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HTRK – Rhinestones

HTRK aus Melbourne haben nach fast 20 Jahren Bandgeschichte ihr sechstes Studioalbum Rhinestones herausgebracht. Nach Platten, die im Noise-Rock oder Post-Punk zuhause waren, ist die aktuelle Veröffentlichung eine Art heruntergebrochene Version der Vorgänger. Musikalisch ist es ruhiger geworden, doch trotz der wenigen Instrumentenspuren ist die künstlerische Herangehensweise von Sängerin Jonnine Standish und Bandkollege Nigel Yang über die Jahre gleich geblieben.

HTRK Rhinestones

Standishs Stimme steht oft im Vordergrund und wird – wie im ersten Song „Kiss Kiss and Rhinestones“ – von einer Akustikgitarre begleitet. Auf berührend zerbrechliche Art singt sie: „I can make you glitter / I can make you feel glitter than this“ Das ist poetisch – und Musik, die schon nach wenigen Sekunden berührt. Es wirkt, als stände Standish isoliert in einem riesigen Raum. Dieser Raumklang mit viel Hall und Echo nimmt im Song fast eine ebenso große Rolle wie der Gesang ein.

Das zeigt, dass HTRK ihren experimentellen Ansatz nicht abgelegt haben. Denn obwohl es sich um vermeintlich simple Arrangements handelt, enthalten sie doch Effekte und Noise-Elemente, die das idyllische Spiel der Gitarre durchbrechen und zu etwas Besonderem machen. Der „Siren Song“, ein 49 Sekunden langes Intermezzo, ist zum Beispiel so LoFi, dass die Gitarre wie verstimmt und unter Wasser erklingt. Im Song „Real Headfuck“ benutzen HTRK eine Drum-Machine, die das Stück vorantreibt, auch wenn die E-Gitarre sanfte Töne anschlägt. Ähnlich ist es auf „Straight to Hell“, in dem die E-Gitarre unverzerrt ist und doch punkig erscheint. Sie steuert in dem akustischen Solo nach cirka 1:30 Minuten Geräusche bei, die eine clusterartige Soundwolke entstehen lassen, bevor der Song endet.

HTRKs Musik zeichnet eine ziemlich bedingungslose Einstellung aus, die kein kommerzielles Ziel verfolgt, sondern ein Gefühl abbilden möchte. Die einzigartige Atmosphäre des neuen Albums sollte man am besten auf guten Boxen genießen.

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Xenia Rubinos – Una Rosa

Xenia Rubinos drittes Album Una Rosa beginnt mit einem „There she is“. Die Sprecherin ist sich aber nicht ganz sicher, ob das wirklich stimmt. Sie wiederholt ihren Satz und korrigiert: „No wait, there she is.“ Das kann man ihr nicht verübeln, denn Xenia Rubinos hat viele Gesichter: Die in Brooklyn lebende Musikerin wuchs zweisprachig in einem pu­er­to-ri­ca­nischen und kubanischen Haushalt auf und mischt in ihrer Musik Einflüsse aus dem R’n’B, Jazz, Hip-Hop und Electro. Für ihr neues Album hat sie ordentlich in die Effekte-Kiste gegriffen.

Xenia Rubinos Una Rosa

Die ersten Songs nach dem Intro führen langsam in die Welt der elektronischen Sounds ein. Auf dem Song „Una Rosa“ spielt eine zarte Flöte eine traditionelle lateinamerikanische Melodie, die Rubinos mitsingt und durch brummende Synthesizer anreichert, wodurch das Lied in die Moderne katapultiert wird. Der Song geht in den Track „Ay Hombre“ über, auf dem Rubinos‘ Stimme zuerst gepitcht und mit ordentlich Auto-Tune angereichert wird. Hier schafft Rubinos den Spagat zwischen flirrenden Electro-Sounds und traditionellem Rumba – mit einer gewissen Dramatik im Gesang. Nach knapp dreieinhalb Minuten übernehmen die Synthies den Song und lassen ihn melodiös ausklingen.

Die Single „Working All The Time“ ist belebter, hier dreht Rubinos mit Drummachine und einer poppigen Strophe auf. Nach einer Minute erklingt ihre Stimme in einem Break-Down erneut gepitcht. Die Effekte überschlagen sich und man hat das Gefühl, dass Rubinos etwas zu sehr von ihrer Hauptidee abkommt. Auch im weiteren Verlauf wird man mit neuen Hooks und Motiven konfrontiert, deren Material für mindestens drei weitere Stücke gereicht hätte. Im Gegensatz dazu baut sich die Ballade „Don’t Put Me In Red“ langsam und auf subtile Weise auf. Rubinos geht hier auf ihre ethnischen Wurzeln ein – und zeigt ihre Songwriting-Qualitäten und ihr gesangliches Potential.

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Snail Mail – Valentine

Lindsay Jordans Musikkarriere startete reichlich früh. Mit nur fünf Jahren begann sie Gitarre zu spielen, die ersten Songs folgten acht Jahre später und als Teenagerin brachte sie 2016 ihre erste EP unter dem Namen Snail Mail heraus. Darauf folgte mehr veröffentlichte Musik in Verbindung mit Touren in Asien, Europa und Kanada. Kein Wunder, dass sie heute mit 22 Jahren für ihr neues Album Valentine die Aufmerksamkeit der Musikwelt bekommt und dieses in allen Musikmagazinen rezensiert wird.

Snail Mail Valentine

Die rockige Platte beginnt mit der Strophe von „Valentine“, und die Synthesizer werden langsam mit Drums, Bass und Jordans Gitarre angereichert. Im Songtext spricht die Sängerin von Intimität, die durch Kameras gestört wird. Erst im explosiven Chorus, der an Power-Rock und Musikerinnen wie Avril Lavigne erinnert, erfährt die Hörerin von einer Beziehung, die zerbrach, von der Protagonistin aber nicht aufgegeben werden möchte.

Auch wenn die Highschool-Rock-Aura der Musik insgesamt nichts Neues und somit teilweise auch etwas langweilig ist, muss man genauer hinhören. Snail Mail schafft es, ihre Songs durch intelligente und oft direkte Lyrics zu bereichern. So beginnt sie den von einem pendelnden Bassmotiv geprägten Song „Ben Franklin“ gesanglich mit dem Vers „on two, feels like spring“ und deutet damit nicht nur auf die plötzlich wechselnden Jahreszeiten hin, sondern auch auf die Zählzeit ihres vokalen Einsatzes. Und Sätze wie „Post-rehab, I’ve been feeling so small, I miss your attention, I wish I could call“ drücken mit wenigen Worten ein ganzes Universum an Gefühlen aus.

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