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Irit Dekel & Eldad Zitrin – Last of Songs

Oktober 2015 / Victoriah Szirmai

Behauptet irgendjemand, im Besitz letztgültiger Wahrheiten zu sein, sollte man Obacht walten lassen. Im Grunde gilt dies auch für Songkollektionen, die sich als ultimativ gerieren, dabei aber zumeist lediglich die Zahlen auf dem Konto der Musikindustrie mehren, dem Hörer jedoch keinerlei Plus – ganz zu schweigen von Freude – bieten.

Irit Dekel und Eldad Zitrin | Last of Songs Cover

Ganz anders verhält es sich mit Last of Songs des israelischen Musikerpaares Irit Dekel und Eldad Zitrin. Dessen orchestrale Miniaturen machen die zugrunde liegenden Lieder, ihrer postulierten Endgültigkeit zum Trotz, nämlich völlig vergessen. Welch Glück, dass Ende Juli mit Pinorrekk Records dann endlich auch eine kleine Plattenfirma gefunden war, die die schon seit Februar als Download erhältlichen, in dieser Form jedoch leider völlig unbeachteten Stücke auf CD bannte.

Den Auftakt des Albums, dessen Repertoire sich aus dem Fundus der Jazzstandards des letzten Jahrhunderts rekrutiert, macht der achteinviertelminütige, reich orchestrierte, posaunentondurchwebte Everly-Brothers-Klassiker „Bye Bye Love“, der dem eigenwilligen Stimmeinsatz Dekels einen fast allzu weichen Grund bietet. Ab 3:40 entspinnt sich das ouvertürenartige Stück zum modernen Clubtrack, samt nervöser Beats, mäandernden Klangflächen und hallangereicherten Vocals, nur um sich ab 4:40 zum reinen Piano-Vocal-Song zu verwandeln bis es einer Reprise gleich wieder eine cinematographisch-orchestrale, diesmal Kontrabass-betonte Form annimmt, die eine perfekte Symbiose mit den mithin sehnsüchtigen Silben Dekels eingeht. Im Grunde antizipiert dieser Track, denn Song wäre hier die falsche Bezeichnung, schon das gesamte Album – und bietet en passant einen Streifzug durch die Geschichte der Unterhaltungsmusik. Das ist ganz einfach nur: wow. Oder auch: Musik für Besserhörer, der es gelingt, jenen Grad von Kompliziertheit zur Schau zu stellen, die interessant, aber gerade noch nicht anstrengend ist.

Irit Dekel und Eldad Zitrin | Last of Songs 02

Weitaus weniger weh geht es auf „No More Blues“ zu, das auf Antônio Carlos Jobims „Chega de saudade“ von 1958 basiert, hier aber irgendwo zwischen osteuropäischer Folklore und Tango mit Varietéeinschlag pendelt. Das liegt nicht nur an Zitrins Akkordeonspiel, sondern auch an der mitspielenden Alaev Family, die vormals im usbekischen Buchara, mittlerweile im israelischen Exil, für ihre percussionbetonten tadschikischen und jüdischen Weisen bekannt ist und ein wenig an eine der virtuosen Romakapellen erinnert, die man in glücklichen Momenten so manches Mal auch im Berliner Stadtbild belauschen kann.

Mit billiholidayesker Schwermut wartet „You’re My Thrill“ auf, in dessen Tiefen es abgründig brodelt. Wieder muss die Orchestration blitzartig einem kühlen Discobeat weichen, während im Hintergrund ein arabischer Melismensänger erklingt. Auch das jetzt wieder einsetzende Orchester scheint sich in eine arabische Hochzeitsband verwandelt zu haben. Dass das Ganze auf einem Billie-Holiday-Standard fußt, ist an dieser Stelle schon lange in Vergessenheit geraten, denn das, was Dekel & Zitrin aus dem klassischen Repertoire machen, lässt sich mit Neuinterpretation oder Re-Arrangement nur unzureichend beschreiben. Im Grunde machen sie ihre eigene Musik, die sich in den Zwischenwelten von Orient und Okzident am wohlsten zu fühlen scheint. Wie der Mann in dem alten Witz, der ständig per Schiff von New York nach Israel und wieder zurück reist und gefragt wird, welches denn sein liebster Ort wäre. „Naja“, antwortet der, „das Schiff natürlich!“ Allem komplexen Hörvergnügen zum Trotz tut es gut, dem einsamen Rohrbläser zu lauschen, der einmal mehr in orientalische Klangwelten entführt. Völlig unvermittelt trifft einen die Vocal Line, die „Get Happy“ intoniert – ja, das ist die schillernde Happy-go-lucky-Bigbandnummer, die wir kürzlich erst bei Rebecca Ferguson gehört haben, die hier, ins Molltongewand gehüllt, aber erst den wahren Sinn des Songs zu offenbaren scheint und das besungene Promised Land weitaus weniger weltlich erscheinen lässt. Vom Prinzip her machen Dekel & Zitrin hier genau das, was Lisa Bassenge Kylie Minogues „Can’t Get You Out Of My Head“ angedeihen ließ – und das ist sehr, sehr schön.

