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Iggy Pop – Free

„I want to be free“, sagt Iggy Pop auf dem Eröffnungs- und Titelsong seiner neuen Platte Free und experimentiert anschließend musikalisch mit Bläsern und jazzigen Passagen, die man nicht unbedingt von ihm erwartet hätte. Das hat einen guten Grund: Iggy Pop überließ auf dem neuen Album anderen Musikern das Sagen und lieh ihnen seine Stimme. 2016 kam sein letztes Album heraus, das er mit einer großen Tour vorstellte und sich dann von der Bühne verabschiedete. Mit dem neuen Album wollte Pop deshalb einfach loslassen – damit verlässt er musikalisch mitunter öfter die rockigen Zonen, in die er sonst eingeordnet wird.

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Als Produzentin ist neben Leron Thomas auch die Musikerin und Komponistin Sarah Lipstate mit ihrem Synonym Noveller in den Credits des Albums gelistet. Nachdem die Gitarristin auf Pops letzter Tour eröffnete, schrieb sie nun drei der zehn Songs auf dem Album. So auch den atmosphärischen Eröffnungstrack Free, auf dem sie sich auf ihren vielen Gitarrenpedalen austobt. Unter den dichten atmosphärischen Soundteppich, den sie damit kreiert, mischen sich jazzige Saxophon- und Bläser-Soli, die bereits ankündigen, dass die Bläser in einigen Songs danach eine große Rolle spielen werden.

Bei Sonali übernimmt zum Beispiel nach zwei Strophen von Pops dunklem und markantem Gesang ein Saxophon in jazziger Manier die Hauptrolle im Ambient-Song. Der Song beginnt schon ganz ungewöhnlich, weil sich eine spannungsgeladene Atmosphäre aus Klangwolken nie ganz auflöst. Ein weiteres Highlight für die Bläser ist Dirty Sanchez. Hier steht im impulsiven Intro eine schreiende Trompete im Vordergrund. Anschließend beginnt Pop ein Frage-Antwort-Spiel, das so energiegeladen wie seine frühen Performances mit den Stooges klingt. Auch in Loves Missing erkennt man den alten Iggy Pop wieder. Der Track ist mit Rock ’n Roll-Riff und seinen halb gesprochenen, halb gesungenen Worten typischer für den Punker. Man weiß aber nie, wie der nächste Song klingen wird – und das macht das Album zu etwas Besonderem. Ob das mit 72 Jahren jetzt Altersfreiheit oder große Offenheit von Pops Seite ist – schön, dass man mit dem neuen Album von ihm überrascht wird.

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Lana Del Rey – Norman Fucking Rockwell!

Lana del Rey - Norman Fucking Rockwell

Allein der Titel von Lana Del Reys neuem Album Norman Fucking Rockwell ist Protest. In vielen Ländern darf er erst gar nicht ausgesprochen werden. Der amerikanischen Sängerin und Musikerin könnte das nicht egaler sein – ihre Fans unterstützen sie auch ohne Radiorotation. Und das Album hat die Aufmerksamkeit fernab der Medien verdient: Rey macht ihr Konzeptalbum, das im Zeichen des amerikanischen Künstlers Norman Rockwell steht, durch großartiges Songwriting zu einer der aufregendsten Veröffentlichungen des Halbjahres. Ihre Geschichten in den Songtexten bilden den immer unerfüllt bleibenden amerikanischen Traum in unterschwelliger Melancholie ab.

In dem vom Klavier getragenen Titelsong des Albums erzählt sie zum Beispiel von einem Narzissten, dem sie verfallen ist. Das Streicherarrangement im Song fügt dem Ganzen den filmischen Hollywood- Glanz der 50er Jahre hinzu, den die Kunstfigur Lana Del Rey so gut wie keine andere Pop-Sängerin verkörpert. Sie steht für das Americana und das konservative Bild der Frau aus den 50er-Jahren, die in ihrer aufopfernden Rolle für Männer leidet. Trotz des transportieren brüchigen Images einer perfekten Frau von damals durchbricht die Musikerin diese Oberfläche in ihrer Musik immer wieder selbstbewusst und mit einer guten Portion Ironie.

So verteilt sie in Norman fucking Rockwell textliche Seitenhiebe an ihren Lover, die sich in Form von etwa „manchild“ oder „self-loathing poet“ äußern. Ungenierte Wahrheiten á la „your poetry’s bad and you blame the news“ werden bei Lana del Rey im Song zu charmant gesäuselten Angelegenheiten, deren Härte man dadurch fast vergisst. Auf dem neuen Album kommt das besonders heraus – denn Rey hat ihr eigenes Spiel mit der Oberfläche inzwischen perfektioniert.

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Russian Circles – Blood Year

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Das Post-Rock und Metal-Trio Russian Circles aus den USA bastelt seine Alben normalerweise aus den einzelnen Aufnahmen der drei Mitglieder zusammen. Weil die Musiker in unterschiedlichen Staaten in Amerika wohnen, entstehen die energetischen Tracks in verschiedenen Wohnzimmern. Nachdem sie aber jahrelang auf Tour waren und auf den Bühnen live spielten, beschlossen sie, dass ihr neues Album ein ähnliches Gefühl transportieren sollte. Deshalb trafen sie sich für Blood Year in einem Studio in ihrer Home-Town Chicago. Ähnlich wie bei einem Konzert beginnt das Album mit einer kurzen, atmosphärischen Ankündigung.

In Hunter Moon baut sich durch cleane Gitarrenarpeggien eine unheimliche Stimmung auf. Diese wird durch das polternde Spiel auf den Toms vom Schlagzeug durchbrochen, das den nächsten Song Arluck einleitet. Hier kommen Fans von hartem Post-Rock über sechs Minuten auf ihre Kosten. Der instrumentale Track bekommt durch Half-time-Sequenzen und scheppernde Metal-Riffs einen tiefschwarzen Anstrich. Der verzerrte Bass dröhnt im unteren Frequenzbereich und unterstützt die Mosh-Momente in dem Song. Das ganze Album kann man als dunkler bezeichnen als den Vorgänger Guidance aus dem Jahr 2016. Seinerzeit wurden Metal-Riffs eher mit sanfteren Passagen durch cleane Gitarren mit viel Hall und Delay ausbalanciert.

Mit der neuen Veröffentlichung hauen Russian Circles direkter in die Magengrube. Es rumort auf dem Album und man bekommt kaum eine Pause von der Energie, die davon ausgeht. Trotzdem überzeugen Songs wie Arluck oder Milano, weil Russian Circles hier eine klare, kompositorische Linie verfolgen. Hauptmotive werden immer wieder aufgenommen, dramatisch variiert oder durch stotternde Drumrolls unterbrochen. Bei der Hälfte von Milano baut sich zum Beispiel eine wirbelnde Snare wie ein Sturm auf und hebt den Song nach einem kurzen musikalischen Break auf eine neue Ebene. Besonders live muss das ein Erlebnis sein.

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