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Jeremiah Johnson – Heavens to Betsy

Jeden Monat wird das ohnehin schon dicht gesäte Feld bluesdurchtränkter Rockmusik mit zahlreichen Neuerscheinungen üppig begossen. Da können schnell mal sumpfige Zustände entstehen. Apropos: Eine solch warme, feuchte Landschaft im Süden der USA ist der musikalische Nährboden von Jeremiah Johnson.

Jeremiah Johnson

Dem Gitarristen, Songwriter und Sänger ist mit seinem mittlerweile sechsten Longplayer Heavens to Betsy ein Überraschungscoup gelungen, denn dieses Album ist ein absoluter Abräumer vom ersten bis zum letzten Ton – „all killer, no filler“, wie man in seiner Heimatstadt St. Louis wohl sagen würde. Das Erstaunlichste daran ist, dass die Songs für sich genommen gar nicht spektakulär sind. Die Qualität liegt darin, dass Jeremiah Johnson einfach zwölf richtig gute Songs geschrieben hat, denen er mit wenigen, aber sehr charakteristischen Elementen seinen Stempel aufdrückt und dem Album damit ohne Mühe hohe Kohärenz verleiht. Das wirkt alles wie aus einem Guss. Es trifft den Kern der Sache, wenn Johnson behauptet, er habe sich zurückgezogen und so lange an den Songs geschraubt, bis sie in ihrer klapperdürren Gestalt nur mit Gitarre und Stimme bereits zündeten. Genau das tun sie nämlich.

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Für die Einspielung hat der Musiker aus der Stadt am Mississippi allerdings wieder seine angestammte Band ins Studio eingeladen – womit wir bereits bei einem der angesprochenen Charakteristika sind, die Johnsons Sound ausmachen. Denn neben dem Powerhouse an den Drums, Benet Schaeffer, Tastenfeuerwerker Rick Steff und Tiefsaitenzupfer Tony Anthonis gehört auch der Saxophonist Frank Bauer dazu. Im Gegensatz zum Einsatz des Saxophons zum Beispiel im Quintett des hiesigen Bluesgitarristen Henrik Freischlader mischt sich Bauer aber nicht mit ausgedehnten Improvisationen im Jamband-Stil ein; meist verdoppelt er Johnsons kernige Gitarrenriffs und gibt ihnen dadurch eine röhrende, durchdringende Note. Das fällt deswegen so ins Gewicht, weil Jeremiah Johnsons Songs von den tragenden Riffs und zwischen den Verszeilen eingestreuten, kantigen Licks leben. Johnson gehört eben nicht zu jener Fraktion Bluesgitarristen, die Songs nur als Auslegeware für krönende Soli verwenden. Bei ihm steht der Song selbst im Mittelpunkt und der erhält seinen Eigencharakter vor allem durch Johnsons rhythmisch knochentrockene, griffige Gitarrenlicks.

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Johnsons Musik ist im Süden der USA beheimatet und entfaltet in diesem weiten musikalischen Spektrum ganz unterschiedliche Farben. Mit „Tornado“ gibt es da beispielsweise diesen typisch hitzigen Texas-Blues zwischen Stevie Ray Vaughan und ZZ Top über das stürmische Temperament einer Frau, wobei Johnson hier geschickt mit dem Gegeneinander eines eher verhaltenen Grundpulses und schnellen Passagen spielt, was dem Song einen unwiderstehlichen Groove gibt. Aber auch Trennungsschmerz und die Auseinandersetzung mit Lebenslügen („Castles In The Air“) finden ihren Platz. Johnsons Southern Rock kann aber auch als Reinkarnation der Allman Brothers ganz locker tanzen („Soul Crush“) und den Tonfall des Südwestens aufnehmen oder nachdenkliche Texte mit wunderschönen Melodien versehen („Ecstasy“ oder „Long Way Home“). Zum Schluss kommt er jedoch wieder tief in den Südosten zurück und feiert die wilde Bewegungsenergie zwischen Jump Blues und dem Rock’n’Roll der 1950er-Jahre („Preacher’s Daughter“).

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Ein Song über flinke Autos und das Freiheitsgefühl beim Fahren („American Steel“) mag für die einen anachronistisch, wie aus der Zeit gefallen wirken; andere mögen das als Zeugnis einer zeitlos ‚klassischen‘ Themenauswahl deuten. Irgendwie stimmt beides. Man kann Jeremiah Johnson aber nicht vorwerfen, nur Nostalgiker zu bedienen. Heavens to Betsy ist Musik zur Feier des Lebens in all seinen Schattierungen. Da gehört die Freude über Nachwuchs („Leo Stone“) ebenso dazu wie die Alltagssorgen eines Arbeiters in den Südstaaten. Jeremiah Johnson hat mit dieser unauffällig großartigen Platte alles richtig gemacht.

