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Demnächst im Test:

Das Partnerland der diesjährigen jazzahead!, der weltweit größten Jazz-Fachmesse mit angeschlossenem Festival, war Finnland. Wenn das mal kein guter Grund ist, einen Blick auf die Jazzszene des hohen Nordens zu werfen – auch jenseits der Acts, die sich im Rahmen der Finnish Night in Bremen präsentierten und die sich aus den Big Players Finnlands wie dem Kari Ikonen Trio, Dalindèo oder den Tenors of Kalma rekrutierten.

Da wäre zum Beispiel das Portfolio des aus dem Helsinkier We Jazz Festival heraus gegründeten, brandneuen Labels We Jazz Records, das mit der vier EPs umfassenden Serie Grotto Editions sein Debüt hinlegt. Grotto 1 und 2 sind dabei dem Jukka Eskola Soul Trio des namensgebenden Trompeters gewidmet, Grotto 3 dem Ensemble Mikko Innanen 10+, bei dem Alt- und Baritonsaxophonist Mikko Innanen Unterstützung von sechs weiteren Bläsern, Piano und jeweils zweifach besetztem Schlagzeug und Bass erfährt, während Grotto 4 das Debüt von Dunstan präsentiert, einem Trio, das den bei Blue Note spielenden Altsaxophonisten Logan Richardson an Bord hat.

Jaska Lukkarinen Trio – Origami

Jaska Lukkarinen Trio Origami

Zu den kommenden Veröffentlichungen abseits der Grotto Editions gehört das Jaska Lukkarinen Trio mit dem live und analog beim We Jazz Festival aufgenommenen Four-Track-Set Origami, auf Vinyl gebannt vom Timmion Cutting Lab. Das Trio von Drummer Jaska Lukkarinen zählt zu den umtriebigsten der finnischen Jazzszene: Lukkarinen selbst spielt beim Sextett Dalindèo, während Saxophonist Jussi Kannaste und Bassist Antti Lötjönen unter anderem fester Bestandteil vom The Five Cornes Quintet sind. Gemeinsam kreieren sie einen Jazz, der sofort gefangen nimmt, mal swingend, mal experimentell, immer sehr modern und energiestrotzend, dann aber wieder nahezu meditativ – und definitiv magisch. Inspiriert von Dave Hollands 1988er ECM-Album Triplicate ist die Idee zu einem Trio ganz ohne Harmonieinstrument entstanden, das europäische und amerikanische Jazztraditionen kombiniert. So hat Lukkarinen seinen Swing aus New York mitgebracht, wo er unter John Riley an der Manhattan School Of Music studierte, den er mit Kannastes melodischem Gespür und Lötjönens harmonischem Verständnis verschmilzt.

Damit ist Origami eine Art Liebeserklärung an alles, was Jazz so großartig macht, verharrt dabei aber nicht im Rückblick, sondern zeigt auch, dass diese Musik heute genauso lebendig ist wie zu ihren Goldenen Zeiten – und vermutlich auch immer sein wird. Origami vermittelt dieses Jazz-Jazz-Gefühl, das sich auch beim Peter Schwebs Quintet erfahren lässt, aber auch bei Künstlern wie Spaniol4 – eine stets geschichtsbewusste und gleichzeitig sehr jetzige, völlig un-alt-herrliche Spielart mit Raum für ungewöhnliche Soli wie jenes vom Schlagzeug auf dem Opener „Flow On“, dessen auf dem Fuße folgender Publikumsapplaus nur fragen macht, weshalb zum Teufel man eigentlich nicht dabei war. Mit den vier Stücken nimmt sich das Jaska Lukkarinen Trio Kompositionen von Valtteri Laurell Pöyhönen (Dalindèo und Ricky-Trick Big Band) vor, die es in einen vielschichtigen, komplexen Sound wandelt, der dabei immer zugänglich bleibt und unmittelbare Sogwirkung entfaltet wie etwa die Mitsing-Melodie des quasipentatonischen Motivs auf „Pengerkadulla“ mit Hang zum Modalen. Toll!

