Plattenkritik: Hannah Köpf | Alma Naidu | Sinne Eeg & Jacob Christoffersen
Die Wucht des Dezenten
von Tobias Pfleger
Hannah Köpf – Flowermind
Die Sängerin und Songwriterin Hannah Köpf hat es nicht nötig, dass man sie mit Superlativen ankündigt. Stilistisch ist sie in ähnlichen Gewässern unterwegs wie Laura Alma Naidu (siehe unten), Olivia Trummer oder Esther Kaiser. Ihre Stimme ist dennoch in doppeltem Sinne unverwechselbar: Ihre Gesangsstimme strahlt klar, rein, elegant, gefühlvoll und vollkommen unangestrengt, ihre musikalische Stimme im Grenzbereich zwischen Folk, Singer-Songwriter und leicht jazzigen Anklängen hat durch die besondere Note dezidiert „handgemachter“ Musik ohne viel Produktionsspielereien und mitunter eingemischten Bluegrass- und Countryfärbungen einen ganz eigenen Charme. Den versprüht auch ihr neues Album Flowermind – ein Sommeralbum par excellence. Es besticht durch geschmackvolle, dezente und luftige Arrangements, gefühlvolle Lyrics und lässt die Qualitäten von Hannah Köpf als Sängerin in hellstem Licht erstrahlen.
Wie schlüssig Musik, Texte und Produktion hier ineinandergreifen, zeigt schon der Opener „Ancestor Song“: Eine elegante Melodie kleidet sich in charmant arrangierten Singer-Songwriter-Pop, ehe im Chorus mit leichtem Hall Klangräume geöffnet werden und Stimmen sich überlagern – zu den Lyrics passend, als wären es ineinanderklingende Stimmen mehrerer Generationen. Weiter aus dem Fenster lehnt sich die Produktion nicht mit Effekten, alles weitere bleibt recht direkt.
Nach dem mit Americana-Feeling angereicherten Titelsong und dem filigran gitarrenuntermalten „Where The Ocean Sleeps“ entfaltet „Lighthearted Love“ 80s-Feeling mit wohlig wärmenden Tastenklängen im Vordergrund. Dieser freudig-leichte Shuffle mit funky Sommerstrahlen gibt der Gitarre etwas mehr Raum mit einem Solo, das runtergeht wie Öl, und verliert sich etwas psychedelisch in strahlendem Synthie-Wabern – ein absoluter Anspieltipp. „Lavender Fields“ wartet mit herzerwärmenden Melodien auf, „Silken Paper Dream“ verströmt zarte Melancholie, während „Stand Along With You“ klar macht: Das Gitarrensolo als Verdichtung der Gefühlswelt eines Songs ist auch heute alles andere als tot. Mit großen Spannungswellen wird der Song richtig hymnisch und groß, fährt schmelzende Harmonien auf und kehrt gegen Ende wieder zur anfänglichen Ruhe zurück – ein Paradebeispiel für schlüssige und stilvoll umgesetzte Songdramaturgie. Den Abschluss macht eine sparsame, innige, ganz auf die Melodie hin ausgerichtete Folkversion von Paul Simons „Diamonds On The Soles Of Her Shoes“.

Zugegeben: Flowermind bewegt sich in recht engen Bahnen. Die Songs wirken zurückgenommen, entspannt, intim, voller Wärme und ohne große emotionale Ausbrüche. Aber wie fein dies alles um Hannah Köpfs federleicht anspringende, helle und fokussierte Stimme herum arrangiert ist, verdient große Anerkennung – und bereitet großes Hörvergnügen.
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Alma Naidu – Redefine
Das Problem am Sommer: Die Sonne wirft lange Schatten. Und wer als Künstlerin so strahlt wie die Münchner Sängerin, Komponistin, Songwriterin und Multiinstrumentalistin Alma Naidu, der stellt manch anderes womöglich unbeabsichtigt in den Schatten. Nach ihrem vielfach gepriesenen Debüt, das es bis in die Charts geschafft hat, ist Alma Naidu in diesem Jahr mit ihrem Zweitling Redefine am Start. Auch hier steht die flüssige, stilistisch versierte, geschmeidige und in allen Ausdruckslagen betörende Stimme im Vordergrund. Im Gegensatz zu Hannah Köpf ist Alma Naidus selbstproduzierte Platte aber nicht nur musikalisch, sondern auch in Sachen Produktion etwas mehr an Pop und Musical geschult: Das Ergebnis zielt auf Stimmung und Effekt, mit wohldosierten Mitteln und großem Geschmack.
So bewegen sich Alma Naidus 13 Songs auf ihrem großartigen neuen Album Redefine zwischen großer Intimität wie in „Who’s Left“, bei dem die Stimme bzw. die sich überlagernden Stimmen vor allem von der Gitarre begleitet werden, und großem Aplomb. Die schmachtenden Streicher in „Home Beyond Form“ segeln gefährlich am Kitsch, doch der Wechsel im Puls, den der Chorus mit sich bringt, bricht die gefühlige Schlagseite und verleiht dem Song zusätzliche Tiefe. Solch kleine Kniffe, die große Wirkung entfalten, finden sich in allen Songs. Die Lieder sind mit viel Liebe bis in kleinste Details perfektioniert. In Redefine steckt viel Herzblut.

