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Hannah Peel – Particles in Space

Der zweite Song auf Hannah Peels Album Particles in Space klingt genau, wie der Titel der Platte es vermuten lässt. Wie einzelne Sound-Partikel, die umherschwirren und nicht richtig zusammenfinden, wirbeln Klänge auf dem Track umher. Da erkennt man Stimmengewirr, Kurzsequenzen von Zischen, Rauschen, Trommeln, Raunen und abgehackte Töne, die zwar gemeinsam wirken, aber wie losgelöst, ja, bruchstückhaft wirken.

Hannah Peel - Particles in Space

Hannah Peel bewegt sich mit ihrer Musik zwischen Wissenschaft, Natur und Kunst. Der Electro als Bindeglied für die verschiedenen Aspekte der Musik funktioniert auch auf der neusten Platte. Bereits die Songtitel wie etwa Particle G1 fürs erste Stück oder D2 fürs zweite muten wissenschaftlich an. Auf dem Albumcover werden die sieben Titel so präsentiert, dass sie an das Periodensystem aus der Chemie erinnern.

Die Songs auf Particles in Space, besonders den zweiten Track, kann man sich gut im Electro-Club vorstellen. Jeder der sieben Songs entstand in Zusammenarbeit mit Electro-Musikern aus Großbritannien. Der Remix des zweiten Tracks ist von Sarasara, die ihre Projekte sonst auf Björks Label veröffentlicht. Auf ihrer Website beschreibt Hannah Peel das neue Album als re-imaginiert. Alte Ideen wurden also wieder aufgegriffen und endlich verarbeitet. Hört man das Album an einem Stück, erzählt Hannah Peel damit eine Geschichte. Diese fängt lebhaft an, wird in ihrer weiteren Handlung ganz ruhig und bekommt im vierten Song Particle B4 einen mystischen Charakter. Hier kommt Peels Affinität für Filmmusik durch, ein Feld, mit dem sie gut vertraut ist. Denn seit letztem Jahr komponiert sie regelmäßig für TV-Produktionen wie von BBC oder Netflix. Es ist schön zu hören, dass Musik so visuell sein kann. Besonders der erste Song auf der Platte überzeugt durch Hannah Peels Experimentierfreudigkeit, die in eine interessante Andersartigkeit resultiert.

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Ash Koosha – Stamina

Ash Koosha - Stamina

Ash Kooshas Musik ist konzentriert. In meist unter drei Minuten verwirklicht er eine Songidee – so kommt es, dass man die neue Platte Stamina in nur 20 Minuten durchgehört hat. In den einzelnen Kompositionen benutzt Ash Koosha, mit bürgerlichem Namen Ashkan Kooshanejad, Instrumente, die jeder sofort erkennt, wie etwa Klavier. Auf der anderen Seite verfremdet er Sounds so weit, bis beispielsweise die Klavierstimme nahezu rissig klingt und einen zusätzlichen melancholischen Effekt erzielt. Seine Kompositionen beschreibt der in Teheran geborene Künstler als Collagen. So avancieren in seiner Musik mehrere Bruchstücke zu einem großen Ganzen.

Sein neues Album überzeugt nicht zuletzt durch die Ruhe, die trotz aufreibender Electro-Sounds übertragen wird. Wie in einem Fluss laufen die Lieder ineinander über, tragende Melodien kommen und gehen, ohne dass man die Struktur in den Kompositionen sofort versteht. In „Zucker“, dem dritten Song, wird das Album das erste Mal rhythmisch. Über ein Sample von Mark Zuckerbergs gesprochener Worte „There’s a very common misconception about facebook“ legt sich ein Beat, der von Synthesizer-Spuren begleitet wird. Dadurch kreiert Ash Koosha eine dunkle Atmosphäre und überträgt eine Kritik an der Social-Media-Plattform, die bei aller Abstraktion durch das eingesetzte Sprach-Sample sehr deutlich durchscheint. Menschliche Stimmen bestimmen auch das folgende Lied „No Option“. Liest man den Titel, bildet man sich ein, dass die verfremdete Frauenstimme genau diesen singt. Doch auch hier ist der Einsatz von Stimmen und Sounds abstrakt zu betrachten. Denn Ash Koosha kreiert hier etwas Neues, Eigenständiges, das sich zwischen der Verfremdung der Realität und der gänzlich künstlichen, computergeneriertem Welt bewegt.

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Julia Holter – Aviary

Julia Holter - Aviary

Julia Holters fünftes Studioalbum Aviary beginnt mit einem Cluster aus vielen Orchesterinstrumenten, Schlagzeug, Klavier und Trompete. Die aufbrausende Geräuschkulisse dient als perfekter Einstieg ihres langgezogenen Gesangs, der das Album eröffnet. Passenderweise ist dieser erste Track mit „Turn the light on“ betitelt. Über vier Minuten kann man verfolgen, wie sich die Soundwolke zuspitzt und ihr Gesang immer dramatischer wird. Damit kündigt sie die folgenden 14 Titel an, die oft die Sechs-Minuten-Marke überschreiten. Trotz des erfrischenden, experimentellen Charakters folgen einige wenige Songs aber mehr typischen Pop-Song-Strukturen als dem linear verlaufenden Muster des Eröffnungstracks. In „Whether“, dem zweiten Lied, erkennt man zum Beispiel eine Strophe, die von Julia Holter zwar unterschiedlich gesungen, aber dennoch wiederholt wird. Der nächste Song „Chaitius“ hingegen ist ein klassisch anmutendes Stück, das an eine Opern-Overtüre erinnert, in der ab Songmitte Holters mit Delay und Echo belegte Worte erklingen, was zum Ende hin in einen mehrstimmigen Gesang mündet.

Mit dem bunten Wechsel der Genres, der grenzüberschreitenden Anwendung von Instrumenten, Effekten und Songstrukturen glänzt Julia Holter auf diesem Album. Auch wenn sie früher schon experimentell arbeitete, kommt dieser Zug auf Aviary besonders zum Tragen. Jeder Track eröffnet den Hörern eine neue Welt, die spannend, ungewöhnlich und persönlich klingt. Die Idee für den Album-Titel, übersetzt „Vogelhaus“, kam der in Los Angeles lebenden Musikerin beim Lesen eines Buchs von Etel Adnan. „I found myself in an aviary full of shrieking birds“, so das Zitat daraus, das man auch auf Julia Holters neue Musik anwenden kann.

Denn über ihre Musik legt sich eine unruhige Atmosphäre. Ähnlich angespannt, wie das Jahr 2018 in ihrer Heimat USA für die Politik und Gesellschaft war, ist auch Julia Holters Musik. Ihre Songs übertragen etwas Unruhiges, Drastisches – wie die sich kumulierenden Stimmen in „Voce Simul“, die schreienden Dudelsäcke in „Everyday is an Emergency“ oder wie im besagten Intro-Song. Mit Blick auf die Zukunft sind das Symbole für Sorgen und Befürchtungen sowie eine schwer zu bewältigende Komplexität. Lösungen für Probleme dieser Dimension sind nicht einfach zu finden, dass Holter es aber schafft, all das mit ihrer Musik zu kommunizieren, ist eine Meisterleistung.

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