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Rohey – A Million Things

Rohey A Million Things Cover

Eine andere Plattenfirma aus dem Norden, die es im Auge zu behalten gilt, ist Jazzland Recordings. Gegründet 1996 in Oslo von Bugge Wesseltoft, betreibt sie mehrere Jazz- und Nu-Jazz-Labels. So etwa ist Grüner die Labelheimat von Beady Belle, Acoustic die von Håkon Kornstad und Jazzland von Künstlern wie Dhafer Youssef, Sidsel Endresen oder Torun Eriksen. Auch die jüngste Veröffentlichung A Million Things von Rohey ist auf Jazzland erschienen. Das mit Keyboarder und Band-Klangbestimmer Ivan Blomquist, Bassist Kristian B. Jacobsen, Drummer Henrik Lødøen und Sängerin Rohey Taalah besetzte Quartett hat sich beim Jazzstudium am Trondheimer Konservatorium kennengelernt, wo es den Grundstein für seinen retrofuturistischen FunkSoulJazz legte.

Gewaltige Synthesizerlawinen mit Vorliebe für Vibraphontöne sorgen für einen elektronischen, nervösen Dancefloor-Sound, gleichzeitig energetisierend wie entspannend. Kleidete man den Opener „I Found Me“ in konventionellere Klänge, könnte er eine klassische Rod-Temperton-Komposition der Siebzigerjahre sein. Das butterweiche „Tell Me“ mit Taalahs rhythmusverliebter Phrasierung lässt dagegen an Who Is Jill Scott? Words and Sounds denken. Weiter geht’s mal konventioneller („Is This All There Is“), mal unterkühlt-experimentell („Cellphones and Pavements“), mal Spoken-Word-nah („Afterthought“), dann wieder hochenergetisch mit nervösem Jazz-Groove und den charakteristischen Vibraphonklängen („Can’t Get This“).

Und dann ist da plötzlich so eine Art betrunkener Rokoko-Sound, als hätte jemand ein elektrifiziertes Spinett genommen und den Regler mal nach links, mal nach rechts gedreht, einfach, weil’s solchen Spaß macht („My Recipe“). Selbst vor solch einem wilden Grund behauptet sich Taalah mit Leichtigkeit, bevor sie von einem uferlosen Synthiesolo abgelöst wird und man nicht recht weiß, wer eigentlich die treibende Kraft des Quartetts ist, Stimme oder Keys. Dass beide auch leise können, beweist die Vibraphonballade „Now That You Are Free“, die derart vorsichtig aus den Boxen gehuscht kommt, dass man meinen könnte, einer intimen Soiree beizuwohnen, bei der sich eine Edel-Disseuse am Flügel räkelt. Die fast elegant-verhaltene Atmosphäre weicht aber mit „Responsibilities“, wenngleich bei immer noch heruntergedrehtem Tempo, einem volleren Bandklang, der Acid-Jazz-Anleihen nimmt und sich immer mehr aufplustert, bis offenkundig wird, wer beim ewigen Duell Stimme gegen Synthesizer wen klar dominiert.

Rohey A Million Things

Der NuSoul-Track „A Million Things“ im Stil von Erykah Badu oder D’Angelo ist genretypisch auch hier immer ein bisschen zu schräg für den hochglanzpolierten R&B-Markt, immer ein bisschen zu jazzy fürs Formatradio und immer ein bisschen zu verheißungsvoll dank einer Stimme, die sich zwischen intimem Sprechgesang und aufregender Melodie bewegt und der man das folgende, nachgerade klassische Lullaby „My Dear“ mit Sicherheit nicht zugetraut hätte. Der einminütige Closer nimmt sich da wie ein Bonustrack aus, wild und alarmierend, als rufe jemand „Feuer“ und nicht „I Wonder“. Wenn das Jaska Lukkarinen Trio geschichtsverliebt die Zukunft des Jazz auslotet, kann guten Gewissens behauptet werden, dass sich mit Rohey mehr als nur ein Blick in die Zukunft des Soul aufgetan hat.

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