Der große Kontrast zu den intimen, ganz nach innen gewandten Songs wie der Abschluss „To Be A Man“ mit der Sängerin am Klavier sind Hymen wie „Downside Of Love“, bei dem auch Mark Lettieri, Gitarrist bei Snarky Puppy, mitmischt. Metrische Schwebezustände und Überlagerungen geben diesem sofort ins Ohr gehenden Song etwas Tastendes, Suchendes, während der große, auftrumpfende Chorus Phil-Collins-Feeling verbreitet. Das alles ist bis hin zu dem tänzelnden Bass, der die Lücken gekonnt füllt, schlichtweg perfekt gemacht und verhakt sich unweigerlich in den Gehörgängen – superb. Ähnliche Wirkungen erzielt auch die erzählerisch flüssige Fusionnummer „Back To Life“, bei dem Simon Oslender an den Tasten warme Farben versprüht.
Alma Naidu ist als Sängerin mit allen Wassern gewaschen. Sie beherrscht beinahe gehauchte Intimität genauso wie an Musical und klassischer Musik geschultes Aufblühen in Intensität und Stimmkraft. Dabei bleibt ihre weiche Stimme stets fokussiert. Alma Naidu ist keine Sängerin, die ihre Stimme wie eine Klangschönheit eigenen ästhetischen Rechts vor sich herträgt, sondern als Instrument für die ausdrucksvolle Gestaltung der Lyrics verwendet. Das wirkt authentisch und entfaltet über die Songs von Redefine hin einen Zauber wunderschöner Melodien, dem man sich kaum entziehen kann. Ein Zweitling wie Redefine war überfällig. Zum Glück hat sich Alma Naidu die Zeit gelassen, die sie braucht, um ein solches Herzensprojekt reifen zu lassen und bis ins letzte Detail auszuarbeiten. Die Mühe hat sich gelohnt.
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Sinne Eeg / Jacob Christoffersen – Shikiori
Falsch Fährten? Lauscht man den runden, aus dem Zusammenklang von Stimme und Tasteninstrumenten geschmeidig ins Ohr rutschenden Einstiegsnummern auf Shikiori von Sinne Eeg und Jacob Christoffersen, käme man schnell zu der Einschätzung, das Duo bespiele ähnliche musikalische Bühnen wie Hannah Köpf oder Alma Naidu. Doch weit gefehlt. Die mehrfach mit hohen Auszeichnungen dekorierte dänische Jazzsängerin Sinne Eeg, im Duoformat in unterschiedlichen Zusammensetzungen versiert, bietet erstmals auf Platte gemeinsam mit dem ihr seit Jahrzehnten verbundenen Klavierpartner Jacob Christoffersen höchst vielseitige musikalische Kost.
Was das Disparate zwischen Eigenkompositionen und Standards von Leonard Bernstein, Billy Strayhorn oder Songs von Annie Lennox eint: Sinne Eegs blühende Stimme, die vor allem in der Tiefe wunderbare Fülle entfaltet. Und der warme Klang der titelgebenden Aufnahmeräumlichkeit: des Hauses Shikiori, das der Bassist Seigo Matsunaga für solche Livesessions als Klangraum zur Verfügung stellt. In diesem intimen Rahmen ist jedes Atemholen, jede etwas festere Pedalbewegung hörbar – ein detailschönes Klangabbild atmenden Duomusizierens.

Sinne Eeg gilt nicht umsonst als eine der wandelbarsten Jazzsängerinnen unserer Zeit. Die eher in Singer-Songwriter-Gefilden beheimateten ersten Nummern erfüllt sie mit großer Wärme und bleibt im Austausch mit Jacob Christoffersen an Klavier und weich tönenden Fender Rhodes doch so wach, Nuancen in Farbe und Lautstärke fein zu modellieren. Ihre künstlerische Größe wird dann erstmals ein Strayhorns „Lush Life“ offenbar: Zwischen fast gesprochenem Text und kraftvoll mit voluminöser Stimme und angenehmem Vibrato ausklingenden Textpassagen ist hier alles an Farben da, was zu schillerndem Jazzgesang gehört.
Noch eine Schippe legt das Duo dann in „Better Than Anything“ von David Wheat und Bill Loughorough drauf, bei dem Christoffersen zeigt, was sein Klavierspiel so reich und gleichzeitig so duotauglich macht. Auch Leonard Bernsteins „Maria“ erfährt eine hochindividuelle und dabei ganz innige, auf alles Wesentliche reduzierte Deutung, in der Sinne Eegs Stimme funkelt und strahlt. Die Dänin dreht an den passenden Stellen gehörig auf, lässt emotional die Leinen los und nimmt einen mitten hinein in die Musik. Das lässt nicht kalt und macht diese aufs Menschliche (und ausdrücklich gegen KI und Automatisierung) zielende Lebendigkeit des gemeinsamen Musikmachens so reichhaltig. Dafür braucht es nicht mehr als eine famose Stimme und ein Klavier.
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