Mit „Blues In The Night“ folgt ein Song, wie man ihn tatsächlich, wenngleich nicht im Radio, so zumindest im Caféhaus zu hören bekommen könnte: eine countryeske Gitarrennummer, die im Vergleich zum vorher Gehörten fast schon als konventionell zu bezeichnen ist, wenngleich auch hier an reichlich Streicherkuvertüre nicht gespart wurde. Und dann kommt „You Don’t Know What Love Is“, Cassandra Wilsons Pop-to-Jazz-Paradesong, der hier als Varieté-Waltz jede Menge Flohwalzercharme versprüht und sich damit clever dem großen Vergleich – zu seinen bekanntesten Interpreten zählten neben der Wilson Künstler wie Billie Holiday, Miles Davis oder Chet Baker – entzieht. Lange nachschwelgen lässt es sich aber nicht, denn das nun folgende „Guess Who I Saw Today“ ist rhythmisch derart eigenwillig, dass es die Grenze zu anstrengend ein ums andere Mal übertritt.

Irit Dekel und Eldad Zitrin | Last of Songs 01

Die weitflächigen, plötzlich zerhackten Bässe von „Willow Weep For Me“ lassen an Bartmes‘ Modular Soul denken, und obwohl Dekel hier erstmals als echte Jazzsängerin in Erscheinung tritt, werde ich vor allem daran erinnert, das Stück auf dem 2015er XJAZZ Festival in der – bei aller gebotenen Vorsicht – ultimativen Version von Lucia Cadotschs Projekt Speak Low gehört zu haben, auf dessen Platte wir uns Anfang nächstes Jahr freuen können. Hier taumelt das Stück mit starkem Orientkolorit derwischgleich seinem Höhepunkt entgegen, der in völliger Erschöpfung gipfelt. Ganz ruhig, ganz zart dagegen das balladeske „The Rose“, das nie kitschig gerät, obgleich die Melodie dazu durchaus angetan wäre – man denke nur an die Versionen von Bette Midler oder Bonnie Taylor. Eldad Zitrin gebührt einmal mehr Lob für Produktion und Arrangement. Nicht unerwähnt bleiben soll auch Kamantsche-Spieler Mark Eliahu, der dem Ganzen ein faszinierend fremdartiges Flair zu verleihen versteht, kann man bei seinem Solo doch zunächst nicht sicher sein, ob hier wirklich ein exotisches Streich- oder nicht doch eher ein Blasinstrument zu hören ist.

Der Bruch mit eingefahrenen Hörgewohnheiten setzt sich auch auf dem sich hier pentatonisch gebenden, durch harmonisches Ostinato zunehmend enervierenden „Good Morning Heartache“ fort, das noch ein ganzes Stück weiter gen Osten entführt, bis die seltsam von der Musik losgelöste Vocal Line einsetzt und man den Klassiker erkennt. Dennoch fragt man sich an dieser Stelle des Albums unwillkürlich, ob Sängerin und Produzent eigentlich mit- oder gegeneinander spielen. Natürlich fügt sich letzten Endes auch hier alles, sitzt man die Irritation nur lange genug aus. Den 1941er-Schmachtfestzen „Skylark“ verwandeln Dekel & Zitrin in eine zweistimmige Indie-Folk-Nummer, dominiert von Gitarre, Klavier und Hippie-Schlagwerk. Zitrins Gesang ist angenehm zurückgenommen, obgleich er durchscheinen lässt, dass er sich hinter modernen Barden à la Bon Iver nicht zu verstecken bräuchte.

Der abschließende Anderthalbminüter „More Than You Know“ übersetzt das Straßenmusik assoziierende Albumcover in Klänge: Stimme zu Akkordeon, sonst nichts. Irit Dekel und Eldad Zitrin benötigen ihre verwunschenen Produktionswelten eigentlich gar nicht, um vor einem anspruchsvollen Publikum bestehen zu können. Ich kann das aus erster Hand bestätigen, ich durfte sie im Frühjahr unplugged im Berliner Traditions-Jazzclub A-Trane erleben. Sollten Sie die Möglichkeit haben – sehen Sie sich die beiden auch live an!

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