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Sonny Landreth – Blacktop Run

Sonny Landreth Cover

Noch ein Stück weiter im Süden der USA ist Sonny Landreth zu Hause. Hinter dem äußeren Erscheinungsbild eines Gymnasiallehrers für – sagen wir – Geschichte und Politik verbirgt sich einer der besten Slidegitarristen der vergangenen Jahrzehnte. Der in Lafayette (Louisiana) lebende Landreth ist ein „musicians‘ musician“, dessen hohe Kunst ebenfalls nicht gerade unfähige Musiker wie Eric Clapton, Mark Knopfler oder Warren Haynes über alle Maßen schätzen; gerne laden sie und zahlreiche andere ihn ein, eigene Songs mit seinem unvergleichlichen Slidespiel zu veredeln. Auf unzähligen Alben hat der mehrfache Grammy-Preisträger als Gast mitgewirkt und unter eigenem Namen mehr als zehn Soloplatten veröffentlicht. Mit Blacktop Run ist ihm nun die Krönung seines bisherigen Soloschaffens gelungen, denn dieses Album ist an Spielwitz, locker schwingendem Americana-Groove, improvisatorischen Höhenflügen und technischer Brillanz kaum zu überbieten.

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Das trägt dieses sonnige Album allerdings überhaupt nicht nach außen. Denn Sonny Landreth ist auf wie hinter der Bühne ein völlig unprätentiöser Mensch, der um seine glänzenden Fähigkeiten an der Gitarre nicht viel Aufhebens macht. Genauso uneitel wirkt er auch als Sänger. Ohne bluesige Raspelkehle oder sonderlich samtiges Timbre bringt er mit heller, leicht nasaler und nicht gerade üppiger Stimme seine Worte zum Klingen. Kaum weniger beredt wirken aber auch die rein instrumentalen Stücke, die fast die Hälfte des Albums ausmachen, denn Sonny Landreth versteht es, nur mit seinen Gitarren (Akustik, E-Gitarre, Dobro etc.) stimmungsvolle musikalische Erzählungen zu kreieren. Es wäre allerdings zu kurz gegriffen, die Atmosphäre der Songs allein auf den leuchtenden Star zurückzuführen. Schließlich ist Landreth einer der wichtigsten Vertreter der in Louisiana beheimateten Bluesspielarten Zydeco und Cajun, bei denen nicht die Gitarre, sondern auch das Akkordeon sowie akustische Folkinstrumente eine wichtige Rolle spielen. Deswegen haben die bluesbasierten Songs des „King of Slydeco“, wie Landreth wortspielerisch bezeichnet wird, viel mehr mit traditionsverhaftetem Americana gemeinsam als die seiner Bluesrock-Kollegen.

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Was Blacktop Run vor allem auszeichnet, sind ins Ohr gehende Melodien und eine unvergleichliche Gelöstheit. Natürlich gibt es auch hier Improvisationseinlagen auf der E-Gitarre oder der Akustischen, bei denen einem der Mund offen stehen bleibt. Aber stärker als bisher haben diese Demonstrationen von Landreths technischer Fingerfertigkeit ein Gegengewicht in catchy Melodien mit Popappeal. Herausragende Beispiele sind hier das vorab als Single ausgekoppelte „The Wilds Of Wonder“ mit wunderbarer Hookline und einer noch schöneren Bridge sowie ruhigere Stücke wie das stimmungsvolle „Beyond Borders“ oder das abschließende „Something Grand“, das mit behutsamen Melodien und zurückhaltenden Harmonien raumgreifende Wirkung entfaltet. „Lover Dance With Me“ und „Groovy Goddess“ schlagen jazzige oder jazzrockige Töne an, während „Somebody Gotta Make A Move“ als melancholischer, klanglich wüstenartig dürrer Shuffle eine Trennungsgeschichte erzählt. Dazwischen finden sich deutlich öfter als in vorigen Alben auch etwas psychedelisch anmutende Elemente, die diesem durchweg locker groovenden Roots-Blues zusätzliche Farbtupfer verleihen. Landreth hat sich, wie er selbst sagt, mit diesem Album aus seiner Komfortzone bewegt, um sich neu herauszufordern. Es hat sich absolut gelohnt.

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