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Ithaca – They Fear Us

Auf Ithacas neuer Metalcore-Platte They Fear Us ist alles dabei: Mal fliegen einem die Drums und schreiende Stimme von Sängerin Djamila Boden Azzouz um die Ohren, mal gibt es poppige Zwischenspiele und manchmal ist der Sound so kratzend, dass man sich fragt, ob die Boxen noch funktionieren. Auf dem Cover sieht man die Frontfrau im grellen orangefarbenen Kleid auf einer Art Thron sitzen, ihre Mitstreiter platzieren sich um sie herum. Die Message der Band aus dem Vereinten Königreich ist eindeutig: Ithaca zeigen hier, was sie können und dass sie ganz nach oben hingehören.

Ithaca They Fear Us

Der Opener des Albums mit dem Titel „In the Way“ beginnt krisselig, als würde man Radio hören, bei dem der Empfang nicht ganz da ist. Die Band dreht aber noch richtig auf. Der Kompressor-Sound wird nämlich nach 15 Sekunden glasklar, als öffnete sich ein Vorhang. Wie so oft wechseln auch in „In the Way“ die Stimmungen, doch besonders die ruckeligen und verzerrten Gitarrenriffs, die sich mit melodischen Power-Pop-Zwischenspielen abwechseln, bleiben im Ohr. Der Song endet atmosphärisch mit unverzerrten Gitarren, die den zuvor wirbelnden Song ausklingen lassen.

Der anschließende Titelsong ist eine richtige Ansage. Es überwiegt ein Half-Time-Riff, bei dem man nicht anders kann, als sich im Takt zu bewegen. Die Band attackiert die HörerInnen mit harten Gitarrenriffs und einem mechanischem Drumbeat als Boden über den Azzouz “You think we’re lightyears away, (…) We’ve waited aeons to say, That we’re catching up again” schreit. „They Fear Us“ ist genau der richtige Titel, denn Ithaca haben sich längst einen Namen in der Szene und weit darüber hinaus gemacht. Die Lyrics sprechen von einem strukturellen Unterschätzt-Werden, das vor allem die charismatische Frontfrau als eine der (damals) wenigen Frauen in der Szene betraf. Sie machte es sich schon früh zur Aufgabe, die Hardcore-Szene zu verändern und legte für sich fest, nur mit Bands aufzutreten, in denen nicht ausschließlich Männer spielen. Deshalb und auch, weil sie sich offen gegen Rassismus und Homophobie aussprach, bekam sie online heftigen Backlash. Den Song und das Album kann man aus diesem Grund auch als Triumph sehen, denn heute ist Ithacas Name Programm und immer mehr Frauen der Szene sind aktiv auf der Bühne.

Auf dem Album geht es aber nicht nur offensiv, sondern auch sentimental zu: Der letzte Song „Hold, Be Held“ ist eine Ballade, die die eigene Fragilität zelebriert und mit einem langsamen Gitarrensolo fast an die Grenze des Kitsch gerät. Auch wenn der Track insgesamt absolut stimmig ist, liegt die Stärke der Band im Aufdrehen der Verstärker, dem Geschrei der Sängerin und den harten Riffs. Das machen sie nämlich richtig gut!

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Packs – WHOA

Packs WHOA

Die in Toronto lebende Singer-Songwriterin Madeline Link spielt unter dem Synonym Packs mal solo und mal mit Band. Jetzt kam ihre neue EP WOAH heraus, auf der sie nach ihrem letzten Album mit voller Bandbesetzung nun ausschließlich mit Akustikgitarre und Stimme überzeugt. Mit elf Minuten Länge ist der Tonträger nicht nur Spotify-freundlich kurz, die acht Songs passen auch zum Titel. Die Lieder sind nicht zuletzt durch das kurze und knackige Format und vor allen Dingen Packs interessanten Melodien eine Wucht! Die Musikerin kreiert mit der Platte eine Atmosphäre zwischen Lo-Fi, Grunge, Indie und dem Singer-Songwriter-Genre, die Curt Cobain nicht besser hätte heraufbeschwören können.

Es beginnt mit „Turn the Tap“, einem Weckruf, auf dem Packs anfangs immer wieder „anyone anyone anyone“ singt – und daraufhin ein Englisches „hört mich an“ hinterherschiebt. Die Aufnahme ist simpel, mehrere Stimmen sind übereinander gelagert und nichts wird kaschiert. So hört man in dem genau eine Minute langen Song einmal ein deutliches Ausatmen ins Mikrofon. Der nächste Song „Who will it be“ ist geprägt von einem schaukelnden Gitarrenspiel und einer bluesigen Strophe, die sich um die Frage des Liedtitels dreht. Die Aufnahme ist genauso simpel und unprätentiös gehalten wie der Song davor.

Richtiges Grunge-Hit-Potenzial hat das Stück „Iknowiknow“. Hier zupft Packs die Gitarre in der Strophe und die vielen Gesangsspuren werden zu einem mehrstimmigen Säuseln. Zum Chorus schlägt die Musikerin die Gitarre teils in vollen Akkorden an und singt melancholisch „I know I know, we’re all just so destined for greatness“. Auch, wenn sie das als ironisches Statement oder zum Trotz singt, kann man nicht anders, als ihr eine Art von Greatness mit dieser EP zuzusprechen – großartig!

Cate Le Bon – Pompeii

Cate Le Bon Pompeii

Nach ihrer Mercury-Preis-Nominierung waren die Erwartungen an ein neues Album von Cate Le Bon hoch. Mit Pompeii lieferte die Waliserin vor ein paar Monaten aber ganz nonchalant ein Lockdown-Album, das künstlerisch wertvoll und voller interessanter Melodien und Instrumentationen ist.

Der erste Song beginnt düster. Wie ein Uhrzeiger klickt ein tiefer, hallender Ton. Darüber legen sich Synthiebläser, die nicht perfekt abgestimmt anmuten. Irgendwie klingt alles etwas schief und unorganisiert – und absolut faszinierend. Die Gitarre gibt nach einigen Sekunden die Akkorde vor und Le Bon steigt mit ihrer glasklaren Stimme ein. Die Musikerin singt in bedachten Worten und beschreibt immer wieder die Architektur des Hauses in Wales, in dem sie ihr sechstes Studioalbum während der Pandemie aufgenommen hat. In einem Interview sagte sie, dass es sich anfühle, als würde es in dem Haus spuken und das hört man dem Song auch an. Der Grusel-Faktor liegt in den Synthie-Tönen, die teilweise gespenstisch verrutschen und der düsteren Atmosphäre einen besonderen Kick geben.

Der nächste Track „Moderation“ klingt mit einem groovigen Bass mehr nach 80er-Pop. Obwohl die Single keine offensichtliche Positivität ausstrahlt, verbreiten der laufende Bass und die groovenden Drums mit den beflügelten Melodien von Le Bons Gesang gute Laune. Auch der Song „Harbour“ lädt zum Wippen ein, denn die Instrumente tönen zwar mit viel Hall, dennoch mit unbeirrt fortschreitenden Groove durch die Boxen.

Cate Le Bons zarter Sopran fasziniert auf den Songs stets aufs Neue. Einerseits strahlt er in seiner Zerbrechlichkeit etwas Sakrales aus und andererseits transportiert Le Bon mit ihrer Stimme zugleich etwas Rebellisches. Sie schafft es auf „Pompeii“ ihre Intellektualität, ihre Erfahrung und ihren künstlerischen Ausdruck in Musik zu vereinen, die trotz allem absolut zugänglich wirkt – wunderbar!

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