atmenden Klangbild. Was zunächst wie ein Nischenprojekt wirken mag, entpuppt sich als musikalisches Ereignis.

Lea Birringer, vielfach ausgezeichnete Violinistin und seit 2024 Professorin an der Hochschule für Musik Würzburg, spielt auf einer kostbaren Geige des venezianischen Meisters Sanctus Seraphin aus der Zeit um 1730. Das Instrument zeichnet sich durch einen obertonreichen, warmen Klang aus – mit einem leicht dunkel schimmernden Timbre, das in Birringers Händen zu außergewöhnlicher Farbigkeit und Ausdruckstiefe findet. Ihr Ton ist schlank und dennoch vollmundig, ihre Artikulation präzise und geschmeidig zugleich. Birringer versteht es meisterhaft, die feinen Nuancen der Kompositionen herauszuarbeiten, ohne dabei jemals ins Spitze oder Grelle abzudriften.

Das Staatsorchester Rheinische Philharmonie unter der Leitung von Benjamin Shwartz erweist sich als kongenialer Partner. Shwartz, seit der Saison 2022/23 Chefdirigent des Orchesters, bringt seine internationale Erfahrung und seinen offenen, undogmatischen Zugang zur Musik ein. Das Orchester agiert mit beeindruckender Präzision und Transparenz, wobei die einzelnen Stimmen klar hervortreten und dennoch ein homogenes Klangbild entsteht. Die orchestrale Begleitung ist nie bloße Untermalung, sondern tritt in einen lebendigen Dialog mit der Solistin. Dabei bringt der Klangkörper hier eher ein etwas dunkles, kühles, vielleicht auch „nordisches“ Timbre ein.

Im Werkverzeichnis von Sibelius findet sich viel Belangloses, viel Oberflächliches, bisweilen Albernes. Auf sein Violinkonzert trifft das nicht zu. Hier wird der Hörer unmittelbar mit existentieller Tiefe konfrontiert, fast schonungslos. Und Lea Birringer exponiert diese Tiefe und ihre Konnotationen, Vereinzelung und Weltverlorenheit mit einer exemplarischen Akzentuierung und Nachdrücklichkeit. Diesen Ton behält sie in der melancholischen Miniatur von Järnefelt bei, auch wenn diese Komposition noch deutlich stärker von romantischer Klangfülle lebt als der karge Ton Sibelius‘.

Szymanowskis Violinkonzert bricht gleichsam in diese Tonalität hinein, aber auch hier agiert Birringer de profundis: Sie gestaltet die impressionistischen Klangfarben und die expressiven Linien mit einer Intensität, die unter die Haut geht. Die Aufnahmequalität ist exzellent; jeder Ton, jede Schattierung wird in leuchtender Klarheit eingefangen, was das Hörerlebnis zu einem wahren Genuss macht. Eine audiophile Aufnahme.

Und sie verdient mehr als eine Randnotiz im Neuheiten-Kalender. Lea Birringer und das Staatsorchester Rheinische Philharmonie unter Benjamin Shwartz liefern eine Exposition, die nicht nur interpretatorisch überzeugt, sondern auch programmatisch klug gesetzt ist. Wer sich für nordeuropäische Musik jenseits der gängigen Repertoirepfade interessiert, findet hier eine bemerkenswerte Einspielung – sorgfältig gearbeitet, klanglich makellos und künstlerisch in sich geschlossen.

Jean Sibelius, Karol Szymanowski, Arma Järnefelt. Lea Birringer, Benjamin Schwartz, Staatsorchester Rheinische Philharmonie, SWR Kultur / Rubicon 2025 auf Amazon anhören

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Spendor Audio

Über die Autorin / den Autor

Equipment

Digitale Quellen: D/A-Wandler: Musical Fidelity M6sdac CD-Player: Musical Fidelity M6cd, Sony CDP XA 5 ES, Sony CDP XA 7 ES, Sony SCD 555 ES Streamer: WiiM Pro Plus, Sonos Port

Vollverstärker: Musical Fidelity M6si, Akai AM 75, harman/kardon HK 1400 und PM 665 Vxi, Sansui AU 919

Lautsprecher: Dynaudio Contour 20, Harwood Acoustics LS3/5a

Kabel: Lautsprecherkabel: Reson LSC NF-Kabel: Kimber PBJ WBT-147, Audioquest Z1, Oehlbach NF 14 Master X Digitalkabel: Audioquest Cinnamon RJ/E Ethernet, Oehlbach NF 113 D Netzkabel: Oehlbach Powercord C13 Netzleiste: Oehlbach Powersocket 907 MKII

Zubehör: Stromfilter: Dynavox HiFi-Netzfilter X4100S Sonstiges: Doppelsteckdose Furutech FP-SWS-D (Wandeinbau)

Sonstiges: Lautsprecher-Ständer von Mission Audio

Größe des Hörraumes: Grundfläche: 32 Quadratmeter Höhe: 3,80 Meter